Das extreme Geheimnis der Andrea Nahles

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Andrea Nahles zeigt sich ein wenig entsetzt, als ich über ihr Büro anfragte, ob sie nicht Zeit habe für ein Interview – genauer gesagt: für ein Interview in Acapulco. Es sehe momentan schwierig aus, in ihrem dicht gedrängten Terminkalender einen Platz für solch ein aufwendiges Gespräch zu finden. Überhaupt, ob man sich statt in Mexiko nicht einfacher auf dem Weihnachtsmarkt im Foyer des „Willy-Brandt-Hauses“ treffen könne. Das sei doch wesentlich einfacher und entspräche mehr ihrem Naturell. Und dann stehe ja doch auch Weihnachten vor der Tür …

 

Alles verständlich, heuchle ich Verständnis, aber es gebe da eine Sache, die ich ganz alleine und ohne ihr Mitwirken veröffentlichen könne, die ich aber viel lieber zusammen mit Frau Nahles persönlich richtigstellen würde. Und das ginge nun mal nicht auf einem Weihnachtsmarkt, sondern eben nur vor Ort. Das Büro der zukünftigen Irgendwas-Ministerin stellt auf stur, schweigt, meldet sich nicht.

 

Am 6. Dezember, Nikolausmorgen um 6 Uhr 30, dann steigt eine etwas angefressen aussehende Andrea Nahles direkt vor dem 5-Sterne-Hotel „Hacienda Chimichanga“ in meinen Chrysler Pullitzer. Meine lange überlegte Einstiegsfrage, wer denn jetzt die Schuhe ihres Sohn mit Süßigkeiten bestückt habe, ignoriert sie zunächst, ehe sie mir entgegenschnaubt, sie habe eine Tochter. „Wie dem auch sei, Frau Nahles, oder darf ich Sie Andrea nennen?“ „Nein!“ „Doch! Seit gestern bin ich Parteimitglied“, teile ich ihr nonchalant mit. Hier scheint Spannung drin zu sein, aber das ist auch klar, wenn man bedenkt, worum es heute geht, nämlich um die Aufdeckung einer Lüge in einem FAZ-Interview.

 

Jemand aus dem Büro hat auf meinen Anrufbeantworter geredet, ob man nicht wirklich was machen könne und ob diese unangenehme Geschichte nicht auch in Deutschland aufgedeckt werden könne. Man bietet mir drei zusätzliche Stimmen beim Mitgliederentscheid über die große Koalition an, verspricht mir, als einziger Journalist dabei sein zu dürfen, wenn Frau Nahles ihren Weihnachtsbaum schmücke, sagt mir zu, dass ich vor allen Musikjournalisten Demoaufnahmen von neuen Songs von Frau Nahles erhalte und selbstverständlich auch rezensieren dürfe. Sie habe da gerade heimlich eine Acapella-Version von „Hätt ich Dich heut erwartet, hätt‘ ich Kuchen da“ eingesungen … aber ein guter Journalist, der knickt da nicht ein. Acapulco oder ich lass die Bombe alleine hochgehen.

 

Andrea, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen: Erzählen Sie mir doch einmal wie es an Weihnachten so bei Ihnen zugeht.“ Wieder schwillt ihre Zornesnarbe an, aber dann erzählt sie doch mehr oder weniger bereitwillig, während ich mich strikt ans mexikanische Tempolimit halte. „Wir singen sehr viel, mein Mann und ich, gerne und oft, aber nicht nur Weihnachtslieder, sondern auch Volkslieder und alte Weisen wie das Eifellied [eine andere Version finden Sie hier bei Youtube]. Kennen Sie das …?“ und ohne zu fragen, ob sie dürfe, stimmt sie den Refrain an:

 

In der Eifel, da wohnen die freundlichsten Männer der Welt!

