Eine Weltreise in Selfies (1) – Das Berghain

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Wir brechen bei Dämmerung auf. Meine Assistentin hat mir die wichtigsten Informationen auf einem Karteikärtchen zusammengefasst. Ich bin wach und klar und habe mein Gesicht, meine Brust, mein Gesäß und mein Geschlecht mit Rosenwasser eingerieben.

Ich ziehe die Luft ein, als wir an dem Gebäude ankommen. Die letzten Meter gehe ich allein. Umfasse meinen Stock, um ihn als Antenne des Selbst gegen alle Einflüsse an mir zu halten. Ich bin mir der Gefahren bewusst: Hier tummeln sich Rauschgiftsüchtige, Homosexuelle, Hermaphroditen. Wie einen hölzernen Penis, wie ein Bajonett halte ich
​den ​ Gehstock vo​r​ der Hüfte waagerecht voraus, schreite langsam, aus dem Bau grollt ein dunkles Geräusch. Walhalla. Schattenreich. Berghain.

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Musik ist es nicht. Eher klingt es wie der Todesschrei eines alten Hirschs. Ein Hämmern dazu. Ein Lärmen, ein Sog. Ich komme näher, erblicke eine Menschenschlange. Sie zieht sich vom Portal des neokla​ss​i​z​tischen Heizkraftwerks von sowjetischer Bauart mehrere Hundert Meter über einen sanften Hügel. Begierig sind die Blicke nach vorne gerichtet. Wie zu einer Mahlzeit hin,​ zu​ einem Gral. Wie im Tschad, am Ufer des letzten dreckigen, durstlöschenden Rinnsals. Nur fehlen die Fliegen auf ihren Gesichtern. Doch sind sie dürr, besonders die Mädchen, aufreizend dürr, lang ihr Deckhaar, kurz an den Seiten geschoren, wie die eines SA-Kämpfers.

Am Eingang werden sie abgewiesen. Iberer, Italiker, lärmend, weißäugige Polacken, nächtliche Kretins, spaßdurstiges Volk. Ein bärtiger Zausel, die Lippen und Nasenflügel beringt und bepflockt wie ein aztekischer Salbeisammler, übt Wache am Tor. Ein wuchtiger Animal, der keine Mie​ne verzieht, nur bedächtig den Kopf schüttelt, ihnen den Einlass verwehrt, worauf sie in sich zusammensinken, an der Tür vorbei zurücklaufen, bis ich selbst vor ihm stehe, den Griff des Gehstocks umfasse, erbebend, begafft vom Minotaurus, all meine Chuzpe zusammennehme und sage: „Mein Name ist Alexander von Eich, und ich bitte um Einlass.“

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Kichern hinter mir. Ich wende mich nicht um. Der Koloss betrachtet mich, schnuppert. Die Rosenblätter tun ihren Dienst, ich dufte. Mir scheint, seine Augen ertasteten meinen Anzug, die Seide, meinen Po. Der große, grobe Mund breitet sich zu einem Lächeln. Mokiert er sich? Hält er mich für einen Narren? „Eine Person?“, fragt er. Ich nicke: Er lässt mich ein. Triumphal wende ich mich in Richtung der Schlange zurück, deute ein Winken an, betrete den Stalinbau.

Der Lärm einer Fabrik umfängt mich, ein Trommelwirbel von Pressen, Fräsen, Bohrern. Treppen führen hoch in Richtung des Gerumpels, schemenhaft erkenne ich Körper, Gesichter, Hände, bestempelt auf dem Rücken. Als seien sie nummeriert, bienenfleißige Untermenschen, Schrauben und Teilchen der tanzenden Urmaschine. Rhythmus ergreift mich. Ich schwinge die Treppenstufen herauf, eine Welle der Sympathie bricht sich in meinem Magen bahn, voraus schlackert mein Stock, ich wippe, kipple auf dem Fuß.

Seitlich eingefasst entdecke ich einen dunklen Raum, aus dem Wärme dringt, Körpergeruch. Den Stock voraus taste ich mich hinein, bereit, an meine Grenzen zu gehen, im Schädel ein Summen von Neugier und Furcht. Ich sehe zwei Männer, dann drei, die sich zärtlich zu einem Knäuel geflochten haben. Einladend blicken sie zu mir auf. Ich drehe mich rasch ab.

Fluchtreflexe erfassen mich. Etwas gehetzt, begleitet von Blicken, durchstreife ich die alte Lagerhalle. Sind es die Träume einer unzüchtigen Generation, unerreicht von ideologischem Esprit, die hier eine kurze Nachtblüte blühen? Bürgerliches Gezücht, angereist mit billigen Airlines, das in Ermangelung eines Ideals nur noch sich selbst tänzeln und tapsen lässt, sich und seinen Körper, anorexisch, sonnenfern, unterernährt? Ich bin eregiert.

Eine winzige Japanerin spricht mich an. Kaum größer als ein großer Käfer. Findet meinen Gehstock apart. Dreht sich um, streckt ihre bestrumpften Beine und den kleinen Po in meine Richtung aus. Feixend versetze ich ihr einen Schlag. Sie strahlt, hüpft auf. Wieder schlage ich, diesmal fester, sie jault auf, ist es der Schmerz, der eiserne Schmerz, der die Jugend beim Bewusstsein kitzelt? Ist es der Tanz, in dem sich befreites Lächeln abwechseln mit martialischem, eckigem Manöver von Armen, Beinen und Rumpf? Ich denke an ernst Jünger: Manche sind mit weidmännischem Eifer bei der Sache. Ihnen macht der Krieg eben Spaß.

Ich denke an Statik, Robotik. Urin, Schweiß. Meine Neugier ist gestillt. Ich habe etwas Altes im Neuen entdeckt. Die Mobilmachung der Poren, der Hirnrinde, der Geschlechtsteile, des Triebs. Dies ist kein Ort des Schreckens. So muss es sich angefühlt haben
​ an den Ausläufern des ersten Weltkriegs​ ,​ als die jungen Männer zu Körpern wurden und die Pflugscharen zu Schwertern.​

Ich verlasse das Berghain. Als ich die Treppenstufen herabgehe, rieche ich an meiner Hand. Ich rieche nach Rosen und Schweiß. Aus dem dunklen Seitenraum winken mir die Homosexuellen. Halb Mensch, halb Tier, ganz Bewegung.
​ Ich hebe die Hand. ​

Am nächsten Tag wird Wladimir Putin Truppen auf die Krim entsenden. Meine Reise ins Jetzt beginnt mit einem euphorischen Gefühl von Dynamik und Sexualität. Ich beziehe mein Zimmer im Hotel, bade mich, reinige mich, putze mir die Zähne, desinfiziere mich von Kopf bis Fuß, nasche das Schokoladentäfelchen unter dem Kopfkissen, putze mir erneut die Zähne und falle in einen tiefen, fast mechanischen Schlaf.