Das Fernsehblog schaltet mal ab

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Von Peer Schader

Barbara Salesch hat sich zur Ruhe gesetzt, Ingo Lenßen ermittelt nicht mehr und Markus Schächter genießt sicher inzwischen vollumfänglich die Freuden des nachintendantösen Gärtnerns. Das Fernsehblog schließt sich an. Es wird höchste Zeit, dass Sie endlich lernen, wieder unbetreut fernzusehen! Deshalb erscheinen in Zukunft an dieser Stelle keine neuen Beiträge mehr.

Noch einmal: Vielen Dank fürs Mitlesen, Kommentieren und Teilen! Es war ein Vergnügen, für Sie in die Röhre zu schauen. Wenn Sie mögen, lesen wir uns an anderer Stelle wieder. 

Bis dahin: Frohes Fernsehen.

RTL 2, die neue Stimme der Vernunft – und wie Scripted Realitys auf ihr Publikum wirken

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Von Peer Schader

Um zu denen zu sprechen, die ihre Unterstützung benötigen, hüllt sich die Stimme der Vernunft bisweilen in die unglaublichsten Gestalten, manchmal sogar – in die von RTL 2.

„Teleshopping ist zwar schnell und unkompliziert“, sagt die Stimme dann, „kann aber ebenso schnell in die Schuldenfalle führen“. 

Wie gut, dass gestandene Dokumentarfilmer selten Zeit haben, um nachmittags die Programme der Privaten einzuschalten und daraus soviel Besonnenheit fließen zu hören. Weil es sich dann natürlich viel leichter wutschnaubend über den „Erzählnotstand“ im deutschen Fernsehen diskutieren lässt, den Scripted Reality angeblich verursacht, wie neulich beim „Mainzer Medien Disput“ in Berlin. (Wer zuviel Zeit hat oder Lust auf ein bisschen schlechte Laune: hier lässt sich die Veranstaltung als Hörspiel nacharbeiten.)

Bemerkenswerter als die Pauschalkritik vermeintlich seriöser Medienbeobachter ist, wie sich das Genre (siehe u.a. Fernsehblog) im Laufe der Jahre entwickelt hat. Der Krawall ist immer noch zentraler Bestandteil vieler Formate. Aber schon in frühen Sendungen lieferten die Macher eine Art Lernbonus mit, der am Ende der erzählten Geschichte den Konflikt auflöst. Neu ist, dass statt dieser Minimoral inzwischen offensive Lebensberatung praktiziert wird, so wie in der gerade gestarteten und RTL-2-gerecht betitelten Reihe „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt…“.

In der liefern die (ausgedachten) Problemfälle exakt das, was der Titel verspricht. Vor allem aber werden die Geschichten laufend von einem Rechtsanwalt und einer Psychologin unterbrochen, die die gezeigten Situationen kommentieren, auf Fehler hinweisen und Lösungsvorschläge machen.

„Hilf mir!“ ist sozusagen Anbrüllen mit Nutzwert.

Screenshot: RTL 2

Die Auftaktfolge schildert, wie die 18-jährige Laura sich für ein Coaching bewirbt, um Model zu werden, von einer unseriösen Agentur aber bloß das Geld aus der Tasche gezogen kriegt, was dazu führt, dass Laura ihre Eltern anlügt, ihre Freundin bestiehlt und Nacktfotos macht, um mit dem Honorar die Drogen zu bezahlen, mit dem sie sich den Mut für die günstige Brust-OP im Ausland ankokst, damit es endlich mit dem Bikini-Katalogshooting klappt. (Episode bei rtl2now.de ansehen.) Selten war der Weg aus der Unschuld in die Hölle so kurz wie derzeit im RTL-2-Nachmittag.

„Hilf mir!“ braucht solche Extremfälle, damit die beiden Experten dazu ihre simplen Lehren von Pappen hinter der Kamera ablesen können. (Zumindest hören sich viele Sätze genau so an.)

