Das neue Leben des Sepp Blatter

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Es waren unruhige Tage für Sepp Blatter, Tage voller Zweifel und Wut (der anderen) und Unverständnis über die anderen. Die halt- und grundlosen sowie fragwürdigen Ermittlungen des FBI, der Schweizer Behörden und der FIFA-Ethik-Kommission und dann auch noch die negative Berichterstattung in den Medien. Gut, dass Blatter nicht gerne liest, wie man weiß und in Kreuzworträtseln oder beim Sudoku sind glücklicherweise noch nicht Inhalte wie „Mafia-ähnliche Organisation mit vier Buchstaben“ enthalten. Und wenn doch, dann muss man mit dem Kuli eben ein bisschen kleiner schreiben, damit alle Buchstaben von ‚NDrangheta dann doch noch in die Kästchen reinpassen.

Aber jetzt hat er ja alles „ein Stück weit“ hinter sich. All diese Gedanken schießen mir auf dem Weg zum Privatanwesen des FIFA-Präsidenten und Bundesverdienstkreuzträgers durch den Kopf. Blatter, der seine sehr gut versteckte Villa nur das „Réduit National“ nennt, hat mir genaue Anweisungen gegeben und nun stehe ich um kurz nach sechs Uhr morgens auf der anderen Seite des Luzerner Sees vor einem Naturfelsen, der sich, nachdem ich mit meinem Meißelhammer in einem wechselnden Rhythmus aus Shakiras „Waka-Waka“ und Bob Sinclairs „Love Generation“ auf ihn eingeschlagen habe, langsam hebt. Aus dem Dunkel spricht eine Stimme zu mir und sagt: „Immer den Gang runter und am Ende die Rolltreppe hoch – Sie können mich nicht verfehlen.“

Redebedarf im Reduit
Gesagt, getan. Nach einer halben Stunde strammen Marschs bei schwacher Beleuchtung und leichter Steigung stehe ich schon vor der Rolltreppe, die wiederum nach einer Viertelstunde steiler Fahrt vor einer mit Gold und Diamanten beschlagenen Türe endet. Nach mehrmaligen Klopfen wird geöffnet – von Blatter persönlich. Er sieht verschwitzt aus und ein wenig mitgenommen, wie er da so in seinem Bademantel aus weißem Brokat mit Merino-Wollkragen steht, hebt, als er meinen mitleidigen Blick sieht aber lachend beide Hände: „Nicht, was sie denken, Herr Cornelius! Alles bestens, ich habe nur mein allmorgendliches Tanztraining absolviert. Schauen Sie da hinten. Und in der Tat verlässt gerade der Großteil des deutschen Fernsehballetts die noch schwach illuminierte Bühne und verschwindet in den Katakomben.

„Aber kommen Sie doch erst einmal richtig an“, bittet mich Blatter freundlich herein und führt mich zu einer Sitzgruppe. „Herr Blatter, es gibt Redebedarf.“ Ein überraschender, durchaus fordernder Gesprächseinstieg für einen Reporter, ich weiß, aber wenn man nicht beim Anfang des Gesprächs klarmacht, wie das alles zu laufen hat, hast Du keine Chance, aus Deinem Interviewpartner etwas herauszubekommen. Blatters Augen blitzen angriffslustig, als ich beginne, meine erste Frage auszuformulieren: „Herr Blatter, was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?“ Der Präsident lehnt sich zurück, wartet ab. Er lächelt zunächst in sich hinein, ehe er dann doch wieder aus sich heraus lächelt und sich anschließend wieder dafür entscheidet, in sich hinein zu lächeln. Hier in seinem neuen Haus (das andere liege auf der Gegenseite des Luzerner Sees und sei leider von Rebellen beschlagnahmt worden) gebe es zum Frühstück nur minderwertigen Kopi Luwak – der Rest sei Fertignahrung aus Militärbeständen, in der Schweiz als Notriemen bezeichnet, die er hin und wieder mit etwas Kaviar aus seinem Privatkühlhaus verfeinere.

Die dramatische Flucht des Sepp Blatter
„Möchten Sie auch mal? Ich habe hier zufällig auch etwas Spaghetti-Eis gefunden – haltbar bis 2035?“ Gerne nehme ich dieses Angebot an, lasse mich davon aber nicht in meiner Unabhängigkeit beeinflussen. Und während wir so auf unseren von Orca-Haut überzogenen Frühstückssesseln Platz nehmen, beginnt Sepp Blatter zu erzählen. Es sei hart für ihn gewesen, die Flucht mit dem Riva-Boot von der anderen Seeseite, das Exil … nur das Nötigste sei auf fünf hintereinander hergebrachten Schwerlast-Pontons verstaut gewesen … jetzt wisse er, wie sich die Flüchtlinge im Mittelmeer fühlen müssten. Er fühle mit ihnen, das solle ich der Welt da draußen mitteilen. Er habe zwischenzeitlich schon überlegt, in Deutschland Asyl als politisch Verfolgter zu beantragen, aber dann davon Abstand genommen, da er befürchte, er werde im Fall der Fälle von Wolfgang Niersbach und Michel Platini höchstpersönlich an die USA ausgeliefert, wo er sicher sei, dass ihm die Hinrichtung drohe. Wenn dennoch alle Stricke rissen, könne er es sich vorstellen, das Angebot seine Freundes Vladimir Putin anzunehmen und zusammen mit dem anderen großen Freiheitskämpfer unserer Zeit – neben ihm selbst, also mit Edward Snowden dort in eine WG zu ziehen.

„Es ist schon verrückt. Da arbeitet man sein ganzes Leben, macht die FIFA zur größten Verbrecherorgani … Versorgungs-Organisation der auf der Welt Benachteiligten, und dann kommt so was!“ Auf meine freche Nachfrage, in wie fern er denn benachteiligt gewesen sei, erwähnt er, dass er zum einen eine Frühgeburt gewesen sei, deren Fingernägel noch nicht ganz ausgebildet gewesen seien und dass ihm zudem bereits mit Ende 30 die Haare ausgefallen seien. Das sei zwar nicht vergleichbar mit Krebs oder einem Krankenhauskeim, komme aber doch nah dran, wenn man bedenke, dass andere Spätgeburten wären und mit 80 noch volles Haar hätten. Und da muss man ihm irgendwie zustimmen, dem Mann aus dem Wallis, der von bösen Menschen gerne als Strippenzieher bezeichnet wird, der seine Karriere bei der Schweizer Armee als Kommandant eines Versorgungsregiments nahtlos bei der FIFA fortgesetzt habe. Bei all dem ist Sepp Blatter Mensch geblieben. Ein Mensch, der noch genau weiß, wo er herkommt. Eine Landschaft prägt den Charakter.

