Die neue Sachlichkeit des Harald G.

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Wenn der Mode-, Fernseh- und Lebensweisheitenstar Harald Glööckler ruft, dann sind sie natürlich alle da, die da Rang und Namen haben: Giulia Siegel, Gabi Decker, Barbara Schöne, Lieschen Müller (die Witwe von Heiner Müller) und … natürlich auch ich, Florian Cornelius. Die persönliche Einladung mit handschriftlichem Gruß erreichte mich eher überraschend, denn privat hatten Herr Glööckler und ich bisher nichts miteinander zu tun, aber dann hatte ich meiner Mutter eine lilafarbene und mit Brillanten in Badeentchenform bestickte Legging bei Homeshopping Europe bestellt und nur wenige Tage später lag besagter Büttenpapierumschlag nebst Invitation in meinem Briefkasten.

Der Anlass sei, so schrieb Glööckler, die Eröffnung seiner neuen Boutique an der Friedrichstraße, die so etwas wie ein Neustart für ihn sei, der Schritt in die Zukunft, ein Fenster, das sich für ihn öffne und mit dem er nun zeigen könne, dass man ihn bisher in der Öffentlichkeit völlig falsch eingeschätzt habe. Und auch wenn ich das kaum glauben wollte, so belehrte mich der kurz darauf folgende Abend doch eines besseren.

Für einen Starreporter ist es eigentlich Usus, sich am roten Teppich mit einer edlen Limousine vorfahren zu lassen, aber dennoch bevorzuge ich es, zugleich souverän und gleichzeitig nonkonfomistisch, zu Events in der deutschen Hauptstadt mit der U- oder der S-Bahn anzu“reisen“. Den roten Teppich nehme ich natürlich gerne mit. Dabei treffe ich auf Constanze Rick, die berühmte, eigentlich taubstumme, Moderatorin des Vox-Magazins „Prominent“, die es dank jahrelangen Trainings aber geschafft hat, bauchrednerisch ihre Magazinbeiträge einzusprechen und es beim Thema Geld sogar schafft, wirklich zu reden und dann immer wieder die beiden Fragen wiederholt, was das denn gekostet habe und wie viel man überhaupt verdiene.
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Thilo Sarrazin auf Meth

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Der Treffpunkt, den der ehemalige Berliner Finanzsenator, das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und das beinahe ehemalige SPD-Mitglied Thilo Sarrazin mir vorgeschlagen hat, erscheint ziemlich passend: Bayreuth. Heimat des Wagner-Clans, von Siegfried und den Nibelungen, von Wallküren und, einmal jährlich, von Angela Merkel in seltsamen Roben. Hier in Bayreuth, das ist ganz altes Deutschland, das ist ein konservativ den Künsten zugetanes Städtchen, idyllisch reihen sich Wagner-Souvenirstände in der Altstadt aneinander, auf dem Stadtplatz gibt es diverse lebende Denkmäler des größten Wagners namens Richard und als ich zum Kauf eines Kaltgetränks einen Supermarkt aufsuche, bin ich beim Blick ins Kühlregal bass erstaunt, dass es hier sogar eine Wagner-Pizza gibt, die mit Salami und Funghi belegt ist.

Wagner und Sarrazin, das passt also eigentlich ganz gut – zumal es das Management des ehemaligen Politikers und aktuellen Provokateurs tatsächlich geschafft hat, uns das Zigarrenzimmer in der Villa Wahnfried freizuschaufeln. Und hierhin schlendere ich jetzt auch, gespannt auf das, was Thilo Sarrazin, Bestsellerautor und ehemaliger Recklinghauser Stadtmeister im Kinderschach, mir wohl mitzuteilen hat. Eine freundliche Haushälterin im Bedienstetenoutfit öffnet mir das Tor zur Villa und führt mich zum vereinbarten Treffpunkt, in dem Thilo Sarrazin bereits ungeduldig wartet. Nach einer kurzen Begrüßung, „Schön, Sie zu sehen, Herr Cornelius!“, kommt Sarrazin dann auch relativ schnell auf sein Thema.

