Brad Pitt lässt sich die Haare im Internet schneiden

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Haare, wir investieren in Haare, Keratin, eine Hornart, die uns aus dem Kopf schießt oder auch nicht, an den unmöglichsten Körperstellen wuchert, die wir hegen und pflegen, damit sie glänzt, lockt oder glatt wird – alles Dinge, in die wir schon in naher Zukunft keinerlei Zeit und Aufwand stecken müssen. Drück den Knopf! Push the button, my dear old Florian Cornelius!“ Brad Pitt ist außer sich, ließ er sich doch einst für diesen Fliegenfischerbrüderfilm mit Robert Redford extra zwei Jahre lang die Haare wachsen und konnte deshalb keine andere Rolle annehmen in der Zwischenzeit. Ich lange also schwungvoll auf den Button. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und während die Maschine arbeitet, ziehen wir uns auf die Gartenterrasse von Pitts Anwesen in den Hollywood Hills zurück.

Der freundliche Butler fragt uns nach unseren Wünschen und liefert alsbald Brad Pitts Espresso Doppio und meine Eisschokolade. Wir nehmen Platz in einer schulbusgroßen Hollywoodschaukel, die nach den Plänen des Schauspielers ökologisch korrekt („Hier wurde kein einziger Nagel ins Holz geschlagen!“, O-Ton Pitt) zwischen zwei aus dem Yosemite-Nationalpark nach Hollywood verbrachten Redwood-Mammutbäumen gespannt wurde. „Und das hält dann alles nur mit Knoten“, wage ich vorsichtig, nach der Sicherheit zu fragen und erhalte von Brad Pitt die Antwort, dass auch ein weichmacherfreier Superkleber verwendet worden sei und ein Sicherheitsstecksystem, wie man es u. a. aus der Moschee in Hebron kenne, wo der Gebetsstuhl nagellos verbaut, allerdings aber auch aus einem einzigen riesigen Holzpflock geschnitzt sei..

Aber apropos Knoten“, Brad Pitt lächelt, „mit Knoten wirst Du nie wieder Probleme haben, wenn Du auch erst mal so ein Ding bei Dir zu Hause stehen hast!“ Er haut mir auf die Schulter, betätigt die Schaukelvorrichtung und stellt sie auf Stufe 4 ein („Das ist noch ganz smooth und die Haare fliegen uns so nicht in die Getränke.“) und wir schwingen los. „Brad, Wir wissen ja alle, dass Du Dich neben der Schauspielerei für Architektur interessierst und Möbel designst, aber wie bist Du jetzt auf diese Idee mit den Haaren gekommen, wie kommt es, dass Du eine gesamte Jahresgage in dieses Dotcom investiert hast, das lange Zeit nichts anderes auf seiner Homepage stehen hatte als ‚Dein Onlinefriseur – wir holen Deine Haare ins Internet‘? Ich finde, dass das nicht gerade seriös klingt …“

Brad Pitt unterbricht mich freundlich, aber bestimmt: „Du sagst es doch selber. Ich interessiere mich für Architektur. Und Haare und Frisuren sind doch nichts anderes als Architektur, nur auf dem Kopf. Jeder gute Architekt schaut sich die Gegebenheiten des Standorts an, ermittelt das preislich angemessene Baumaterial, das dazu noch ästhetisch aussehen soll, bespricht alles mit seinem Kunden und lässt dann ans Werk gehen. Jetzt brauchst Du das Wort ‚Architekt‘ nur durch ‚Friseur‘ ersetzen und der eben genannte Satz behält seine Richtigkeit. You see.“

Der Architekt als Friseur und der Friseur als Architekt – ein Ansatz, der gar nicht so weit hergeholt erscheint, wenn man es sich so überlegt. Brad Pitt verweist auf seine Freunde vom GRAFT (Gesellschaft von Architekten), die von seiner Idee der Austauschbarkeit von Frisur und Architektur ebenfalls überzeugt seien („Beides endet ja auch auf ‚ur‘, nicht wahr!?“), von Herzog de Meuron, die diverse Kabel am BBI so verlegt hätten wie im Friseursalon über einen Tag herabgefallene Haarbüschel und auf das schlecht sitzende Toupet von Hartmut Mehdorn und schließt mit einem heiteren Wortspiel aus Deutsch „Von der Wiege bis zur Bahre: Haare, Haare, Haare, Haare.“

Beinahe pruste ich etwas Sahne aus meinen Nasenlöchern, kann mich aber gerade noch zusammenreißen, ehe ich Brad Pitt weiter auf den Zahn fühle: „Brad, wie bitte kann ich meine Haare im Internet schneiden lassen? Und warum sollte ich das tun? Was sind die technischen Voraussetzungen? Wie wird bezahlt, wie wird geschnitten; und noch eines: Wie wird gewaschen?“ All diese Fragen habe er sich auch recht schnell gestellt, nachdem Ashton Kutcher ihm von diesem Dotcom erzählt habe, aber alles sei ihm mittlerweile hinreichend erklärt worden, sodass er nur von einer genialen Idee sprechen könne.