In jedem Dorf, steht am Ortsausgang ein Mann und grinst Dich an

Winkt Dir zu und winkt Dir nach und wünscht Dir einen schönen Tach.“

 

Seltsamerweise übertönt sie mit ihrer Stimme eine Straßenschießerei, die wir passieren. Mein Kopf schmerzt, aber Andrea Nahles erzählt weiter von Weihnachten bei Ihr zu Hause. „Mein Mann, das ist so Tradition in seiner Familie, wird in den Wald geschickt, um einen Tannenbaum zu nagen. Und ich wollte den Baum dieses Jahr mit diesen lustigen Tequilafläschchen mit Hut schmücken, die wir hier beide gestern Abend so dutzendweise geleert haben. Und dann ist natürlich ganz ganz viel Zeit für Besinnlichkeit, Geschenke verpacken und, und, und.“

 

Ich habe das Gefühl, dass sich hinter diesem nichtssagenden Redeschwall eine verunsicherte Frau verbirgt und merke, wie nervös meine Beifahrerin wird. Einerseits scheint es ihr nicht schnell genug vorwärts zu gehen, andererseits fühlt sie sich unwohl, weil wir uns einem Ort nähern, der in ihrer persönlichen Geschichte eine Schlüsselrolle spielt. Also unterbreche ich Andrea Nahles recht rüde und frage investigativ: „Andrea, im Mai dieses Jahres gabst Du der FAZ ein großes Interview, in dessen Rahmen Du behauptetest, die Narbe auf Deiner Stirn stamme von einem Autounfall in den Wäldern Schwedens, bei dem Du unangeschnallt gegen einen Baum gekracht seist. Warum?“

 

Andrea Nahles schaut unter sich, murmelt etwas vor sich hin von wegen Fehler gemacht und „tut mir leid.“ „Ich habe einige Zeit recherchiert, mit einigen mexikanischen Bekannten von Dir gesprochen. Sagt Dir der Name Doroteo Arango Arámbula etwas? Und wenn ja, was? Ich würde mich sehr freuen, jetzt von Dir die wahre Geschichte aus eigenem Munde zu hören, Andrea, arriba, arriba, ándale!!“

 

Ich erzähle ja schon, Herr Cornelius!“ Ihre Narbe verfärbt sich ins Dunkelrote. „Ich war noch bei den Jusos und ein ziemlich verrücktes Huhn, machte Extremsport aller Arten. In Koblenz war ich oft, um dort Extremsport zu treiben …“ Was für einen Extremsport kann man in Koblenz bitte machen?!“ „Na, ich sprang dort regelmäßig von Rheinbrücken – aber irgendwie fehlte mir der Kick. Immer der ganze Schiffsverkehr und das Wasser war immer so kalt … So entschied ich mich eines Tages für ein Erasmusjahr in Mexiko und landete in Acapulco, wo ich in Doroteo so etwas wie meinen spirituellen Führer fand. Und weiter berichtet sie, wie sie sich in den glutäugigen Mexikaner mit russischen Vorfahren verliebte, wie sie sich mehrmals heimlich zum mystischen Felsen „La Quebrada“ schlich, ihr aber im letzten Moment immer der Mut versagte bzw. die Ratio siegte.

 

Und dann kam der letzte Tag vor ihrem Heimflug. Der 23. Mai 1996. Am nächsten Tag würde sie wieder in Köln-Bonn landen – allein und ohne Doroteo an ihrer Seite. „Rhein in Flammen“ statt „La Vida Loca“, Karneval statt Chupacabra und Korn statt Tequila. Andrea Nahles war verzweifelt, hinterlegte in Doroteos WG einen Zettel, dass sie es heute tun müsse und er sie bei der Quebrada treffen könne. Unter Tränen trampte Andrea Nahles durch die heiße mexikanische Sonne dorthin, zog ihren Badeanzug an, verweilte kurz dort, wo sogar erfahrene Männer erst einmal richtig durchatmen müssen, bevor sie es wagen zu springen und bekam so gar nicht mit, dass diverse Sprungrichter sie verzweifelt darauf hinwiesen, dass gerade der Gegenwind zu stark sei.

 

Sie erhob sich in die Lüfte mit der Eleganz einer chinesischen Zirkusartistin, flog ein gutes Stück – viel weiter als man es ihr zugetraut hatte – während hinter ihr ihr mexikanischer Liebhaber wie von Sinnen „Noooooooooooooo!“ brüllte. Doch Andrea Nahles war in einem Tunnel, sie hörte nicht, schmeckte nichts, roch nichts und fühlte nichts, jedenfalls so lange, bis sie mit ihrem Kopf an einem Klippenvorsprung anstieß und anschließend bewusstlos ins warme Wasser des Golfs von Mexiko fiel.