Haben Sie schon einmal von diesem verrückten Ausländer mit diesem kaum aussprechbaren Namen gehört, Herr Cornelius? Ali Pintschie oder Akim? Wie weit ist es gekommen, dass so einer … naja, wie dem auch sei, ich bin ein wenig enttäuscht, dass solch einem … Menschen, muss man ja doch sagen irgendwie, das wird man ja wohl mal sagen dürfen … dass so einer also die deutschen Bestsellerlisten beherrscht! Sogar das Feuilleton schreibt über den, während mein letztes Werk, „Oh weh, oh weh, Deutschland, Deutschland!“ bestenfalls auf den bunten Seiten oder auf der Politikseite der ‚Medizini‘ besprochen wurde! Wo kommen wir denn dahin, wenn die FAZ dann auch noch schreibt, dieser Alki Prinzi sei ein ‚Sarrazin auf Speed‘!?“

Während dieser minutenlangen, hier auf das Wesentlichste und nur mit Hilfe der Wegnahme der „Ähs“ gekürzten Tirade versuche ich, diesen alten Mann, ehemaliger VWL-Student an der Uni Bonn, zu verstehen. Was will er von mir, warum dieser Treffpunkt, wo ist der Newswert und wieso freut er sich nicht, dass mit Akif Pirincci da noch ein Zweiter aufgetaucht ist, der seine Meinungen teilt und noch ein bisschen zuspitzt? Die beiden könnten doch blendend in einer Arbeitsgruppe der AfD funktionieren, dort die „Ausländerproblematik“ lösen und argumentativ herausfinden, wer denn nun deutscher, rationaler oder provokanter wäre.

Während ich so grübele, hat sich Sarrazin in Rage gestottert. Ich erwache erst wieder aus meinen Gedanken, als er das Wort „Meth“ äußert im Zusammenhang mit „Wollen wir doch mal sehen!“ Verwirrt bitte ich Thilo Sarrazin, mir bitte doch noch einmal den letzten Satz zu wiederholen, was ihm nach drei Anläufen sogar gelingt: „Wenn der Prinzi wie ich auf Speed sein soll, dann sollen Sie jetzt Zeuge werden, wie ich, wie ich, Thilo Sarrazin, auf Meth bin!“

Und eh ich‘s mich versehe, holt er aus seiner Jackettasche mehrere Brocken unbestimmter Farbe heraus, bietet mir auch einen an (von wegen, Sarrazin sei ein Mann der sozialen Kälte! Wenn das nicht der Gegenbeweis ist, Ihr Bratwurst verschmähenden Hartz-IVler!) und schiebt ihn sich genüsslich in die Backentaschen. Schmatzend erklärt er mir, dass das für ihn jedes Mal so sei, als lutsche er eine Packung „Werthers Echte“ weg, erläutert, dass er auch versucht habe, das Meth rektal einzunehmen, dies aber zu starkem Durchfall geführt habe und ich mir keine Sorgen machen brauche wegen seiner Zähne, die bei Meth ja immer in schnellster Zeit ziemlich unfein aussähen. Er habe zu Hause von den Einnahmen seines ersten Bestsellers ein ganzes Zimmer voll handgeblasener Platingebisse aus einer Manufaktur in Dresden eingerichtet. Die überdauerten wahrscheinlich nicht nur ihn persönlich, sondern auch die in spätestens 50 Jahren erfolgende Totalislamisierung der Welt inklusive des Polarkreises und der Osterinseln.

Plötzlich hakt er sich bei mir ein und führt mich nach draußen in den Park, wo er mir ein Referat über die beiden japanischen Erfinder der Droge, Nagayoshi Nagai und Akira Ogata sowie die Berliner Temmlerwerke hält, eine Sonnenblume zunächst umarmt und anschließend mit Stumpf und Stiel aufisst und mir im Vertrauen andeutet, er habe bei Ebay glücklicherweise noch ein paar Originalpillendosen Pervitin gefunden, was ihn, er versucht zu scherzen, für meine Frau zu einem wahren Kampfflieger werden lasse. Wir verlassen die Villa Wahnfried, Sarrazin, ehemaliger Deutsche-Bahn-Vorstand, steigert sich in seiner Aggressivität und bepöbelt wahllos Menschen mit Migrationshintergrund, die uns auf den Straßen begegnen (genau zwei Stück) als „Verfickte Katzenkrimiautoren“, weil er glaubt, in ihnen Akif Pirincci zu erkennen und lässt sich dabei auch von mir als seinem Begleiter nicht beruhigen.

