Wie die Werbung vor 20 Uhr der Verjüngung des ZDF schadet

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Von Peer Schader

Der neue Pfarrer ist ein echter Teufelskerl. Ein alleinerziehender Vater von vier Söhnen, der in seiner Freizeit nicht nur Lederjacke trägt, sondern unterm Talar giftgrüne Turnschuhe. Der sich – wie menschlich! – auch mal mit Ketchup bekleckert und nie sauer ist, wenn einer aus der Bande wieder was angestellt hat, sondern „froh, dass dir nix passiert ist“.

Er ist total freundlich, außer wenn die störrische Kirchenvorstandstussi Theater macht. Im Örtchen hat sich schon rumgesprochen, dass er auf eine „bewegte Vergangenheit“ zurückblickt. (Also: was mit der Organistin in der letzten Gemeinde hatte, der verheirateten Organistin!) Dank des „unsichtbaren Bands der Liebe“ führt er schnurstracks zerstrittene Familien wieder zusammen. Und das ist ja auch kein Wunder, wenn der Musketierschlachtruf der eigenen Sippschaft lautet:

„Wir halten zusammen, komme was wolle!“

Screenshot: ZDF

Es sind bekanntlich nicht die hellsten Lampen, die sich das ZDF mit seinen täglichen Vorabendserien ins Programm schraubt, und der neuste Start unter dem Titel „Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“ macht keine Ausnahme. (Obwohl für das aktuelle Serienidyll erfreulicherweise kein Schimpanse dressiert werden musste.) Aber das geht schon in Ordnung: Für eine Dreiviertelstunde Heile-Welt-Fernsehen eignet sich die ITV-Studios-Produktion mit Pfarrer Andreas Tabarius (Simon Böer) „als komplexe und heutige Figur“ (ZDF) hervorragend. (Erste Folge in der Mediathek ansehen.)

Das Problem ist ein anderes. Nämlich, dass der wichtigste Satz im ZDF-Vorabendprogramm schon lange nicht mehr von Schauspielern gesprochen wird, sondern von dem Mann aus der Medikamentenwerbung: 

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Dieser Satz ist schuld daran, dass die Vorabendserien im ZDF nicht jünger werden, sondern bloß: jünger verpackt. Eigentlich läuft es für den Sender in der Zeitschiene, die Konkurrenten wie das Erste und Sat.1 schon seit Jahren zum Verzweifeln bringt, nämlich sehr gut. Regelmäßig gehören „Die Rosenheim Cops“, „Forsthaus Falkenau“ und die zahlreichen „Sokos“ zu den meistgesehenen Sendungen des Tages. Wer wissen will, welche Zuschauer dafür sorgen, muss sich bloß die Werbepause ansehen. 

Geworben wird dort für die „Apotheken-Umschau“, Anti-Faltencremes, Harndrangunterdrücker, Vitaminpräparate, Schlafmittel, Anti-Schwindelpillen und Altersfleckenreduzierer. Als Sponsor konnte der Sender ein Wärmepflaster gewinnen:

„Jetzt geht’s weiter mit entspannter Unterhaltung, präsentiert von Thermacare Wäremumschläge.“

Gut, es ist nicht weiter verwunderlich: In den Werbepausen von Sendungen, die vornehmlich von älteren Leuten gesehen werden, werben Hersteller von Produkten, die sich an ältere Leute richten. 

Aber genau das führt die seit Jahren umstrittene Erlaubnis der öffentlich-rechtlichen Sender, vor 20 Uhr überhaupt Werbung zeigen zu dürfen, ad absurdum. 

Typisches Argument der Befürworter ist – abgesehen von der Drohung mit höheren Rundfunkgebühren –, dass ARD und ZDF durch die Werbung gezwungen seien, sich den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen und ein möglichst attraktives und junges Programm anzubieten, damit die Unternehmen in diesem Umfeld werben wollen. Das war schon immer ein bisschen Quatsch. Geklappt hat es vielleicht mal im Ersten, als dort junge Serien wie „Berlin, Berlin“ und „Türkisch für Anfänger“ eine Chance am Vorabend bekamen. (Es wäre aber schon damals keiner auf die Idee gekommen, dass das Vorabend-„Quiz mit Jörg Pilawa“ im völlig quizverseuchten ARD-Programm irgendeinen Vielfaltsbeitrag hätte leisten können.)

Das ZDF hat die Idee der Aufgeschlossenheit ins komplette Gegenteil verkehrt. Ab 18 Uhr laufen reihenweise Krimis mit Handlungssträngen, die jede Babykatze in drei bis fünf Sekunden entwirrt und durchschaut hat. Und die dafür sorgen, dass der Sender so alt bleibt wie immer alle glauben, dass er’s ist.

Dass dieses System nicht nur eine fragwürdige Industrienähe produziert, sondern auch Ursache und Wirkung verdreht hat, ist besonders ärgerlich: Weil im Vorabend so viele Unternehmen um die älter Zielgruppen werben, denkt das ZDF überhaupt nicht daran, Serien für ein jüngeres Publikum zu produzieren – sondern dreht immer wieder dieselben.

Bis zu einem gewissen Grad wäre das ja erträglich, hinsichtlich der Erfüllung des Auftrags sogar wünschenswert. Es gibt bloß keine Ausnahmen, keinen Anreiz, etwas zu ändern. Weil das ZDF weiter für „Apotheken-Umschau“, Anti-Faltencremes, Harndrangunterdrücker, Vitaminpräparate, Schlafmittel, Anti-Schwindelpillen und Altersfleckenreduzierer werben möchte, die das Privatfernsehen nicht so einfach für sich reklamieren kann, weil dort die entsprechenden Zielgruppenumfelder fehlen.

Screenshot: ZDF

Deshalb ist auch der ZDF-Mittwochs-Neustart „Kripo Holstein“ bloß eine weitere Kopie der immer gleichen Polizeireihen, die schon seit einer Ewigkeit gezeigt werden – mit einem zackigeren Vorspann vielleicht, aber so berechenbar und klischeehaft, dass es einen beim Zusehen schüttelt. Der aufs Land versetzte Großstadt-Bulle hat „Wedding is‘ geil“ auf dem Shirt stehen und „Ich bremse für Blondinen“ auf seinem Truck, er sagt „Computermaus“ zur Sekretärin und zum Hubschrauber „Vogel“. Mit seiner Ruppigkeit eckt er bei den neuen Kollegen an, die aber viel schlauer und moderner sind als ihm das seine Vorurteile vorgegaukelt haben. Am Ende arbeiten alle doch ganz gut zusammen.

Würd’s nicht im Abspann stehen, man wüsste nicht, dass das eine Serie aus dem Jahr 2013 ist.

Im Grunde sabotiert die politisch (noch) gewollte Erlaubnis, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Werbung laufen zu lassen, die Bestrebungen des ZDF, sein Hauptprogramm zu verjüngen. Und der einzige, dem das nützt, ist: die Pharmaindustrie

Es wird höchste Zeit, dass das aufhört.

 

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