RTL 2, die neue Stimme der Vernunft – und wie Scripted Realitys auf ihr Publikum wirken

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Von Peer Schader

Um zu denen zu sprechen, die ihre Unterstützung benötigen, hüllt sich die Stimme der Vernunft bisweilen in die unglaublichsten Gestalten, manchmal sogar – in die von RTL 2.

„Teleshopping ist zwar schnell und unkompliziert“, sagt die Stimme dann, „kann aber ebenso schnell in die Schuldenfalle führen“. 

Wie gut, dass gestandene Dokumentarfilmer selten Zeit haben, um nachmittags die Programme der Privaten einzuschalten und daraus soviel Besonnenheit fließen zu hören. Weil es sich dann natürlich viel leichter wutschnaubend über den „Erzählnotstand“ im deutschen Fernsehen diskutieren lässt, den Scripted Reality angeblich verursacht, wie neulich beim „Mainzer Medien Disput“ in Berlin. (Wer zuviel Zeit hat oder Lust auf ein bisschen schlechte Laune: hier lässt sich die Veranstaltung als Hörspiel nacharbeiten.)

Bemerkenswerter als die Pauschalkritik vermeintlich seriöser Medienbeobachter ist, wie sich das Genre (siehe u.a. Fernsehblog) im Laufe der Jahre entwickelt hat. Der Krawall ist immer noch zentraler Bestandteil vieler Formate. Aber schon in frühen Sendungen lieferten die Macher eine Art Lernbonus mit, der am Ende der erzählten Geschichte den Konflikt auflöst. Neu ist, dass statt dieser Minimoral inzwischen offensive Lebensberatung praktiziert wird, so wie in der gerade gestarteten und RTL-2-gerecht betitelten Reihe „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt…“.

In der liefern die (ausgedachten) Problemfälle exakt das, was der Titel verspricht. Vor allem aber werden die Geschichten laufend von einem Rechtsanwalt und einer Psychologin unterbrochen, die die gezeigten Situationen kommentieren, auf Fehler hinweisen und Lösungsvorschläge machen.

„Hilf mir!“ ist sozusagen Anbrüllen mit Nutzwert.

Screenshot: RTL 2

Die Auftaktfolge schildert, wie die 18-jährige Laura sich für ein Coaching bewirbt, um Model zu werden, von einer unseriösen Agentur aber bloß das Geld aus der Tasche gezogen kriegt, was dazu führt, dass Laura ihre Eltern anlügt, ihre Freundin bestiehlt und Nacktfotos macht, um mit dem Honorar die Drogen zu bezahlen, mit dem sie sich den Mut für die günstige Brust-OP im Ausland ankokst, damit es endlich mit dem Bikini-Katalogshooting klappt. (Episode bei rtl2now.de ansehen.) Selten war der Weg aus der Unschuld in die Hölle so kurz wie derzeit im RTL-2-Nachmittag.

„Hilf mir!“ braucht solche Extremfälle, damit die beiden Experten dazu ihre simplen Lehren von Pappen hinter der Kamera ablesen können. (Zumindest hören sich viele Sätze genau so an.)

Wenn Laura mit ihrer eifersüchtigen Schwester und den Eltern aneinander gerät, die ihre Tochter zu einer soliden Ausbildung drängen, sagt die Psychologin:

„Lauras Eltern machen hier einen ganz typischen Fehler: Sie lehnen Lauras Wünsche komplett ab. (…) Es ist immer falsch, die Geschwister unter Konkurrenzdruck zu stellen. Denn dadurch entsteht Neid und Eifersucht, und das ist für jede Familie Gift.“

(Was RTL 2 freilich nicht davon abhält, in den folgenden 40 Minuten noch einmal detailgetreu nachspielen zu lassen, wie in Familien eigentlich Neid und Eifersucht entstehen.)