Es ist sinnlos, den ehemaligen Vollbart- und jetzt nur noch Schnauzbartträger Sarrazin zu mäßigen, als er sein Bein an einer Laterne hebt und sich einnässt, wobei er sich nur wenige Minuten später darüber aufregt, das ganz Bayreuth irgendwie nach Urin rieche, dass sich die Müllabfuhr hier wohl schon genauso abgeschafft habe wie Deutschland sich selbst und darüber bestimmt wieder niemand in den Medien schreibe, und das alles nur, weil er, weil er, also Thilo Sarrazin, das festgestellt habe und nicht diese Gutmenschen, die sich vermutlich nur deshalb über den Uringeruch beschwerten, weil dort wertvoller Eigenurin vergeudet würde, der ansonsten gegen Halsschmerzen medizinisch eingesetzt werden könne.

Sarrazin schlägt einen Wirtshausbesuch vor, jetzt habe er wirklich Lust auf einen Döner und gemeinsam betreten wir die Örtlichkeiten des „Anas Filali-Omari“ in der Gabelsberger Straße 11. Erst als Thilo Sarrazin, ehemaliger Stehpinkler, seine Bestellung aufgibt („Ein Döner bitte mit Extra-Käse. Haben Sie auch Schweinefleisch?“), bemerken wir unseren Irrtum und verlassen die Taqwa-Moschee zunächst im Beisein eines freundlichen Menschen, der den bedauernswerten Zustand meines Begleiters sofort erkennt und als Therapie das klassische Hijamah empfiehlt. Sarrazin stimmt überraschend einer Behandlung zu und so ist das letzte, was ich von ihm bei unserem gemeinsamen Termin sehe, sein mit Schröpfgläsern und Altersflecken übersäter Rücken.

Karl Lagerfeld und seine Hundeherdenzucht

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Choupette, das bedeutet auf Französisch in etwa „Kleine Mopserin“, auf brasilianischem Portugiesisch wahrscheinlich „Arsch“ und für Karl Lagerfeld? Für ihn ist das der Name seines absoluten Lieblings, einer kleinen kuscheligen Weißhaarkatze, deren Haare gerade ein ebenfalls weiß livrierter Bediensteter vom schwarzen Angorateppich aufklaubt, um sie in eine mit Diamanten besetzte Zigarettenschachtel zu legen. Mein Team und ich sitzen im edlen Stadtapartementkomplex des weltberühmten Designers und warten auf das Eintreffen des Meisters, der uns einen Einblick in seine Welt geben möchte – und diese Welt, das weiß, wer weiß, wie Lagerfeld tickt, ist immer gut für eine Sottise, eine Überraschung oder für ein schnell dahingeworfenes Bonmot, das schon innerhalb kurzer Zeit ein geflügeltes Wort mit Sprichwortcharakter werden kann.

Endlich erhebt sich aus dem Marmorboden ein bis dahin unsichtbarer offener Personenaufzug, dem Karl Lagerfeld entsteigt. Ein wenig gehetzt blickt er in seinen Hallen umher, fragt aufgeregt seinen Pagen, wo denn das Team aus Deutschland sei, man habe ihm doch gemeldet, sein alter Bekannter Florian Cornelius, dieser Reporter, Sie wissen schon, als er mich endlich entdeckt und ein „Ach, Cornelius, da sind Sie ja, waren Sie beim Friseur? Haben Sie etwa abgenommen?“ in meine Richtung schnellspricht. „Nein und nein“, antworte ich und gebe zurück, dass man ihn das ja gar nicht fragen brauche, so unverändert glänzend er seit Jahrzehnten aussehe.

