Udo Jürgens – Jugendjahre in Mexiko

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Nachdem sich die mediale Aufregung um Udo Jürgens Tod am Ufer des Genfer Sees ein wenig gelegt hat, möchte ich als alter Freund und Förderer des großen Chansonniers hier gerne noch von einer Zeit im Leben des jungen Barden erzählen, die bisher in keinem Nachruf erwähnt wurde, die aber hilft, ein besseres Bild über ihn zu erstellen, als es gemeinhin der Fall ist. Man kennt Udo Jürgens als Liedermacher, Womanizer, Bademantelträger und Besitzer eines Flügels, der zu 98 Prozent aus Glas geblasen war. Der Rest waren mundgeklöppelte Elfenbeintasten aus den schwarzen und weißen Stoßzähnen des afrikanischen Waldelefantens (irgendwie musste er als Pianist ja die Tasten auseinander halten können) sowie Schweinedarm, der essentiell war, da es sich im Verlauf des Herstellungsprozesses als unmöglich erwies, Saiten aus Kristallglas zu erstellen.

Wir wissen, dass er als junger Spund eine abenteuerliche Reise durch die USA machte, wo er in Brooklyn James Brown zum Song „Sex Machine“ inspirierte und ganz nebenbei in einem Club die Rapmusik erfand, wofür ihm die Fantastischen Vier, deren Väter damals zufällig vor Ort waren, ewiglich dankbar sind, wie es Smudo in seinem ergreifenden https://www.youtube.com/watch?v=KuI1Hs9NagA zum Tode Udo Jürgens ausdrückte. Was aber die wenigsten wissen: Zwischen September und November 1957 lebte Udo Jürgens in der Nähe von Ciudad Lerdo im mexikanischen Bundesstaat Durango, wo er sich im Rahmen einer Lebenskrise mit diversen Aushilfsjobs herumschlug. Meine Wenigkeit, damals frisch mit der mittleren Reife der Klippschule Hannoversch-Gmünden ausgestattet, traf ihn dort damals 1967 in einer kleinen Cervecita kurz hinter der Grenze.

Warum nur, warum?

Die Zikaden zirpten und alle paar Minuten musste man ein paar zudringliche Ratten, die uns um die Füße strichen, um uns die mit Guacamole bestrichenen Taco-Krümel aus dem Beinhaar zu klauben, mit kräftigen Tritten ans andere Ende der Bar befördern. Udo hatte die Musik aufgegeben und das Trinken angefangen. Seine Musikkarriere in Deutschland ließ und ließ sich einfach nicht an. Gleich drei Singles waren nacheinander gefloppt. Niemand hatte „Schreib mir keinen Brief“, „Warum nur, warum?“ und „Frag nie“, seine selbst intern „Die Trilogie der Negativität“, genannte Serie ernsthafterer Musik gekauft und wenn Udo nicht gemocht wurde, floh er. Dass es an dem vorherrschenden e-Moll in diesen Songs lag, an Textzeilen wie „Es geht echt alles schief, Babe, Deine Nase trieft … schreib mir bitte keinen Brief … wegen der Keime, und hör auch auf zu weinen.“ und dem exaltierten Gesang in Kopfstimme.

Udo war am Boden, eben noch ganz oben, jetzt ganz unten, eben noch ein aufstrebendes Talent in der Musikbranche, jetzt nicht mehr, eben noch Österreicher in Deutschland, jetzt Gastarbeiter mit Migrationshintergrund in Mexiko, der Heimat der Azteken. Ein Griff zur Karaffe und die mit Methylalkohol versetzte Sangriamischung schoss in sein aus der Heimat mitgebrachtes und zu jeder Tages und Nachtzeit wie ein Fanal an seinem Hals baumelndes Krügerl, auf dem seine Initialen „UB“ in Goldintarsien gedruckt waren, die aber schon lange Zeit zuvor ihren Glanz verloren hatten. „Warum nur, warum? Muss alles so sein? Warum nur, warum, bin ich nun so allein?“ Ich versuchte, ihn aufzumuntern, indem ich zu einem meiner Lieblingswitze ansetzte: „Kommt ne Frau zum Arzt …“ aber er schnitt mir mit einer Handbewegung die Worte ab.

Und weil ich damals schon verstand, wann es das beste war, einfach mal nur zu schweigen und mir zudem eingefallen war, dass ich ihm diesen Witz vor 10 Minuten schon einmal erzählt hatte, schwieg ich einfach mal. Udo wollte nicht sprechen, Udo wollte nur meine Gesellschaft. Stille partners in crime, die Zikaden spielten Ihr Lied, der trockene Wind des Hochplateaus pfiff durch jede Ritze dieses maroden Etablissements in Strandnähe. Morgen würde ein harter Tag werden, wenn wir auch sonst nichts wussten, das war uns klar wie ein Kirschwasser.

Probleme beim Bestäuben

Ein Plantagenbesitzer hatte uns angeheuert, als Saisonarbeiter auf seiner Avocado-Farm zu arbeiten. Drei Wochen jeweils 15 Stunden pro Tag inklusive Bereitschaftsdienst. Die Avocadobäume bewässern, sie von Blattläusen reinigen und nebenbei die Blüten zu bestäuben, weil die örtliche Hummel (Bombus Dahlbomii), ein wahres Ungetüm von Hummel, dessen Königinnen gerne auch als fliegende Mäuse bezeichnet wurden, in diesem Jahr nur sehr selten auftraten. Harte Arbeit, Männerarbeit, die auch schon Hemingway in seinem Buch „Der alte Mann und die Hummel“, einer unveröffentlichten Fortsetzung seines Weltbestsellers mit dem Meer, beschrieben hatte. Vor allem das Bestäuben war schwierig, weil sich die weiblichen Avocadoblüten nur morgens öffnen und die männlichen nachmittags aufgehen. So sehen die beiden Geschlechter sich praktisch nie, was bei Menschen zugegebenermaßen auch oft nicht die schlechtesten Beziehungen ergibt.