Es gebe zwei Arten des Haareschneidens im Internet. Nummer 1 funktioniere so, dass man sich auf Seiten von diversen Friseuren umschauen könne, die gewisse Standardschnitte, aber auch individuelle Angebote erstellten. Anschließend müsse man nur noch vier Fotos als JPG einreichen (frontal, seitlich von links und von rechts, Hinterkopf). Aus diesen Fotos werde am Computer des Dotcoms (zur Zeit noch von Hand, aber zum Relaunch in einem halben Jahr dann automatisiert) ein 3-D-Modell des Ist-Zustands gefertigt, was anschließend über ultraschnelle Datenleitungen zurück zum Backendrechner gestreamt werde, wo der Kunde zu Hause seinen 3-D-Drucker anschließe, in den er dann seinen Kopf halten müsse – drei Minuten lang.

Haarewaschen sei also überflüssig, nein, sogar schädlich kurz vor Nutzung des Druckers, da das Wasser die empfindliche Elektronik stören könne und zudem nasses Haar nun einmal zwangsläufig anders aussehe als trockenes. Es werde beim Online-Haarschnitt nicht im eigentlichen Sinne geschnitten, sondern eher geschmort, also abgeschmort – wobei auch an einer Scherenvorrichtung gearbeitet wäre, die den Vorteil hätte, dass die Geruchsentwicklung als weniger störend empfunden werden könne. Farbveränderungen seien natürlich möglich, allerdings nur mittels CMYK, also mit den 4 Grundfarben, die ein jeder Drucker so enthalte.

So sehe die Zukunft des Haareschneidens aus. Brad Pitt ballt die Faust. Und dann, dann gebe es ja auch noch das zweite Modell. Den Prototypen hätte ich ja schon gesehen und selber eingeschaltet, er sei sich sicher, ich würde kein Haar in der Suppe finden; Brad grinst, schaltet die Hollywoodschaukel ab, wir nehmen unser Geschirr mit in die Küche – eine ganz normale Sitte im Hause Pitt-Jolie, wie man munkelt.

Im Arbeitszimmer dann bewundere ich das, was in der guten Stunde, während der wir draußen im Garten waren, entstanden ist. „Methode Nummer 2!“ Ein 3-D-Drucker hat ganze Arbeit geleistet und mir Brad Pitts „Fight-Club“-Frisur ausgedruckt, jedes Haar sitzt an der richtigen Stelle, sogar die Original-Leberflecke von Brads Kopfhaut sind zu erkennen. „Jeder kann jeden Skalp haben! War mein Vorschlag für den Claim, aber das hätte die Natives vielleicht beleidigt. Naja. Der alte Slogan geht ja auch irgendwie mit den Haaren ins Internet.“ Aber enttäuscht ist er dennoch, der Brad Pitt, als er mich zur Tür begleitet und als Gastgeschenk neben den Hausschuhen, die ich beim Eintreten bekommen habe, auch noch seine alte Frisur als Andenken mitgibt. Seine Augen wirken sonderbar leer, sein Gang schlurft und erst jetzt, bei der Abschiedsumarmung, da fällt es mir auf, dass seine Haare genauso riechen wie damals die Ameisen, die ich als Jugendlicher mit der Lupe in Flammen gesetzt habe.

Spaghetti-Eis-Essen mit Peter Scholl-Latour

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Wenn Deutschland mal nicht weiter weiß, wenn alle Stricke reißen, wenn die Weltzeituhr kurz vor Fünf vor Zwölf wieder laut anfängt zu ticken, dann ist es immer gut, wenn man einen weisen alten Mann auf Vorrat hat, der einem alles erklären kann, einen Doyen mit Fremdenlegions- und Reinhold-Beckmann-Erfahrung, einen Grandseigneur mit unaufgeregter, messerscharfer, allerdings auch manchmal unverständlicher Aussprache, ein Mann, der Tacheles redet, wo Tacheles geredet werden muss und nicht um den heißen Brei herumnuschelt, sondern präzise formuliert, objektiv wie ein Akkusativ-Objekt ist, was ihm manchmal den Vorwurf einbringt, zynisch zu sein, was er allerdings mit einem Handstreich an Klarheit immer sofort beiseite zu wischen versteht: Peter Scholl-Laroche!

Wir treffen uns in Magdala, einem kleinen idyllischen Städtchen an der A4 mitten in Thüringen, wohin Peter Scholl-Laroche mich eingeladen hat, da er dort zur Zeit sein zweiwöchiges Geburtstagsfest zum 90. Feiert. „Magdala“, sagt er, das sei ihm über die letzten 70 Jahre ans Herz gewachsen. Der Thüringer Wald, die Wohlfühlathmosphere, die gut ausgebauten Wanderwege, über die er mit seinem Segway fege, die Bratwurst, die Sonne, die Loipen im Winter mit wilden, zu allem entschlossenen Biathleten, das erinnere ihn auch immer irgendwie an seine Zeit in der Gefangenschaft bei den Vietkong, dieser eiserne Wille, „auch, wenn die statt unter freiem Himmel unter Tage in ihren Tunnel unterwegs gewesen sind“ und Schnee da eher selten sei in diesen Breitengraden.