 

Wir sind angekommen an jener schicksalhaften Stelle von Andrea Nahles einzigem Klippensprung. Fast synchron entsteigen wir meinem Auto. Es sind genug Worte gemacht worden an diesem Tag. Gemeinsam gehen wir ganz langsam bis zum Felsvorsprung, von dem es abwärts geht. 30 oder 40 Meter, vielleicht 50 – wer weiß das schon so genau. Andrea Nahles lugt hinunter in den Abgrund, eine Träne fließt, angetrieben von dem stark böigen Wind aus ihrem Auge die Stirn hoch, die Narbe entlang. Sie nickt mir zu. Ich verstehe und frage: „Frau Nahles, wie fühlt sich das an jetzt.“

Christoph Waltz und seine Puppen

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von Florian Cornelius

 

Mit Christoph Waltz verhält es sich umgekehrt wie mit Adolf Hitler. Streiten sich bei dem einen Deutschland und Österreich darum, ob er jetzt einer von ihnen ist, so sind sich Deutsche und Österreicher darüber einig, woher der „Führer“ kam. Deutsche sagen „Österreich“, Österreicher wissen: „Der war Deutscher“. Bei Christoph Waltz hingegen reklamiert man auf beiden Seiten, dass er der jeweils eigenen Nationalität angehört. Den einen will keiner, den anderen alle. Es ist ein bisschen so wie beim Schulsport. Christoph Waltz wird sofort und als Allererster gewählt, Adolf Hitler bleibt bis zum Ende auf der Holzbank sitzen – mit ihm will niemand spielen.

Dabei ist Waltz biologisch – wenn es das in Verbindung mit Nationalitäten denn überhaupt gäbe – beides: ein deutsch-österreichischer Zwitter, Vater deutsch, Mutter österreichisch, geboren in Wien, wohnhaft in Berlin. Und seit dem 24. August 2010 ist er außerdem auch Staatsbürger Österreichs, nachdem er vorher nur wegen seines Vaters Deutscher Staatsbürger gewesen war. Ein Grund, um bei unserem Gespräch in der Theaterkantine der Burgtheater-Dependance in Los Angeles, über ein Thema zu sprechen, das gerade für Herrn Waltz immer aktuell sein sollte: Deutschland.

Lieber Herr Waltz, lassen Sie uns über Deutschland reden …“

No, I actually would prefer to talk about something else.“

Ähm, meinetwegen, aber es wäre schön, wenn Sie vielleicht auf Deutsch antworten könnten.“

No, I will only answer in English for everyone.”

Schwierig soll er ja sein, das war mir im Vorfeld schon von diversen Kollegen berichtet worden, aber wenn ein Interview so losgeht … dann ist der Ehrgeiz eines Florian Cornelius natürlich geweckt. Nach 5-minütiger Verhandlung habe ich ein Remis erreicht. Christoph Waltz wird nicht auf Englisch antworten, allerdings auch nicht auf Deutsch, sondern auf Österreichisch – als Journalist, der sich mit den Schönen, den Reichen und den schönreichen Komplizierten alltäglich trifft, braucht man Durchsetzungsvermögen!

Aber vielleicht bin ich beim Einstieg ins Interview ein bisschen zu forsch aufgetreten. Der festen Überzeugung, dass ein paar eher belanglose, aber dennoch fokussierte Fragen den zweifachen Oscarpreisträger und Kumpel Quentin Tarantinos bestimmt aus der Reserve locken werden, beginne ich erneut und frage nach seiner Lieblingsfarbe („Paradeiserrot“), seinem Lieblingsessen („Spaghetti mit Paradeisersoße“) und seiner Augenfarbe („wachsgrau“). Alles läuft bestens, ehe ich ihn zum Thema „Lieblingshobbys“ anspreche. Da habe er keines, er verstehe den Begriff „Hobby“ an und für sich nicht, ebenfalls liege für ihn der Sinn von „Urlaub“ im Dunkeln, denn „Freizeit“ sei vergeudete Zeit, da widme er sich lieber seiner Arbeit oder den Puppen.