Wenn Laura mit ihrer eifersüchtigen Schwester und den Eltern aneinander gerät, die ihre Tochter zu einer soliden Ausbildung drängen, sagt die Psychologin:

„Lauras Eltern machen hier einen ganz typischen Fehler: Sie lehnen Lauras Wünsche komplett ab. (…) Es ist immer falsch, die Geschwister unter Konkurrenzdruck zu stellen. Denn dadurch entsteht Neid und Eifersucht, und das ist für jede Familie Gift.“

(Was RTL 2 freilich nicht davon abhält, in den folgenden 40 Minuten noch einmal detailgetreu nachspielen zu lassen, wie in Familien eigentlich Neid und Eifersucht entstehen.)

Als sich die Anzeichen eines Betrugs mehren, erklärt der Rechtsanwalt:

„Spätestens jetzt sollte Laura eigentlich merken, dass sie einem unseriösen Anbieter aufgesessen ist. Wenn sie wirklich als Model arbeiten möchte, ist ihr zu empfehlen, sich an den Verband lizenzierter Modelagenturen zu wenden.“

Aber Laura wendet sich nicht an den Verband lizenzierter Modelagenturen, sondern den Drogen, der Nacktfotografie und der Brust-OP zu, was die beiden RTL-2-Helfer zu einer umfassenden Ratschlagkaskade veranlasst:

„Drogen sind definitiv keine Lösung und führen ganz schnell in die Abhängigkeit.“
„Sobald Drogen im Spiel sind, geraten die Betroffenen meist in eine Abwärts- und Schuldenspirale, die sie ohne fremde Hilfe nicht mehr durchbrechen können.“
„Viele sehen die Erotikbranche als Ausweg aus der persönlichen Finanzkrise. Aber auch hier lauern zahlreiche Fallen.“
„Solche Beauty-OPs bieten vermeintlich einfache Lösungen, aber es stecken oft tiefere Beweggründe dahinter.“

Eine Dreiviertelstunde geht das so, bis der Off-Sprecher kurz vor Schluss plötzlich sagt: „Sieben Wochen später…“ – und sich die Familie nach einer (nicht gezeigten) Aussprache wieder blendend versteht. „Unterstützend würde ich hier auch noch eine Familientherapie empfehlen“, erklärt die Psychologin.

Dann ist die Sendung zu Ende. 

Die Instant-Vernunftberatung macht die ausgedachten Geschichten in ihrer fernsehgerecht übertriebenen Intensität nicht plausibler, eher im Gegenteil. Viele Fälle sind furchtbar redundant und wären nach der Hälfte der Sendezeit bereits erschöpfend zu Ende erzählt, weil dann wirklich jeder Zuschauer das Problem der kaufsüchtigen jungen Mutter erkannt hat, die ihren Säugling vernachlässigt, bei der Dessousparty im Nagelstudio einkaufen geht, die Kreditkarte ihres hart arbeitenden Freundes sprengt und ihre Hartz-IV-Mutter ausnutzt. (Episode bei rtl2now.de ansehen.

Aber das geht halt nicht, wenn der Rechtsanwalt zwischendurch erklären soll, was die Schufa ist, mit welcher Strafe bei einer Urkundenfälschung zu rechnen wäre und wie die positiven Seiten des Teleshoppings mit den negativen abzuwägen sind (siehe oben).

Anderthalb Minuten vor Schluss ist die Welt ja immer wieder in Ordnung: Aussöhnung, Therapie, Frieden, Umarmung, Abspann.

Screenshot: RTL 2

Intelligentes Fernsehen geht anders, aber die Frage ist: Sind Sendungen wie „Hilf mir!“ womöglich tatsächlich eine Art Orientierungshilfe für junge Zuschauern? Die Fälle mögen extrem sein, aber die grundlegenden Probleme scheinen für die Zielgruppe nicht nur relevant, sondern alltäglich zu sein. (Vielleicht eher nicht in Familien, in denen der Papa Dokumentarfilmer ist.) 

