Wie RTL aus Versehen einen Meilenstein des deutschen Fernsehens drehen ließ

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Von Peer Schader 

„Helden – Wenn Dein Land dich braucht“ heißt das Animationsgewitter, das RTL am Tag der Deutschen Einheit durchs Programm ziehen lässt. Es ist, abzüglich der Werbung, lebensabendfüllende 140 Minuten lang und sein Produzent Stefan Raiser sagt darüber:

„Ich könnte nicht stolzer sein als auf diesen Film.“ 

Er meint einen Film, in dem nach nicht einmal 15 Minuten der Berliner Reichstag in seine Einzelteile zerlegt wude und Hannes Jaenicke im Ascheregen ein Mädchen mit seinem Teddybär aus den Trümmern trägt, um danach mit seiner Ex-Freundin, einer Wissenschaftlerin mit Regierungsauftrag, zu der er in den Hubschrauber springt, einen Hacker aus Bayern aufzuspüren, der mit dem gestohlenen Firmenwagen seines Vaters („Feinkost Siggi“) ins Tropical Island nach Brandenburg geheizt ist, um sich dort entjungfern zu lassen und im Besitz eines Codes ist, der einen durchgedrehten Teilchenbeschleuniger abschalten kann. 

Foto: RTL

„Helden“ ist ein Katastrophenszenario im wahrsten Sinne des Wortes. Heiner Lauterbach ist Kanzler, trägt Seitenscheitel und sagt Sätze wie: „Das Grauen ist noch nicht vorüber.“ Yvonne Catterfeld sagt stattdessen: „Ich wollte mit den Kindern diesen Ausflug machen, und ich werde sie auch wieder zurückbringen!“, bevor sie bei Genf in ein künstlich erzeugtes schwarzes Loch gesaugt wird.

Armin Rohde hat Christine Neubauer geheiratet, die als Krankenschwester während ihrer ersten Spontan-OP in einer Zeche brüllt: „Ich hol den Scheiß-Blinddarm einfach raus!“, während draußen Flugzeuge auf Großstädte stürzen, Autos in Maisfelder crashen, Satelliten die Scheunen ehrlicher Spreewälder Gurkenbauern einäschern und sich Großbritannien auf einer Sicherheitskonferenz damit durchsetzt, eine Atombombe auf die Schweiz zu werfen. 

Zum Schluss ist das Land vollständig zerstört, aber angesichts des unvorstellbaren Schreckens haben sich wenigstens die Religionen versöhnt und Muslime dürfen neben Christen in derselben Turnhalle beten.

Foto: RTL

Der Film, auf den Produzent Raiser „nicht stolzer“ sein könnte und der den Kollegen Hans Hoff in seiner Kolumne bei DWDL.de gerade schon zum Glühen brachte, ist leider keine Komödie.

Aber dafür der endgültige Beweis, dass es das deutsche Fernsehen auf der internationalen Rolandemmerichskala für computergenerierte Blockbusterhöllen inzwischen locker mit den Amerikanern aufnehmen kann. „Helden – Wenn Dein Land dich braucht“ ist ein Untergangsspektakel auf Hollywood-Niveau – nicht nur was die Effekte angeht, sondern auch und vor allem die Eindimensionaliät, die Vorhersehbarkeit und die Witzfigurenhaftigkeit der Charaktere.

Und wissen Sie was? Das sind sehr, sehr gute Neuigkeiten. 

Weil damit der Komplex des deutschen Fernsehens, als zweitgrößter TV-Markt der Welt produktionstechnisch ständig dem ersten hinterherzuhinken, endlich als erledigt gelten kann. 

Und weil nun der Weg frei ist, sich ums Wesentliche zu kümmern: ein fiktionales Fernsehen, das sein Publikum mit der Intensität seiner Geschichten und der Komplexität seiner Charaktere fesselt. Und nicht mit dem größtmöglichen Wumms. 