Mensch und Landschaft
Das Wallis, seine Heimat, ist bergig, besitzt trockene Täler, in denen Kakteen wachsen, aber auch 95 % der Schweizer Aprikosen. Der Wolf streift hier wieder durch die Berge und reißt Schwarznasenschafe, aber auf der anderen findet man 78 Postautolinien! Dichotomien all überall – und so hat auch Sepp Blatter zwei Seiten. Zum einen die des liebevollen, stets charmanten Patriarchen, zum anderen die des freundlichen und unterhaltsamen Interviewpartners und Privatmanns. Im Plauderton erzählt er Anekdoten um Franz Beckenbauer und Günter Netzer, lässt durch einen herbeigeeilten Pagen mit einer Fernbedienung eine riesige Felswand hochfahren, um auch mich seinen Blick auf den See und das Bergpanorama genießen zu lassen und bittet mich inständig, in meinem Bericht doch bitte sachlich zu bleiben und ihn nur nicht zu positiv darzustellen, denn sonst werde ihm wieder vorgeworfen, er versuche sein positives Bild in der Öffentlichkeit ins Gottgleiche zu erhöhen.

„Was im FIFA-Magazin zu lesen ist, ist nichts als die Wahrheit“, da gebe er der Presse sein Ehrenwort, „ich wiederhole: mein Ehrenwort! Redaktionelle Unabhängigkeit ist für ein Verbandsmagazin essentiell!“ Das habe er als Ehrenmitglied des Sportjournalisten-Weltverbands AIPS gelernt, wofür er im Gegenzug den Verband für den Friedensnobelpreis „und auch den für Physik!“ vorgeschlagen habe. „Eine Hand reicht der anderen die andere Hand“, wie er es ausdrückt, während er sich die Hände reibt, damit die Krümel seines Dreikorntoasts zurück auf den Teller aus Meißner Porzellan fallen, auf dem in fein ziselierter Malkunst sein Antlitz prangt.

Mit dem Hyperloop zum Raumschiff
Er müsse jetzt langsam los, sein Sicherheitsdienst habe die baldige Ankunft einer Spezialeinheit gemeldet. Wenn ich wollte, könne ich ihn gerne bis zu seiner Rakete begleiten. Die stehe in einem erloschenen Vulkan nur ein paar Minuten mit dem Hyperloop entfernt. Gerne nehme ich das Angebot an und wir besteigen eine luxuriös ausgestattete Kapsel, die uns in wahnsinniger Geschwindigkeit Richtung Krater befördert. Als die „FIFAriane“ (so bezeichnet Sepp Blatter sein Privat-Raumschiff scherzhaft) sich mit einem Fauchen und einem Feuerstrahl hin zu einem unbekannten Ziel verabschiedet, stehen selbst mir als hartgesottenem Journalisten die Tränen in den Augen. Auch die anwesenden Raketentechniker wischen sich verstohlen durchs Gesicht, ehe sie mit mir und mit Champagner anstoßen auf Josef Sepp Blatter, einen großen Freund der Menschheit, an dessen Tag der Geburt (was nur wenige wissen, was er mir aber exklusiv noch verraten hat, bevor er in seine Rakete stieg) der Legende nach ein Stern und ein doppelter Regenbogen am Himmel erschienen sind.

Dies ist nur ein Auszug aus einer mehrseitigen Reportage inklusive beeindruckender Bildaufnahmen aus der Weihnachtsausgabe des FIFA-Magazins. VÖ-Datum: 23.12.2015.

Florian Cornelius, gefeierter Star-Reporter u. a. Für BILD, SPIEGEL, Das Anzeigenblatt Niedertieftal (DAN) oder das DB-Magazin, ist nach langer Krankheit wieder für ulmen.tv aktiv und wird in Zukunft wieder öfter von seinen Promispaziergängen berichten.

Dr. Müller-Wohlfahrt: Eine Suada

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Der Doc, wie wir, die ihn wirklich kennen, ihn nennen (und nicht „Mull“) ist nicht gut drauf. Gar nicht gut. Die Strähnen fallen heute nicht in der üblichen Art und Weise, stattdessen stehen sie einzeln und dennoch strähnig von seinem Kopf ab, als habe er zu lange Zeit auf einem großen Gartentrampolin verbracht. Als ob er nicht er selber wäre, greift er in seinen Arztkittel und zündet sich mechanisch eine Zigarette an. Meinen Hinweis, dass er doch nicht in seiner Arztpraxis (bezahlt von Dietmar „Hoffenheim“ Hopp) im Behandlungszimmer 17 rauchen dürfe, wischt er mit einer Handbewegung beiseite wie ein Eisenbahnschaffner früher beiläufig eine nicht schließende Tür des Triebwagens, der mich ins Schulzentrum fuhr, zugeschmissen hat. „Das ist meine Praxis, hier bin ich Herr im Haus. Das größte Vergnügen aller Geizhälse besteht darin, sich ein Vergnügen zu versagen. Was haben Sie denn, Cornelius? Schon wieder einen eingewachsenen Zehennagel?“

Unglaublich. Ein Arzt durch und durch, dabei habe ich noch nicht einmal meine Schuhe ausgezogen und schon weiß er, was mich plagt. Ist es meine Körperhaltung? Sieht er es in meinen Augen verstärkt durch die Brillengläser mit drei Dioptrien Kurzsichtigkeit? Oder ist es die schamanenhafte Intuition im Zusammenspiel mit 47 Jahren Berufserfahrung? Und während ich schon angefangen habe, meine Wanderstiefel nebst der Thermosocken von den Füßen zu ziehen, zuckt er kurz mit den Schultern: „Auch egal, alles egal. Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe östlich der Oder, wo die Ebenen weit […] Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere, der sich am See in Schilf und Wogen ließ, noch strömte nicht der Fluss, vor dem ich schauere, der erst wie Glück und dann Vergessen hieß …“ und ascht in ein geöffnetes Medikamentendöschen voll mit 140 Tabletten Basomin nach Müller-Wohlfahrt.

