Leonardo di Caprio und die Berliner Schule

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von Florian Cornelius

Hollywood! Palmen, schneeweißer Strand, barbusige Starlets und muskelbepackte Bodybuilder, an jeder Ecke ein Star, Champagner und Grey Goose in limitierten Sonderauflagen zum Stückpreis von 123 Dollar das 0,1-Liter-Glas. Und Berlin Marzahn, Allee der Kosmonauten, Hochhausschluchten, ein eisiger Wind pfeift, braune Blätter im Schneematsch, ein Mann in dickem Parka kämpft gegen den Wind.

Ausgestiegen ist er an der S-Bahn-Station Springpfuhl. Mehrfach versucht er, sich eine Zigarette anzuzünden, endlich gelingt es ihm. Tief inhalieren, dann pustet er aus, Leonardo di Caprio. Es ist erstaunlich, aber niemand dreht sich nach ihm um, niemand fragt um ein Autogramm, niemand interessiert sich für den Mann, der gerade mit „The Wolf of Wallstreet“ kurz vor seinem ersten Oscar steht. Vor dem Aufzug versucht er etwas ungelenk, mit ein paar der Mitpassagiere ins Gespräch zu kommen, doch er wird ignoriert, obwohl er wirklich akzentloses Deutsch spricht.

Wir steigen im 17. Stock aus, suchen auf einem wahren Ganglabyrinth nach der korrekten Raumnummer SR1731, klopfen erfolglos an verschlossene Türen, hören, wie der Wind, der hier oben noch stärker zu wehen scheint, durch die Flure zieht. Huuuuuuuu Huuuuuuuuu Huuuuuuuu … Endlich sind wir angekommen, das einzige Zimmer, in dem Licht brennt, Leonardo fragt die innen Sitzenden, ob hier der Arbeitsqualifizierungskurs Windows Word Basics stattfinde und erntet ein emotionsloses Nicken. „Well,“ Leonardo lässt sich auf einen Stuhl sinken, legt Parka, Schal und Wollmütze ab, während ich mich nach der Tradition des „Fly on the wall“-Dokumentarismus unauffällig hinter einem Ficus auf der Fensterbank platziere.

Es ist schon ein außergewöhnlich, dass sich ein Schauspieler wie Leonardo die Caprio auf so etwas einlässt, aber dennoch tut er es freiwillig und zwar für ein neues Projekt des deutschen Filmemachers Christian Petzold. Das neue Werk des Filmemachers der Berliner Schule („Wolfsburg“, „Yella“ oder „Barbara“) mit dem Arbeitstitel „Marzahn“ soll im Dezember 2014 in den Kinos starten. Und die Dreharbeiten beginnen passenderweise im grauen Februar. Hauptrollen: Nina Hoss, Benno Führmann und Leonardo di Caprio. Wie zum Teufel bringt man Leonardo di Caprio dazu, bei solch einem Film mit vergleichsweise niedrigen Produktionskosten mitzumachen. In einer „Fremdsprache“, in Marzahn und dazu auch noch im Winter.

Leonardo di Caprio schaut auf, als sein Alias-Name, der dem Rollennamen entspricht, vom Kursleiter aufgerufen wird. Anwesenheitskontrolle. „Carl Dorn?“ „Hier.“ Seine Hand schnellt nach oben, wird registriert und abgehakt. „In Ermangelung von Rechnern habe ich Ihnen hier ein paar Folien für den Polylux mitgebracht, mit deren Hilfe ich Ihnen die Grundfunktionen von Windows Word erklären möchte. Während ich hier die passenden vorbereite, würde ich Sie bitten, sich selbst kurz vorzustellen. Wir fangen hier vorne rechts an.“ Vor Leonardo di Caprio stellen sich eine Elfriede aus Pankow vor, die bisher als Fachfloristin gearbeitet hat, ein Manfred, der 30 Jahre Berufserfahrung als Onlineredakteur im Gutscheinportalbereich vorzuweisen hat, seinen Job (seine Frau und seine Familie) aber im Rahmen einer Umstrukturierung sowie angeblich überzogender Gehaltsvorstellungen („Ich wollte doch nur 2.500 brutto!“) verloren hat und Renate, die als Amazon-Pickerin nicht mehr brauchbar war, weil sie mit 56 Jahren die 100 Meter aus fliegendem Start nicht mehr unter 13 Sekunden schaffte.