Während mir die Botanik weitestgehend egal war, hatte Udo schon am ersten Tag, als wir auf der Ladefläche eines verrosteten Pick-ups durch einen staubigen von toten Kojoten gesäumten Feldweg rasten erkannt, dass wir es mit einer „Monokultur des Hasses“ (O-Ton) zu tun hatten. Zuerst hatte ich diese Bemerkung auf seine momentane Laune geschoben, doch dann hatte er erklärt, dass hier ausschließlich Hass wüchse, das gefalle ihm, denn „diese Sorte ist meine Lieblingsavocado-Art.“ So verbrachten wir unsere Tage in vollgeschwitzten weißen Unterhemden, lutschten uns ab und an das Gift von uns attackierenden Klapperschlangen aus den Bisswunden und ließen den Tag vergehen.

Die große Chance

Das Heimweh nahm Überhand und so kam uns das Angebot von Pedro, unserem Supervisor und Vorarbeiter sehr entgegen, der uns Extraschichten anbot. Die Früchte wurden und wurden einfach nicht reif, fielen nicht vom Baum, wie es sonst üblich war, weswegen wir nun angehalten wurden, sie direkt vom Baum zu pflücken und einer Spezialbehandlung zu unterziehen, damit sie auch unreif weiterverkauft werden konnten. In Mexiko nennt man diese Methode „Quebratar los aguaccates“. Und so waren wir nun offiziell als „Avocado-Zerklopper“ angestellt und kamen unser Heimreise per Avocado-Frachter Richtung Europa immer näher. Von Früh bis spät zermalmten wir steinharte Früchte, um den Endverbrauchern Reife vorzutäuschen. Unsere Fäuste waren übersät mit blauen Flecken und so manche Frucht, die der kleine Mann im Supermarkt in Deutschland in seinen Einkaufswagen gelegt hat, wird auch Blut von Udo Jürgens Händen auf Ihrer schuppigen Schale des Hasses getragen haben.

Nach drei Wochen war der Tag gekommen, wir bestiegen eine mehr recht als schlecht zusammengeflickte Dschunke, die bis unter die Reling mit Avocados beladen war. Wir betteten uns auf Avocados, wir ernährten uns von Avocados und wir spielten auf dem Vorderdeck Boccia mit Avocados (ein Kern diente als Schweinchen). Udo freundete sich mit dem Schiffshund, einem klapprigen Golden Retriever namens Poquito an und begann damit, neue Songtexte zu entwickeln und auf einem aus verschieden reifen Avocados selbst zusammengebastelten Xylofon Melodien zu komponieren. Dass aus einer Ode an Poquito dann einer von Udos größten Hits werden sollte, damit hätte er damals wohl selbst nicht gerechnet. Aber wie sagte er später einmal zu mir, als ich ihn nach einem seiner Konzerte in der Künstlergarderobe antraf, wo er noch im Bademantel eine Avocado auslöffelte: „Life is life.“

Udo Jürgens, mein Freund, ist von uns gegangen. Möge er ruhen in Frieden auf seinem himmlischen Bett aus Avocados.

Hans-Olaf Henkel weint Eiswürfel

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Ein seltsamer Ort für ein Interview, aber als investigativer Reporter hat man keine Wahl, wenn Hans-Olaf Henkel zum Gespräch bittet. Überhaupt hat man selten eine Wahl, wenn sich Hans-Olaf Henkel irgendetwas in den Kopf gesetzt hat, wobei man, wenn man ehrlich ist nicht weiß, wohin dieser Mann all diese Dinge, die er sich in den Kopf gesetzt hat tut, wenn er sie mal nicht mehr braucht. Wahrscheinlich sieht es in Hans-Olaf Henkels Kopf ein bisschen so aus wie in den Messie-Wohnungen, die Vera Int-Veen für RTL immer ausgemistet hat – in der einen Ecke diverse Schiffscontainerladungen sozialer Kälte, im Keller seine Gedanken zum Mehrheitswahlrecht, auf dem Speicher ein noch nicht ausgepacktes Päckchen gefüllt mit vergammelten Menschenrechten und im Schlafzimmer … aber da wollen wir lieber gar nicht reinschauen.

Die Haustüre öffnet sich mit einem Buzzer, wie es bei Arztpraxen so üblich ist und schon bald stehe ich nebst meines Reportergeräts, das ich immer in meiner Herrenhandtasche bei mir trage, vorm ehemaligen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, dem ehemaligen Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft (nur echt mit 52 Zacken), dem ehemaligen Berater der Bank of America, dem ehemaligen Aufsichtsrat von Bayer, Continental, Daimler Luft- und Raumfahrt, SMS GmbH, Ringier und Heliad Equity Partners und aktuellen Vizesprecher der duften Protestpartei AFD. Ein Hauch der Geschichte umweht Herrn Henkel, einen Meister des Ehemaligen, aber es kann auch nur das Dunstgemisch aus herausgespültem Ohrenschmalz und abgestandenem Wartezimmerschweiß sein, der in meine Nase dringt.