Den Puppen?!“ Christoph Waltz zögert, beißt sich auf die Unterlippe. Das ist ihm jetzt sichtlich unangenehm, das mit den Puppen. Alleine schon die Wortwahl: Als Puppe bezeichnete man vielleicht in den 50er Jahren noch eine junge gutaussehende Mieze, aber heutzutage solch einen angestaubten Begriff zu verwenden?! „Herr Waltz, finden Sie nicht, dass der Begriff Puppe …“

„… vielleicht sollte ich konkretisieren. Als ambitionierter Amateur ist mir bewusst, dass es da eine große Anzahl an Puppen gibt. Geht es um Gliederfiguren oder Kostümplastiken? Showfiguren oder Animationsfiguren? Mit Klimaanlage oder ohne? Ich kann es Ihnen jetzt exklusiv für ulmen.tv verraten: Mein Steckenpferd sind Klappmaulpuppen, aber ich möchte Ihnen ebenfalls sagen, dass ich meiner Frau jedes Jahr zum Geburtstag eine Porträtfigur von mir, exakt nach Fotovorlage modelliert und ausgestattet, verehre.“

Puppen … wie kann man sich das vorstellen? Ein Hollywoodstar sitzt nach einem harten Drehtag zu Hause und …“

„… genau, und rührt aus Schaumstoff, Leder oder Gummimilch einen Brei an, sorgt mit Feinarbeit dafür, dass die beweglichen Augen lebensecht rollen und das Klappmaul schöne Zähne aus Keramik oder Pappmaché beinhaltet.“

Aber warum? Wie sind Sie nur auf dieses ausgefallene Hobby gekommen und wann?“

Seit 1996. Ich drehte damals mit Tobias Moretti für „Kommissar Rex“ die Episode „Der Puppenmörder“, wo ich den titelgebenden Puppenmörder spielte (http://christophwaltzfan.tumblr.com/page/7). Und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurden mir die Parallelen zu meinem eigenen Leben! Sind Puppenbau und Puppenspiel nicht sinnbildlich als Spiegelung meiner Arbeit als Schauspieler zu verstehen. Heute bin ich der Kasper und morgen das Krokodil. Heute werfen sie Rosen, morgen faule Paradeiser. Hat das Krokodil seine Gründe, warum es so böse ist? Wie erklärt sich die Gewalt des Polizisten mit dem Knüppel und ist der Kasper wirklich so blöd, wie er tut? Das alles, was den Puppen im Kleinen passiert, das stößt Dir auch als Schauspieler zu. Nicht Du bist das, sondern Du bist das, gesteuert von einem Puppenspieler. Kennen Sie Doktor Mabuse, Herr Cornelius?“

Nein, ich beschäftige mich nicht mit alternativer Medizin.“

Zunächst etwas perplex und seinen Kopf leicht schüttelnd, bedeutet mir Christoph Waltz nun, dass er jetzt noch einen anderen wichtigen Termin habe („Muss dringend bei Dr. Mabuse vorbei, Sie verstehen!“). Eine Frage, ob er denn für die Leser vielleicht noch ein paar Bilder von seinen Puppen habe, verneint er, lässt mir später aber noch per E-Mail zwei Links zukommen, die ihn zum professionellen Puppenbau inspiriert hätten. Es handelt sich dabei um eine Fanseite, auf der man zum einen selbstgehäkelte Christoph-Waltz-„Kuscheltiere“ (http://christophwaltzfan.tumblr.com/image/26620842636) und zum anderen eine wunderschöne „Oberst-Landa-Grußkarte“ (http://christophwaltzfan.tumblr.com/post/32794567893/oberst-landa-this-was-done-by-request) findet.

Beim Doktor sei alles bestens gelaufen.

 

Mit Jude Law in der Sauna

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Florian Cornelius, freier Autor bei den unterschiedlichsten Medienhäusern, schreibt für Ulmen.tv von Erlebnissen mit den Stars. Hierbei ist es ihm im Sinne des New Journalism wichtig, hinter die Fassade der Celebritys aus Film, Funk, Politik und Fernsehen zu blicken und kein Negativ, sondern ein gespiegeltes Positiv abzubilden. „Der Star als Mensch ist der Star“, fasst er seine Arbeit zusammen.