Clemens„Vereinspolitik ist das Gebiet von Reduzierten“

Die Begutachtung sowie die Behandlung des besagten Zehennagels erfolgt dann eher mechanisch als schamanisch, wie ich es eigentlich von früheren Behandlungen gewohnt war. Irgendetwas beschäftigt den Doc, der mit Taufnamen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt heißt und aus dem Nichts ein Klinik-Imperium geschaffen hat, das bestenfalls noch mit dem des heutzutage vergessenen Wunderheilers Clemens Niederberger vergleichbar ist. Aber nicht nur da zeigen sich Parallelen zwischen den beiden berühmtesten deutschen Ärzten nach Paracelsus (zur Vertiefung sei hier die Liste „Die 1.000 tollsten Ärzte seit der Antike“, FOCUS Magazin, Ausgabe 43/2013 empfohlen). Auch Niederberger trug zeitweise seltsame Frisuren, auch Niederberger wurden heilende Hände nachgesagt, auch Niederberger arbeitete als Mannschaftsarzt – wenn auch nicht für einen Verein wie den FC Bayern München, sondern nur für Vicoriasee Ambarene, einen Club Exil-Deutscher Donausachsen, der seinerzeit in der äthiopischen Amateurliga spielte. Und wie Müller-Wohlfahrt, so schied auch der schillernde Niederberger, der ob seiner umstrittenen Behandlungsmethoden mit den von ihm erfundenen Niederberger-Salzen dort im Streit.

Aber zurück zum Doc, dem ich anmerke, dass er noch etwas loswerden möchte. „Hans-Wilhelm, ich weiß, es steht mir nicht zu, aber … aber irgendetwas ist heute anders.“ Und noch ehe ich mein Diktiergerät heimlich in der mitgebrachten Reportertasche einschalten kann, bricht es aus ihm heraus: „Die spanische Form der Revolution ist die Denunziation. Die Öffentlichkeit ist der Gestank einer Senkgrube und die Vereinspolitik das Gebiet von Reduzierten wie Matthias Sammer, Karl-Heinz Rummenigge oder Franz Beckenbauer. Aber am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz; und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort. Kurz gesagt: ‚Dumm sein und Arbeit haben – das ist das Glück.‘ Es gibt Gedankengänge von einer Aussichtslosigkeit, die bewußtseinsraubend ist. Das ist so, da ist nichts zu machen.“

„Ich finde schon gehen eine unnatürliche Bewegungsart“

So habe ich, so hat wohl bisher noch niemand, den Menschen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gehört. Eine tiefe Nacht hat sich über ihn gesenkt seit der Auseinandersetzung mit Kalle Rummenigge in der Kabine in Porto, der Stadt in der die Bars am Wochenende um 4 Uhr früh schließen. „Bis um 4 Uhr in der Früh habe ich mit meinem Team noch im ‚Industria‘ im wohlhabenden Vorort Foz gesessen und hin und her diskutiert, dann hat die Bar geschlossen. Das machen alle Bars um 4 Uhr in der Früh, also in Porto. Aber es hilft ja alles nichts: „Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Ja, ich bin unbeschreiblich müde u. abgelebt wieder mal augenblicklich, darüber ist nichts zu sagen, die Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur u. die Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.“ Thiago anfassen und gefeuert werden, dies sei keine Option für ihn gewesen. Er sei Mediziner, aber was zu weit gehe, gehe zu weit und in der Kabine sei man zu weit gegangen. „Und dazu müssen Sie wissen: Ich finde schon Gehen eine unnatürliche Bewegungsart, Tiere laufen, aber der Mensch sollte reiten oder fahren. Schauen Sie sich nur Thomas Müller an! Überhaupt: Körperliche Bewegung ist eine Nutzlosigkeit, vom Standpunkt des Geistes gesehen. Irgendwie hat das eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet ich Sportmediziner geworden bin und nicht, wie mein Vorbild Gottfried Benn, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Wobei ich da bei der Klientel, die ich in meiner Praxis so treffe, schon Schnittmengen ausmache.“

„Stil ist der Wahrheit überlegen!“

„Nichts gegen uns Ärzte, großartige Leute. Früher, bei einem Innenbandanriss, kratzte man sich. Heute können sie Ihnen zwölf Salben mit Cortison verschreiben und keine nützt, aber das ist doch Leben und Bewegung. Aber wenn der Spanier denkt, dass das was bringt, soll er doch cremen wie bei Sonnenbrand nach zu viel Mittagssangria am Strand von El Arenal. Nur meinen guten Namen, den lasse ich durch solche Scharlatanerie nicht in den Schmutz ziehen. Unter Tyrannen festigt sich die Freiheit. Und dann sagt der Spanier frech, er wolle mit dem FC Bayern Geschichte schreiben. Pah! Wer der Gegenwart nichts zu bieten hat, sagt Geschichte. Das ist kein Stil. Stil ist der Wahrheit überlegen, er trägt in sich den Beweis der Existenz. Form: in ihr ist Ferne, in ihr ist Dauer …“

Dr. Müller-Wohlfahrt scheint gar nicht mehr zu bremsen, bis ich ihn dann doch noch irgendwie unterbrechen kann, indem ich auf meine Ausgangsfrage zurückkomme. „Hans-Wilhelm, ich verstehe ja. Ist ja alles gut, aber als ich eben gesagt hab, dass heute irgendwas anders sei, da ging es mir eigentlich, also das ist mir jetzt ein wenig unangenehm, jedenfalls ging es mir darum, dass mir heute Deine Sprechstundenhilfe zwar einen Caffè Latte angeboten hat, aber die Schokokaffeebohne als Beilage gefehlt hat. Ich wollte draußen ja nichts sagen, aber …“ „Alles klar.“ Der Doc greift zum Telefon und nur wenige Minuten später wird mir eine Untertasse mit gleich sieben Schokokaffeebohnen gebracht. Die Sprechstundenhilfe bittet vielmals um Verzeihung, während Sie mir zur Strafe die Socken überziehen darf. „Ist ja nicht so schlimm, beruhige ich Sie, tätschele dabei ihren Kopf und verlasse nach kurzem Händeschütteln mit Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt das Behandlungszimmer. Draußen auf der Straße fällt mir auf, dass ich mein Reportergerät habe stehen lassen, weswegen ich noch einmal umkehre. Schnell ins jetzt leere Zimmer hinein, die Tasche gegriffen und raus. Zu Hause höre ich mir all das an, was der feine Herr Doktor aufs Band gesprochen hat. Ich höre mein „Auf wiederschaun’“ und wie eine Tür ins Schloss fällt. Als ich die Worte „Was der Cornelius Persönlichkeit nennt, ist nicht weit ab von dem, was man in einer etwas vulgären Sprache als Dicknäsigkeit oder Pampigkeit bezeichnet: Immer gleich dem andern die Faust unter die Nase halten, bedrohlich werden, knotig“ vernehme, entscheide ich mich spontan, von nun an einen stinknormalen Feld-Wald-und-Wiesen-Orthopäden zu konsultieren, wenn ich Probleme mit dem Gehen habe.