Gutmütig lächelnd bittet mich Henkel in die Praxisräume der HNO-Praxis, in die er mich zum Interview bestellt hat. „Herr Henkel, warum ausgerechnet diese Räumlichkeiten?“ „Nun … haben Sie die Kamera angeschaltet?“ „Nein, ich hatte Ihnen doch gesagt, dass es um eine Homestory für das ‚Goldene Blatt‚ geht …“ „und da gibt es nicht so was wie beim Spiegel oder der Bild mit schlecht bezahlten Praktikanten, die Videos drehen müssen, für die dann die Homepage-Besucher sobald das Geld im Kasten klingt, das Videofenster aufpoppt?“ „Sie meinen Paid Content, Herr Henkel.“ „Oder so.“ „Nein.“ „Nun dann, wo sind meine Mitdiskutanten?“

Nach einer weiteren Viertelstunde, in der ich Herrn Henkel erkläre, dass ich lediglich Starreporter bzw. Starjournalist und nicht Startalkshowhost wie meine Kollegen Jauch, Ilgner oder Platschberg bin, während wir uns zwischenzeitlich beide gelangweilt im Wartezimmer Ausgaben des Sterns aus Zeiten der SPIEGEL-Affäre durchgeblättert haben und am Empfang einen Kaffee genehmigt haben, ist endlich alles geklärt. Das Interview kann beginnen; ich wiederhole meine Einstiegsfrage, öffne eine der Schubladen in einem Behandlungszimmer und schaue mir interessiert diverse Gerätschaften zur Ohrreinigung: „Warum gerade dieser Treffpunkt, Herr Henkel?“

„Weil es sich mit den HNO-Ärzten genau wie mit der AFD verhält.“ Mein erstaunter Gesichtsausdruck sowie meine Nachfrage verblüffen ihn nicht. „Ihr erstaunter Gesichtsausdruck und Ihre Nachfrage verblüffen mich nicht“, konstatiert er, ehe er mit einer länglichen Erklärung beginnt. Es sei doch ungerecht, dass es für jedes Wehwehchen einen eigenen Arzt gebe, es gebe den Anästhesist, den Chirurgen, den Orthopäden, die alle Ihr exakt abgemessenes Behandlungsgebiet hätten, Neurologen, Psychiater, Nephrologen, ja sogar Frauenärzte (wobei er es ja immer noch erstaunlich fände, dass es keinen reinen Männerarzt gebe, aber das sei wohl der seit Urzeiten grassierende Genderwahnsinn), aber all diese Ärzte hätten eines gemein: Ein Organ oder einen Körperbereich, um den sie sich kümmerten.

Nur der arme HNO-Arzt müsse sich um gleich drei Dinge auf einmal kümmern – das ginge nun wirklich nicht. Hals, Nase und Ohren seien zwar in der Relation kleiner als der Darm, aber allein schon durch ihre exponentierte Stellung im stets sichtbaren Gesichtsbereich doch wohl wesentlich wichtiger. „Wir sind das Volk!“ ergänze ich pflichtschuldigst und ernte ein zufriedenes Nicken Hans-Olaf Henkels. Wie ein guter Vater streicht er mir übers Haupthaar und lächelt. „Sehen Sie, und so ist die AFD in der Parteienlandschaft auch die einzige Partei, die sich gleich um mehrere Dinge gleichzeitig kümmern muss: die Abschaffung des Euro, die Abschaffung der Migrationspolitik, die nur noch weitere Deutsche mit Migrationshintergrund schaffe und den Umweltschutz mittels Wiedereinführung der Kernkraft. Ganz unter uns gesagt, Herr Cornelius: Wir sind auch die einzige Partei, die 3 Buchstaben hat …“ „… aber die CDU, die SPD und die …“ „… lassen Sie mich aussprechen: die einzige Partei, die 3 Buchstaben hat und nicht von den Mainstreammedien und der Schweinepresse ferngelenkt ist.“

„Mainstreammmedien …“ ich komme ins Sinnieren über die Schönheit dieses Wortes, das meinen Lieblingsbuchstaben „M“ gleich dreimal enthält, zweimal sogar direkt hintereinander. Und dann wird es doch nicht schnell gesprochen wie in „Kommunalpolitik“, „Hundekamm“ oder „Bummsfallera“, einem meiner lieblingsonomatopoetischen Wörter. Aber ich schweife ab. Und auch wenn Abschweifungen von Starjournalisten ab und an durchaus ihren Reiz haben, erfordert eine Begegnung mit Hans-Olaf Henkel doch Konzentration und kein Abschweifen, wie ich an den heruntergezogenen Mundwinkeln meines Gesprächspartners merke.

„Und die anderen Parteien sind also Ein-Themen-Parteien, Herr Henkel?“ Er schüttelt verneinend seinen Kopf, so dass das schüttere Haupthaar ein wenig unordentlich zum Liegen kommt. „Sie sind Kein-Themen-Parteien, sondern abgehoben und hören einfach nicht auf den kleinen Mann auf der Straße!“ „Aber Herr Henkel! Haben Sie in Ihrer langen Laufbahn der Ehemaligkeit denn jemals auf den kleinen Mann auf der Straße gehört?“ Jetzt muss er wieder lächeln, Hans-Olaf Henkel, gleichzeitig wirkt er nachdenklich, als er die nächste Aussage trifft: „Stimmt, aber damals hatte ich ja auch eine halbwegs angesehene Karriere …“ Er stockt und ein Eiswürfel rollt aus seinen Augenwinkel Richtung Revers. Und noch einer. Und ein dritter.