Es sieht ganz so aus: Nach Ausstrahlung der ersten beiden Folgen konnten Zuschauer mit den Experten aus der Sendung chatten und dort Fragen zu ihren eigenen Problemen stellen. Das Ergebnis ist ganz erstaunlich, weil RTL 2 mit der Aktion offensichtlich ins Schwarze getroffen hat. Ein paar Scherzkekse wollten wissen: „Kann ich meine Eltern irgendwie dazu verpflichten mir ein Smartphone zu kaufen?“ 

Aber viele der in bruchstückhafter Chat-Sprache formulierten Fragen waren alles andere als Lappalien:

„Hallo eine gute Freundin von mir ist auch mit Drogen in Kontakt gekommen. Sie kifft täglich und ich finde das nicht gut wie kann ich ihr helfen oder was kann sie tun?“
„Ich habe immer den Drang was zu bestellen, was kann ich dagegen machen?“
„meine Mutter hat depressionen und ist immer schlecht drauf wie kann ich ihr helfen bin 16 und werde ziemlich oft von ihr fertig gemacht“
„Hallo! Ich bin 15. Muss ich was zahlen wenn ich mir einen Rechtsanwalt hole?“
„ich hab einem jungen in den ich verliebt bin bilder in unterwäsche geschickt und bin richtig hilflos denn ich habe angst dass sie irgendwo veröffentlicht werden was kann ich tun????????? bin mehr als hilflos bitte schreiben sie zurück“
„mein Bruder ist 22 Jahre jung, Cristel abhängig und hat einen 3 Jahre alten sohn. (…) den Kontakt hat er zu uns schon abgebrochen und wenn man ihm geld gibt, dann gibt er es für Drogen aus. (…) WIR BRAUCHEN HILFE“

(unredigierte Chat-Kommentare)

So seltsam oder traurig es auch scheinen mag: Für viele, vor allem junge Zuschauer, die sonst in ihrem Leben keine Ansprechpartner haben, ist der wichtigste Ansprechpartner: das Fernsehen. 

Womöglich verstärken Scripted Realitys diesen Effekt durch ihre scheinbare Echtheit. Es bringt also wenig, das Genre von vornherein zu verteufeln. Viel wichtiger wäre, sich zu überlegen, wie Zuschauern in den entsprechenden Sendeumfeldern dauerhaft Hilfe angeboten werden könnte.

(Von alleine ist RTL 2 bisher nicht drauf gekommen, einfach regelmäßig die Telefonnummer einer seriösen Beratungsstelle einzublenden.) 

Wie sehr das Genre tatsächlich Einfluss auf sein Publikum hat, ist kürzlich an der Universität Fribourg (Schweiz) erforscht worden. Für eine Studie haben die Wissenschaftler zuerst erkennbare „Werte“ und „Handlungsempfehlungen“ aus 73 Scripted-Reality-Sendungen (u.a. „Familien im Brennpunkt“, „Betrugsfälle“, „Pures Leben“, aber keine der neueren Ratgeber-Varianten) ermittelt. Eine Auswahl der Sendungen wurde an 182 Versuchsteilnehmer geschickt, damit die sich die DVD zuhause ansehen und an einer Vorher-Nachher-Befragung teilnehmen. In der stellten die Forscher „signifikante Unterschiede“ fest, allerdings „nicht immer in die erwartete Richtung“.

Zum einen hatten die Scripted-Reality-Fälle offensichtlich einen positiven Einfluss auf die Einstellung der Teilnehmer zur Ehrlichkeit:

„So sind die Zuschauer nach der Rezeption weniger deutlich der Auffassung, dass Ausreden eine gute Möglichkeit sind, Konflikte zu vermeiden. Sie denken seltener, dass es manchmal besser ist, nicht die Wahrheit zu sagen. (…) Sie denken auch weniger, dass man die Wahrheit verheimlichen sollte, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen.“

Es gibt allerdings auch einen Negativ-Effekt, der vermutlich vom üblichen Schrei- und Fehlerkreislauf verursacht wurde, auf den sich die Sendungen oftmals stützen:

„Familie erscheint nach der intensiven Nutzung der SR-Sendungen verstärkt als Ort von Problemen, die die Familie nicht lösen kann (…).“

Als Ursache sehen die Forscher, „dass die Familienkonflikte (…) dominant sind und die (in der Regel hoffnungsvolle) Konfliktlösung am Ende vergleichsweise kurz abgehandelt wird. Ihr langfristiger Erfolg leibt offen.“

Scripted Realitys macht die Zuschauer also keineswegs dümmer, wie manche Kritiker pauschal behaupten. Die Sendungen können bestenfalls sogar dazu beitragen, dass Zuschauer Ehrlichkeit stärker zu schätzen wissen, weil ihnen z.B. die fatalen Konsequenzen von Lügen vor Augen geführt wurden. (Meine Interpretation.) Die vielen von Laiendarstellern bis dahin auszustehenden Konflikte sorgen allerdings gleichzeitig dafür, dass Probleme für schwieriger lösbar gehalten werden. Weil die Lösung im Fernsehen ja immer nur ein paar Sekunden und nie als Prozess zu sehen ist, sondern immer bloß als Happy End. 

Ob das auch für neue Formate wie „Hilf mir!“ mit ihrer expliziten Ratgeberfunktion gilt, kann die Studie freilich nicht sagen.

Aber genau wie der RTL-2-Chat ist sie ist ein Indiz dafür, dass die Wirkung der erfundenen Dokusoaps auf ihr Publikum längst nicht so simpel ist wie die Geschichten, die darin erzählt werden.

* * *

Quelle: „Familien als Problem, Ehrlichkeit als Chance: Eine Studie zur Kultivierung durch Scripted-Reality-Sendungen“ von Andreas Fahr, Janina Modes und Sebastian Schwarz; Zusammenfassung erschienen in „tv diskurs“ 4/2013, S. 68-73 (pdf).

 

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Wie die Werbung vor 20 Uhr der Verjüngung des ZDF schadet

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Von Peer Schader

Der neue Pfarrer ist ein echter Teufelskerl. Ein alleinerziehender Vater von vier Söhnen, der in seiner Freizeit nicht nur Lederjacke trägt, sondern unterm Talar giftgrüne Turnschuhe. Der sich – wie menschlich! – auch mal mit Ketchup bekleckert und nie sauer ist, wenn einer aus der Bande wieder was angestellt hat, sondern „froh, dass dir nix passiert ist“.

Er ist total freundlich, außer wenn die störrische Kirchenvorstandstussi Theater macht. Im Örtchen hat sich schon rumgesprochen, dass er auf eine „bewegte Vergangenheit“ zurückblickt. (Also: was mit der Organistin in der letzten Gemeinde hatte, der verheirateten Organistin!) Dank des „unsichtbaren Bands der Liebe“ führt er schnurstracks zerstrittene Familien wieder zusammen. Und das ist ja auch kein Wunder, wenn der Musketierschlachtruf der eigenen Sippschaft lautet:

„Wir halten zusammen, komme was wolle!“

Screenshot: ZDF

Es sind bekanntlich nicht die hellsten Lampen, die sich das ZDF mit seinen täglichen Vorabendserien ins Programm schraubt, und der neuste Start unter dem Titel „Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“ macht keine Ausnahme. (Obwohl für das aktuelle Serienidyll erfreulicherweise kein Schimpanse dressiert werden musste.) Aber das geht schon in Ordnung: Für eine Dreiviertelstunde Heile-Welt-Fernsehen eignet sich die ITV-Studios-Produktion mit Pfarrer Andreas Tabarius (Simon Böer) „als komplexe und heutige Figur“ (ZDF) hervorragend. (Erste Folge in der Mediathek ansehen.)