Ich gratuliere ihm zu seinem Wiegenfest und überreiche ihm ein ganz besonderes Geschenk, einen Halotrichit aus dem Departemento Potosí in Bolivien, wo Scholl-Laroche selbst einmal einige Tage als Dschungelkämpfer und Außenreporter für „Wetten Dass …?!“ verbracht hat. Als er die Schachtel öffnet, geht ein Strahlen über sein ansonsten meist starres Gesicht, zärtlich streicht er über die feinen Haarkristalle des seltenen Minerals, murmelt etwas von Potosi und Thomas Gottschalk, und zieht einen Vergleich zur Haarstruktur von Tagesthemen-Moderator Thomas Roth, der ja nie so im Krieg gewesen sei wie er und trotzdem als Moderator der wichtigsten deutschen Nachrichtensendung ausgewählt worden sei. In dieser Spitze schwingt etwas wie Neid mit, ein Gefühl, das man Scholl-Laroche eigentlich nicht zutraut, weswegen ich als Menschenkenner direkt nachfrage, ob da eine Bitternis mitschwinge.

Scholl-Laroche verneint, indem er kaum wahrnehmbar seinen Kopf schüttelt, er gönne „jedem Tierchen sein Pläsierchen“, aber es habe vor längerer Zeit auch mal ein Vorsprechen – „Nein! Kein Casting! Ich hasse dieses Denglisch! Franzeutsch würde ich noch akzeptieren, aber nicht dieses Sprachverbrechen!“ – gegeben, aber man habe ihn abgelehnt, da er zu stark nuschle und murmele, was ja offensichtlich auch bei berühmten deutschen Schauspielstars kein Problem darstelle, die Mulitmillioneneurofilme in Reihe produzierten. Apropos Til Schweiger, Scholl-Laroche grinst und bittet um Vertraulichkeit: Dem habe er beim Drehbuch zu „Schmutzengel“ mit Rat und Tat zur Seite gestanden. „Guter Mann! Wir haben uns exzellent unterhalten, auch wenn uns dabei wahrscheinlich niemand Außenstehender verstanden hat …“ Scholl-Laroche lächelt und blickt hin zum 1571 erbauten zweigeschossigen Rathaus von Magdala, gerade als die Uhr 12 Uhr mittags anzeigt. „High Noon“, Scholl-Laroche formt mit den Fingern seiner rechten Hand einen Colt und „feuert“ erstaunlich schnell in alle Himmelsrichtungen, was mich zum Thema kommen lässt: „Herr Scholl-Laroche; ich …“ „Latour!“ „Aber die Tour de France fängt doch …“ „Latour. Scholl-Latour! Das ist mein Name, Herr Cornelius! Fehlt nur noch, dass Sie denken, mein Name sei Mehmet …“ Mein Interviewpartner wirkt nachhaltig aufgebracht, weswegen ich ihm um Verzeihung bitte und ins Eiscafé am Stadtpark auf ein Spaghetti-Eis einlade, um dort endlich auf das Thema zu kommen, bei dem ich hoffe, er könne mir Erklärungen liefern.

Bin ich ansonsten der Meinung, dass Menschen, die älter als 60 sind vom Staat verboten werden sollte, in der Öffentlichkeit Eis zu essen, muss ich mir bei Scholl-Latour eingestehen, dass es hier auch Ausnahmeregelungen geben müsse. Mit Muße, aber dennoch erstaunlich alert, löffelt er einen Kanal zur gefrorenen Sahne, lässt die Erdbeersoße hineinfließen und gräbt alsdann darum herum einen Kubus aus Vanilleeis, in den er schließlich ein kleines Loch bohrt, aus dem er immer wieder Soße auf seinen Löffel fließen lässt und ihn hernach mit einem weißen Schokoplättchen wieder fachmännisch verschließt. Kein Tropfen der Flüssigkeit, kein Eisklecks verziert seinen Maßanzug nach diesen doch recht diffizilen Maßnahmen. Er mag 90 Jahre alt sein, aber immer noch fit wie ein 26-jähriger Architekturstudent kurz vorm Universitätsabschluss.

Hm, lecker! Das war lecker. Hmjam, Hmjam!“ murmelt er, als er sich mit der Papierserviette den Mund abtupft, was mir die Gelegenheit gibt, ihn endlich zu fragen, wie genau er denn jetzt die Krise in der Ukraine einschätze. Scholl-Latour schaut mich an mit großen Augen, räuspert sich kurz und setzt dann an: „Es gibt Krieg, Herr Cornelius! So einfach ist das. Erst Krieg, dann werden Leute sterben. Dann ist der Krieg vorbei. Das habe ich schon 1939 vorausgesagt, dass er Krieg geben wird. Am 1. September um 10:15 Uhr!“ Mein Einwand, dass Hitler um 10:10 Uhr im Radio gesagt habe, dass seit 5:45 Uhr Krieg sei, lässt er nicht gelten. „Unabhängig von Hitler habe ich das gesagt. Ich wusste gar nichts von dessen Radiorede. Mein Volksempfänger war damals in Reparatur. Ernst Jünger hatte ihn im Ketaminrausch aus dem dritten Stock geworfen, aber ich habe mich gerächt und beim nächsten Besuch einen seiner Schmetterlingssammelkästen heimlich Stück für Stück in der Toilette versenkt …“ „Aber zurück zur Ukraine, Herr Scholl-Latour. Wieso sind sie so sicher? Und sagen Sie das nicht immer mit dem Krieg? Irak: Krieg. Afghanistan: Krieg. Syrien: Bürgerkrieg. Neuwagen: Preiskrieg.“