Jetzt ist es an mir, Väterlichkeit zu zeigen. Behände lege ich Hans-Olaf Henkel meinen rechten Arm um die Schulter, tröste ihn, nachdem er mir schriftlich in einem Vertragswerk über drei Seiten, das er aus seiner Jacketttasche gezogen hat, die Erlaubnis dazu erteilt hat, sag ihm, dass ich ihn ja verstehe, während er weiter schluchzt und über die Nulpen, Nieten und Nazis in Nadelstreifen, aber auch in H&M-Outfits, Jogginganzügen, Winterjacken von Jack Wolfskin und anderen Kleidungsstücken in Dresden herumstiefelnden PEGIDA-Leute abhetzt. „Allein die Abkürzung schon! Das klingt ja wie eine schlecht gecastete Mädelsband, bei der die Macher zu blöd sind, sich einen vernünftigen Namen auszudenken und stattdessen die Initialen der Gründungsmitglieder aneinanderklatschen …“ „… und dann auch noch ‚Wir sind das Volk‘ skandieren!“ „Und dann sind in der Führungsebene ja auch noch lauter Kriminelle, Herr Henkel“, pflichte ich ihm pflichtschuldigst bei.

Doch ruft diese meine Aussage bei meinem Gesprächspartner nur ein kaltes Kopfschütteln hervor. Verständnislos erklärt mir Henkel, dass er das Interview hiermit gerne beenden würde.

Mit Bruce Willis im „Halben Hoden“

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Für das Magazin „Eltern“ sprach Florian Cornelius mit dem berühmten Hollywoodstar Bruce Willis. Leider lehnte das Magazin den gelieferten Beitrag ab, weswegen er nun hier auf ulmen.tv in der Reihe Promispaziergänge erscheint.

Ich treffe Bruce Willis in seiner Heimatstadt Idar-Oberstein, wo wir im Restaurant „Das Spießbratenhaus“ zur Mittagszeit speisen. Bruce Willis, in den USA und weltweit so bekannt wie der deutsche Bruce Willis, Heino Ferch, in Deutschland, also in gewisser Weise so etwas wie der US-amerikanische Heino Ferch, wirkt entspannt, wie er so über seinem Emaille-Teller lungert und sich einen gefüllten Klops „Oma Inge“ einverleibt. Ironischerweise habe ich mir von meinen mageren Eltern-Spesen nur den Füllselteller „Opa Harald“ leisten können, aber auch egal, denn beiden Gerichten ist etwas eigen, das zum Thema dieses Gesprächs gehört wie Oma und Opa: die Familie.

Die Kellnerin sieht etwas mitgenommen aus, das Fachwerk, das kreuz und quer in den Gastraum ragt, scheint einem kranken Architektengehirn entsprungen, aber nicht ich habe diesen Treffpunkt ausgewählt, sondern der Hollywoodstar himself, der hier (nur nicht in Recklinghausen), ganz ähnlich wie Hape Kerkeling, der deutsche Hape Kerkeling, einen Großteil seiner Kindheit verbracht haben möchte. Der Vater Verteidigungsminister, die Mutter Showgirl, blieb es an Inge Schulziger, der damaligen Pächterin dieser Schenke, den kleinen Bruce zu beschäftigen.

Spießbraten-Laufen

Und der war nur allzu gerne bereit dazu, sich nützlich zu machen, den Aufzug zu reparieren und, Bruce Willis schmunzelt, den ein oder anderen unangenehmen Gast, vom Dachrist herunterzuwerfen, wie er in erstaunlich gutem Deutsch zu erzählen weiß: „Und dann gab es in der nächsten Woche wieder überraschend ein Spießbraten-All-You-can-Eat-Special …“ „Herr Willis, Bruce, rückblickend betrachtet: Hat Ihnen diese Kinderarbeit geschadet?“ Bruce Willis zieht die Glatze zusammen und wackelt rhythmisch mit den Augenbrauen, als denke er nach oder als jucke es ihn irgendwo unangenehm. Ich bohre nach.

„Mittlerweile sind Sie ja selber Vater von fünf Kindern, also drei von Demi Moore und 2 von Ihrer neuen Frau, Emma Heming. Arbeiten Ihre Kinder bzw. haben Ihre Töchter, die sind ja jetzt schon etwas älter und im arbeitsfähigen Alter, gearbeitet, als sie klein waren.“

Jetzt grinst Bruce Willis wieder sein Bruce-Willis-Yippie-Ei-Yeah-Schweinebacke-Grinsen und beginnt zu reden, während er, US-Amerikaner wie er ist, Omas Kloß im Mund hin und her schiebt wie einen Kaugummi. „Bei Rumer, Scout LaRue und Tallulah Belle war es meistens so …“ und im selben Moment, als Bruce Willis die Namen seiner ersten drei Töchter ausgesprochen hat, geht es mir wie diesem einen Physiker, der unterm Baum saß und dem dann ein Apfel auf den Kopf fiel, woraufhin er die Schwerkraft erfand. Ein absolutes Heureka-Erlebnis. Wieso wird Heino Ferch als der deutsche Bruce Willis bezeichnet, wenn doch eigentlich Uwe Ochsenknecht einen Tick brucewillisiger ist. Jimi Blue, Wilson Gonzalez und Cheyenne Savannah schlagen, wenn auch knapp, eine namenlose erste Tochter Ferchs aus einer früheren Beziehung, die kleine Ava Vittoria Mercedés und den letztgeborenen süßen Gustav Theo Cian.