Das Problem ist ein anderes. Nämlich, dass der wichtigste Satz im ZDF-Vorabendprogramm schon lange nicht mehr von Schauspielern gesprochen wird, sondern von dem Mann aus der Medikamentenwerbung: 

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Dieser Satz ist schuld daran, dass die Vorabendserien im ZDF nicht jünger werden, sondern bloß: jünger verpackt. Eigentlich läuft es für den Sender in der Zeitschiene, die Konkurrenten wie das Erste und Sat.1 schon seit Jahren zum Verzweifeln bringt, nämlich sehr gut. Regelmäßig gehören „Die Rosenheim Cops“, „Forsthaus Falkenau“ und die zahlreichen „Sokos“ zu den meistgesehenen Sendungen des Tages. Wer wissen will, welche Zuschauer dafür sorgen, muss sich bloß die Werbepause ansehen. 

Geworben wird dort für die „Apotheken-Umschau“, Anti-Faltencremes, Harndrangunterdrücker, Vitaminpräparate, Schlafmittel, Anti-Schwindelpillen und Altersfleckenreduzierer. Als Sponsor konnte der Sender ein Wärmepflaster gewinnen:

„Jetzt geht’s weiter mit entspannter Unterhaltung, präsentiert von Thermacare Wäremumschläge.“

Gut, es ist nicht weiter verwunderlich: In den Werbepausen von Sendungen, die vornehmlich von älteren Leuten gesehen werden, werben Hersteller von Produkten, die sich an ältere Leute richten. 

Aber genau das führt die seit Jahren umstrittene Erlaubnis der öffentlich-rechtlichen Sender, vor 20 Uhr überhaupt Werbung zeigen zu dürfen, ad absurdum. 

Typisches Argument der Befürworter ist – abgesehen von der Drohung mit höheren Rundfunkgebühren –, dass ARD und ZDF durch die Werbung gezwungen seien, sich den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen und ein möglichst attraktives und junges Programm anzubieten, damit die Unternehmen in diesem Umfeld werben wollen. Das war schon immer ein bisschen Quatsch. Geklappt hat es vielleicht mal im Ersten, als dort junge Serien wie „Berlin, Berlin“ und „Türkisch für Anfänger“ eine Chance am Vorabend bekamen. (Es wäre aber schon damals keiner auf die Idee gekommen, dass das Vorabend-„Quiz mit Jörg Pilawa“ im völlig quizverseuchten ARD-Programm irgendeinen Vielfaltsbeitrag hätte leisten können.)

Das ZDF hat die Idee der Aufgeschlossenheit ins komplette Gegenteil verkehrt. Ab 18 Uhr laufen reihenweise Krimis mit Handlungssträngen, die jede Babykatze in drei bis fünf Sekunden entwirrt und durchschaut hat. Und die dafür sorgen, dass der Sender so alt bleibt wie immer alle glauben, dass er’s ist.

Dass dieses System nicht nur eine fragwürdige Industrienähe produziert, sondern auch Ursache und Wirkung verdreht hat, ist besonders ärgerlich: Weil im Vorabend so viele Unternehmen um die älter Zielgruppen werben, denkt das ZDF überhaupt nicht daran, Serien für ein jüngeres Publikum zu produzieren – sondern dreht immer wieder dieselben.

Bis zu einem gewissen Grad wäre das ja erträglich, hinsichtlich der Erfüllung des Auftrags sogar wünschenswert. Es gibt bloß keine Ausnahmen, keinen Anreiz, etwas zu ändern. Weil das ZDF weiter für „Apotheken-Umschau“, Anti-Faltencremes, Harndrangunterdrücker, Vitaminpräparate, Schlafmittel, Anti-Schwindelpillen und Altersfleckenreduzierer werben möchte, die das Privatfernsehen nicht so einfach für sich reklamieren kann, weil dort die entsprechenden Zielgruppenumfelder fehlen.