Geht das überhaupt? Es gibt zumindest Hoffnung. Immerhin reist ZDF-Intendant Thomas Bellut seit dem Frühjahr durchs Land, um auf Podiumsdiskussionen über die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens seinen neu erworbenen zweiten Vornamen, „Unsere Mütter, unsere Väter“, kundzutun. Die Filmreihe über eine Gruppe von Freunden, die im und vom Zweiten Weltkrieg zerrissen wird, gehört berechtigterweise zu den erfolgreichsten ZDF-Produktionen des Jahres – vielleicht muss man sagen: trotz der ambivalenten Charaktere, die es in deutschen Filmproduktionen vorher lange nicht mehr gegeben hat.

Was läge näher, als daraus die Konsequenz zu ziehen, dass es das öfter geben müsste, vielleicht sogar: die Erzählung als Miniserie neu aufzulegen, womöglich mit neuen Charakteren? 

„Im Moment gibt es keinerlei Planungen, über die wir berichten könnten“,

erklärt der Sender auf die Frage nach einer möglichen Fortsetzung. 

Und selbst wenn sich das ZDF noch dazu durchringen könnte, ist damit ja nicht garantiert, dass eine neue Produktion überhaupt die Stärken der alten übernehmen dürfte. Man muss bloß mal rüber zur ARD schauen, die aus dem unerwarteten Erfolg der Krimireihe „Mord mit Aussicht“ bekanntlich den Schluss gezogen hat, einen ganzen Haufen seelenloser Regionalkrimis für den Vorabend zu produzieren, die zusammen genommen nicht einmal halb so intelligent, ironisch und detailverliebt erzählt sind wie das Original.

Das deutsche Fernsehen hat einfach ein großes Talent dafür, aus den eigenen Kreativerfolgen nichts zu lernen.

Dabei wären viele Zuschauer womöglich schon zufrieden, wenn ihre Lieblingskommissarin sich nicht nach jeder Staffel zwei Jahre verabschieden würde, in die das Erste dann wieder Nonnen- und Arztgeschichtchen kippt.

Es kann ja sein, dass die Programmmacher sogar verstanden haben, was das Publikum inzwischen von ihnen erwartet. Sonst hätte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler vor drei Monaten in der FAZ ja ankündigen müssen, „‚Breaking Bad‘ auf deutsch“ produzieren zu wollen. Das klingt wie eine Verheißung. Heißt aber tatsächlich: gar nichts. Weil Himmler nicht dazu gesagt hat, wann es soweit sein soll und völlig unklar ist, auf welchem Platz das dann laufen sollte. Derzeit ist der Programmdirektor noch völlig ausgelastet damit, die freigewordenen Sendeplätze der 60+-Serien „Der Landarzt“ und „Forsthaus Falkenau“ mit 55+-Serien zu tapezieren. In diesem Tempo wäre „‚Breaking Bad‘ auf deutsch“ sicher in siebzig bis achtzig Jahren sendefertig.

Und die Privaten?

Sat.1 ist noch dabei, sein Serientrauma aus dem vergangenen Jahr aufzuarbeiten. Und RTL hielt es für eine gute Idee, viele Millionen Euro in einer internationalen Koproduktion namens „The Transporter“ zu versenken, die mit möglichst teuer produzierten Bildern zu verstecken versuchte, wie billig sie ist.

Es sagt ja niemand, dass das deutsche Fernsehen, wie wir es kennen, gleich aufhören muss zu existieren. Aber ein deutlicheres Signal, dass es bereit wäre, sich für uns zu ändern, bräuchte es schon. Dann ginge auch ein Film wie „Helden“ in Ordnung, wo in einer Szene das völlig zerstörte Köln zu sehen ist, aus dem überall Rauschwaden in den Himmel steigen. Der Dom ist in sich zusammengefallen. Brücken über den Rhein gibt es nicht mehr. Und, wie schon Hans Hoff aufgefallen ist, am Bildschirmrand steht das Sendergebäude von RTL in Flammen.

Wie gut, dass da in den Archiven bisher nichts drin ist, das kaputt gehen kann.

Foto: RTL

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Wie dschungelig ist „Promi Big Brother“?

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Von Peer Schader

Seit vergangener Woche sperrt der frühere Familiensender Sat.1 unter Prominenz-Halluzinationen leidendes Medienpersonal in ein als Wohngemeinschaft verkleidetes Fernsehstudio, um abends in einstündigen Zusammenfassungen zu zeigen, dass den Tag über nichts passiert ist. Daran können auch die „Challenges“ nichts ändern, die die Bewohner über sich ergehen lassen müssen.