Sparen Sie sich ihre Komplimente, Cornelius, kommen Sie auf den Punkt, wie man bei uns in Hamburg, also meine Mutter immer sagte: Kaviar bei die Fisch! Sie sind doch hier für ein Interview, nicht wahr. Nicht wahr?“ Wenn ein Karl Lagerfeld drängt, dann lässt man ihn nicht warten und routiniert feuere ich meine lange überlegte Einstiegsfrage auf den Modeschöpfer ab: „Herr Lagerfeld, wir haben gerade Ihre neue große Liebe Choupette kennenlernen dürfen. Stimmt bei Ihnen die Regel, dass Katzenfreunde automatisch auch Hundehasser sind oder ist es …“

Diese Regel ist Quatsch. Natürlich liebe ich Hunde auch. Sicher, sie stinken, wenn es regnet …“ „Bitte? Ich stinke …“ „Nein, Quatsch, Hunde, aber da kann man ja parfumieren. So haben sie es ja schon am Hof in Versailles gemacht, Louis XIV bis XVII, wissen Sie ja bestimmt auch, nur nicht die Hunde, sondern sich selbst, die Noblesse, wobei vielleicht ja auch die Hunde und Löwen. Hatten da ja genug Viecher im Privatzoo. Ich mag Hunde, aber draußen mag ich sie lieber als drinnen. Ich liebe Hunde sogar. Warum sonst hätte ich in eine Hundeherde in der Romandie investiert?!“

Eine neue Information. Karl Lagerfeld ist Besitzer oder Teilinhaber einer Hundeherde in der Romandie. „Herr Lagerfeld, gestatten Sie eine Rückfrage? Aber leben Hunde nicht im Rudel?“ „Gewöhnlich Hunde schon, aber nicht meine. Wenn Sie möchten … mein alabasterfarbener Helikopter steht bereit, es ist noch ein Platz frei. Und dann geht es ganz schnell, Lagerfelds sieben Assistenten und der Meister nehmen Platz („Choupette bleibt hier, sie leidet an Höhenangst.“), lassen mich als Gast vorne sitzen und über Bordfunk erklärt mir der Boss, was genau es mit seiner Hundeherde auf sich habe, während wir über Pais und die weite Landschaft der Cevennen Richtung Monbretóse ins Departement Romandie fliegen.

Herde, französisch „harde“ sei ein Überbegriff, der gemeinhin ja für domestizierte Tiere benutzt werde und da Hunde domestiziert seien, lebten seine Hunde, eine Bonsaiversion der Kreuzung eines Tibetmastiffs mit dem Cane Corso Italiano eben in einer Herde, frei und uneingezäunt auf einer kleinen Hundealm in knapp 1.800 Metern Höhe, was zunächst für einigen Schwund gesorgt habe, denn immer wieder sei es vorgekommen, dass Junghunde vom Steinadler gegriffen worden seien, wohingegen auf dem Landweg die Gefahr bestand, dass die ungewöhnlich großen Wölfe der Region sich am Hundebestand gütlich getan hätten. Kurz, es habe einige ziemlich unappetitliche Gemetzel gegeben, bis man eine Lösung für das Problem gefunden habe.

Zum einen habe man eine sattelitenunterstützte Greifvogelabwehr installiert, die durch elektromagnetische Spannung etwaige angriffslustige Raubvögel wie an einer Wand abprallen ließen, zum anderen habe man lange überlegt, mit welcher Tierart man Landangriffe abwehren könne. Man habe monatelang in die Ausbildung von Berglöwen investiert, allerdings habe bei einem ersten Testeinsatz ein Hirtepuma gleich mehrere der Tiere gerissen, als ein Tierpfleger die Hunde gerade mit einer Biermassage verwöhnt habe. „Immerhin hatten Sie einen schönen und erzählenswerten Tod“, werfe ich ein und bemerke, dass ich mir durchaus vorstellen könne, am Ende eines langen Lebens bei der Biermassage im Kreise der Familie von einer Raubkatze gerissen zu werden. „Eine köstliche Art, von der Welt abzutreten, Herr Cornelius, ich stimme Ihnen zu, allerdings wäre es pour moi ein wenig zu epigonär. Denken Sie nur an die Erfinder dieses Todes, an Siegfried und Roy …“

Wie dem auch sei, am Ende sei man zu einer Defensivstrategie übergegangen, indem man afrikanische Tüpfelgazellen angesiedelt habe, die, so habe man schnell bemerkt, der Wolfspopulation wesentlich besser schmecke als das Hundefleisch, wodurch die Hunde dann doch dem Menschen vorbehalten blieben. Der Helikopter geht langsam herunter bei einer eher etwas räudig aussehenden Berghütte, die Rotoren drehen sich noch, als Lagerfeld bereits aus der Tür springt und dabei an paar Haare seines Pferdeschwanzes abgesäbelt bekommt. Er wischt sich symbolisch ein paar Haarkrumen vom Jackett, strebt Richtung Hütteneingang, gefolgt von seinen Assistenten und mir.