Leonardo di Caprio ist an der Reihe, erzählt seine erfundene Vita von einem geisteswissenschaftlichen Studium der Medienkritik, mehreren Praktika („… von der Werbung über eine Internship als Vorkoster in der Bundestagskantine bis hin zu Zeitarbeiter in Diensten des Arbeitsamts …“, seiner Freisetzung bei einem Pizzalieferservice auf Grund von verschiedenen Ansichten bezüglich der Hygiene („Ich hab zum Koch gesagt, dass es zwar Blaukäse gebe, wir ihn aber erstens nicht im Angebot hätten und er außerdem meiner festen Überzeugung nach zwar blau ist, aber dennoch keinen feinen weißen Pelz besitze.“). Jetzt plane er ein Praktikum in einer Startup-Butze, denn da gebe es immerhin dreimal die Woche Gratisobst und einen Schreibtisch samt Stühlen, was ja heutzutage in anderen Bereichen schon als purer Luxus geschmäht werde und abgeschafft sei.

Petzolds Film werde eher ein Drama, hat mir Leonardo vorher verraten, wenngleich er beim Lesen des Drehbuchs auch mehrmals Tränen habe lachen müssen auf Grund der Komik, die ja jedem Drama innewohne und umgekehrt auch geweint habe, da Dramas nun einmal dramatisch sein müssten und nicht komödiantisch. Generell gehe es bei seinem neuen Film, so teilte mir Petzold im Vorfeld mit, um das Leben, das Sterben, das Lachen, das Leiden, das Lieben, das Leben, das Sterben, aber auch um das Leiden und Lachen – und ich denke nach dem Lesen des Drehbuchs, dass er mit dieser Behauptung gar nicht so falsch liegt.

Der Dozent legt im Zweiminutentakt eine neue Folie auf, Zwischenfragen verbittet er sich („Schreiben Sie es auf, ich beschäftige mich später damit.“) und verweist bei wachsendem Lernpegel infolge von Unzufriedenheit darauf, dass es auch seine 6. Stunde sei und er auch noch ein Mensch. Leonardo macht eifrig Notizen und versucht, ruhig zu bleiben, schließt sich aber nach gut 3/4 der Zeit der kleinen Rauchergruppe an, die sich bei geöffnetem Fenster den ausgeblasenen Rauch zurück in die Lungen blasen lässt. Nach Ende der 90 Minuten stößt auch der Dozent zur Gruppe und bittet entschuldigend um eine Zigarette.

Die Sonne versinkt über Marzahn, es dämmert schon, als die Gruppe das Gebäude verlässt. Wortlos gehen alle auseinander und verstreuen sich in den Hochhausschluchten. Es schneit leicht, als Leonardo di Caprio in die S-Bahn steigt. Er zieht die Schultern hoch und die Mütze etwas tiefer, damit er von niemandem erkannt wird, setzt sich und lässt den Blick über die vorbeifliegenden Gleise schweifen. „Leonardo, warum tust Du Dir das an?“ „Für die Kunst, alles für die Kunst. Und auch, damit ich endlich vom Image dieses Typen wegkomme, der vorne auf dem Schiff stand und ‘Ich bin der König der Welt’ schrie.“ Was für ein Mann! Ich zwinkere ihm voller Verständnis zu und reiche ihm einen der in meiner YSL-Herrenhandtasche verstauten und eisgekühlten Prosecco-Piccolos.

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Schnelle Nummern mit Sylvie Meis, geborene van der Vaart

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Sylvie van der Vaart, Glamourgirl, Spielerfrau, RTL-Jury-Mitglied, Luder oder Nichtluder, Spätzünderin oder Fächerkrümmerin, blond oder braun, auch ein Florian Cornelius liebt alle Fraun‘ – und interessiert sich nicht nur für die angebliche intellektuelle Elite Deutschlands und der Welt. Aber wie ist diese Frau, von der wir dank Bildzeitung und geschickter PR-Arbeit vermeintlich alles wissen. Sicher, sie erzählt gerade in der Bild, wie ihr wahres Leben aussieht, was sie von Sabia, Raffael und dem HSV so hält. Sie gibt Privates preis, aber vielleicht ist da ja auch noch etwas, was die Öffentlichkeit noch nicht von ihr weiß. Kurz gesagt: ein Fall für Florian Cornelius.