Als weiterführende Literatur zum Thema sei neben der oben erwähnten FOCUS-Ausgabe auch noch das Gesamtwerk von Dr. Müller-Wohlfahrts Vorbild Gottfried Benn empfohlen. Der Auto dieses Artikels, Florian Cornelius, arbeitet mittlerweile als Ghostwriter für Dr. Müller-Wohlfahrt an dessen Autobiografie, wofür er im Austausch kostenlos wie ein Privatpatient behandelt wird.

Guido Maria Kretschmer und die verzauberte Prinzessin

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Aus dem Nebenzimmer dringt seltsames Gebrabbel in einer hohen Kopfstimme. Zwei verschiedene Stimmen, eine der beiden lispelt stark. Die beiden scheinen sehr aufgeregt, plappern wild durcheinander und scheinen große Angst vor etwas zu haben. Mehrmals ist ein lautes, schrilles „NEIN!“ zu hören, immer wieder unterbrochen von der warmen Stimme Guido Maria Kretschmers, der in sympathischen Ton beruhigend auf die beiden Damen (?) einredet. „Ist doch alles gut, jetzt macht Euch keine Sorgen, heute Nacht kommt Ihr doch wieder raus.“ Aber ganz egal, was Deutschlands bekanntester Modemacher nach Robert Geiss und Michael Michalsky auch an Argumenten vorbringt, die Panik der beiden in seinem Zimmer wird nicht weniger. Eher steigert sie sich immer weiter, bis bald nur noch gedämpfte, geknebelte Stimmfetzen zu mir dringen. „Hilfe! Lass uns hier raus!“, meine ich zu verstehen, aber ich bin nicht sicher, es könnte auch etwas anderes bedeuten.

Die Villa, in der wir uns treffen, ist traumhaft. Mallorca, 23 Grad, eine leichte Brise weht vom Meer, ich habe meine Sonnenbrille ins Haar geschoben ohne darüber nachzudenken, dass Sie nachher dann, wenn ich sie wirklich beim Bummel durch die Rambla von Palma brauche, extrem mit Haarfett verschmiert sein wird, was noch weniger leicht zu entfernen ist, als Augenbrauenfett. Endlich betritt Guido Maria Kretschmer die weitläufige Balkon-Landschaft, strahlt mich an und teilt mir mit, er habe eine Überraschung für mich. Er werde mir jetzt meine Vergangenheit vor Augen halten, was bei mir die Ausschüttung einer großen Menge an Angstschweiß zur Folge hat. Guido nimmt mich am Arm, aber glücklicherweise greift ein Assistent ein und klärt Guido auf, dass er gerade nicht für „Deutschlands schönster Frauentausch“ gefilmt werde und ich doch der schon lange angekündigte Starjournalist sei, Florian Cornelius, ehemaliger Chefreporter der „BUNTE“, der „InStyle“ und der Schülerzeitung „Pustefeder“.
Au, Au im Park des Anwesens
Pustefeder, wie putzisch“, sind seine ersten authentischen Äußerungen in meine Richtung. Der Guido Maria Kretschmer, der da jetzt vor mir steht, ist allerdings ein völlig anderer als der, der gerade auf den Balkon getreten ist. Seine Fernsehstimme ist weg, stattdessen spricht er mit einem dunklen Bass und breitem frankfurterischem Dialekt. Er strahlt mich an: „Sie sind also hier wegen der Homestory?! Na dann mal los, Herr Cornelius!“ Wieder sein Lächeln und gleichzeitig eine der beiden hellen Stimmen, die „Holen Sie mich hier raus“ zu brüllen scheint, während Sie mehrere Socken im Mund zu haben scheint. „Hilfe!“ Meinen irritierten Blick ob dieses Geräuschs, grinst Guido Maria Kretschmer weg. Er habe Handwerker im Haus. Die Kreissäge. Ich verstehe bestimmt.

Er legt seinen Arm um mich und führt mich über eine kristallgläserne Wendeltreppe in den Garten des riesigen Anwesens. Ab und zu werfe ich ein „Beeindruckend“ oder „Unglaublich“ ein, während Guido Maria mir erklärt, weshalb der Pool diese und die umstehenden Buchsbaumbüsche jenen Zuschnitt haben. Wie eine subliminale Botschaft vernehme ich ununterbrochen ein leises, weinerliches „Au!“ „Au!“, das eine klar, das andere gelispelt, während mein Gastgeber in seinen Sneakers voran schreitet und mal hierhin, mal dorthin, mal wieder hierhin deutet. „Herr Kretschmer …“ möchte ich anfangen, aber er unterbricht mich schroff: „Guido Maria für Dich, bitte. Ein Glas Champagner, Florian?“ „Ich, ja danke.“ Guido Maria erzählt mir über seine neue Sendung mit den Frauen, schöne, hässliche, dünne, dicke, fette, aus denen er dann die schönste auszuwählen habe, beschwert sich über die Auswahl, die ihm sein Sender zur Verfügung gestellt habe und lästert über Heidi Klum, denn das Frauenbild dort sei ja wohl unter aller Kanone und außerdem könne „die Klum längst nicht so viel Döner essen wie er“.

Das menschliche Metronom vor der Veranda

„Apropos Döner, es gibt da ein hervorragendes Döner-Restaurant am Pier mit einer exquisiten Auswahl an Döner-Tapas. Sein Page müsse nur noch kurz ein ihm sehr wichtiges Utensil aus der Villa holen. „Lass Dich wenigstens mit dem Auto fahren!“ nuschelt eine der Stimmen fast unverständlich, aber Guido Maria lächelt, schaut zum strahlend blauen Himmel, über den gerade die ersten Störche Richtung Norden ziehen und empfiehlt, zu besagtem Restaurant zu schlendern. Sein Diener folgt uns unauffällig mit einem rindsledernen Aktenköfferchen vom Edelschneider „Valure“. In den engen Gassen wird der Modemacher natürlich von vielen Touristen erkannt, die um ein gemeinsames Foto bitten, was er kalt lächelnd und ziemlich brüsk ablehnt. Stattdessen verteilt sein Adjutant Autogrammkarten. Endlich sind wir beim „Dön Tapa’s Mesón“ angelangt, wo wir direkt an der Hafenmole einen schönen Tisch zugewiesen bekommen.