Herr Cornelius, Sie haben doch schon die Antwort gegeben! Es gab immer Krieg, aber nicht, weil ich es gesagt habe, sondern weil ich es gewusst habe. So ist die Natur.“ Es kracht auf einmal gewaltig. Ohne, dass wir es bemerkt hätten, ist ein Gewitter aufgezogen, Blitze zucken, es donnert und grollt, die Bäume im Stadtpark biegen sich, einige brechen in der Mitte entzwei, während ich ins Innere des Cafés haste, schlendert Scholl-Latour gemütlich, durch das dröhnende Armageddon der entfesselten Natur unter eine Markise, wo er sich eine Zigarre ansteckt und genüsslich raucht. Auf unserem Tisch der Halotrichit, vergessen. Die Haarkristalle zerfließen. Dank meiner Ausbildung zum Lippenleser kann ich erkennen, wie sich auf den Lippen des journalistischen Urgesteins die lateinischen Worte „Memento homo, quia es ex pulvere et in pulverem reverteris.” und „Sic transit gloria mundi!“ formen. Ich drehe mich noch einmal um nach ihm, gehe nach drinnen und bezahle die Rechnung. Als ich zurückkomme, ist er im Regen verschwunden wie die feinen Haare des Halotrichits.


„Wenn Dich die Pupille nicht schlafen lässt, ist es die Hölle“ – mit Matthias Matussek im Schlaflabor

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Quelle: Wikipedia

Matussek, Matthias – jeder kennt ihn, jeder mag ihn, außer Stefan Niggemeier, aber eines kann und darf man einem Matussek nicht absprechen: irgendwie interessant ist er ja schon. Romanautor, erfolgreicher Katholik, phänomenaler Videoblogger, immer einen Witz auf den Lippen wie andere Leute ein Lied und gleichzeitig auch noch Erfinder des Wortes „Kontroverse“. Nun gut, vielleicht hat er da zuletzt etwas übertrieben, aber wer da ohne Schuld ist, der soll den ersten Stein schmeißen, wie Jesus gesagt hat. Was viele allerdings nicht wissen, Matthias Matussek hat auch eine private Seite – und diese Seite überrascht dann doch.

Schlaflabor Adlershof. Aufenthaltsraum. Ich warte schon seit mehreren Stunden darauf, dass Matti (so darf ich ihn als alter Freund nennen) aufwacht, habe mir extra ein bisschen Lesestoff mitgebracht und trinke einen Mokka nach dem anderen, als endlich die Tür aufgeht und ein leicht käsiger und unerholt aussehender Mann im Schlafanzug (Calida, das schwarzweiß gestreifte Modell Paperman mit integrierten roten Hosenträgern, 69,99 € beim Versandhandel) eintritt, sich durch die Haare strubbelt, die Länge des Dreitagebarts überprüft, mir dann in die Augen blickt und mich mit „Na was guckst Du denn so, altes Haus Cornelius“ begrüßt.
Ein echter Matussekeinstieg, wie man ihn nicht in der Journalistenschule, sondern nur im Leben lernt. Chapeau! Er setzt sich auf einen der Thoneau-Stühle nieder, reibt sich den Schlaf aus den Augen mit den Worten „Na, da guckst Du, was?“ und fordert mich zum Fragestellen auf. „Matti, warum dieser Treffpunkt, warum dieser Aufzug? Du siehst nicht allzu gesund aus.“

Matussek gähnt, schaut noch kurz, ob Niggemeier sich wieder bei ihm per Kurznachricht gemeldet hat, faltet kurz die Hände zum Gebet und berichtet anekdotenreich, wie es ihn hier ins Schlaflabor geführt hat: „Ich habe riesige Einschlafprobleme. Ich hab schon alles versucht. Das ist jetzt meine letzte Chance auf Besserung des Problems, wobei ich nicht so richtig weiß, denn auch hier bin ich erst nach der dritten Diazepam weggenickt … wenn da nur nicht immer diese hämmernden Fragen in meinem Kopf wären!“

Verständnisvoll klopfe ich ihm auf die Schulter, sage zugegebenermaßen nicht unbedingt ehrlich gemeint, aber doch freundlich, dass ich das verstehen könne, dass er sich Fragen stelle, ob diese Artikel, Faxe und doch sehr expliziten Ansichten, die er so seit 2 Jahren raushaut, wirklich hätten sein müssen, ob die Angriffe vielleicht doch auch einen Funken Berechtigung hätten, aber Matussek schüttelt nur den Kopf: „Darum geht es doch gar nicht! Es sind alles viel existenziellere Fragen! Du kannst Dir da gar keine Vorstellungen von machen!“