Als den Kandidaten vor ein paar Tagen angekündigt wurde, dass einer von ihnen mit vermeintlichem Wildgetier in ein „Aquarium des Schreckens“ steigen sollte (Video), um dort – nichts zu tun, urteilte TV-Show-Insassin Jenny Elvers reflexartig:

„Wir machen hier doch nicht Dschungelcamp!“

Der Sender sieht das vermutlich anders. Also: Wievel Dschungel steckt in tatsächlich „Promi Big Brother?“

Screenshot: Sat.1

Moderatoren: 15 %
„Cindy und Bert“ (Eigenbezeichnung) geben sich von Beginn an allergrößte Mühe, eine den Zuschauern bekannte Moderationsrollenverteilung zu spielen, die lediglich minimal dadurch verzerrt wird, dass Sat.1 auf Gag-Autoren verzichtet, die den ganzen Tag über Zeit hätten, aus einer Vielzahl ausgedachter Witze die fiesesten herauszusuchen. An sich ist das aber sehr schön, wie Cindy aus Marzahn als türkisfarbener Raumtransporter mit Lockenantennen Oliver Pocher als Mama Bär immer in die vereumelten Frechheiten reinpatzt.

Tiere: 0 %
Keine freilebenden Alligatoren oder Schlangen, keinerlei sichtbares Kakerlak. Lediglich ein Hund. Fehlanzeige.

Drehort: 0 %
Für die werktägliche Live-Sendung hat Sat.1 im Berliner Randbezirk Adlershof eine alte Garage ausfindig gemacht, die drinnen zum Plüschprinzessinnen-Werbespot aus der Super-RTL-Vorweihnachtswerbung umgebaut werden konnte, und die draußen, wenn sie abends traurig hellblau angeleuchtet wird, eilig mit einer Grünpflanze vom „Palmenverleih Deko Kretschmann e.K.“ dekoriert wird. (Zumindest steht der immer im Abspann.) Im direkten Vergleich mit dem Baumhaus aus einer langjährigen Menschenwürdezerstörersimulation, zu dem’s die Palmen gratis dazu gibt, ist das eine Riesenblamage. Da es die Regenwahrscheinlichkeit in Adlershof allerdings locker mit der im australischen Busch aufzunehmen vermag, gibt es Bonusprozente:

Drehort: 5 % (witterungsbedingt)

Kandidaten: 90 %
Gar nicht so schlecht ausgewählt: ein echter Ex-Promi, der für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgt, bevor er vorzeitig gehen darf; ein paar ältere Herrschaften, die erzählen können, wie das Fernsehen früher war; ein paar Krawallhasen aus der aktuellen Reality-TV-Maschinerie; und ein paar Schweigepromis, die das Haus ein bisschen voller aussehen lassen. Das hat sich Endemol ganz hervorragend abgeschaut. Dumm bloß, dass die Show nix draus macht.

Provokation: 25 %
Was Ekliges mit Essen, was mit engen Räumen, was mit Schwimmen – das geht schon stark in Richtung Dschungelprüfung, was Sat.1 da veranstalten lässt, um immer wieder dieselben Publikumsopfer aus der Reserve zu locken. Vieles ist bloß so dämlich in Szene gesetzt, und verschnitten, dass die Prüfung in der Regel wieder vorbei ist, bevor jemand den eigentlichen Zweck verstanden ist. (Und im Gegensatz zum sehr lebendigen Dr. Bob macht dieser „Big Brother“ auch keinen besonders, äh, stimmigen Eindruck.)

Produktion: 10 %
Unter Umständen ist die mit der Umsetzung beauftragte Firma Endemol der Ansicht, eine der Konkurrenz ebenbürtige Produktion abzuliefern, indem sie die Moderatoren die Filmchen selbst synchronisieren und ein paar freche Bemerkungen beim Kandidatennummernvorlesen fürs Telefonvoting machen lässt. Aber „Tagesaufgaben“ wie das stundenlange Sitzen vor einem Förderband, an dessen Ende rohe Eier unbeschadet aufgefangen werden müssen, lassen erahnen, wie es in den Köpfen der Leute wirklich aussieht, die das für eine sehenswerte Idee halten. So vielleicht.