Sylvie und ich treffen uns im Audimax der Jacobs-Elbphilharmonie-Universität, ein ungewohnter Ort für ein Gespräch, zumal hier gerade eine Vorlesung zum Thema „Toruswirkungen auf symplektischen Mannigfaltigkeiten“ bei Prof. Dr. Oliver Goertsches im Gange ist. So stößt meine herzliche Begrüßung, ein joviales „Hallo Sylvie!“ sowie der von mir mitgebrachte Strauß roter Rosen bei den Kommilitonen auf Unverständnis, wenn nicht gar offene Ablehnung. Sylvie hingegen errötet allerliebst, bittet mich, von nun an leise zu sprechen „Am besten ist Flüstern.“ Ein Interview im Flüsterton – warum nicht. Redete Sylvie so auch mit Rafael, wenn sie vertraut zusammen einschliefen, damit das Baby nicht wach wurde?

Aber Schluss mit Tagträumereien. Kommen wir zum Thema: „Sylvie, Du hattest meine Themenvorschläge für unser Gespräch rundum abgelehnt, wolltest nicht über Dein Ehe oder Dein Sexleben reden, nicht über Rafa, nicht über Sabia, nicht über ‚Let’s dance‘ und nicht über Deine Karriere. Stattdessen schlugst Du vor, mit mir darüber sprechen, ob es ungerade vollkommene Zahlen gebe oder nicht. Wieso?“

Sylvie strahlt: „Weil ich mehr bin als die Klatsch- und Tratschnummer und mich auch für anderes interessiere als die neue Gala oder InStyle. Schau Dir das hier an, das ist mein wahres Leben, die Mathematik. Zahlen, die Ordnung, die Mannigfaltigkeit der symplektischen Toruswirkungen. Ich habe mir extra diese schicke Nerdbrille in Berlin Neukölln besorgt, damit ich dieser einen Schauspielerin in ‚Eine wie keine‘ mit Freddie Prince Junior ähnlich sehe – von Armani, einem meiner Lieblingsdesigner!“

Alles fing an mit der Rückennummer von Rafa, erzählt sie. Die 23. „Die 23 ist eine ganz besondere Zahl für mich. Nicht nur, dass Rafael sie auf seinem Trikot trägt; ich sehe da auch eine ganze Menge anderer Assoziationen. Meinen ersten Sex hatte ich an meinem 23. Geburtstag, ich wurde am 13. April geboren, was genau 10 Tage vorm 23. April ist, Jesus hatte 23 Apostel und auch die Kabbala kennt die 23 als ganz besondere Zahl.“ Hier muss ich unterbrechen: „Aber steht die 23 in der Kabbala nicht für folgende drei Attribute: ungläubig, misstrauisch und kritisch. Wie passt das zusammen?“ „Aber auch für schön, rot und schön rot! Aber das ist ja nur Glaube, Herr Cornelius! Viel wichtiger sind mir da doch die Fakten, das was beweisbar ist, nachprüf- und erfassbar ist und gleichzeitig einfach nur schön, ich nenne es die wahre Mathematik!“

Aus Sylvie van der Vaart sprudelt es im Flüsterton heraus, aber irgendwann werden wir dann doch hinauskomplimentiert und wechseln in die Mensa, wo sich Sylvie ein Cordon Bleu mit Pommes bestellt und mich am Tisch erneut überrascht „Wie viele Pommes sind auf meinem Teller? Ich sage es Ihnen: 46! Wie ich das mache? Es ist eine Inselbegabung, ich bin eine Savante. Kein Wunder, dass es mich zu den Zahlen so hinzieht wie einen Hund zur Katze.“ Ich bin beeindruckt, denn so hatte ich die fesche Blondine bisher in keinster Weise eingeschätzt. Das geschmähte Püppchen aus Holland eine Art Genie? Oder hat sie gemogelt und kennt die Mensaanweisung, dass zum o. g. Fleischkäseschinkengericht genau 46 Pommes Frites gereicht werden müssen? Ist alles nur Schmuh, Lug, Trug und Humbug?