Wilson Gonzalez Willis

Während Bruce Willis vom Für und Wider der Kinderarbeit berichtet, erträume ich mir eine Ehe zwischen Cheyenne Savannah und Gustav Theo Cian, stelle mir den Standesbeamten vor, wie er die Trauung vornimmt oder einen Wilson Gonzalez, der aus Liebe zu seiner Scout LaRue den Familiennamen Ochsenknecht gegen ein „Willis“ eintauscht und damit dann auch kurze Zeit später den avisierten Durchbruch in der Stadt der Engel schafft. „… und deshalb meine ich, dass man bei der Erziehung auch konsequent sein muss. Ich als Schauspieler arbeite viel damit, dass ich mir Rollenvorbilder anschaue, versuche, mich in diese hineinzuversetzen.“

„Erst letztens wollte mein Kind ums Verplatzen nicht damit aufhören, auf meinem Tablet Computer zu spielen. Nachdem ich also meine 3-Jährige, Mabel Ray, mehrfach ermahnt habe …“ „… warum ein so konservativer Name?“ „?“ „Schon gut, Herr Willis.“ „Sie wollte also nicht aufhören. Und wissen Sie, wie ich die Situation gelöst habe? Kurze Bildersuche auf meinem Smartphone mit den Suchbegriffen „Computer“ und „Nerd“ und dann meine Frage an das Kind, ob es mal sehen wolle, was aus Menschen werde, die nicht mit dem Computerspielen aufhören wollten. Sie glauben gar nicht, wie schnell das Kind das Tablet weggelegt und wie eifrig es dann mit mir „Stirb Langsam 3“ nachgespielt hat. Wir haben da zu Hause so einen privaten Themenpark, sie verstehen, wo wir alle relevanten Szenen nachspielen können. Und Samuel L. Jackson wurde dann halt von ihrem Kuscheltier Muffi, der Katze, dargestellt und von mir synchronisiert.“

In der Bar „Zum halben Hoden“


Ich nicke, mache mir von Zeit zu Zeit Notizen und verzehre mein Gefüllsel, während die Tochter von Oma Inge, Oma Inge Junior, geschäftig mit einer Mückenklatsche versucht, Autogrammjäger abzuwehren und nebenbei eine lustig herumtollende Familie von Wolfsspinnen platt zu schlagen. Bruce Willis lehnt sich zurück, zeigt erneut ein breites Grinsen und auch, dass sein rechter Schneidezahn zu acht Neunteln von einem Beilagensalatblatt verdeckt wird. „Haben Sie noch Fragen, Cornelius? Oder sollen wir hier um die Ecke noch mitkommen in meine Lieblingsbar ‚Zum halben Hoden‘?“ Zunächst lehne ich ab, aber wer kann einem Star aus Hollywood schon solch eine Einladung abschlagen.

Im „Halben Hoden“ werden wir schon freudig von ein paar alten Freunden des Schauspielers erwartet. Schwarzlicht lässt die 80er Jahre wieder aufleben, die Bar ist aus silbernen Metallteilen konstruiert und ein Stroboskop wirft eindrucksvolle Lichteffekte an Decken und Wände. Ich tanze, ich tanze als erster, ich tanze immer weiter und denke an meine Kindheit in Brandenburg, die Arbeit im Kohletagebau, die Draisinen voller Braunkohle, die Stollen voller Mitschüler, das mitgebrachte Käsebrot verrußt und eigentlich ungenießbar, der Gestank nach dem Öl der Maschinen und dieses Dröhnen der riesigen Bagger, deren Förderkrallen wir immer wieder ausweichen mussten, wenn sie unsere heimlich gegrabenen Röhren in Sekundenschnelle zermalmten, Dir das Glück einen guten Tag schenkte, wenn Du nur einen Kameraden verlorst und nicht zwei und abends gegen 23 Uhr nach Hause kamst, nur um 3 Stunden Schlaf später wieder über Tage einzugraben.

Ich tanze, tanze, tanze, tanze auch noch als Letzter, als mir Bruce Willis nach 5 Minuten endlich auf die Schulter tippt und mich fragt, ob mir schlecht sei und mir eine Zigarette anbietet. Er habe mich beobachtet und ein ungutes Gefühl. Ob alles in Ordnung sei. Und ich falle ihm um den Hals, umarme ihn und wünsche mir, ich hätte damals in der Lausitz Bruce Willis an meiner Seite gehabt. Wer weiß, was aus uns geworden wäre? Und genau das sage ich ihm auch ins Gesicht und während er zum nächsten Grinsen ansetzt, sehe ich, dass das kleine Stückchen Salatblatt immer noch seinen Schneidezahn verdeckt und weiß in diesem Moment, dass es alles nichts geholfen hätte.

Mein Freund Herbert Grönemeyer

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Herbert Grönemeyer atmet erst mal durch, als ich den Raum betrete und mein Kollege von der FAZ langsam Richtung Fahrstuhl des Hotel du Rome verschwindet. Dann huscht ein süffisantes Grinsen über sein Gesicht, sein Blick richtet sich auf meine obere Körpermitte: „Na, Cornelius, altes Haus, wie machst Du das eigentlich, selbst in Zeiten eines Russland-Embargos immer noch an diese Schokoladenbutter ranzukommen …“ Auf meinen spielerisch angefressenen Gesichtsausdruck reagiert er mit einem herzlichen Lachen und fragt mich, ob ich denn wenigstens eines der Seelachs-Schnittchen im Grill Royal abbekommen hätte. Der Kollege eben sei leider leer ausgegangen, habe er erzählt.