Guido Maria Kretschmers Helfer Ramon reicht Kretschmer das Köfferchen und postiert sich in der Hüfte wiegend mit einem leisen, aber regelmäßigen Klackgeräusch vor der Veranda. „Das ist eine kleine Macke von mir“, erklärt mir der deutsche Karl Lagerfeld. Ich trage ja keine Uhr und lehne ja auch Handys ab. Und da habe ich glücklicherweise Ramon gefunden.“ Der sei ja schon länger sein persönlicher Assistent gewesen, „aber seitdem er die Schulung zum menschlichen Metronom absolviert hat, weiß ich immer exakt, wie viel Uhr es ist.“ Und an das Ticken Ramons habe er sich mittlerweile richtig gut gewöhnt. „Lass uns raus!“ „Sofort!“. Die Stimmfetzen kommen von unterm Tisch. Oder doch von der Strandpromenade? „Ich empfehle die Döner auf kanadische Art mit Ahornsirup und Bärenfleisch“, lächelt mich Guido Maria an und bestellt zusätzlich zu seinem Lieblingsgericht, einer kandierten Seezunge auf Laugensalat, einen Dönermixteller mit je zwei kleinen Probierdöners in allen Fassetten der Karte.

Guidos Essgenuss mit Zahnstochern

Schon bald werden drei große und gut gefüllte Platten auf unseren Tisch gestellt. Während ich gleich zugreifen möchte, deutet mir … „Wir wollen raus!“ „Lass uns raus, es wird nicht zu Deinem Schaden sein!“ … deutet mir Guido Maria Kretschmer, einzuhalten. Behände öffnet er sein Köfferchen und zieht gleich mehrere Etuis mit Zahnstochern hervor. Einen dieser in Krokodilsleder gebundenen Behältnisse hält er mir hin mit den Worten „Zu Döner passt am besten Zedernholz, aber nehmen Sie doch bitte auch einen hiervon. Redwood … sehr selten.“ Auf meinen fragenden Blick erläutert er mir weit und breit, dass er seit drei Jahren beim Essen aufs Besteck verzichte und nur noch mit Hilfe seiner Zahnstocher esse. Seitdem habe er abgenommen, vermute er, und habe zudem gemerkt, wie sich unterschiedliches Holz auf den Geschmack der Speisen auswirke. Man kenne das ja vom Grillen, aber da Zahnstocher ja nicht verbrannt würden, sei der Geschmack hier anders und zudem direkter, da man ja jede Speise mit dem Zahnstocher in dem Mund schiebe.

Über die Jahre habe er festgestellt, welches Holz mit welchem Fleisch oder Gemüse am besten harmoniere. „Für Fisch nehme ich Fichte, beim Steak bevorzuge ich Silbertanne, aber auch Sonnenblume ist möglich.“ Blumenkohl hingegen, aufgespießt auf Birke, sei zwar für den Allergiker ein Alptraum, komme bei ihm aber kurz hinter dem Gefühl beim Orgasmus. Sicher, er mache auch kleine Ausnahmen bei seiner Zahnstocherdiät, aber auch dort lege er Wert auf einen gewissen Stil. „Ich habe versucht, Apfelkompott mit Apfelbaum-Zahnstochern aufzuspießen, aber bin nach langem Hin und Her dann doch auf einen Apfelbaumholzlöffel umgestiegen, weil er besser in der Hand liegt.“ „Hilfe!“, schallt es unterm Tisch hervor. Guido Maria Kretschmer lächelt etwas gequält, gibt sich einen Ruck und schaut mir in die Augen: „Na gut, ich kann es nicht länger verheimlichen.“

Zwei Füße, eine Prinzessin!

Er greift zu seinen Sneakers, schnürt sie auf „Endlich! Nur noch die Socken!“ zieht die Strümpfe aus und bittet mich, unter den Tisch zu schauen. Mit offenem Mund sehe ich sie mit eigenen Augen: Guido Maria Kretschmers Füße. Sie schauen mich an, atmen erleichtert aus und sprechen dann im Chor: „Küss uns, Florian Cornelius! Wir sind eine verzauberte Prinzessin!“ Meine Rückfrage, wie denn ZWEI Füße EINE verzauberte Prinzessin ergeben können, lässt sie ratlos zurück und der eine Fuß zischt dem anderen zu, dass er es ja gleich gewusst habe. Wieder zurück über der Tischplatte hören Guido Maria Kretschmer und ich die beiden Füße noch ein wenig miteinander streiten. Konsterniert stecke ich mir ein Döner-Tapas nach dem anderen in die Backentaschen.

„Angefangen hat das vor drei Wochen. Bisher konnte ich es unter der Decke halten, aber gut, dass Sie es mit den eigenen Augen gesehen und nicht nur gehört haben, Cornelius.“ Ich nicke. Man habe ihn für einen begabten Bauchredner gehalten, und ja, er habe mehrere Jahre in seiner Jugend neben der Mode den Traum gehabt, mit einer Bauchrednerpuppe aufzutreten. Er sei auch Teil des Teams gewesen, das 1991 nach Ulan-Bator zur Bauchredner-Olympiade gereist sei, aber das mit den Füßen sei etwas anderes. „Friedreich Ataxie“ Eines der Symptome sei, dass die Füße eine eigene Persönlichkeit annähmen und behaupteten, sie seien historische Figuren oder Märchenwesen. Bereits mehrfach seien seine Besucher darauf reingefallen und hätten seine Füße küssen wollen, aber jedes Mal sei rein gar nichts passiert. Konrad Adenauer habe in seinen letzten Jahren wegen der Krankheit nur noch speziell isolierte Wanderschuhe mit Stahlkappen getragen und sich immer wieder absichtlich Boccia-Kugeln auf die Füße fallen lassen, damit diese nur kurzzeitig Ruhe gaben. Nicht umsonst gebe es bei der Google-Bildersuche kein einziges Bild von Konrad Adenauers Füßen aus den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft. Er sei in Therapie, aber es sei aussichtslos. Umso mehr genieße er sein Leben. Er sei dankbar, meint er und schiebt sich einen Zahnstocher mit Schollenfilet in den Mund. Genüsslich zieht er am Fichtenholz, während die kleinen Fischerboote reich beladen in den Hafen einlaufen und Ramon, das menschliche Metronom, leise vor sich hinklackt.

