Wozu abwarten? Der SWR biegt sich seinen Jugendkanal zurecht

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Von Peer Schader 

Als die ARD im November vergangenen Jahres ankündigte, gemeinsam mit dem ZDF einen Jugendkanal veranstalten zu wollen (siehe auch Fernsehblog), war die Irritation groß. Nicht nur beim ZDF, das sich überrumpelt fühlte, sondern auch in der Öffentlichkeit. Immerhin hatte SWR-Intendant Peter Boudgoust die Vorstellung geäußert, bereits nach einem halben bis dreiviertel Jahr mit dem Programm loslegen zu können.

Das war arg voreilig. Sein ZDF-Kollege Thomas Bellut hat Gesprächsbedarf angemeldet, die Finanzierung ist unklar und die Politik hat noch keinen entsprechenden Auftrag formuliert. 

Dem SWR ist das egal. Seit dieser Woche hat Boudgoust den Jugendkanal, den er wollte. Er trägt den alten Namen Einsplus und ist seit Montag kein piefiger Koch-und Gartensender mehr, sondern „Fernsehen für Dich!“ mit neuen Sendungen wie „Die Backpacker“, „In Deutschland um die Welt“ und „WTF!?“. Oder wie es SWR-Hörfunkdirektor Gerold Hug und SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser formulieren: ein Programm „für die Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren“ – exakt wie der geplante Jugendkanal.

Eine Genehmigung gibt es dafür nicht.

Screenshot: Einsplus

Welche Digitalsender ARD und ZDF neben ihren Hauptkanälen veranstalten dürfen, ist im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag geregelt, der im Juni 2009 in Kraft trat. Die dort im Anhang formulierten Programmkonzepte stammen von den Rundfunkanstalten selbst – und sind unter anderem dem SWR inzwischen ein Dorn im Auge. Schließlich ist Einplus dort als „generationsübergreifendes Familienprogramm“ mit „Service-Charakter“ beschrieben, also so ziemlich das Gegenteil eines Jugendkanals.

Hug und Hauser äußern sich dazu auf Anfrage nicht. SWR-Sprecher Wolfgang Utz beruft sich darauf, Einsplus solle laut Konzept „Orientierung und Lebenshilfe geben und Wissen vermitteln, das den Alltag meistern hilft“. Die Sendungen seien „dementsprechend so gewählt, dass sie den jungen Zuschauern am Beispiel junger Protagonisten Rollenbilder und Handlungsmuster vermitteln, geschichtliches Wissen transportieren und unterschiedliche Lebensrealitäten der jungen Generation vorstellen“.

In der Beauftragung steht aber auch, Einsplus bündele „die gesamte Kompetenz der ARD auf dem Programmfeld Service-, Ratgeber- und Wissensformate“. Es sollte unter anderem ein Servicemagazin „für Zuschauer aller Altersschichten“ geben, „ein Programmformat für Werte-, Glaubens- und Lebensberatungsthemen“ sowie Schwerpunkte zu den Themenfeldern „Erziehung, Tiere und Natur, Umwelt und Energie, Kochen“.

Davon existiert im aktuellen Programm nur noch ein kläglicher Rest am Vormittag von 7 bis 13 Uhr, wo Wiederholungen von „Reise aufs Land“ und „Kochkunst mit Vincent Klink“ laufen. Da ist die junge Zielgruppe praktischerweise in der Schule oder in der Uni. Genau diese Wiederholungsstrecken führt Utz jedoch als Beleg dafür an, dass man sich ans Konzept halte. So biegt sich der SWR einen Ratgebersender zum Jugendprogramm zurecht. 

Es ist natürlich nicht so, dass den Zuschauern noch mehr öffentlich-rechtlicher Servicequatsch fehlen würde. Und unabhängig von der streitbaren Qualität vieler Inhalte des „Fernsehens für Dich!“ ist es dem SWR ja auch zu gönnen, mit jungen Programmideen zu experimentieren. Er kann das nur nicht einfach gegen den bisherigen Auftrag durchsetzen. Zwar laufen auf Einsplus bereits seit April des vergangenen Jahres junge Formate. Bislang beschränkten die sich aber vor allem auf die Abendzeit. „16 Stunden junges Programm“ versprechen die Verantwortlichen nun im Hochglanz-Presseheft.

Bis Ende Oktober dieses Jahres wollen ARD und ZDF nun ihr Konzept für einen gemeinsamen Jugendkanal vorlegen. Der Sender soll 45 Millionen Euro kosten und könnte Anfang 2015 starten. Offensichtlich ist der rechtliche Rahmen für die ARD aber bloß eine lästige Formsache. Die Politik soll letztlich ein Angebot abnicken, das es spätestens seit dieser Woche schon gibt. 

SWR-Intendant Boudgoust hat Recht damit gehabt, ein dreiviertel Jahr nach dem Intendantenbeschluss mit dem Programm loslegen zu können. Er hat damals nur nicht dazu gesagt, dass er sich dafür im Zweifel auch über den Rundfunkstaatsvertrag hinwegsetzen würde. 

Der Text ist auch in der „Berliner Zeitung“ erschienen.


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