„Die Leute beschweren sich aber auch dauernd jetzt“, gebe ich schlagfertig zurück und ernte den Beifall meines alten Freundes aus Studientagen an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Neger für diesen Schlechtwitz. „Was haben wir uns damals immer nur für tolle Flachwitze um die Ohren gehauen, wenn wir zusammen MTV geguckt haben, was?“ Herbert Grönemeyer hält sich vor Lachen den Bauch, der im Vergleich zu meinem eigenen auch nicht von schlechten Eltern ist. Aber von vorne.
Ruhr-Universität Bochum. Die wilden 70er. An jeder Ecke qualmt ein Langhaariger mit den Fabrikschloten um die Wette, Flokatifrisuren und schwarze abgewetzte Lederjacken, VW-Busse mit Sonnenblumen im Haar, Diskussionen im ASTA und jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden bei der RAF kennt. Und mitten drin Herbert und ich. Herbert noch nicht der langsam kahler werdende Mittfünfziger von heute, sondern mit schwarzer Mähne, rotem Stirnband und einem überdimensionalen Muttermal rund ums rechte Auge. Wir nannten ihn Panda, er nannte uns anfangs „Arschlöcher“, bis wir in einer Vorlesung von Henry Marcuse die zweite Hälfte, also 45 Minuten, in der Ecke stehen mussten, weil wir die Vorlesung durch ungebührliches Verhalten gestört hatten.

„Willst Du dauernd jetzt besoffen sein?“

„Herbert, ich habe das Gefühl, dass Dein neues Album schon im Titel auf die alten Zeiten anspielt. Erinnerst Du Dich an damals, also jetzt?“ „Wie meinst Du das genau, Flori?“ Herberts Masche schon damals. Eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten. Seine Lieblingsantwort: „Warum nicht?“ „Naja, wie gesagt der Titel und dann Songs wie ‚Ich fick mich durch‘ oder ‚Morden‘ … das sind Wörter, die wir damals auch ständig gebraucht haben, oder ist Dir das unbewusst so geraten?“ Herbert schmunzelt ein wenig: „Und ‚Dauernd jetzt‘ jetzt? Was ist da die Anspielung Deiner Meinung nach?“ Ich stutze, weil Herbert eigentlich ein Elefantengedächtnis hat wie Dr. Helmut Kohl. Wie konnte er das nur vergessen?
Lang und breit erkläre ich ihm , wie oft er die Wortkombination „Dauernd jetzt“ damals benutzt hat, wie er mich anblaffte, als meine sandinistische Freundin vorübergehend für 3 Jahre bei uns einzog („Soll die dauernd jetzt bei uns wohnen? Wir haben nur 1 Zimmer, das wir uns teilen, Flori!“), wie er mich in einer meiner schlechteren Phasen aus dem Abgleiten in den Alkoholismus bewahrte („Willst Du dauernd jetzt besoffen sein, oder was? Was soll das?!“) und wie er sich aufregte, dass die Bildzeitung „dauernd hetzt“ – letzteres vielleicht nicht ganz so ein gutes Beispiel, aber immerhin ist da ja auch nur ein Buchstabe anders. Und je mehr ich erzähle, desto wissender nickt Herbert. Jetzt hat er wieder alles vor sich als wäre es gestern gewesen, das spüre ich instinktiv, als er wieder zu sprechen ansetzt.

„Es heißt nicht ‚Ich fick mich durch‘!“ „Aber es klingt so!“

„Nein.“ Er schüttelt den Kopf wie Joe Cocker bei „With a little help from my friends“. Dass ihm dieses ganze „Ruminterpretiere tierisch auf den Sack“ gehe, dass „Dauernd jetzt“ dann ja eigentlich „Dauernd breit“ hätte heißen müssen (Meinen Einwand, dass das eher nach JBO klinge, ignoriert er völlig.) und überhaupt, wie ich als vermeintlicher Starjournalist denn dazu komme, die Titel seiner neuen Songs falsch zu zitieren. „Es heißt nicht ‚Ich fick mich durch‘!“ „Aber es klingt so“, werfe ich reaktionsschnell ein und stehe kurz vor einer Backpfeife von Deutschlands größten Popstar, der es aber bei einem „Fick Dich selber“ belässt. Und „Morden“ hieße übrigens „Morgen“, ob ich denn was an den Ohren hätte oder wieder zu viel saufe auf meinen „Schickimicki-Events“ bei der Bunte, der Gala oder der Tussi oder wie die ganzen Scheißblätter denn hießen.
Das kann ich so nicht stehen lassen, gerade nicht nach einer Albumvorstellung im Grill Royal. „Für die Journalisten Schnittchen und der feine Herr lässt sich backstage Filetsteak mit Sauce Béarnaise servieren! Ausgerechnet Du regst Dich hier über meine Profession auf.“ Langsam gerate ich echt in Fahrt, doch Herbert, mein Freund Herbert Grönemeyer, reagiert deeskalierend, greift zum Zimmertelefon und ordert zwei Steaks. Als wenig später der Page eintritt und auf seinem platinierten Servierwagen mit luftgepolsterten Pirellireifen das Essen aufträgt, ist meine Wut verdampft, erst recht, als Herbert kurze Zeit später noch einmal in der Küche durchklingelt und keine fünf Minuten darauf ein mit Goldflocken beträufeltes Spaghettieis in XXL von zwei livrierten Paginnen hineingetragen wird.