Und genau aus diesem Grund bitte ich ihn, mir die Ursachen für seine Schlaflosigkeit zu schildern. Ich treffe einen Nerv in Matti, das merke ich gleich, als er wie ein 100-Meter-Läufer nach dem Startschuss abgeht. Er habe seit Jahren ohne medizinische Unterstützung kein Auge zugemacht, weil er sich, kaum habe sein Hintern das Federbett berührt, kaum ruhe sein Kopf in den weichen Daunen, immer wieder dieselben dringenden Fragen stelle: „Wo zum Teufel sind meine Pupillen, wenn ich die Augen zumache? Oben, unten, rechts, links, mittig, leicht versetzt oder fahren die irgendwo ein wie die Antennen meines Cayenne, wenn ich den Schlüssel ziehe? Und die zweite, noch dringendere Frage: Was macht meine Zunge, wenn ich schlafe, erschlafft sie, leckt sie meine Lippen oder treibt sich mal hier, mal da in meinem Mund herum?“ Die Zunge sei doch ein Muskel und jeder Muskel brauche doch auch einmal eine Erholungspause, abgesehen vom Herz. Aber sei die Zunge wie das Herz und arbeite ununterbrochen und pausenlos? Käme daher vielleicht das fliegende Wort, dass jemand sein Herz auf der Zunge trage?

Matthias Matussek ist nachhaltig verstört. Meinen Einwand, ob er das nicht schon einmal gegoogelt habe oder warum er nicht bei seinen alten Kollegen vom SPIEGEL, vielleicht im Wissenschaftsressort, nachgefragt habe, weist er barsch zurück. „Ich will es wissen und ich will es nicht wissen, verstehst Du? Es ist schrecklich, aber es ist gleichzeitig auch ein liebgewonnenes Stück Philosophie, das ich in meinem Kopf hin- und hermarodieren lassen kann.“ Immerhin habe er schon mit Stefan Aust darüber geredet und der habe ihm die interessante Tatsache erzählt, dass Andreas Baader nur mit offenen Augen geschlafen habe – und am liebsten auf dem Rücken und mit einem Spiegel an der Decke.

„Vielleicht ein Lösungsansatz, habe ich mir gedacht, Spiegel über dem Bett habe ich sowieso, aber leider habe ich es, obwohl ich es wirklich jedes Mal versuche, noch nie geschafft, mit offenen Augen einzuschlafen … naja … und dann hab ich ein bisschen im „Baader-Meinhofer-Reflex“ gelesen und festgestellt, dass es bei Baader medizinisch begründet war. Fasziallähmung. Beidseitig. Sehr selten. Das erklärt vielleicht auch, dass er ständig Unfälle gebaut hat und sich bei Pforzheim 1971 mit 160 Sachen überschlagen hat. Wobei … er hatte ja auch gar keinen Führerschein. Immerhin hat’s ihm die Haftbedingungen in Stadelheim erleichtert irgendwie …“

„Wenn ich nicht mit geschlossenen Augen schlafen könne, würde ich auch Terrorist“, gebe ich zu bedenken, was Matthias Matussek ein zustimmendes Nicken entlockt. Im Hintergrund dudelt ein Radio und mir fällt auf, dass Matthias Matussek in den letzten Momenten immer regelmäßiger gähnt (ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, aber gut, wir sind Freunde) und ich achte darauf, welches Lied gerade gespielt wird – vielleicht liegt darin ja das Wunder des Einschlafens, denke ich und singe schon bald leise mit bei Atomic Kittens „Whole again“:„…Time is layin heavy on my heart, seems I’ve got to much of it, since we’ve been apart, my friends make me smile, if only for a while you can make me whole again. Lookin’ back on when we first met, I cannot escape and I cannot forget. Baby you’re the one you still turn me on, you can make me whole again …”

Matthias Matussek schnarcht in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl. Wo sich seine Pupillen herumtreiben, kann ich nicht genau erkennen, aber seine Zunge, seine Zunge, die lugt ziemlich weit aus seinem rechten Mundwinkel hervor. Ich lasse ihn zurück, sage dem Laborpersonal Bescheid und mache mich auf den Heimweg in mein Loft. Dort angekommen kopiere ich meine Atomic-Kitten-Greatest-Hits, stecke die CD in einen Umschlag, dem ich ein ausgedrucktes Foto des schlafenden Matussek beifüge mit einem schönen Gruß, auch an die Familie: „This will make you whole again, Matti!“


Uwe Seeler, der HSV und die Kryptozoologie

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Der Hamburger Sportverein befindet sich in der größten Existenzkrise des Jahrhunderts, 9 oder 10 Niederlagen in Folge, ein Trainer, der das Ruder nicht herumreißen kann, eine völlig verunsicherte Mannschaft, ein Aufsichtsrat, der selbst auf einem Schulhof in der Pause versagen würde und sich mehr hasst als Hitler und Stalin, Felix Magath, der lieber einen englischen Absteiger trainieren möchte … was sagt Uwe Seeler eigentlich zu diesem Tohuwabohu?