Erstaunlicherweise ist die Bergbehausung innen wesentlich größer als außen, was wohl daran liegt, dass Sie auf dem ehemaligen Eingang einer Bergfeste steht, die zum Schutz der Regierung in den 60er Jahren zur Hochzeit des „Kalten Kriegs“ als Atombunker ins Massiv gehauen wurde. Der Tisch ist schon gedeckt, ein paar süße Hunde tollen zu unseren Füßen, Lagerfelds verlorene weiße Strähnen werden durch Choupettes kuschelweiche Haare aus dem Zigarettenetui ersetzt, die ein Coiffeur gekonnt mit des Meisters Haupthaar vernäht, als ein köstliches Confit de Canard als Vorspeise kredenzt wird, von dem Lagerfeld nur das Confit, aber nicht die Ente zu sich nimmt, da er sich, um in Form zu bleiben, nur noch von tierischer Gelatine ernähre. Das habe für ihn gleich mehrere Vorteile: „Keine Ballaststoffe, keine Kohlenhydrate, kein Kauen! Würde Ihnen auch stehen, Cornelius!“

Die komplette Reportage über Karl Lagerfelds Hundeherdenzucht entnehmen Sie bitte der Maiausgabe des Bookazins für anspruchsvolle Hundefreunde „SitzPlatzFuß

Mit Boris Becker in der Reha mit WLAN

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Ein Twitterkrieg mit Oliver Pocher, die zweite Autobiografie, in der er schmutzige Wäsche wusch, ein Fernsehduell, bei dem er eine obskure Kopfbedeckung trug und dann der Paukenschlag: Boris Becker wird Trainer für den Toptennisspieler Goran Ivanisevic. Die letzten Monate haben Spuren hinterlassen bei Deutschlands bekanntestem Boris seit Pasternak und Karloff, nicht nur auf den Hüften, die wie das Gesicht in letzter Zeit etwas in die Breite gegangen waren – und nun zu allem Überfluss auch noch auf Grund einer Notfallsituation operiert werden mussten.

Es hat lange gedauert, bis das Management von Boris Becker meinem Plan zugestimmt hat, dass ich das Tennisidol in einem Moment der Schwäche im wunderschönen Garten der Kurklinik in Bad Bertrich treffen darf, aber nachdem ich alle Zweifel beiseite geräumt hatte („Ein Florian Cornelius wird sich nicht über einen Weltstar lustig machen! Wo käme er da denn hin, bitteschön. Ich mache seriösen Journalismus ohne Häme, Zynismus. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“), findet alles genauso statt wie geplant. Und so treffe ich früh am Morgen um 6 Uhr 30 im Garten der ehemaligen Sommerresidenz des Kurfürsten Wenzeslaus ein, in dem heute das Parkhotel residiert, in dem wiederum laut einem Gutscheinportal „heutzutage moderne Errungenschaften und Top-Komfort wie Schwimmbad, Sauna und, vor 200 Jahren noch unvorstellbar, Dinge wie Internet per Gratis-WLAN“ geboten werden!“ wie mir meine aus dem Internet ausgedruckten Unterlagen erzählen, einen der größten Stars, die Deutschland jemals hatte.