Herbert Grönemeyer, Campino und der Mars

„Hau rein, Cornelius! Ich vergess doch nicht die alten Zeiten. Und vielleicht hast Du ja auch ein bisschen recht, dass ‚Dauernd jetzt‘ einige Remini …, Remisi …, Reminist …, Remininszenzen an die Zeit damals enthält. Aber das Wichtige ist doch, dass Du und ich, dass wir hier jetzt und hier und jetzt, gemeinsam sitzen … und Freunde sind. Auch, wenn Du immer noch wie ein Schwein frisst, altes Haus.“ Ich lächle, während mir ein aus Spucke und Erdbeersoße bestehender Faden aus dem linken Mundwinkel auf den edlen Perserteppich tropft und mir vor Rührung eine Träne die linke Wange hinunter läuft.
„Ganz andere Frage, Herbert.“ Während ich versuche, mit der Zunge ein besonders großes Goldplättchen aus meiner Backentasche zu puhlen und darüber nachdenke, wie viel Karat mein nächster Stuhlgang hat, möchte ich noch irgendwie meine nächste Frage loswerden. Gar nicht so einfach, selbst für ein Schlachtross von Starjournalist wie mich, so viel Multitasking auf einmal zu betreiben. Bleibt das Gold halt in der Backe, denke ich und durch meine zuckende Lefze nuschele ich die Fragen „Warum hast Du nicht bei diesem Weihnachtssong gegen Ebola mitgemacht? Hat Campino Dich nicht angerufen oder was?“ in Richtung Herbert.
Gelangweilt steckt sich Herbert Grönemeyer seinen linken kleinen Finger ins rechte Ohr, wie er es damals auch immer machte, wenn eine ASTA-Sitzung zu lange dauerte. „Willst Du eine ehrliche Antwort oder eine geheuchelte?“ Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich für eine der beiden Varianten …
Das vollständige Interview inklusive weiterer interessanter Tatsachen zur Entstehung des neuen Albums, die enge Zusammenarbeit mit dem Produzententeam des Sommerhits „Samba de Janeiro“ sowie Herbert Grönemeyers Meinung zu den Vorteilen pasteurisierter Lebensmittel auf einer noch zu errichtenden Mars-Station können Sie in der Januar-Ausgabe des Rolling Stone nachlesen, in der Florian Cornelius ab Januar vierteljährlich berühmte Musiker und popkulturell interessante Megastars besuchen wird.

Roland Emmerichs Probleme mit seinem neuen Godzilla-Projekt

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Schwabenspielberg. Ohne, dass dieses Wort erwähnt wird, darf in Deutschland kein Artikel über Roland Emmerich, Regisseur von Meisterwerken wie „Anonymous“ (mit Ralph Fiennes), „Krieg der Welten“ (Will Smith) oder „Godzilla“, abgedruckt werden. Das haben die Mainstream-Medien (Ken Jebsen) irgendwo im Hinterzimmer entschieden – und so habe ich mich ebenfalls dazu entschieden, diesen Artikel sogar mit diesem Begriff zu beginnen. Und genau diesen Regisseur von der berühmten Filmhochschule in Stuttgart treffe ich heute, um mit ihm über die gerade begonnenen Dreharbeiten zu seinem neuen Film in Babelsberg zu sprechen. Und dieser Film hat, womit keiner gerechnet hat, gerade einen völlig unerwarteten Zeitbezug gewonnen, handelt es sich doch um einen der berühmten „Vs-Filme“.
Filme, in denen Gut gegen Böse kämpfen, gibt es wie Sand am Meer, so wie es Sand am Meer so viel gibt wie Sand am Meer, vorausgesetzt, man lässt Kieselsteinstrände außen vor. Rocky Balboa kämpft gegen Drago und Co. James Bond gegen Blofeld oder Männer mit drei Brustwarzen und Til Schweiger gegen Keinohrhasen, aber diesen Filmen mangelt es an der Umsetzung dieser Kämpfe schon im Titel. Anders hingegen Roland Emmerichs neues Werk, dass das „versus“ als zentralen Bestandteil des Namens trägt. Wir treffen uns ganz entspannt im Plenarsaal des neues alten Schlosses in Potsdam, wo wir durch gute Kontakte Emmerichs auch köstlich mit den Überresten eines reichhaltigen Buffets vom vorabendlichen Empfang verköstigt werden.

Das „Kufladen-Paradox“

„Herr Emmerich, eigentlich wollte ich heute mit Ihnen völlig wertfrei über Hollywood, ‚Krieg der Welten II‘ und den Drehort Babelsberg mit Ihnen sprechen, aber dann habe ich doch noch mal in die Pressemappe geschaut und zwei Dinge festgestellt: Erstens: Dass Ihr neuer Film wohl Ihr erster wirklich politischer Film ist und zweitens, aber das hat nicht direkt was mit Ihrem Film zu tun, dass die beiden Worte ‚Kaufladen‘ und ‚Kuhfladen‘ identisch sind, wenn man jeweils einen Buchstaben streicht. Erstaunlich, nicht wahr?“
Roland Emmerich grübelt zunächst und stimmt mir dann zu, dass beide Feststellungen wohl zutreffen, wobei „Independence Day“ schon auch politisch gewesen sei, schließlich habe der amerikanische Präsident dort eine große Rolle beim Zurückschlagen der Aliens gespielt, was ja doch gesellschaftsrelevant sei. Ich tue so, als sage mir der Name „Independence Day“ irgendetwas und beschließe, in naher Zukunft mal in einer Bibliothek ein Lexikon zu konsultieren, um mich näher zu informieren. Dennoch liegt mir das aktuelle Filmprojekt mit Leonardo di Caprio, Colin Farrell, Mark Wahlberg und Brad Pitt näher, als die „Kufladen“-Frage, weswegen ich ihn auch direkt darauf anspreche.
„Herr Emmerich, Ihr neuer Film ist einer der, wie die Filmwissenschaftler sagen, ‚Vs-Filme‘. Was hat Sie dazu bewegt und wie kam es gerade zu diesen beiden Gegnern?“