Til Schweiger, Twitter und die mehrfache Emma

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Man mag von Til Schweiger ja halten, was man will, aber mit seinem letzten Facebook-Ausbruch gegen die Redaktion von Spiegel Online und deren Twitter-Kommentar-Zusammenstellungsliste hat er vielleicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Vielleicht hätte er die Twitterer ja nicht selbst beleidigen müssen und als „irgendwelche Honks, die beim Fernsehen nix besseres zu tun haben, als Ihren Rotz in die Tastatur zu kotzen“, wenn der eigentlich Schuldige der unterbezahlte Volontär ist, der von den Verhältnissen gezwungen, sich den späten Sonntag Nachmittag bei Twitter um die Ohren schlägt, um ein Sammelsurium als halblustig erachteter Fad-Gags zum Hashtag „#tatort“ zu erstellen und deshalb das neue Aspekte mit Tobi Schlegl und Tobi Schlegl zu verpassen, der Tobi Schlegl interviewt, während Tobi Schlegl einen Tobi-Schlegl-Beitrag an- und wieder abmoderiert.

Genau diese Frage werfe ich auf, als wir auf der Terrasse von Deutschlands erfolgreichstem Produzenten, Drehbuchautoren und auch Schauspieler (Ja! Christoph Waltz zählt nicht, weil der ja lieber Österreicher sein will) stehen und gemeinsam an Pfählen überfaustgroße Marshmallows in ein Lagerfeuer hineinhalten. Til Schweiger nickt und sagt „Vielleicht“, aber nicht, worauf sich dieses „Vielleicht“ bezieht, ob als Bejahung meines anfangs geäußerten „Vielleichts“ oder doch eher als „Vielleicht“ im Bezug auf Tobi Schlegl, der seit neuestem sogar von seinen Eltern „Tobias Schlegl“ genannt wird. Er ist ein wenig im Stress, hat er am Telefon schon geäußert. Eigentlich habe er gar keine Zeit für einen Besuch von einem dieser Journalisten. Andererseits wisse er ja, dass mein Name im Gegensatz zu Matthias Matussek oder Klaus Kleber für hochwertigen Qualitätsjournalismus stehe. „Na gut. Komm vorbei, Cornelius, altes Haus! Adresse kennste ja.“

Schweigen mit Claudia Roth

Und so sitzen wir jetzt am Feuer und rösten Marshmallows. Schweiger erzählt von seinem Ärger, einem Ärger, der tief bei ihm sitzt. „Ein Mann, der Anerkennung will, sie aber nicht von dort bekommt, woher er sie gerne haben möchte“, schrieb einst Rudolf Augstein beim SPIEGEL in einem Leitartikel. Mit dieser Aussage konfrontiert, lächelt er sein Schweiger-Lächeln, winkt ab und schweigt. Und ich schweige mit. Gemeinsam schweigen wir auf Schweigers Terrasse. „Die besten Freunde sind die, mit denen man Schweigen kann“, hat Claudia Roth einst in einer Talkshow gesagt, habe ich von einem Bekannten gehört. Damit konfrontiert verweist Til Schweiger auf den Sportstudio-Interview-Versuch mit diesem einen Boxer, der immer nur grinste, aber gar nichts sagte. „Nein. Gut, lass uns reden.“

„Worum geht es in Deinem neuen Tatort, Til?“ „Naja, ich darf nicht zu viel verraten, aber Helene Fischer spielt mit und wir greifen natürlich die Geschichte auf, die wir von Anfang an verfolgt haben. Nick Tschillers Kampf gegen die Mafia …“ „Stichwort Elbphilharmonie.“ „Nein, die andere. Prostitution, Menschenschmuggel, Schlagerbranche… der ganze Kram. Der SPIEGEL wird es wieder scheiße finden, aber das ist mir egal. Die mögen mich nicht; ich mag sie nicht. Wir werden ja sehen, wer Recht hat.“ „Wie meinst Du das, Til?“ „Die Quoten und nicht die Hashtags. Aber lass mal gut sein, Cornelius. Mein Tatort ist eh Quotengarant. Es gibt aber noch ein paar andere spannende Sachen, an denen ich gerade arbeite.“

Emma und die Bilokation

Und dann erzählt er los. Wie er seine Tochter Emma dabei unterstütze, Deutschlands jüngste Bundeskanzlerin zu werden, den Friedensnobelpreis für „Honig im Kopf“ zu gewinnen und wie er überzeugt davon sei, dass sie auch den Hunger in Afrika und/oder die ISIS besiegen könne. Immer mehr käme er zudem zu der Einsicht, dass sein Kind die Fähigkeit zur Bilokation habe, das hieße, dass sie sich glaubwürdig und glaubhaft zeitgleich an mehreren Orten aufhalten könne. Dies käme ihm als Vater und Regisseur natürlich entgegen, da es so für ihn und seine Exfrau möglich sei, trotz geteiltem Sorgerecht gleichzeitig die Kleine zu Besuch haben zu können, während Emma zusätzlich Samstagabendshows moderieren und währenddessen bei Außendrehs zur selben Zeit im Studio anwesend sein könne.

Momentan drehe er einen Klimathriller, der auf Peter Schillings Song „Die Wüste lebt“ basiere und in Marokko spiele. „So ein bisschen ‚Mad Max‘ gemischt mit ‚Keinohrhase‘, mit Nora Tschirner, Jasmin Gerat und Dieter Hallervorden als Bundeskanzlerin“, wobei er nicht wisse, ob der noch mit dabei sei, denn seit dem Krach beim letzten Dreh kommuniziere man nur noch über Mimik und Gestik und das letzte, was er von ihm gesehen habe, sei dessen Palim-Palim-Gesichtsausdruck, verbunden mit einem gestreckten Mittelfinger. Und das alles nur, weil er kurz vorm Dreh der letzten Szene noch den Satz „Eine Flasche Pommes, bitte!“ eingebaut habe, den Hallervorden in seiner Rolle als taffe Bundeskanzlerin als Abschlusssatz in einer Rede an die Nation äußere, um eine Massenpanik zu verhindern. Im Sommer werde man, um die dramatischen Klimaveränderungen auch bildlich gut darzustellen, noch einen Teil Brandenburgs abfackeln müssen. Er stehe da in Verhandlungen, könne aber noch nichts weiter dazu sagen.