Screenshot: ZDF

Deshalb ist auch der ZDF-Mittwochs-Neustart „Kripo Holstein“ bloß eine weitere Kopie der immer gleichen Polizeireihen, die schon seit einer Ewigkeit gezeigt werden – mit einem zackigeren Vorspann vielleicht, aber so berechenbar und klischeehaft, dass es einen beim Zusehen schüttelt. Der aufs Land versetzte Großstadt-Bulle hat „Wedding is‘ geil“ auf dem Shirt stehen und „Ich bremse für Blondinen“ auf seinem Truck, er sagt „Computermaus“ zur Sekretärin und zum Hubschrauber „Vogel“. Mit seiner Ruppigkeit eckt er bei den neuen Kollegen an, die aber viel schlauer und moderner sind als ihm das seine Vorurteile vorgegaukelt haben. Am Ende arbeiten alle doch ganz gut zusammen.

Würd’s nicht im Abspann stehen, man wüsste nicht, dass das eine Serie aus dem Jahr 2013 ist.

Im Grunde sabotiert die politisch (noch) gewollte Erlaubnis, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Werbung laufen zu lassen, die Bestrebungen des ZDF, sein Hauptprogramm zu verjüngen. Und der einzige, dem das nützt, ist: die Pharmaindustrie

Es wird höchste Zeit, dass das aufhört.

 

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Mario Barth deckt auf: Fernsehen muss kein Geld kosten!

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Von Peer Schader

Die gruseligste Nachricht im Koalitionstheater, das derzeit von den politischen Parteien als leider nicht vorzeitig abbrechbare Endlosvorstellung aufgeführt wird, ist, dass sich Mario Barth in dieser Woche als Finanzminister beworben hat. Und dass es möglicherweise keine schlechte Idee wäre, ihm das Amt tatsächlich zu überlassen. Alleine schon, um dabei zuzusehen, wie Barth das Kunststück fertigbringt, das er am Mittwochabend den 4,1 Millionen Zuschauern seiner neuen Anti-Steuerverschwendungsshow gegeben hat.

Es ging um „Gelder, die Ihnen gehören, und wo wir versuchen, dass Sie sie wieder zurückbekommen“. „Gelder“ nämlich, die vom Staat in den unterschiedlichsten Varianten „verballert“, „verdonnert“ und „verknallt“ (Barth) worden sind und die bei „Mario Barth deckt auf!“ deshalb den ganzen Abend über in symbolischer Spielgeldform von einem riesigen Häcklser pulversiert wurden (ganze Sendung bei rtlnow.de ansehen).

Wenn so ein Geld mal ausgegeben ist, vielleicht sagt das Barth zwischendurch jemand, dann ist es nicht so leicht wiederzukriegen.

Besser ist’s, man behält es gleich für sich. Oder wie es der lustige Präsidentenonkel vom hochseriösen Bund der Steuerzahler formulierte, den Barth ins Fernsehen eingeladen hatte, um ihn „Terminator der Gerechtigkeit“ zu nennen und die Beispiele aus seinem jährlichen Verschwendungskatalog nachbebildern zu dürfen:

„Also, einer muss mal anfangen zu sparen.“

Seit diesem Mittwoch um 20.15 Uhr geht RTL (nach der Versenkung üppiger Fördergelder in der Vorwoche) mit gutem Beispiel voran, indem der Sender ein Fernsehprogramm produziert, das billig zu nennen augenblicklich als verleumderische Hochstapelei bestraft werden müsste.

Screenshot: RTL

Dabei ist es keine schlechte Idee, sich dem Thema Steuerverschwendung einmal in komödiantischer Weise zu nähern. Es hätte halt bloß geholfen, das nicht so lieblos zu tun wie bei „Mario Barth deckt auf!“, für das sich der Gastgeber gerade so durchringen konnte, einen halben Tag auf dem Berliner Flughafen zu verbringen, über den inzwischen zwar schon so gut wie alle Witze gemacht sind – was Barth aber nicht daran hinderte, sie dem leicht erheiterbaren Publikum noch einmal aufzuwärmen.

Die Rolltreppen sind zu kurz, hihi,  und das Licht brennt den ganzen Tag, weil die den Aus-Schalter nicht finden, haha. Sprach Barth in der Anmoderation und zeigte dann drei Filmchen, in denen er demonstrierte, dass die Rolltreppen zu kurz sind und das Licht den ganzen Tag brennt, weil die den Aus-Schalter nicht finden.