Eigentlich wollten wir uns ja bei ihm zu Hause im Hobbykeller treffen, aber Uwe Seeler meint, dass da gerade nicht aufgeräumt und die Terrarien seiner Fleckenkobras nicht sauber gewienert seien – da schlage er stattdessen lieber einen Besuch im Völkerkundemuseum vor, seinem Lieblingsplatz Nummer 1 in „Hamburg, seiner Perle“. Erstaunt über dieses Bekenntnis, aber auch mit einem gewissen Verständnis, denn so angenehm ist es zur Zeit bestimmt nicht im Volksparkstadion, stimme ich zu und schaffe es sogar durch meine exzellenten Beziehungen zum Museumsleiter, dass für die Dauer des Gesprächs die Ausstellungsräume gesperrt werden.

Und irgendwie passend ist es ja auch, das Völkerkundemuseum als Schauplatz für ein Gespräch mit einem wie Uwe Seeler, dem Idol eines musealen Dinosauriers, dessen letzte Erfolge auch irgendwann kurz nach dem Krieg in den 80er Jahren liegen, in dem hochinteressante anthropologische Studien jederzeit vor Ort bei diversen Sitzungen und in den unterschiedlichsten Medien anzustellen sind und in dem jeder einzelne sich wie der Urmensch verhält, der gerade das Feuer oder zumindest das Rad neu erfunden hat, wobei ihm mit Ach und Krach eine krakelige Höhlenzeichnung gelungen ist.

Uwe Seeler ist pünktlich wie die Maler – typisch für einen gelernten Speditionskaufmann – und ich erkenne ihn gleich am verabredeten Kennzeichen, einem aus seiner Jackett-Tasche herausragenden weißen Taschentuch mit der aufgestickten HSV-Raute. Nach etwas Smalltalk zum Aufwärmen („Und? Wie ist das Wetter so in Hamburg … ach Quatsch, wir telefonieren ja gar nicht.“ „Was gab es heute zum Frühstück?“ „Wie fühlen Sie sich jetzt?“) versuche ich, ihn zaghaft, aber humorvoll auf die verfahrene Situation seines Heimatvereins anzusprechen.

„Tut einem wie Ihnen so ein Spiel wie gegen Braunschweig nicht in der Seele weh, Herr Seeler?“ Uwe Seelers Augen verformen sich zu kleinen Schlitzen (noch kleiner und schlitziger als bei Fredi Bobic, wenn der frontal gegen die Sonne grinst), seine Mundwinkel zucken, er schlägt die Hände vors Gesicht, schluchzt leise und zieht den Rotz in seiner Nase hoch … nur um im nächsten Moment laut loszuprusten und sich vor Lachen den Bauch zu halten. Seine Reaktion verschreckt mich, der anwesende Museumswärter ist konsterniert und steckt den Kugelschreiber, den er gerade gezückt hatte, um nach einem Autogramm zu fragen, verbittert zurück in seinen Wams. Uwe Seeler lächelt jetzt, schüttelt ein wenig den Kopf und erklärt sich dann:

„Herr Cornelius, was da bei meinem HSV los ist, das versteh ich schon lange nicht mehr. Seit Jahren rege ich mich in der Morgenpost auf und im U-Bahn-Fernsehen auch, aber ich habe festgestellt: Das alles bringt gar nichts. Und wenn irgendetwas gar nichts mehr bringt und nur für schlechte Laune sorgt, dann ist es doch so, dass man sich etwas Neues suchen muss, in meinem Fall ist es Peru, sind es die Inkas, Mayas und wie sie alle heißen, die Fauna und Flora, ja, ich kann Ihnen sogar sagen, dass ich mich von April bis Juni am „Lago Sandoval“ aufhalten werde, um dort kryptozoologische Forschungen zu begleiten.“

Uwe Seeler hört gar nicht mehr auf mit dem Erzählen, während wir durch die Dauerausstellung „Schätze der Anden“ schlendern, Tonschalen begutachten, Speerspitzen beurteilen und eine Mumie streicheln. An besagtem Lago gebe es Riesenotter, die sogenannten Wölfe des Sees, die bis zu 2,50 m lang würden, Mohrenkaimane mit einer Spannweite von 80 cm sowie unzählige andere Spezies, von seltenen Schildkröten bis hin zum geheimnisvollen Hoatzin, der auch „Stinkvogel“ genannt werde, was ihm, Uwe Seeler, pointensicher wie er ist, vor einer ausgestellten Latrine der Machu-Picchu-Kultur einfällt.

Eigentliches Ziel aber sei es, dort ein bisher noch nicht auf Bildmaterial dokumentiertes Wesen aufzuspüren, von dem die indigenen Stämme Zeichnungen an den Baumrinden hinterlassen hätten und das immer mal wieder als schuldig für das Verschwinden der Fänge zahlreicher Fischerboote sowie etlicher Freizeitkapitäne verantwortlich gemacht werde. Der Wassertiger (panthera tigris con agua) sei ein Räuber, besitze säbelzahntigerähnliche Reißzähne, ein teils geschupptes Fell, das ornamental dem des klassischen Tigers ähnele, aber mehr rot als orange sei und lebe wahrscheinlich in ufernah in den Lehm gefressenen Höhlensystemen. Von dort aus breche es in der Dunkelheit zu seinen Raubzügen auf, nasche von den ansässigen Kaimanen und dezimiere die Population des südamerikanischen Flussschweins, das Flusspferdgröße erreichen könne, wenn genug Fressen vorhanden sei.