„Jeder vs. Jeden“

Emmerichs Augen glänzen. Er startet ein einmaliges und anschauliches Kurzseminar zum Thema, erwähnt Filme wie „Batman vs. Superman“, „Theo gegen den Rest der Welt“, „Lola gegen den Rest der Welt“, „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ sowie „Batman vs. Superman“ und kommt dann schließlich zu seinem neuen Projekt, nicht um vorher noch seine Faszination für das Ungeheuer Godzilla zu erwähnen, der Monsterechse aus Japan, der er ja auch schon in einem ersten eigenen Remake huldigen durfte.
„Ich habe lange überlegt, wie der Ansatz zu einem neuen Godzilla-Film aussehen könnte. Godzilla hatte schon so viele Gegner, „Godzilla vs. Baragon“, „Godzilla vs. Gamera“, „Godzilla vs. Megaguirus”, „Godzilla vs. Destoroyah”, „Godzilla vs. Mothra“, „Godzilla vs. Battra“ … und bei mir wars dann nur „Godzilla vs. Matthew Broderick“. Kurz gesagt: Godzilla brauchte einen neuen Gegner. Möglichst genauso zerstörerisch, genauso hohl wie ein Godzillakostüm, bevor ein Puppenspieler hineinsteigt und mindestens genauso hässlich. Eine echte Gefahr, der die Polizei machtlos gegenüber steht. Das waren meine Gedanken. Naja, und dann ist das alles irgendwie aus dem Ruder gelaufen.“
Traurig erzählt er von dem so schrecklich schief gegangenen Casting in Köln am Hauptbahnhof, von den Schwierigkeiten, in Hamburg erneut Darsteller anzuwerben und dem geplatzten Versuch, Anfang November am Pariser Platz einen erneuten Versuch zu unternehmen. „So viele Probleme hatte ich noch nie bei der Arbeit an einem Film. So wie es jetzt aussieht, werde ich einige Millionen mehr in die CGI-Effekte investieren müssen, als das Studio eingeplant hatte.“

„Hooligans vs. Godzilla“

Seine filmische Vision sei ihm aber wichtiger, weswegen er auch bereit sei, selber ins Risiko zu gehen. Aber er werde sich nicht entmutigen lassen und sei sicher, dass „Hooligans vs. Godzilla“ ein echter Kassenerfolg werde. „Godzilla hat immer zuerst gekämpft, von daher ist es jetzt einmal andersrum. Aus dem übrig gebliebenen Ei aus meinem ersten Film ist ein Godzilla geworden, der unter den Trümmern diverser U-Bahn-Tunnel begraben wurde, aber dennoch weiter gewachsen ist. Durch den Einsturz des New Yorker Stadtarchivs nun wird dieser Drache befreit und eine Gruppe Hooligans versucht, dem Problem dieses Drachens Herr zu werden. Das ist die Synopsis.“
Die Geldgeber hätten zunächst den Kopf geschüttelt und vorgeschlagen, doch entweder einen Hooligan-Film oder aber einen Monsterfilm zu drehen, aber er habe abgelehnt – wegen der „Vs“-Idee. „Hooligans vs. Salafisten“ sei ihm zu absurd erschienen, kurzzeitig habe er mit dem Gedanken eines Lehrfilms mit dem Titel „Hooligans gegen Bei-Rot-über-die Ampel-Laufen“ oder einem Sozialdrama mit Handlungsort Neukölln und dem Titel „Hooligans gegen Veganismus“ gespielt, aber das sei ihm alles zu unrealistisch erschienen und nach langem Ringen habe er die deutsche Filmförderung dazu gewinnen können, seinen Film zu finanzieren, wenn denn sichergestellt sei, dass Iris Berben die erste weibliche US-Präsidentin darstellen dürfe.
Brad Pitt und Collin Farrell hätten ja in ihren Filmen schon mal sowas wie Hools gespielt, Mark Wahlberg ginge auch als einer durch und di Caprio habe immer schon einmal bei einem Emmerich-Film mitspielen wollen – die Kosten für die Darsteller seien überschaubar, da alle vier unbedingt an diesen Film glaubten und für das Honorar eines Zirkusclowns beim fahrenden Volk mitmachten. Wenn ich wolle, könne er mir gerne mal das Set in Babelsberg vorführen. Da sei man gerade dabei, mit einer größeren Gruppe von Statisten die Zerstörung des Chrysler Buildings nachzustellen, das man dort in Originalgröße aus Sperrholz nachgebaut habe. Begeistert stimme ich zu und wir verlassen das Stadtschloss, als es plötzlich auf Roland Emmerichs Smartphone mit der Melodie der „Schwäbschen Eisenbahne“ klingelt.
Der Einbruch der Realität in die Wirklichkeit
Die Mine des Regisseurs verfinstert sich, dann aber atmet er tief durch und lächelt sogar ein wenig. Die Hooligans hätten den Befehl des Aufnahmeleiters, „Und Action!“ wohl missverstanden und bei der Generalprobe alle Kulissen sowie die anwesenden Stars aus Hollywood kurz und klein geschlagen. Zum Glück habe man alles auf Kamera aufgenommen und könne es mit ein bisschen Trickserei im Schnitt geraderücken – mitnehmen könne er mich jetzt leider nicht. Das Gelände sei von der Polizei zum Abtransport der Verletzten gesperrt worden. Er lädt mich ein, noch ein wenig an der Havel spazieren zu gehen und ein wenig melancholisch stimme ich zu.

Den vollständigen Bericht inklusive exklusivem Fotomaterial von den Dreharbeiten zu „Hooligans vs. Godzilla“ bzw. „Hooligans gegen Godzilla“ (HogeGo) finden Sie in Kürze als DVD-Beilage der InTouch.