Wie dschungelig ist „Promi Big Brother“?

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Von Peer Schader

Seit vergangener Woche sperrt der frühere Familiensender Sat.1 unter Prominenz-Halluzinationen leidendes Medienpersonal in ein als Wohngemeinschaft verkleidetes Fernsehstudio, um abends in einstündigen Zusammenfassungen zu zeigen, dass den Tag über nichts passiert ist. Daran können auch die „Challenges“ nichts ändern, die die Bewohner über sich ergehen lassen müssen.

Als den Kandidaten vor ein paar Tagen angekündigt wurde, dass einer von ihnen mit vermeintlichem Wildgetier in ein „Aquarium des Schreckens“ steigen sollte (Video), um dort – nichts zu tun, urteilte TV-Show-Insassin Jenny Elvers reflexartig:

„Wir machen hier doch nicht Dschungelcamp!“

Der Sender sieht das vermutlich anders. Also: Wievel Dschungel steckt in tatsächlich „Promi Big Brother?“

Screenshot: Sat.1

Moderatoren: 15 %
„Cindy und Bert“ (Eigenbezeichnung) geben sich von Beginn an allergrößte Mühe, eine den Zuschauern bekannte Moderationsrollenverteilung zu spielen, die lediglich minimal dadurch verzerrt wird, dass Sat.1 auf Gag-Autoren verzichtet, die den ganzen Tag über Zeit hätten, aus einer Vielzahl ausgedachter Witze die fiesesten herauszusuchen. An sich ist das aber sehr schön, wie Cindy aus Marzahn als türkisfarbener Raumtransporter mit Lockenantennen Oliver Pocher als Mama Bär immer in die vereumelten Frechheiten reinpatzt.

Tiere: 0 %
Keine freilebenden Alligatoren oder Schlangen, keinerlei sichtbares Kakerlak. Lediglich ein Hund. Fehlanzeige.

Drehort: 0 %
Für die werktägliche Live-Sendung hat Sat.1 im Berliner Randbezirk Adlershof eine alte Garage ausfindig gemacht, die drinnen zum Plüschprinzessinnen-Werbespot aus der Super-RTL-Vorweihnachtswerbung umgebaut werden konnte, und die draußen, wenn sie abends traurig hellblau angeleuchtet wird, eilig mit einer Grünpflanze vom „Palmenverleih Deko Kretschmann e.K.“ dekoriert wird. (Zumindest steht der immer im Abspann.) Im direkten Vergleich mit dem Baumhaus aus einer langjährigen Menschenwürdezerstörersimulation, zu dem’s die Palmen gratis dazu gibt, ist das eine Riesenblamage. Da es die Regenwahrscheinlichkeit in Adlershof allerdings locker mit der im australischen Busch aufzunehmen vermag, gibt es Bonusprozente:

Drehort: 5 % (witterungsbedingt)

Kandidaten: 90 %
Gar nicht so schlecht ausgewählt: ein echter Ex-Promi, der für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgt, bevor er vorzeitig gehen darf; ein paar ältere Herrschaften, die erzählen können, wie das Fernsehen früher war; ein paar Krawallhasen aus der aktuellen Reality-TV-Maschinerie; und ein paar Schweigepromis, die das Haus ein bisschen voller aussehen lassen. Das hat sich Endemol ganz hervorragend abgeschaut. Dumm bloß, dass die Show nix draus macht.

Provokation: 25 %
Was Ekliges mit Essen, was mit engen Räumen, was mit Schwimmen – das geht schon stark in Richtung Dschungelprüfung, was Sat.1 da veranstalten lässt, um immer wieder dieselben Publikumsopfer aus der Reserve zu locken. Vieles ist bloß so dämlich in Szene gesetzt, und verschnitten, dass die Prüfung in der Regel wieder vorbei ist, bevor jemand den eigentlichen Zweck verstanden ist. (Und im Gegensatz zum sehr lebendigen Dr. Bob macht dieser „Big Brother“ auch keinen besonders, äh, stimmigen Eindruck.)

Produktion: 10 %
Unter Umständen ist die mit der Umsetzung beauftragte Firma Endemol der Ansicht, eine der Konkurrenz ebenbürtige Produktion abzuliefern, indem sie die Moderatoren die Filmchen selbst synchronisieren und ein paar freche Bemerkungen beim Kandidatennummernvorlesen fürs Telefonvoting machen lässt. Aber „Tagesaufgaben“ wie das stundenlange Sitzen vor einem Förderband, an dessen Ende rohe Eier unbeschadet aufgefangen werden müssen, lassen erahnen, wie es in den Köpfen der Leute wirklich aussieht, die das für eine sehenswerte Idee halten. So vielleicht.

Begleitshow: 100 %
Die von Sat.1 im Netz gesendete Begleitshow zur Containersendung kann es mit ihrem im Nischenkanal Nitro gesendeten Dschungel-Pendant in Sachen Überflüssigkeit jederzeit aufnehmen. Am lustigsten sind die Szenen, in denen die beiden Moderatoren Werbepausen ankündigen, in denen dann gar keine Werbung läuft, was ihnen aber niemand sagt.

Gewisse Parallelen zum Reality-Theater, das ein Sat.1-Mitbewerber in den ersten Wochen jedes neuen Jahres veranstaltet, sind also nicht zu leugnen. Aber mit einem ausgewachsenen Urwald kann’s dieser kleine Kunstrasen einer Fernsehsendung eher nicht aufnehmen.

 

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