Glücklicherweise ist ein entfernter Bekannter Mathematiknobelpreisträger und hat mich im Vorfeld gebrieft: „Sylvie, Du hattest mir im Vorfeld gemailt, dass Du Dich derzeit hauptsächlich mit vier der bisher ungelösten mathematischen Probleme beschäftigst, der Goldbachschen Vermutung, dem Collatz-Problem, dem Haupt- und Nebenzahl-Paradoxon nach Palmian sowie der abc-Vermutung. Bitte erkläre mir als Laien doch einmal … sagen wir mal, das Haupt-und-Nebenzahl-Paradoxon.“

Sylvies Augenaufschlag ist, das muss man selbst als redegewandter Journalist konstatieren, auch, wenn es stilistisch schief klingt, eine Augenweide. Ihr Lächeln lässt mich innerlich zwar schmelzen, aber meine Ratio bleibt intakt. Jetzt muss Sylvie liefern. Nachdem Sie ein Stück Fleisch aufgespießt und in die Champignonsoße getunkt hat, liefert Sylvie. Und wie sie liefert: Sie erläutert die Historie des großen Mathematikers Palmian, rezitiert dessen berühmten Ausspruch „Alle Hauptzahlen sind keine Nebenzahlen, solange wie sie Hauptzahlen sind.“ und erklärt, dass Palmians Theorie gerade deshalb besonders „tricky“ sei, weil dieser nach einem ganz eigenen konträren transzendentalen Nummernsystem gearbeitet habe, in dem diverse Buchstabenfolgen neue Zahlengebilde ergeben.

Kurz zusammengefasst, statuiert sie: „Auf Gutdeutsch: Wenn Pi gleich Alpha minus Epsilon größer gleich Unendlich, dann ist Mü im Quadrat divergär mit gleich Plusminus Pfund. Das ist eine linear unabhängige adjunktive Evidenz, Herr Cornelius, aber das Muster, das es ergibt, ist nahe an der Formel für das Naturweltgesetz und gleichzeitig auch so schick, dass ich es auf meine neue Handtaschenkollektion drucken werde. Das Paradoxon der Haupt- und Nebenzahlen ergibt summa summarum vollkommene Zahlen. Das meint Palmian, aber leider gelang es ihm selbst nicht, Beweise für seine Vermutung vorzulegen. Ich denke, ich habe das Thema für meine Doktorarbeit gefunden.“ Und das denke ich auch, als ich meinen letzten Schluck Kaffee aus einem der unitypischen schwarzbraunen Plastikbecher getrunken habe, Sylvie Meis, geborene van der Vaart mich anstrahlt und ich so in Gedanken bin, dass ich einen vorbeihastenden BWLer gedankenabwesend darum bitte, mir die Rechnung zu bringen: „Das geht auf mich.“

Mit Mola Adebisi im Hurrikan Katrina

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Lange nichts mehr von ihm gehört, dem Mola.“ Das dachte ich, als im Rahmen irgendeines Musiksenderjubiläums alle ehemaligen Moderatoren wieder aus irgendwelchen Löchern gekrochen kamen, um über ihre Zeit bei Viva zu sprechen. Und dann stand er da, lächelte sein Molaratorenlächeln und sprach davon, wie toll doch damals alles gewesen sei. Was danach kam, verschwieg er geflissentlich, aber die Idee war geboren: Florian Cornelius Reportagenreihe sollte einen Jahresabschluss finden, der gleichzeitig auch einen Neuaufbruch markieren sollte. Und mit wem bitte sehr ginge das besser als mit Mola, Mola Adebisi.

Mola, Du ziehst die Tage in Australien in den Dschungel. Ich würde mit Dir gerne über Vergangenheit reden.“ „Also die Zeit bei Viva, die war schon fantastisch, jeden Tag kommt da jemand vorbei, wir hatten Spaß, haben die Stars alle hautnah erleb …“ „… danke Mola, aber was mich vielmehr interessiert: Was hast Du in den 10 oder 20 Jahren, die es Viva nicht mehr gibt, was hast Du da so gemacht, was hat Dich heute dahin gebracht, wo Du bist.

Ich merke sehr deutlich, dass Mola Adebisi diese Frage nicht so gerne beantworten möchte. Er weiß, dass ich weiß, was er da so gemacht hat, von Lobbyarbeit für Rapidshare über eine eigene Unterwäschekollektion, vom Anheuern bei einem anderen Musiksender, einer Insolvenz, Autorennen, einem schweren Motorradcrash, einer Jurorentätigkeit bei einem christlichen Musikwettbewerb, einer Sendung bei N24 und einem Engagement bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Aktiv war er ja schon, aber so richtig dolle klingt das alles nicht. Mola schweigt mich an und telefoniert kurz mit seinem Management, ein Disput, Mola wird laut, brüllt: „Mir ganz egal, was Du meinst, ich erzähl jetzt die ganze Wahrheit. Scheiß der Hund drauf!“ und legt auf.