Und genau so, durch die Recherche, findet man als guter Journalist auch meist den korrekten Einstieg ins Gespräch. Der gut gerechte Kiesweg knirscht etwas, als Boris Becker in einem elektrischen Rollstuhl um die Ecke gebogen kommt. Er trägt einen Trainingsanzug in Orange, Weiß und Blau und ist trotz der gestrigen OP bester Laune. Jetzt schnell die Einstiegsfrage zur Auflockerung: „Herr Becker, wussten Sie, dass es hier im Parkhotel vor 200 Jahren noch kein Gratis-WLAN gab und was denken Sie, wie wohl der damalige Fürst Wenzelslaus darauf reagiert hätte, wenn er es gewusst hätte, dass es das 200 Jahre später geben würde?“ Ganz im Gegensatz zu meiner erwarteten Reaktion versteift Boris Becker ein wenig und kneift die Augen zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bittet er mich freundlich, die Frage noch einmal zu wiederholen – die sei doch ein wenig lang gewesen und etwas kompliziert.

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Das Geheimnis des Günther Jauch

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Günther Jauch ist überrascht, als ich ihn darauf anspreche, dass ich vor gut 10 oder 11 Jahren fest davon überzeugt war, er wäre Alkoholiker. Zu der Zeit begegnete er mir mindestens viermal täglich im Fernsehen, lud sich sein Getränkewägelchen mit minimal 4 Bierkästen voll, tat gekünstelt so, als ob er auf dem Weg zu seinem Kombi (als ob Günther Jauch einen Kombi fährt!!!) mit Steffi Graf telefoniere (Haben Sie, liebe Leser schon einmal beim Bierkaufen daran gedacht, mit Steffi Graf zu telefonieren? Nein?! Sehen Sie!) und fragte sich und uns am Fernseher am Ende dieser unwürdigen Prozedur immer wieder dieselbe Frage: „Was sollte ich jetzt eigentlich noch einkaufen … nur um eine halbe Stunde später beim Getränkehändler aufzutauchen, sein Wägelchen vollzuladen und so weiter.

Jauch ist perplex und versucht dann, mir irgendetwas von Medienrezeption auseinanderzusetzen, von dem Moderator Günther Jauch und dem Privatmensch Günther Jauch und der Werbefigur Günther Jauch, die es ja auch explizit seit 2011 nicht mehr gebe, denn dies sei das Datum gewesen, an dem der Regenwald in Brasilien gerettet gewesen sei – jedenfalls der Teil, auf den keine WM-Stadien gebaut werden müssten.

Als Starreporter muss man die Celebritys ja auch mal erzählen lassen – selbst, wenn man selbst von den geäußerten Gedanken nichts versteht. Und statt investigativ einzuhaken, lasse ich Herrn Jauch freie Bahn, höre ihm unwidersprochen zu, wie er anschließend etwas vom heiligen See oder heiligen Gral erzählt, den es in Potsdam, seiner Wahlheimatstadt, gebe, vom Kampf seiner Truthahnbestände gegen die Schwarzkopfkrankheit und seiner Vorliebe für den einzigen Roman Winston Churchills, „Savrola“, den er in und auswendig kenne und auch prompt zu rezitieren anfängt:

The night was very still. The soft breeze was not strong enough to stir even the slender palms which rose on all sides, and whose outlines, above the surrounding foliage, framed the starlit sky. The palace stood on high ground, and the garden sloped on the western side towards the sea. At the end of the terrace was a stone seat.

Dieser Roman … ein wahres Meisterwerk! Wenn Sie sich hier ein wenig umschauen, werden Sie merken, dass er mich sogar dazu inspiriert hat, hier auf meinem Weingut gestalterisch tätig zu werden.“ Mit dem typischen Jauch-Lächeln deutet er auf das Ende seiner Terrasse, wo sich ein Objekt befindet, das aus Basalt zu bestehen scheint und mit viel gutem Willen auch als Stuhl/Sessel/Sitzmöbel bezeichnen lässt. Wir schlendern hinab und der Moderator bittet mich, Platz zu nehmen, was ich zunächst bescheiden ablehne, „weil ich mich doch nicht auf etwas Unfertiges setzen kann“, dann aber doch tue, weil Herr Jauch mit strafend anschaut und durch die Zähne murmelt, dass er dieses Projekt als abgeschlossen ansähe.