Obwohl der Ort unseres Interviews vielleicht etwas anders ist, als die 7-Sterne-Hotels, in denen Hollywoodstars sonst so interviewt werden, sagt Jude Law direkt zu, als ich ihn mit meinem Gesprächswunsch über sein Management kontaktiere. Per Mail (Jude.Law@gmx.uk) wird mir von ihm persönlich folgendes mitgeteilt: „Alright, Florian, we definitely will see each other next Wednesday at your grandmother’s place.“

Müsste ich bei mir zu Hause, wenn ich denn einen Prominenten wie Jude Law zum Interview einladen würde, noch groß aufräumen, so zuckt meine Oma nur mit den Schultern, als ich ihr von dem hohen Besuch erzähle, der die Tage vorbeikommt und fragt, was „Jude“ denn für ein seltsamer Name sei? Ich zieh die Schultern hoch, antworte, dass ich schnell mal im Internet nachschauen würde und finde dort neben der Erklärung „Jude = Großzügigkeit auf Arabisch“ und dem Verweis auf Langformen wie Judah oder Judito auch interessante Foreneinträge wie den von Frank vom 27. Februar 2008, der schreibt „Ganz egal ob man Jude oder Nichtjude ist. Jude ist als Vorname nicht zumutbar. Käme denn jemand auf die Idee sein Kind Christ, Moslem, Buddhist oder Hindu zu taufen?“ Oma lacht und schüttelt den Kopf: „Das muss jemand aus der Sächsischen Schweiz“ geschrieben haben …“

5 Tage später, nachdem Jude Law noch ein paar Szenen für Wes Andersons neuen Film „The Grand Budapest Hotel“ in meinem Heimatstädtchen abgedreht hat, ist es auch so weit. Ich habe schon eine Weile in Omas Küche gesessen, aus Nervosität zu viel geraucht und aus Gewohnheit auch ein wenig am Görlitzer Böckelbart Kräuterlikör genippt, aber pünktlich klingelt es und Jude Law steht vor der Tür. 1,82, blaue Augen, relativ drahtig, ok, die Geheimratsecken fände ich jetzt nicht so sexy, wenn ich eine Frau wäre, aber okay, Geschmacksache.

Hi, I am Jude, Jude Law. Where is the magnificent sauna?” stellt er sich vor und lächelt, als meine Oma aus dem Gästeklo tritt und ihm seine frischen Saunatücher überreicht. „Den Keller runter, dann zweimal rechts und hinter der Mangelei dann gleich links die blaue Tür.“ Ich gehe vor, schaue mich aber immer wieder nach Jude Law um, der neugierig und aufmerksam den Weg zur Sauna verfolgt. „Is this old fashioned or is it new? It looks like from the GDR …”. Jude Law ist etwas verwirrt. Dass es da so was gegeben hat? Die Zweifel stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Und genau darauf habe ich, zugegebenermaßen, gewartet, denn ja, diese Saunenanlage ist original DDR und ein Werk meiner Großeltern väterlicherseits. Opa war der Ideengeber, Oma die treibende Kraft hinter der Verwirklichung ihres „feucht-heißen Traums“. Nachdem Opa als Steiger bei der Wismut jahrelang untertage Uran und was es da sonst noch so gab abgebaut hatte und nun pensioniert war Mitte der 60er, vermisste er zwar die körperliche Arbeit nicht, aber doch das schweißtreibende Klima im Berg. Und so besorgten sich die beiden über Jahre unter der Hand und über Beziehungen Baumaterial, Opa hackte jeden Tag ein paar Stunden im Gestein unterm Keller, Stützmaterial wurde ihm heimlich von Exkollegen bereitgestellt und gerüchtehalber soll es einmal sogar zu einer „kleineren Sprengung“ gekommen sein, um etwas schneller voranzukommen – die nahegelegene Erdbebenwarte ließ am nächsten Tag in der Lokalzeitung vermelden, dass es sich wahrscheinlich um bergbaubedingte Erdbewegungen gehandelt habe. Wie recht man dort hatte.