Begleitshow: 100 %
Die von Sat.1 im Netz gesendete Begleitshow zur Containersendung kann es mit ihrem im Nischenkanal Nitro gesendeten Dschungel-Pendant in Sachen Überflüssigkeit jederzeit aufnehmen. Am lustigsten sind die Szenen, in denen die beiden Moderatoren Werbepausen ankündigen, in denen dann gar keine Werbung läuft, was ihnen aber niemand sagt.

Gewisse Parallelen zum Reality-Theater, das ein Sat.1-Mitbewerber in den ersten Wochen jedes neuen Jahres veranstaltet, sind also nicht zu leugnen. Aber mit einem ausgewachsenen Urwald kann’s dieser kleine Kunstrasen einer Fernsehsendung eher nicht aufnehmen.

 

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Wozu abwarten? Der SWR biegt sich seinen Jugendkanal zurecht

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Von Peer Schader 

Als die ARD im November vergangenen Jahres ankündigte, gemeinsam mit dem ZDF einen Jugendkanal veranstalten zu wollen (siehe auch Fernsehblog), war die Irritation groß. Nicht nur beim ZDF, das sich überrumpelt fühlte, sondern auch in der Öffentlichkeit. Immerhin hatte SWR-Intendant Peter Boudgoust die Vorstellung geäußert, bereits nach einem halben bis dreiviertel Jahr mit dem Programm loslegen zu können.

Das war arg voreilig. Sein ZDF-Kollege Thomas Bellut hat Gesprächsbedarf angemeldet, die Finanzierung ist unklar und die Politik hat noch keinen entsprechenden Auftrag formuliert. 

Dem SWR ist das egal. Seit dieser Woche hat Boudgoust den Jugendkanal, den er wollte. Er trägt den alten Namen Einsplus und ist seit Montag kein piefiger Koch-und Gartensender mehr, sondern „Fernsehen für Dich!“ mit neuen Sendungen wie „Die Backpacker“, „In Deutschland um die Welt“ und „WTF!?“. Oder wie es SWR-Hörfunkdirektor Gerold Hug und SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser formulieren: ein Programm „für die Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren“ – exakt wie der geplante Jugendkanal.

Eine Genehmigung gibt es dafür nicht.

Screenshot: Einsplus

Welche Digitalsender ARD und ZDF neben ihren Hauptkanälen veranstalten dürfen, ist im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag geregelt, der im Juni 2009 in Kraft trat. Die dort im Anhang formulierten Programmkonzepte stammen von den Rundfunkanstalten selbst – und sind unter anderem dem SWR inzwischen ein Dorn im Auge. Schließlich ist Einplus dort als „generationsübergreifendes Familienprogramm“ mit „Service-Charakter“ beschrieben, also so ziemlich das Gegenteil eines Jugendkanals.

Hug und Hauser äußern sich dazu auf Anfrage nicht. SWR-Sprecher Wolfgang Utz beruft sich darauf, Einsplus solle laut Konzept „Orientierung und Lebenshilfe geben und Wissen vermitteln, das den Alltag meistern hilft“. Die Sendungen seien „dementsprechend so gewählt, dass sie den jungen Zuschauern am Beispiel junger Protagonisten Rollenbilder und Handlungsmuster vermitteln, geschichtliches Wissen transportieren und unterschiedliche Lebensrealitäten der jungen Generation vorstellen“.

In der Beauftragung steht aber auch, Einsplus bündele „die gesamte Kompetenz der ARD auf dem Programmfeld Service-, Ratgeber- und Wissensformate“. Es sollte unter anderem ein Servicemagazin „für Zuschauer aller Altersschichten“ geben, „ein Programmformat für Werte-, Glaubens- und Lebensberatungsthemen“ sowie Schwerpunkte zu den Themenfeldern „Erziehung, Tiere und Natur, Umwelt und Energie, Kochen“.

Davon existiert im aktuellen Programm nur noch ein kläglicher Rest am Vormittag von 7 bis 13 Uhr, wo Wiederholungen von „Reise aufs Land“ und „Kochkunst mit Vincent Klink“ laufen. Da ist die junge Zielgruppe praktischerweise in der Schule oder in der Uni. Genau diese Wiederholungsstrecken führt Utz jedoch als Beleg dafür an, dass man sich ans Konzept halte. So biegt sich der SWR einen Ratgebersender zum Jugendprogramm zurecht. 