Kinder tragen Kinder

„Und dann ist ja noch Ihr Film mit Ai Weiwei.“ „Ach ja, genau!“ Til Schweiger freut sich wirklich, erzählt, der Dreh sei für ihn eine ganz besondere Erfahrung gewesen: „Der Dreh ist für mich eine ganz besondere Erfahrung gewesen. Ist schon krass, dass man aus China ferngesteuert wird. Das kannte ich bisher nur aus Filmen aus dem Kalten Krieg. Meine Drehbuchautorin und ich fanden die Geschichte ein bisschen zu trocken und haben da immer mal wieder versucht, noch eine witzige Pointe einzubauen. Aber gut, anscheinend sind die Chinesen da etwas ernster.“ Sein Handy klingelt, während sich im Hintergrund die Balkontür öffnet und Emma Schweiger sich zu uns gesellt. Ihr Vater hält mir mit einem „Da kannst Du mal sehen“-Blick das Display hin und tatsächlich: Die Anrufer-Information zeigt den Namen „Emma Schweiger“. Und während er ein wenig am Telefon mit seiner Tochter plauscht, Vater-Tochter-Gespräche, erzählt mir Emma von einem weiteren größeren Projekt.

„Kinder tragen Kinder“. Ihrem Vater und ihr selbst sei aufgefallen, dass in den dritten Programmen spät immer noch diese schrecklich langweiligen „Deutschlands schönste Bahnstrecken“-Sendungen laufen würden. Und da hätten Sie sich hingesetzt und das Konzept zu „Kinder tragen Kinder“ entwickelt. Im Prinzip sei alles ganz einfach. Man zeige dort Kinder, die Kinder durch schöne Landschaften tragen. Kinder seien unterhaltsamer als Züge, Kinder würden beim Tragen anderer Kinder zudem zeigen können, was zu leisten sie imstande seien und zudem gebe es mehr Kinder in Deutschland als Züge, was die Auswahl beim Casting erleichtere. Zudem werde gerade eine Zusammenarbeit mit einer größeren Krankenkasse verhandelt, die jeden Kilometer, den ein Kind nachweisbar ein anderes Kind getragen habe, mit einer Spende von 15 Cent an die SOS-Kinderdörfer belohnen wolle.

Til Schweiger beendet das Telefongespräch mit seiner Tochter: „Schlaf gut, Emmy!“ Emma Schweiger erhebt sich, beißt frech einen großen Happen vom schon halb verkohlten Marshmallow ihres Vaters ab und verabschiedet sich ins Bett. Til und ich sitzen noch ein bisschen beeinander, freunden uns bei Facebook an und legen gemeinsam ein anonymes Profil bei Twitter https://twitter.com/tilschweiger an. „Mal sehen, ob der SPIEGEL uns bei seiner nächsten Tatort-Twitter-Kommentar-Schau auch mit reinnimmt.“ Es ist Halbdrei Uhr in der Früh, als ich auf die Straße trete. Emma Schweiger ist gerade dabei, Ihr Fahrrad festzuketten und grüßt mich freundlich. „Schläft Papa schon?“

Mit Paul Ronzheimer im Krieg

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„Es ist Krieg. Keiner will verlieren. Krieg. Pulvergestank. Es ist Krieg. Hörst Du Sie marschieren. Krieg. Ich habe Angst.“ Paul Ronzheimer zitiert frei aus dem Gedächtnis die für ihn beeindruckendste Stelle aus Lew Tolstois Meisterwerk „Krieg und Frieden“ als wir uns auf der Dachterrasse seines Lofts das erste Mal sehen. Trotz allem ist es eine friedliche Stimmung, die hier oben herrscht – wenn man nicht auf die Details achtet, auf die der Hausherr allerdings recht gerne hinweist.

„Da drüben die Gartenbank aus Metall, die ist aus Schrapnellen gefertigt, die ich bei meinem Aufenthalt in der Ostukraine gesammelt habe. Der am Geländer hängende Aschenbecher ist eine entschärfte („… wurde mir jedenfalls so gesagt“) Tellermine und die Beete, wenn Sie mal kurz mit in mein Gewächshaus kommen möchten, die Beete habe ich mit 9,6-Kaliber panzerbrechender Stahlkappenmunition eingezäunt, nachdem ich die Spitzen angespitzt hatte, damit keine Schnecken meine Tomaten fressen. „Aber hier auf dem Dach, da gibt es doch gar kei …“ versuche ich einzuwerfen, aber ein Paul Ronzheimer, der ist nicht aufzuhalten. Ausdruckslos, aber gleichzeitig voller Nachdruck sprudelt es aus ihm hervor.

Das Schnecken-Trauma

„Ich hasse Schnecken. Ich träume jede Nacht von Schnecken. Riesige Schnecken. Schnecken mit Pistolen. Sie kommen, mich zu holen. Ich fliehe. Ich renne. Ich hetze durch eine albtraumhafte Stadt. Vielleicht Donezk. Vielleicht Köln. Vielleicht auch nicht. Vielleicht aber auch doch. Die Schnecken kommen näher. Ich falle in Zeitlupe. Eine Schnecke erhascht meinen rechten Unterschenkel. Sie wirft mich zu Boden und sich auf mich drauf. Sie zückt ihre Raspelzunge und lächelt. Sie sagt: ‚Lustig, wie das klingt. Der Ronzheimer liegt auf der Raspelzunge.‘ Dann beißt sie zu, so wie Schnecken halt beißen können ohne Zähne. Sie lutscht mich auf, raspelt die oberste Hautschicht ab. Dann Filmriss. Halt. Ein Licht.“ Ronzheimers Handy klingelt.

„Ronzheimer hier. Wo ist der Krieg?“ Genauso hatte er sich auch bei meinem ersten Anruf am Telefon gemeldet, als ich wegen eines exklusiven Interviews für den Rheinischen Merkur angerufen hatte. Dann ging alles ganz schnell, ob ich nicht gleich vorbeikommen wolle, ob ich nicht Lust hätte, ihn einfach mal privat und bei der Arbeit zu begleiten, denn da trenne er nicht so bewusst und ja, selbstverständlich seien alle Spesen abgedeckt. Notfalls werde man da schon eine Lösung finden. Und tatsächlich, nur eine knappe Stunde später stehe ich bei meinem Starreporter-Kollegen vom BILD-Politik-Ressort auf dem Dach. 6 Januar, die Sonne geht unter. Irgendwo ist Krieg und Paul Ronzheimer weiß, wo.