Herr Adebisi, wie sind sie dorthin gekommen, wo Sie …“ „… wo ich heute bin. Na gut: Ich habe Lobbyarbeit für Rapidshare gemacht, eine eigene Unterwäschekollektion designt, bei einem anderen Musiksender angeheuert, bin Autorennen gefahren, hatte einen schweren Motorradcrash, reüssierte als Juror bei einem christlichen Musikwettbewerb, habe eine Sendung bei N24, was mal zu Pro7 gehört hat und spiele regelmäßig bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg …“ „Und was ist mit der Insolvenz?“ Mola nickt, bejaht, reibt sich sein Kinn, schluckt kurz, setzt an zu einem Satz, bricht ab, beginnt von neuem, holt tief Luft, seufzt, zündet sich eine Zigarette an, drückt sie gleich danach mit den Worten „Wo kommt die denn jetzt her. Ich bin doch Nichtraucher, “ wieder aus, bedeutet der freundlichen Kellnerin unseres Treffpunkts, des Solinger „Cafés Hubraum“, er hätte gerne noch ein Glas Wasser, aber ohne Sprudel, schaut mich an und fragt: „Vergangenheit. Wie war noch einmal die Frage?

Ich hatte Sie gar nichts gefragt, aber es schien mir, sie wollten irgendetwas loswerden.“ Adebisi räuspert sich, das erfahrene Reporterauge erkennt förmlich, wie er sich einen Ruck gibt. Und dann sprudelt es aus ihm heraus. Er erzählt ohne Punkt und Komma, aber durchaus stringent, wie es kommen konnte, dass er im neuen Jahr ins RTL-Dschungelcamp einzieht, bittet mich im Vorfeld aber darum, mein Diktiergerät auszuschalten und alles nach bestem Wissen und Gewissen sowie Erinnerungsvermögen aufzuschreiben.

Nachdem die Viva-Karriere vorbei war, fiel Mola Adebisi in ein tiefes Loch. Sein Nachbar, der sich immer wieder über zu laute Musik sowie ohrenbetäubenden Sex im Haushalt des „Viva-Heinis“ (O-Ton Nachbar) beschwert hatte, hatte es heimlich in Molas Garten gebuddelt, um Rache zu üben. Adebisi verstauchte sich seinen rechten Fuß und pilgerte jahrelang von Arzt zu Arzt, um die Schmerzen loszuwerden. Seine Wut und sein Ausgeliefertsein an die Mediziner ließ er ungefiltert in die Produktion eines Delta-Blues-Albums fließen. Freunde und Musiker von „Caught in the Act“ sowie „Squeezer“ leisteten ihm Beistand, aber bei den großen Plattenfirmen wollte man vom neuen Mola Adebisi, der unter dem Alias „Mola Adebluesi“ auftrat, auf einmal nichts mehr wissen. „Also nahm ich meine Gitarre, buchte ein One-Way-Ticket nach New Orleans und versuchte dort mein Glück.“ Leider landete er dort zu einem denkbar unpassenden Zeitpunkt: am 28. August 2005.

Humpelnd und ohne Anlaufstation, die Gitarre um den Hals, musste er sich zu Fuß bis ins Zentrum der gebeutelten Stadt durchschlagen, half den Bewohnern durch heranrollende Flutwellen und Sturmböen, entging nur knapp mehreren Alligatorenattacken und wurde um ein Haar von der Nationalgarde füsiliert, weil man ihn für einen Plünderer hielt. Hatte er eigentlich gedacht, dass es schlimmer nicht kommen konnte, verlor er auch noch seine Gitarre bei einem Zusammenstoß mit Marodeuren, die auf der Suche nach Feuerholz waren und riss sich mehrere Fingernägel ein. Ohne Geld, ohne Ausweispapiere und ohne Gitarre war in New Orleans kein Staat mit ihm zu machen. Im Chaos nach Katrina ernährte sich der Mann, der uns allen als Sonnenschein bekannt war, tief frustriert von ertrunkenen Tieren, die er am offenen Feuer geborstener Überlandgasleitungen briet.