Es ist natürlich nicht so, dass den Zuschauern noch mehr öffentlich-rechtlicher Servicequatsch fehlen würde. Und unabhängig von der streitbaren Qualität vieler Inhalte des „Fernsehens für Dich!“ ist es dem SWR ja auch zu gönnen, mit jungen Programmideen zu experimentieren. Er kann das nur nicht einfach gegen den bisherigen Auftrag durchsetzen. Zwar laufen auf Einsplus bereits seit April des vergangenen Jahres junge Formate. Bislang beschränkten die sich aber vor allem auf die Abendzeit. „16 Stunden junges Programm“ versprechen die Verantwortlichen nun im Hochglanz-Presseheft.

Bis Ende Oktober dieses Jahres wollen ARD und ZDF nun ihr Konzept für einen gemeinsamen Jugendkanal vorlegen. Der Sender soll 45 Millionen Euro kosten und könnte Anfang 2015 starten. Offensichtlich ist der rechtliche Rahmen für die ARD aber bloß eine lästige Formsache. Die Politik soll letztlich ein Angebot abnicken, das es spätestens seit dieser Woche schon gibt. 

SWR-Intendant Boudgoust hat Recht damit gehabt, ein dreiviertel Jahr nach dem Intendantenbeschluss mit dem Programm loslegen zu können. Er hat damals nur nicht dazu gesagt, dass er sich dafür im Zweifel auch über den Rundfunkstaatsvertrag hinwegsetzen würde. 

Der Text ist auch in der „Berliner Zeitung“ erschienen.


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Alle reden über Netflix – und keiner tut was

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Von Peer Schader 

Seit diesem Montag treffen sich in Berlin mittelwichtige Leute beim „Internationalen Medienkongress“, um gemeinsam Gulaschsuppe und Currywurst aus papierschalennachgebildetem Porzellan zu verspeisen und sich unter dem Motto „All You Can Watch“ bei Vorträgen zum so genannten Medienwandel Statistiken um die Ohren zu hauen. Deshalb ist es so eine Überraschung, dass das wichtigste Thema dabei SIE sind. 

Ja, Sie!

Weil Sie ganz bestimmt auch zu den schrecklichen Leuten gehören, die Gebrauch von den zahlreichen Möglichkeiten machen, nicht mehr so fernzusehen, wie es einst der Programmdirektor für Sie vorgesehen hat. 

Sondern in Mediatheken, über Abo-Streaming-Dienste, Online-Videotheken und vielleicht sogar über illegale Download-Plattformen. 

Am häufigsten wird in den Debatten dabei immer wieder Netflix erwähnt. Deutsche Medienmacher kriegen es hin, den amerikanischen Streaming-Dienst einerseits für seinen Mut zu loben, eigene, hochqualitative Serien wie „House of Cards“ und „Orange ist he New Black“ zu loben; und ihn gleichzeitig dafür zu verdammen, dass er sich in ihr ach so schönes Geschäftsmodell der Inhalteverbreitung einmischen könnte. Der ehemalige DVD-Verleihdienst, der Filme und Serien inzwischen per Online-Flatrate anbietet, hat weltweit bereits über 37 Millionen Abonnenten, erobert gerade Europa, ist aber noch nicht in Deutschland angekommen. Also machen die meisten Beteiligten erstmal das, was sie am besten können: abwarten. 

Das Fernsehblog verrät: Wie fortschrittlich ist die deutsche Medienbranche? 

