Das Gespräch mit Matthias Rust …

Von · Hier kommentieren…

… war nicht sehr ergiebig und bestand hauptsächlich aus den in verschiedener Lautstärke geäußerten „Hauen Sie ab!“ und „Verpissen Sie sich, Cornelius!“. Immerhin erreichte ich, dass er mir nach 6-stündigem Beharren, während dem mein Fuß die Tür des  Kremlfliegers einen Spalt breit offen hielt – ganz wie zu Beginn meiner Reporterlaufbahn, nur dass ich jetzt auf Grund einer berufsbedingten  Ganzkörperhornhaut wesentlich schmerzunempfindlicher war als damals – eine Zeichnung durch den Briefschlitz schob, auf der er mir seine Theorie zum Verschwinden von Flug MH370 darzulegen versuchte.

Matthias Rust

Zeichnung: Florian Cornelius

Fernseh gucken mit Helmut Kohl

Von · Hier kommentieren…

Die Einladung kommt überraschend, aber auf der anderen Seite kann man schon verstehen, warum Helmut Kohl so einiges richtigzustellen hat in diesen Tagen. Heribert Schwans Enthüllungsbuch ist auf den Markt gekommen und hat für Wirbel gesorgt ob der Zitate, die er dort erstmals veröffentlicht. Privat heult die gesamte Polit-Elite auf, während öffentlich geschwiegen wird, indem jeder Kommentar vermieden wird. Nach einer 8-stündigen Fahrt mit dem erschlichenen Interrailticket meines Schwippschwagers erreiche ich Oggersheim und benutze die Öffentlichen, um in der Marbacher Straße direkt vorm Bungalow des Exkanzlers auszusteigen. Nach kurzem Geplänkel mit den Sicherheitsleuten sowie einer Taschenkontrolle werde ich von Maike Kohl-Richter freundlich begrüßt und hinein gewunken. Draußen beginnt es zu dunkeln.

Durch Gänge, die ausgekleidet sind mit meterlangen Bruchstücken der Berliner Mauer sowie Fotografien Kohls beim Speisen mit berühmten Menschen von Margaret Thatcher über Ronald Reagan bis hin zu Siegfried und Roy, gelangen wir in das von Schwan als gemeinsamer Arbeitsplatz für die Kohl-Autobiografie so berühmt wie berüchtigt gewordene Kellerzimmer. Kohls Lieblingsort, darauf weist mich Maike („Sie dürfen mich gerne Maike nennen, Maike Kohl-Richter.“) hin. Der Altkanzler sieht erstaunlich gesund aus, rosige Backen, die vor zwei Wochen per einstweiliger Verfügung vom Haus der Geschichte in Bonn zurück erhaltene schwarze Strickjacke mit der er Gorbatschow in der Sauna damals weichgekocht hatte locker über die Schulter gelegt und an den Ärmeln auf Brusthöhe verknotet, wacher Blick, gebügelte Multifunktionshose im Freizeit-Stil. weiterlesen…

Lebensretter von Bernd Lucke

Von · Hier kommentieren…

Bernd Lucke also. Ein Porträt über Bernd Lucke. Über den Mann, der schon im Nachrichtenmagazin der SPIEGEL bis auf die Unterbuchse ausgezogen worden war, Pirouetten gedreht hatte und dennoch weiterhin so wirkte wie ein kleiner, um 300 Prozent biedererer und ebenso uncharismatischer Bruder von Günter Jauch. Ein Sympathieträger für 10 % der Wahlberechtigten und damit in etwa auf demselben Niveau wie Sigmar Gabriel in Thüringen, in der SPD und wahrscheinlich auch in seiner eigenen Familie. Im Vergleich aber mit dem cholerischen Medizinball aus den Reihen der Sozialdemokratie, der wenigstens ab und an auch irgendwie lustige Sprüche rauszuhauen in der Lage ist oder Marietta Slomka zum Schlammcatchen auffordert, fällt Bernd Lucke doch sehr ab.

Und jetzt sollte ich, Florian Cornelius, eigentlich abonniert auf die Stars und Sternchen dieser Welt, jetzt sollte ich, der schon herausragende Interviews und Treffen mit Menschen wie dem Dalai Lama, Roland Koch und Nicole Kidman geführt und abgehalten hatte, jetzt sollte ich also diesen Bernd Lucke nicht nur treffen, sondern auch sprechen, Neues erfahren, Interessantes herauskitzeln und dann in Schriftform bei meinem Auftraggeber einreichen. Ich gebe zu: Normalerweise hätte ich diesen Auftrag abgelehnt, nicht bei der jämmerlichen Bezahlung dieser Schülerzeitung namens „Kuckucksei“, aber was tut man nicht alles für den guten Zweck, Stichwort Iron Bucket Challenge.
weiterlesen…