Währenddessen interessierte sich auch die Stasi für meine Großeltern. Die Tauschereien und Geschäftchen waren nicht unbemerkt geblieben, man fragte sich, ob die beiden vielleicht einen Fluchtversuch unternehmen wollten und klopfte an die Tür, um sich mal „ein wenig im Haus umzusehen“. Oma, geschickt im Umgang mit Menschen, überzeugte die beiden Herren dann schnell von dem Irrtum und sicherte sich ihr Schweigen über die geplante und eigentlich doch im Privathaus sehr kapitalistisch-feudalistische Freizeitbeschäftigung mit der Zusage, dort nach Vollendung jederzeit vorbeikommen zu dürfen. Dem Führungsoffizier wurde laut Stasiakte mitgeteilt, dass mein Opa „zu einem begeisterten Modellbauer mutiert“ sei, aber keinerlei Fluchtgefahr bestehe.

Am 3. Mai 1971 schließlich war es so weit. Mit einer Feier bei Rotkäppchensekt und Landskron-Bier, diversen Freunden und Freundinnen und dem beiden IMs wurde die Sauna eingeweiht und war bis zur Wende ein Geheimtipp innerhalb der verschwiegenen Gemeinde von Görlitz. Ich selbst erinnere mich daran, dass ich den Großteil meiner Kindheit in den 80ern in der Sauna verbrachte, was wundervoll war, weil ich dort einen Luxus genoss, den man bestenfalls im Interhotel hatte. Nur einen Wismutstropfen gab es, als ich Opa dort fand, der in der Sauna friedlich entschlafen war. Der Pfarrer wählte auf der Beerdigung mit Bedacht seine Worte, als er davon sprach, dass er genau so gestorben sei, wie er es sich gewünscht hatte: unter Tage.

Jude Law hört sich das, mittlerweile nackt auf seinem Handtuch sitzend, äußerst interessiert an, macht sich Notizen und stellt Fragen, wie sie eigentlich nur ein Saunafachmann stellen kann. Er persönlich denke, Sandelholz sei am besten geeignet zum Saunabau und zusammen fachsimpeln wir über die optimale Verwindungsfestigkeit unter extremen thermischen Belastungen, philosophieren über die perfekte Wärmedämmung, als er mir schließlich auf meine erstaunte Zwischenfrage, woher er denn das alles wisse, antwortet, dass er sich gerade auf seinen nächsten Film vorbereite.

Er spiele dort einen saunasüchtigen Apotheker, der nach einer schweren Krise versuche, wieder auf die Beine zu kommen, wobei ihm eine Schwimmbadbekanntschaft, die auf Lehramt studiere, zur Seite stehe. Zwar lehne er Method Acting ab, habe aber seit 6 Wochen nichts anderes als Fachliteratur zum Saunieren gelesen und spiele mit dem Gedanken, sich mit eigenen Händen ein heißes Refugium ,„a hot hide-away“, wie er es ausdrückt, in sein Londoner Loft zu zimmern – selbstverständlich seien ich und meine Oma zur Eröffnungsparty eingeladen, es werde auch nur ein kleiner Kreis kommen, niemand aus Hollywood, nur seine sechs Kinder und die paar Exfrauen.

Und dann verabschiedet er sich schon, bedankt sich für das fantastische Erlebnis, den zwischendurch von mir nach unten geholten Böckelbartschnaps und die vielen Tipps und Ideen für sein geplantes Handwerksprojekt. Am nächsten Tag klingelt es erneut an der Tür, ein gut gekleideter Mann vom Set drückt meiner Oma einen großen Strauß roter Rosen in die Hand sowie ein Päckchen mit einem hochwertigen Saunaaufguss-Set bestehend aus 10 Fläschchen. Der Name von einer der Flaschenetiketten ist mit rotem Edding umkringelt und lautet „Westpaket“ – in den Rosen steckt eine weiße Karte „Best wishes! Jude“.

 

(Das ausführliche Interview mit exklusiven Fotos von Jude Law erscheint zeitnah im Fachmagazin „Der Aufguss“, Erscheinungstermin entnehmen Sie bitte den Medien)