Immerhin hatte sich die Redaktion Mühe gegeben, den maximal gedehnten Baustellenausflug mit anderen Verschwendungsfällen zu unterbrechen: einer Polizistin, die auf einem Segway einen Bus durch die Schweriner Fußgängerzone zu geleiten hat, einen Bremer Staatsrat, der eine Studie über Keksesser angefertigt hat, einen völlig nutzlosen Bahnübergang bei Göttingen.

„Ich war in Schwerin“, kündigte Barth die Kurzfilmchen an, „Ich war in Bremen“, und „Ich war unterwegs“. Und wie gerne würde man ihm das glauben, wären die gezeigten Ausschnitte nicht bis zu fünf Jahren alt und kämen aus dem Archiv der NDR-Satiresendung „extra 3“ (hier, hier und hier), das der immer noch erfolgreichste Privatsender Deutschlands nun also geplündert hat, um daraus eine „neue“ Zweistundenshow zur Hauptsendezeit zu machen. 

(Okay, okay: Die Bilder eines Erfurter Kreisverkehrs, der aus Spargründen bloß auf die Fahrbahn gemalt war und seitdem zu kreativen Fahrleistungen animiert, kamen aus der „Quelle: Youtube“.) 

Fernsehkoch Steffen Henssler und Spaßdarsteller Ingo Appelt unterstützten Barth bei seiner Premiere als Steuerverschwendungsmahner mit der Erkenntnis, dass in Hamburg eine viel zu teure Philharmonie gebaut wird und deren unterirdische Kölner Entsprechung vom nahegelegenen Bahnhof erschüttert wird, was ungefähr so witzabgegriffen ist wie der Berliner Flughafen. Der angebliche Kabarettist Florian Schröder („Das Ernste“) inspizierte eine unsinnige Wildwechselbundesstraßenbrücke, „Bambule“-Sidekick Eva Johanna Maria Knothe bewies sich als Expertin für überteuerte Citytoiletten, und dem RTL-Anwaltsprotagonisten Christopher Posch haben wir immerhin den schönen Werbepausen-Teaser zu verdanken:

„Christopher Posch löst das Rästel der stillgelegten Biogasanlage! Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen!“

Dafür aber das von affenhafter Pantomime begleitete Halbsatzstakkato Barths ertragen zu müssen, kommt einer ausgeprägten Herausleidgung gleich – einer Mischung aus Herausforderung und Beleidigung, bei der es schwer ist, aus dem Gegrunze, dem Gelalle, dem Äh-äh-äh, Na-hain, nääääää!, dem ganzen Schnellsprechgestammel und Dreifachgagerkläre überhaupt einen Sinn zu entnehmen, um danach festzustellen, dass dieser, wenn man ihn endlich entschlüsselt hat, bereits verstorben ist.

„Ich bin ja nur Realschüler“, verteidigte sich Barth zwischendurch, als es kurzzeitig kompliziert zu werden drohte und er erfuhr, dass der neue Bahn-Chef gar nicht mehr Mehdorn heißt, sondern – Grube, wie: Grube?, Grube!, ha: witzig! 

Aber das ist nun wirklich nicht der kritische Punkt.

Der kritische Punkt ist: Als Moderator einer Show, in der es nicht um die vorher auswendiglernbaren Unterschiede zwischen Männern und Frauen geht, ist Mario Barth hoffnungslos überfordert. Oder wie er’s selbst gesagt hat nach einem der Verschwendungsfilmchen:

„In diesem Sinne: Bitte nicht weitermachen.“

Korrektur: „Eva-Maria Knothe“ hat kurzfristig ihren Vornamen geändert und heißt vorne jetzt Johanna ohne Bindestrich. (Oder, andere Möglichkeit: Der Name, der zuerst oben stand, war völlig falsch.) Jedenfalls gilt der aktuell im Text erwähnte Name. Pardon.


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Ein unbeabsichtigter Meilenstein

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