Und genau da fasste ich einen Entschluss: Das Humpeln musste aufhören, damit ich ein neuer Mensch werden könnte. Durch Zufall traf ich einen älteren Deutschen, der sich selbst als Meisterarzt bezeichnete, Niederberger oder so hieß der, der mir aus einem seltsam geformten Salzstreuer, der nie versiegte, immer wieder Salz auf mein Fußgelenk streuselte, 24 Stunden lang. Und was soll ich sagen: Ich war geheilt.“ Im Anschluss daran gelang ihm die Rückkehr nach Deutschland – auf einem Fischtrawler und zwar als Hilfsmatrose mit der Spezialaufgabe „Bordunterhaltung“ für die philippinische Besatzung.

Zurück in Deutschland arbeitete er zunächst als Reifenwechsler von Smudo von den „Fantastischen Vier“, bei dem er ab und an auch mitfahren durfte, deckte später zusammen mit Julien Assange die Agententätigkeiten der USA auf, arbeitete hie und da als Hellseherin, Frisurenmodel oder Bäckereifachverkäufer und lernte so Sonja Zietlow kennen und lieben, die jeden Morgen in „seiner“ Bäckerei 7 Brötchen à 23 Cent das Stück einkaufte und ihm jedes Mal „1 Euro und 60 Cent“ mit den Worten „Stimmt so!“ reichte. „Echt nett von der Sonja, dass sie mir da jedes Mal Trinkgeld gegeben hat. Und irgendwann dann sprach sie mich an, ob ich nicht schnell was dazuverdienen wolle …“ „1 Euro 60?“ Meine irritierte Rückfrage verwirrt Mola Adebisi ein wenig. Laut rechnet er nach: „23 x 7. Das macht 7 x 20, also 1 Euro 40 plus 21 Cent … also insgesamt 1,61 €. Das kann doch nicht wahr sein!“ Zerknirscht blickt er zu Boden, weswegen ich ihn aufzumuntern versuche: „Herr Adebisi, jetzt regen Sie sich nicht auf. Wir sprechen hier ja nicht über Zukunft! Da hat die sie eben ein paar Mal beschissen, aber das ist doch Vergangenheit!“ aber Mola greift schon wieder zum Telefon, wählt die Nummer seines Managements und eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Und der Wendler kriegt wirklich für die zwei Wochen genau wie ich auch 5.000 Euro!?“ 

Weihnachtsmann und Christkind – das Doppelinterview

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Doppelinterviews sind immer so eine Sache. Kann die eine Person jederzeit und überall, so gibt es bei der anderen kein Zeitfenster. Und wenn sich dann doch eines öffnet, dann kann ausgerechnet die erste Person, die immer kann, „heute leider gar nicht, tut mir echt waaahnsinnig leid.“ Und wenn es jetzt noch um zwei viel beschäftigte Persönlichkeiten geht, wird es noch einmal besonders kompliziert.

Nichtsdestotrotz gelingt es mir, an Heiligvorabend beide Hauptprotagonisten der Weihnachtszeit auf einmal zu treffen und zu befragen – auch, wenn das Christkind nur per Skype zugeschaltet ist. Gespielt defätistisch sagt es dazu mit einem traurigen Lächeln im Gesicht: „Wir Kinder dürfen immer arbeiten, das ganze Jahr über. Und ich habs ja noch relativ gut getroffen, seh ich doch aus dem Fenster meines BMWs immerhin die Landschaft vorbeifliegen und nicht nur eine verrottete Fabrik von innen.“

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Bushido, Heidegger und die lebende Barbie

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von Florian Cornelius

Das erste Mal begegneten Bushido und ich uns auf seiner 13-Tour. Nachdem ich mir sein Konzert in Frankfurt angeschaut hatte und von seinem Showtalent wahrlich überrascht war – er hatte etwas von Roberto Blanco, nur halt mit Gangstarap – war ich gerade backstage eingetroffen, als kurz darauf der Damals-noch-beste-Freund Kay One hereinspaziert kam und mit seinen 1,60 m Lebendgröße lauthals in die Runde fragte, wer denn von ihm gerne noch eine Nutte ausgesucht haben wolle. Bushido hatte damals nicht mitbestellt, vielleicht schon ein Zeichen der Entfremdung zwischen den beiden.

„Bushido, was sagst Du zum Thema ‚Entfremdung‘?“ „Entfremdung? Was ist denn heutzutage in dieser kommerzialisierten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft noch wahr oder authentisch? Alles ist Konsum. Man produziert Platten ohne Autonomie und Substanz, aber wenn ich die Wahrheit suche, dann geht das nur, wenn ich der entfremdeten Gestalt, also objektiven Mächten individueller Existenz nachforsche …“

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