Wladimir Putin – Connaisseur der Drechselkunst

Von · Hier kommentieren…

„Die Leute denken immer, dass ich ein Kraftmensch bin, jemand, der mit Bären ringt, mit Tigern tollt und im Urlaub Haifische mit den eigenen Händen erwürgt, um sie anschließend mit einem Schweizer Armeemesser auszuweiden und in ihrem Blut und Gedärm zu baden. Was die Leute nicht erkennen ist, dass ich auch eine zarte Seite habe, künstlerisch und historisch interessiert bin … wobei das natürlich nichts mit Schwulsein zu tun hat.“ Eine verblüffendere Gesprächseröffnung hätte Wladimir Putin beim besten Willen nicht wählen können. Der russische Präsident, momentan eher mittelgut angesehen außerhalb Russlands, schaut mir tief in die Augen, ein Lächeln huscht über sein Gesicht, ehe er hinzufügt: „Ich bin kein Monster. Ganz sicher nicht.“
Als Investigativ- und Starjournalist ist mir ein echter Coup gelungen. Eine Privataudienz bei Wladimir Putin im Rahmen seiner Sibirienreise. Vorgestern waren wir noch bei der Eröffnung einer Gaspipeline nach China, jetzt sitzen wir in einer sibirischen Bauernjurte an einem massiven Ebenholztisch mit filigran gearbeiteten Birkenintarsien. Auf dem Tisch drei blank polierte Gläser mit koffeinfreier Cola Zero, eine Karaffe, gefüllt mit Eiswürfeln und Limonenstückchen. Draußen tobt der sibirische Winter, der dieses Jahr früh ist, wie mir der Präsident erklärt hat, als er mir nach dem plötzlichen Eissturm, der uns auf der Wanderung hierhin erwischt hatte, seinen Zobelmantel um die Schultern legte und selbst mit nacktem Oberkörper den herabfallenden unterarmlangen Eiszapfen trotzte. Dennoch, bei aller typisch russischer Gastfreundschaft, darf man als Journalist niemals darauf verzichten, auch einmal Klartext zu sprechen.

„Herr Putin, Wladimir, ich möchte Sie nicht beleidigen, aber ich muss doch auf Ihre angebliche Drohung gegen Herrn Barroso zu sprech …“ „Ach hören Sie doch damit auf, Herr Cornelius. Florian, das wurde alles verkürzt dargestellt, glaube mir …“ Und dann erläutert mir der Ex-Spion, wie das Gespräch wirklich lief. Er und Barroso hätten herum geplaudert, über die Kinder gequatscht, Nichtigkeiten ausgetauscht, „wie geht’s der Katze und solche Sachen.“ Irgendwann sei man auf das Thema Urlaub gekommen, Barroso habe von Portugal vorgeschwärmt, dem Ende des südwestlichen Europas am Cabo de Sao Vicente geschwärmt, wo man erstklassig beim Imbiss „Letzte Bratwurst vor Amerika“ speisen könne. weiterlesen…

Mit Klaus Wowereit in den Neukölln Arcaden

Von · Hier kommentieren…

Neukölln Arcaden, 17:00 Uhr, die Rolltreppe zum Kaufland herunter werden wir neugierig von den im Erdgeschoss stehenden arabisch-stämmigen Migrationsdeutschen betrachtet, die auf ihre shoppenden Freundinnen und Frauen warten oder gerade keinen 24-Stunden-Livestream von Promi Big Brother schauen möchten. Klaus Wowereit kennt das schon, denn er geht hier öfters einkaufen. Die Pfandchampagnerflaschen in seiner überdimensionierten Kauflandtasche aus Plastik klirren fröhlich gegeneinander. Hier kann er ganz so sein, wie er will, behauptet er, als er seinen Pfandzettel an der Informationstheke einlöst. Verständnisvoll brumme ich ein „Hm.“ und nehme mir vor, ihn irgendwann einmal zu fragen, warum er sich mit einer schwarzgetönten Langhaarperücke, einem farbenfrohen Hoodie und einer weit geschnittenen Hiphophose überm Maßanzug getarnt hat. „Das Alexa ist mir zu hässlich irgendwie, das hier ist wirklich und echt gewachsenes Kiezleben. Die Architektur passt sich in die restliche Bebauung ein, sticht nicht heraus, verschwimmt …“ „Vielen Dank, Herr Wowereit, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche“, unterbreche ich ihn „aber wir wollten uns ja heute eigentlich über ein ganz anderes Thema unterhalten.“

„Sie haben Recht, Herr Cornelius, aber wir kommen schon noch auf den Konflikt Israel-Palästina zu sprechen. Schauen Sie hier die Radieschen zum Beispiel! Da könnte ich mich jedes Mal aufregen. Warum muss ich gleich …“ er zählt genau nach, „warum muss ich gleich 29 Radieschen kaufen, wenn ich doch nur zwei brauche? Möhren gibt es doch auch einzeln zu kaufen. Und Zwiebeln und Kartoffeln, wobei ich das bei Kartoffeln ehrlich gesagt nicht verstehe. Oder hier: Salat. Wenn ich mir zu Hause einen Burger braten möchte und ihn schick mit einem Salatblatt mit Lollo Rosso oder so, verzieren möchte, dann kauf ich mir doch keinen ganzen Salatkopf, der dann sinnlos im Salatfach vor sich hin gammelt.“ Wieder muss ich dem Bürgermeister Berlins zustimmen. So habe ich das Problem noch gar nicht gesehen. Eigentlich habe ich dieses Problem noch überhaupt nicht gesehen. Irgendwie zeigt dies aber auch, wie der Mensch Klaus Wowereit so tickt. Er erkennt Probleme, benennt sie und betrachtet sie aus einem völlig neuen Blickwinkel. Du bist Berlin, Klaus Wowereit, denke ich und höre gebannt dem Kurzreferat über Nachhaltigkeit in der Obst- und Gemüseabteilung des Kauflands in den Neukölln Arcaden zu.
weiterlesen…