ARD und ZDF

RBB-Intendantin Dagmar Reim hat die Lösung für den Medienwandel gefunden. Sie behauptet einfach, dass alles so bleibt wie es ist. Das ist praktisch, weil dann auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen so bleiben kann wie es ist. (Wenn man mal von ein bisschen Jugendgedönsanstrengung absieht.) Aus der RBB-Perspektive trifft das ja auch zu: Der Sender hat seit April 2012 (ausgeschrieben: Zweitausendzwölf!) eine eigene Mediathek im Netz (die seit Juni Zweitausenddreizehn auch mobil benutzbar ist). Und schon 2014 könnte der Sender sein Programm erstmals in HD ausstrahlen. Falls das dann noch jemand sehen will. ZDF-Intendant Thomas Bellut ist schon einen Schritt weiter. Er sagt: das Kartellamt ist schuld, dass in Deutschland nix geht. Weil es die Oldie-Wiederholungsplattform „Germany’s Gold“ nicht genehmigen will. Man braucht schon ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, um zu glauben, dass „Germany’s Gold“ auch nur ansatzweise gegen ein deutsches Netflix bestehen könnte. Aber davon hat Bellut als Intendant ja mehr als genug, zumal er sich mit außerhäusigen Medienentwicklungen nur selten auseinanderzusetzen braucht

Die Produzenten

Würden gerne am liebsten weiter hochwertige Fernsehfilme für ARD und ZDF produzieren, beschweren sich aber, dass außer für hochwertige Fernsehfilme bei ARD und ZDF kaum Geld da ist. 

Die Privatsender

Pro Sieben Sat.1 steckt dank MyVideo mittendrin in der Inhalteproduktion für ein Publikum, das keine komplexen Geschichten erzählt haben will, sondern mit 3-Minuten-Videoclips und ein paar schlechten Gags zufrieden ist. Insofern zählt die Sendergruppe zu den fortschrittlicheren deutschen Medienunternehmen. Aber wenn’s darum geht, Angebote für ein Massenpublikum zu finden, bleibt dann doch alles wieder beim alten Geschäftsmodell: Trash und Castingshows. Die Video-on-Demand-Plattform Maxdome versucht Pro Sieben Sat.1 gerade mit einer neuen Abostruktur zu vernetflixen, technisch bleibt die Seite aber nach wie vor ein Alptraum. RTL ist derweil ganz damit ausgelastet, sein Programm vor den Leuten zu beschützen, die es (noch) sehen wollen: Die RTL-HD-Sender sind nach langen Verhandlungen jetzt auch im IPTV der Telekom verfügbar. Mit denselben Vorspuleinschränkungen wie überall sonst, weil die Telekom eingeknickt ist.

Die neuen „Player“

Alle reden von Youtube, am liebsten aber redet Youtube von Youtube – und produziert dabei (wie beim Medienkongress in Berlin) soviel heiße Floskelluft, dass damit eine ganze Heißluftballonflotte die Alpen überfliegen könnte. Geld für coole Inhalte werden die so schnell nicht ausgeben. Das müssen die Nutzer weiter selber machen. Der neue Star der Branche heißt Matthias Hjelmstedt: In Schweden hat er mit Magine einen Zattoo-Konkurrenten gegründet, mit dem das klassische TV-Programm überall und zeitunabhängig per App abrufbar sein soll. In Deutschland befindet sich Magine noch in einer wackeligen Beta-Phase. Und das wird offensichtlich auch noch eine Weile so bleiben. Angaben, wann die App in vollem Umfang bereit stehe, wollte Hjelmstedt in Berlin keine machen. (Und auch nicht verraten, in welchen europäischen Ländern Magine noch startet.) Auf der deutschen Magine-Website steht: „Erinnerst du dich noch an das Fernsehen von gestern? Wir uns nicht mehr.“ Dabei hatte das Fernsehen von gestern im Vergleich zu Magine natürlich den Vorteil, dass noch mehr als drei RTL-Kanäle ruckelfrei über den Bildschirm liefen.

* * *

Richtig ist: Das deutsche Fernsehen funktioniert immer noch so gut, weil es ein Millionenpublikum hat. (Moment, der Satz geht weiter.) Ein Millionenpublikum, das zu faul oder zu träge ist, sich Inhalte zu suchen, die es nicht nur betäuben, sondern wirklich unterhalten oder begeistern, und die in vernünftigem Maße bezahlbar sind. 

Man mag sich gar nicht vorstellen, was hier los sein wird, wenn sich irgendwann ein Unternehmen auf den deutschen Markt traut, um dem Publikum ein Angebot zu machen, das genau das leistet.

Foto [M]: Medienboard Berlin-Brandenburg; Netflix / Das Fernsehblog

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