Gemeinsam mit der Heinz-Sielmann-Stiftung für bedrohte und unbekannte Tierarten habe man eine Expedition auf die Beine gestellt, die die Chancen erhöhe, den „Predator“ (O-Ton Uwe Seeler: „Das klingt wie diese quietschgelben Fußballschuhe.“) ausfindig zu machen, zu filmen und zu erlegen. Meine erstaunte Rückfrage, ob er sich da sicher sei, dass der Wassertiger erlegt werden solle, bejaht Uwe Seeler irritiert: „Immerhin essen wir ihn nicht!“ Aber dann kommen auch ihm Zweifel und er telefoniert kurz mit seinem Expeditionsleiter. Anschließend erklärt er in sich hineinlachend, dass das doch ein Missverständnis gewesen sei. In der letzten Besprechung, da sei es schon später gewesen, er habe nicht mehr so genau zugehört und den Satz „Wir müssen den Job erledigen, eh der Tiger von wem anders gefangen und gefressen wird.“ wohl nur halb verstanden.

„Naja, so ist das halt mit der Kommunikation.“ Uwe Seeler zuckt mit den Schultern. „Aber ich bin ja zum Glück auch nicht der Chef bei der ganzen Sache. Das sollen die Experten machen, die da richtig Ahnung von haben und nicht so Hobbyforscher wie ich es einer bin. Moment.“ Uwe Seelers Handy klingelt, „Auf der Reeperbahn, nachts ums Halbzwei …“ Nach kurzem Hallo nickt er, alle Farbe verschwindet aus seinem Gesicht, ich muss ihn stützen und setze ihn behutsam auf einem Häuptlingssarkophag ab. Der Mann mit dem Hinterkopf (WM 66) seufzt, schaut mich an und presst erschüttert die Worte „Marietta Slomka! Die haben diese Tagesthementante als Trainerin verpflichtet! Das war bestimmt der Jarchoff.“

Ich klopfe ihm auf die Schulter, fühle mit, wie ein Starjournalist nur mitfühlen kann, wünsche ihm für Peru und seine Expedition am „Lago Sandoval“ alles Gute – und dem HSV auch irgendwie.


Wie ich Alice Schwarzer in einem Pariser Bordell kennenlernte

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Es waren wilde Jahre, damals in Paris – auch für einen Jungreporter, der als freier Korrespondent für die „St. Pauli Nachrichten“ arbeitete. Marie und ich machten genau das, was später stilbildend werden sollte in den Zeiten der Revolution: wir waren die ersten, die schwarze Rollkragenpullover trugen, die als Angehörige der Bourgeoisie Gitanes Mais rauchten und uns dazu mittags im Park auf schwarzen Kamelhaardecken im Bois de Boulogne die Literatur von damals so unbekannten Autoren wie Camus, Sartre oder Simone de Bellevue zu Gute führten. Zu allen dreien hatten wir dank glücklicher Zufälle auch privat Kontakt, was die entsprechenden Auswirkungen nach sich zog.

Camus fing mit dem Rauchen an und nahm auf Grund seines Alkoholkonsums Abstand davon, selber den Führerschein zu machen, Sartre spannte mir immer wieder Marie aus, die ich ihm zurückausspannte und Simone fand, dass schwarze Rollkragenpullover eigentlich voll praktisch waren, da sie einen immer warmhielten und man dazu auch noch Geld beim Waschen spare, da man nicht das teure Color-Waschmittel benutzen müsse. Nach und nach trugen alle diese Pullis. Ohne es zu beabsichtigen, hatten Marie und ich einen Trend gesetzt, der sich bis in heutige Zeiten (Stichwort „Schwarzer Block“) gehalten hat. Nur die schwarzen Kamelhaardecken konnten sich nicht durchsetzen. Unser Lieferant Mohammed aus Agadir hatte, ohne uns zu informieren, einen Onlinehandel gegründet, was zu damaligen Zeiten das Todesurteil in der Geschäftswelt bedeutete. The times, they are a changin‘!

So saßen wir tagein tagaus herum, rauchten, tranken guten und günstigen Rotwein aus der Bretagne und redeten uns in unserer Stammkneipe „Chez Stavros“ die Köpfe heiß. Währenddessen wuselte der Wirt umher, brachte hierhin Souvlaki, dorthin Gyros und schenkte immer wieder vom leckeren Rotwein nach – alles mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, bei dem er seine fehlenden Schneidezähne bleckte und „Kalimera Kalimera!“ herausnuschelte. Später sollte sich Camus von diesem Original zu einer Arbeit inspirieren lassen, die ursprünglich den Titel „Le mythe de Stavros – Ich Wirt glücklich“ tragen sollte, bis ich Al, so nannte ich ihn, kurz vor dem Drucktermin auf einen anderen Gedanken brachte.

