„Zwischenwesen auf Kufen“: Von Eich bei den Paralympics in Sotchi

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Nach Sotchi also. An die Riviera Russlands, wo die Einbeinigen eistanzen.

Ich vibriere vor Vorfreude, bin ein Glühdraht. Nichts befeuert meinen Entdeckergeist so sehr wie die Abgründe und Auswüchse der Anatomie, die Gewitternächte der menschlichen Evolution, grobe Unformen, Wasserbäuche, Schrumpfköpfe und Siechtum. Stets haben mich derlei Geschöpfe in ihren Bann gezogen: Dreibeinige Lemuren, adipöse Weichschildkröten, Leutheusser-Schnarrenberger.

Im olympischen Dorf angekommen, lege ich einen neuen Film in meinen Photographen und begebe mich in die Eishalle. Über die glatte, glitzernde Eisfläche bewegen sich zehn Flitzkugeln mit krummsäbelförmigen Stöcken, die einer schwarzen Scheibe nachjagen. Diese Zwischenwesen auf Kufen entwickeln großes Geschick in ihrem Betätigungsfeld. Besonders amüsant ist es, wenn sie mit den Beinstümpfen von ihren Kufen abrutschen und übers Eis schliddern wie eine gefrorene Kröte: So habe ich in meiner Jugend schon auf dem Weiher des Hofguts Kröten-Curling gespielt.

Weiter ins Kongresszentrum, auf dem Weg begegnen mir blinde Funktioniäre, denen ich zum bloßen Spaß verwirre, indem ich mit meinem Gehstock Klappergeräusche an einem Treppengeländer mache. Die Gruppe, ihres wichtigsten Orientierungsmerkmals beraubt, irrt um- und übereinander.
Ich lache in mich hinein, ziehe das Haar glatt, richte die Krawattennadel, denn gleich begegne ich einem Menschen mit magnetischer Ausstrahlung, einen Vertikalcharatker, Strategen und langjährigen Freund.

1997 begegneten wir uns am Rande einer Stahlmesse, an einem kupferfarbenen Nachmittag in Odessa an einer Saftbar, wir tauschten uns aus, unsere Pläne, Visionen, Strategien – ich erzählte ihm, dass ich am „neuen Menschen“ arbeite, mit Hilfe von Genforschung, plastischer Chirugie, Nahrungsergänzungsmitteln, NLP und schamanischen Ideen eine neue Menschenrasse kreiren möchte. Er berichtete mir von seinen Scheidungsplänen und der Idee einer eurasischen Union. Man belächelte uns. Man belächelte mich, man belächelte Wladimir Putin.

Heute dampft aus den Schornsteinen der Kriegsschiffe im schwarzen Meer gierig der Ruß – und ich stehe kurz vor der Veröffentlichung meiner Studienergebnisse.

Doch zunächst hier und jetzt, der Empfang der Behinderten. Ich schiebe mich neben eine siebenfingrige russische Skifliegerin, die von einer Habichtfamilie großgezogen wurde. Wir sehen gespannt, wie Wladimir ins Kongresszentrum eilt, gespannt bis zur Ferse, der schweinchenrosa Teint eines Mannes, der früh aufsteht, im Einklang mit seinem Adrenalinspiegel schwingt, parataktisch lebt und Schwellenländer angreift, im Ärmel ein Tempotaschentuch, dass er rasch herauszieht, sich die Nase kräftig putzt – welch ohrenbetäubender Klang, als sich der Präsident die Nasenflügel anspannt – wie die einer Tuba. Totale Stille unter den Mongoloiden. Dann schreitet er die Reihen ab, grüßt hie und da einen russischen Krüppel, zollt seinen Respekt. Schon immer habe ich an ihm bewundert, mit wie wenigen Worten er Menschen zu sich zieht, mit feinem Garn an sich knüpft:

„Glückwunsch, Gelähmter!“
„Ganz prima, Zwergwüchsiger!“
„Weiter so, Einauge!“

Ich dränge mich weiter nach vorne, aber Wladimir wird von seinen Sicherheitsleuten in einen schwarzen Limousine geschoben. Ich spurte noch zwei, drei Schritte hinterher, rufe nach ihm, da ist er auch schon weggebraust.

vonEich_Paralympics

Etwas ernüchtert kehre ich in ein Café ein, in dem es, ganz nach neosowjetischer Wollust, Mokka aus tiefgefrorenen Straußeneiern zu trinken gibt, und gebe mich ganz meiner Erinnerung hin. Noch ganz hingerissen von den bizarren Erfahrungen, den entrückenden Bildern des Tages.

So erinner ich mich, dass ich als Kind selbst eine blinde Taube großzog, ihr ein Kostüm schneidern ließ, sie an einem Halsband führte, ihr aus weichem Draht ein Gewehr bog, es ihr um den Kopf hängte. Sie war Wachs in meinen Händen.

Nie erschoss ich ein behinderte Pferde, nein, ich voltigierte sie, genoss ihren närrischen Gang.

Auf einem Jahrmarkt im Sauerland sah ich eine alte Rumänin mit drei dicken Brüsten, die sie gegen eine Mark enthüllte – ich rettete sie aus dem Käfig und ließ sie fortan im Garten barbusig für mich arbeiten – wenn die Sonne auf ihre drei Brustdrüsten schien und sie Radieschen erntete, hüpfte mein Herz.

Diese „Paralympics“ sind für mich also die größte Form von Jahrmarkt, die ich nur phantasieren kann, und die Vielfalt der Gebrechen hier sind für mich Inspiration und Genuss.

Ich bezahle mit American Express und ziehe mich mit einer tadschikischen Dirne ins Private zurück, um Kraft zu tanken für die nächsten Etappen meiner Reise ins Jetzt.