Das Geheimnis des Trolleys

Der Abend ist angenehm. Paul Ronzheimer kann hervorragend kochen und lässt Einflüsse aus der ukrainischen, griechischen und hisbollahischen Küche in seine Gerichte einfließen. Granatapfeljus an Feta-Käse. Dazu ein gutes Glas selbstgemachten Borschtschs, hervorragender ukrainischer Wodka zu zart auf der Zungen schmelzendem Schweinespeck und zum Aperitif, einem armenischen Brandy sowie eine zarte Tüte gefüllt mit bestem Hanf, unterirdisch in still gelegten Stollen im Donbass gezüchtet mit energiesparenden LED-Pflanzenlampen. Wir ziehen noch ein wenig um die Häuser, landen in Neukölln (O-Ton Ronzheimer: „Ich höre Schüsse!“ Ich: „Vor 6 Tagen war Silvester.“ Ronzheimer: „Als Reporter ist man niemals sicher!“) und weil sich mein neuer bester Freund nachts nicht mehr durch den Görli nach Hause traut, lass ich ihn auf meiner Gästematratze übernachten.

Um gegen 11 Uhr werden wir beide durch sein laut vor sich hin bimmelndes Smartphone und die Melodie von Edwin Starrs Song „War“ geweckt. „Ronzheimer hier. Wo ist der Krieg?“ Und dann geht alles ganz schnell. Ronzheimer greift sich seinen Trolley, den er gestern Abend („berufsbedingt muss ich den immer dabei haben“) durch ganz Kreuzkölln und in jede Bar und jeden Club neben sich her gerollt hat. Meinen Wunsch, doch bitte schnell noch aus dem Schlafanzug in etwas anderes zu schlüpfen, lehnt er entschieden ab: „Ein Ronzheimer schläft immer angezogen. Da sollten Sie sich mal ein Beispiel nehmen, Cornelius!“ Raus geht es in ein Taxi, Ronzheimer ist konzentriert und gewinnt auf der kurzen Fahrt zurück zu seiner Wohnung spielerisch leicht jedes Duell bei Quizduell.

Recherche in Paris

Es knattert, ein Lächeln huscht über Ronzheimers Gesicht. Der Hubschrauber ist im Anflug. Tegel. Keine Sicherheitskontrolle. Chauffeur hin zum Rollfeld. Privatjet. Seite-1-Mädchen servieren Drinks für Ronzheimer, mich und sein Team. Endlich spricht Ronzheimer mit mir. „Anschlag in Paris.“ Auf Charles de Gaulle alles retour. Flugzeug, Hubschrauber, Dachterrasse auf der der Redaktion gegenüberliegenden Straßenseite der Rue Nicolas-Appert. Die Polizei beschwert sich. „Wie Louis De Funes“, erläutert mir Ronzheimer und lächelt gelassen. Kurzer Anruf „zu Hause“, wie er sagt, „bei Kai Diekmann in der Redaktion“. Auf laut gestellt. So kann er dem Chef zuhören und gleichzeitig bei Quizduell korrekt beantworten, wie lange der chinesische Riesensalamander werden kann (1,80 Meter). 12 Tote, Täter entkommen, ein Fall für Ronzheimer, weiß der Chef. „Bleib dran und gib auf Dich acht, Junge! Und zieh Dir was Warmes an. In Paris sah es kalt aus.“ Ronzheimer nickt und leiht sich vom Tontechniker dessen Bommelmütze.

Und dann jagen wir den Killern hinterher, Polizeifunk abhören, kurzzeitig taucht Ronzheimer sogar – dank seines Fusselbarts bestens getarnt – in die Islamistenszene von Paris ein und isst einen Döner, während er sich kurzzeitig darüber wundert, dass es hier in Frankreich auf dem O auch zwei Punkte gibt. „Umlaut und Frankreich – man lernt nie aus. Allahu Akbar!“ „Na gut, Citroën …“ werfe ich ein. Er nickt zustimmend und schiebt ein „mit ohne scharf, Inschallah“ hinterher und ein „… stimmt. Da ist ein ‚ö‘ drin.“ „… aber auf dem e.“ „Auch egal, Cornelius. Lass uns gehen.“ Mittlerweile weiß man, wer die Anschläge verübt hat, mittlerweile sterben Menschen nur wegen ihres Glaubens in einem jüdischen Supermarkts. Mittlerweile sind alle Charlie. Mittlerweile sitzen wir in einem klapperigen Renault Kangoo und kurven durch Gegenden in Frankreich, die noch kaputter aussehen als Franz-Josef Wagner.

„Ich kann Schüsse hören!“

Die Stimmung ist am Boden. Nirgendwo fallen Schüsse, der Rauch der Zigaretten in der Fahrgastzelle beißt in den Augen, in meinem Schlafanzug sehe ich aus wie Michelle Houellebecq beim Journalistengespräch unter vier Augen. Ronzheimer brütet vor sich hin. Ab und zu klingelt sein Handy noch, aber er nimmt nicht ab. Mit leeren Augen schaut er durch die beschlagene Beifahrer-Fensterscheibe, die er wie mechanisch alle 5 Minuten mit der flachen Hand „putzt“. „Immer an die Leser denken. Also an die Zuschauer“, entfährt es ihm schließlich und er reißt die Handbremse hoch, was ihm empörte Worte auf Franzöisch von Seiten des von Springer engagierten Fahrers einbringt. „Ohlàlà, Baguette, merci“ murmelt er, macht eine abwertende Handbewegung und bittet mich, ihm kurz nach draußen zu folgen.

Und schon stehe wir in einem Vorgarten, der an irgendwelche Fabrikhallen grenzt. Ronzheimer hyperventiliert ein wenig, damit er im Video gehetzter aussieht und boxt gegen einen Mirabellenbaum („Das macht der Charlie Hübner immer so ähnlich beim Polizeiruf 112, um in seine Rolle reinzufinden!“). Bild und Ton stimmen, Ronzheimer drückt mir die geleerten Bäckereitüten des gesamten Teams in die Hand, weist mir einen gut verdeckten Platz hinter einem Gartenhäuschen zu und es kann losgehen. Auf sein Signal hin lasse ich eine aufgepustete Papiertüte nach der anderen zerplatzen, während Paul Ronzheimer mit seinem Team außer Atem über die Wiese im Industriegebiet hetzt und auf ein besonders fettes Exemplar einer Nacktschnecke tritt. Voller Panik presst er noch ein „Ich kann Schüsse hören!“ hervor und zieht meisterhaft erschrocken die Schultern hoch, während er den Kopf wie eine Schildkröte im Hals verschwinden lässt. Nach sechs Takes und mehreren Fahrten zur Dorfbäckerei ist er zufrieden: „Das stellen wir dann online auf BILD, wenn die die Typen in echt haben.“