Alles sei aus einem Stück gehauen, was bei Basalt gar nicht mal so einfach sei und höchster körperlicher Anstrengung bedürfe. Er habe in den 5 Monaten, die er gehauen, geschlagen, geschnitten, geflext, geglättet und gewienert habe, 5 Kilo Muskelmasse gewonnen und besitze jetzt laut Aussage seines Home Trainers genau 6 Kilo insgesamt. Mehrmals habe er sich verletzt, anfangs öfter auch mal die Schutzbrille vergessen und dann beim Reinkommen ins Weingut blutunterlaufene Augen gehabt, was einerseits schmerzhaft gewesen sein, andererseits aber auch einen positiven Nebeneffekt gehabt habe, denn seitdem sei seine Sehkraft so weit gewachsen, dass er sich jetzt überlege, einen lang gehegten Kindheitstraum zu erfüllen und eine Pilotenausbildung bei der Lufthansa anzustreben.

Der Basalt an und für sich sei bekannt für seinen spröden Charakter, was manche Kritiker ja auch ihm vorwürfen, wobei er bei Gebrauch glatt werde durch Abrieb („Der Basalt, nicht ich!“ – ein typischer Jauch). Meine Rückfrage, dass man ihm das gar nicht ansehe, dass er so ein Handwerker, so ein Kraftmeier sei, der einen harten Stein beinahe fanatisch und monatelang bearbeite, schmeichelt ihm, aber dennoch wehrt er ab: „Es geht gar nicht so um Kraft, sondern vielmehr um den Einschnitzwinkel, Einschnitzwinkel gleich Ausschnitzwinkel, Sie verstehen? Aber auch um gewisse Hebelgesetzte, nach denen erfahrene Grabsteinmetze im Nullkommanichts sogar aus unbearbeitetem Platin ein Kreuz gehauen haben. Am meisten geholfen hat mir persönlich Dietmar Reinsch mit seinem Artikel ‚Gesteinskunde‘ im Buch „Steinmetzpraxis. Das Handbuch für die tägliche Arbeit mit Naturwerkstein“. Beim Namen Reinsch muss ich schmunzeln und versuche meinerseits einen Scherz, in dem ich Günther Jauch frage, ob er bei Herrn Reinsch schon einmal angerufen habe und gefragt habe, ob da jemand am Telefon „Reinsch heißt“, aber Jauch schaut mich nur verständnislos an.

Mein Hintern friert mittlerweile ein wenig [dieses Gespräch fand im November 2013 statt] und da der Basalt noch nicht abgerieben ist, stechen mich auch mehrere von Herrn Jauch nur grob abgeschliffene Kanten. „Einen schönen Aschenbecher haben Sie aber hier vorne reingehackt. Ich kann mir das gut vorstellen, wie sie so abends hier sitzen, auf die Weinberge blicken …“ aber Herr Jauch verneint ein wenig angefressen. Er rauche nicht und der „Aschenbecher“ sei vielmehr eine Art Wetterstation, mittels der er zu messen versuche, wie viel Niederschlag auf die Reben geprasselt sei nach einem Schauer.

Zurück zum eigentlichen Thema also: „Herr Jauch, früher haben Sie Bier getrunken, heute besitzen Sie ein Weingut und produzieren edlen Rebensaft. In gewisser Weise befolgen Sie damit den Volksmund, der ja auch immer sagt: Wein auf Bier, das rat ich Dir! Wie kommt’s?“ Endlich lächelt der beliebteste Moderator Deutschlands wieder „Insofern habe ich doch alles richtig gemacht, Herr Cornelius, finden Sie nicht auch? Aber jetzt wird es mir hier draußen ein wenig zu frisch. Hätten Sie Lust auf ein Spaghettieis?“ Er legt seinen rechten Arm fast väterlich um meine Schulter. Überrascht über diese in Prominentenkreisen doch kaum existente Intimität mit einem Reporter drehe ich meinen Kopf in Richtung seiner Hand und erkenne schockiert: Sein rechter Zeigefinger ist eine Prothese. Meinen Blick kommentiert er gelassen: „Ja, stimmt schon, Herr Cornelius. Das Ding ist von einem Goldschmied aus dem Basaltstück hergestellt worden, das ich samt meinem eigenen Fleisch und Blut im August herausgehhauen habe. Das mit der passenden Hautfarbe macht immer meine Maskenbildnerin …“