Ich hatte Stavros dabei zugesehen, wie er für eine Touristenbusladung 5 Tabletts mit Sambuca zubereitete und dabei aus einem großen Sack jeweils einzeln Kaffeebohnen herausklaubte und anschließend Stück für Stück in den kleinen Glässchen versenkte. „Was für eine Sisyphos-Arbeit“, hatte ich augenzwinkernd zu Al gesagt, während der von uns scherzhaft „Marquis de Sartre“ genannte Jean-Paul daran arbeitete, den perfekten Rauchring zu blasen. Al setzte sich also noch einmal hin, korrigierte Druckfahnen und Titel und baute zusätzlich noch den heute auf vielen T-Shirts zu findenden Satz „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ ein – denn Stavros war, ganz im Gegensatz zum Puppenspieler von Mexiko, nicht „manchmal traurig und manchmal froh“, sondern immer froh und niemals glücklich. Stavros und damit Sisyphos fehlte die Dialektik – ein Kritikpunkt, den ich Al immer wieder auseinandersetzte, bis er es auch in sein Buch so oder ähnlich einfügte.

Ich, Marie und die anderen verbrachten eine tolle Zeit miteinander, stimmten immer wieder verschiedene Trink-, Pop- und Arbeiterlieder an, winkten Stavros an unseren Tisch, bepöbelten hineinschauende Schnösel in buntfarbigen Klamotten und freuten uns, dass das hier bestimmt noch ein langer Tag werden könnte. Für den Abend hatte ich ein Vorstellungsgespräch als Praktikant bei der Redaktion der „Konkret“ terminiert, aber das sollte auch im volltrunkenen Zustand kein größeres Problem sein, dachte ich. Die soffen und rauchten doch mindestens genauso viel wie wir – die würden das schon verstehen. Und wenn nicht, dann hatte ich zur Sicherheit meinen speziellen Trick parat, der mir bisher noch jeden Job verschafft hatte: mein gutes Aussehen und on top: einen Strauß schwarzer Rosen.

Es waren noch gut zwei Stunden bis zum Treffen in der Rue du Carambole nahe des Place D’Italie, wo sich die Räumlichkeiten der Redaktion befanden. Hausnummer 27, vorderer Hintereingang, dritte Stiege rechts – vom Platzangebot eher ein Mezzanin, aber wozu brauchst Du Raum, wenn Deine Ideen die bestehende Welt zum Bersten bringen sollen. Büro oder nicht Büro – Ideen sind immer zu groß für eine räumliche Beschränkung! Ich kannte die Gegend ganz gut, denn wenn es mit Marie und mir mal wieder aus war, nutzte ich gerne das im selbigen Haus ansässige „Bordelle du Luxembourg“, wo mich die Mädchen immer gerne aufnahmen und auch nichts dagegen hatten, dass ich schon während des Sex beim Akt rauchte und nicht erst danach.

Aus einer Laune heraus nun beschloss ich, die Zeit vor dem Vorstellungsgespräch sinnvoll zu nutzen, verabschiedete mich von den Jungs mit einem landestypischen „Arrivederci“ und stand kurze Zeit später auf der Schwelle des „Luxembourg“. Auf mein Klingeln öffnete mir ein vermeintlicher Neuzugang: blond, Ritter Eisenherz-Frisur, ein geblümtes Sommerkleidchen, kecker Blick, kurz gesagt, wie es in der NZZ steht, eine Frau, „die es sichtlich auch genießt, hübsch und sexy zu sein.“ Mein Jagdinstinkt war geweckt. Als Charmeur der alten Schule (mein Vater war im selben Wehrmachtsbataillon wie Helmut Schmidt gewesen) und auf mein Glück beim späteren Termin vertrauend, überreichte ich ihr mit galantem Lächeln den Strauß schwarzer Rosen und schob ein gewinnendes „Wie viel?“ hinterher.

Das Mädchen lächelte freundlich, hauchte ein „Merci“ hervor und versuchte dann, mir auf Französisch mitzuteilen, dass das nicht möglich sei. Außer „Non“ verstand ich auf der Sprachebene nicht viel, wobei dieses Non rational wenigstens genauso unverständlich war. Nach kurzem Tohuwabohu – ich hatte mich ihr gegenüber als Deutscher geoutet – teilte mir ein dazukommendes Mädel mit, dass das die Alice sei, die hier aber nicht arbeite, sondern recherchiere. „Genau dasselbe sage ich doch auch immer, wenn ich meinem Chef die Quittungen nach Hamburg schicke“, versuchte ich noch einen Scherz, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Spannung, die zwischen dem blonden Mädel und mir eindeutig bestand, eher negativ als positiv zu bewerten war. Kurz gesagt: im Anschluss an meinen Besuch im „Luxembourg“ war mein Vorstellungsgespräch ziemlich knapp gehalten. Das hübsche Ding von der Tür stellte sich als meine Interviewpartnerin heraus. Jahre später trafen wir uns wieder, Alice Schwarzer und ich, und wurden, wenn auch nicht beste, dann doch zumindest mittelgute Freunde.