Als sich die Anzeichen eines Betrugs mehren, erklärt der Rechtsanwalt:

„Spätestens jetzt sollte Laura eigentlich merken, dass sie einem unseriösen Anbieter aufgesessen ist. Wenn sie wirklich als Model arbeiten möchte, ist ihr zu empfehlen, sich an den Verband lizenzierter Modelagenturen zu wenden.“

Aber Laura wendet sich nicht an den Verband lizenzierter Modelagenturen, sondern den Drogen, der Nacktfotografie und der Brust-OP zu, was die beiden RTL-2-Helfer zu einer umfassenden Ratschlagkaskade veranlasst:

„Drogen sind definitiv keine Lösung und führen ganz schnell in die Abhängigkeit.“
„Sobald Drogen im Spiel sind, geraten die Betroffenen meist in eine Abwärts- und Schuldenspirale, die sie ohne fremde Hilfe nicht mehr durchbrechen können.“
„Viele sehen die Erotikbranche als Ausweg aus der persönlichen Finanzkrise. Aber auch hier lauern zahlreiche Fallen.“
„Solche Beauty-OPs bieten vermeintlich einfache Lösungen, aber es stecken oft tiefere Beweggründe dahinter.“

Eine Dreiviertelstunde geht das so, bis der Off-Sprecher kurz vor Schluss plötzlich sagt: „Sieben Wochen später…“ – und sich die Familie nach einer (nicht gezeigten) Aussprache wieder blendend versteht. „Unterstützend würde ich hier auch noch eine Familientherapie empfehlen“, erklärt die Psychologin.

Dann ist die Sendung zu Ende. 

Die Instant-Vernunftberatung macht die ausgedachten Geschichten in ihrer fernsehgerecht übertriebenen Intensität nicht plausibler, eher im Gegenteil. Viele Fälle sind furchtbar redundant und wären nach der Hälfte der Sendezeit bereits erschöpfend zu Ende erzählt, weil dann wirklich jeder Zuschauer das Problem der kaufsüchtigen jungen Mutter erkannt hat, die ihren Säugling vernachlässigt, bei der Dessousparty im Nagelstudio einkaufen geht, die Kreditkarte ihres hart arbeitenden Freundes sprengt und ihre Hartz-IV-Mutter ausnutzt. (Episode bei rtl2now.de ansehen.

Aber das geht halt nicht, wenn der Rechtsanwalt zwischendurch erklären soll, was die Schufa ist, mit welcher Strafe bei einer Urkundenfälschung zu rechnen wäre und wie die positiven Seiten des Teleshoppings mit den negativen abzuwägen sind (siehe oben).

Anderthalb Minuten vor Schluss ist die Welt ja immer wieder in Ordnung: Aussöhnung, Therapie, Frieden, Umarmung, Abspann.

Screenshot: RTL 2

Intelligentes Fernsehen geht anders, aber die Frage ist: Sind Sendungen wie „Hilf mir!“ womöglich tatsächlich eine Art Orientierungshilfe für junge Zuschauern? Die Fälle mögen extrem sein, aber die grundlegenden Probleme scheinen für die Zielgruppe nicht nur relevant, sondern alltäglich zu sein. (Vielleicht eher nicht in Familien, in denen der Papa Dokumentarfilmer ist.) 

Es sieht ganz so aus: Nach Ausstrahlung der ersten beiden Folgen konnten Zuschauer mit den Experten aus der Sendung chatten und dort Fragen zu ihren eigenen Problemen stellen. Das Ergebnis ist ganz erstaunlich, weil RTL 2 mit der Aktion offensichtlich ins Schwarze getroffen hat. Ein paar Scherzkekse wollten wissen: „Kann ich meine Eltern irgendwie dazu verpflichten mir ein Smartphone zu kaufen?“ 

Aber viele der in bruchstückhafter Chat-Sprache formulierten Fragen waren alles andere als Lappalien:

„Hallo eine gute Freundin von mir ist auch mit Drogen in Kontakt gekommen. Sie kifft täglich und ich finde das nicht gut wie kann ich ihr helfen oder was kann sie tun?“
„Ich habe immer den Drang was zu bestellen, was kann ich dagegen machen?“
„meine Mutter hat depressionen und ist immer schlecht drauf wie kann ich ihr helfen bin 16 und werde ziemlich oft von ihr fertig gemacht“
„Hallo! Ich bin 15. Muss ich was zahlen wenn ich mir einen Rechtsanwalt hole?“
„ich hab einem jungen in den ich verliebt bin bilder in unterwäsche geschickt und bin richtig hilflos denn ich habe angst dass sie irgendwo veröffentlicht werden was kann ich tun????????? bin mehr als hilflos bitte schreiben sie zurück“
„mein Bruder ist 22 Jahre jung, Cristel abhängig und hat einen 3 Jahre alten sohn. (…) den Kontakt hat er zu uns schon abgebrochen und wenn man ihm geld gibt, dann gibt er es für Drogen aus. (…) WIR BRAUCHEN HILFE“

(unredigierte Chat-Kommentare)

So seltsam oder traurig es auch scheinen mag: Für viele, vor allem junge Zuschauer, die sonst in ihrem Leben keine Ansprechpartner haben, ist der wichtigste Ansprechpartner: das Fernsehen. 

Womöglich verstärken Scripted Realitys diesen Effekt durch ihre scheinbare Echtheit. Es bringt also wenig, das Genre von vornherein zu verteufeln. Viel wichtiger wäre, sich zu überlegen, wie Zuschauern in den entsprechenden Sendeumfeldern dauerhaft Hilfe angeboten werden könnte.

(Von alleine ist RTL 2 bisher nicht drauf gekommen, einfach regelmäßig die Telefonnummer einer seriösen Beratungsstelle einzublenden.) 

Wie sehr das Genre tatsächlich Einfluss auf sein Publikum hat, ist kürzlich an der Universität Fribourg (Schweiz) erforscht worden. Für eine Studie haben die Wissenschaftler zuerst erkennbare „Werte“ und „Handlungsempfehlungen“ aus 73 Scripted-Reality-Sendungen (u.a. „Familien im Brennpunkt“, „Betrugsfälle“, „Pures Leben“, aber keine der neueren Ratgeber-Varianten) ermittelt. Eine Auswahl der Sendungen wurde an 182 Versuchsteilnehmer geschickt, damit die sich die DVD zuhause ansehen und an einer Vorher-Nachher-Befragung teilnehmen. In der stellten die Forscher „signifikante Unterschiede“ fest, allerdings „nicht immer in die erwartete Richtung“.

Zum einen hatten die Scripted-Reality-Fälle offensichtlich einen positiven Einfluss auf die Einstellung der Teilnehmer zur Ehrlichkeit:

„So sind die Zuschauer nach der Rezeption weniger deutlich der Auffassung, dass Ausreden eine gute Möglichkeit sind, Konflikte zu vermeiden. Sie denken seltener, dass es manchmal besser ist, nicht die Wahrheit zu sagen. (…) Sie denken auch weniger, dass man die Wahrheit verheimlichen sollte, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen.“

Es gibt allerdings auch einen Negativ-Effekt, der vermutlich vom üblichen Schrei- und Fehlerkreislauf verursacht wurde, auf den sich die Sendungen oftmals stützen:

„Familie erscheint nach der intensiven Nutzung der SR-Sendungen verstärkt als Ort von Problemen, die die Familie nicht lösen kann (…).“

Als Ursache sehen die Forscher, „dass die Familienkonflikte (…) dominant sind und die (in der Regel hoffnungsvolle) Konfliktlösung am Ende vergleichsweise kurz abgehandelt wird. Ihr langfristiger Erfolg leibt offen.“

Scripted Realitys macht die Zuschauer also keineswegs dümmer, wie manche Kritiker pauschal behaupten. Die Sendungen können bestenfalls sogar dazu beitragen, dass Zuschauer Ehrlichkeit stärker zu schätzen wissen, weil ihnen z.B. die fatalen Konsequenzen von Lügen vor Augen geführt wurden. (Meine Interpretation.) Die vielen von Laiendarstellern bis dahin auszustehenden Konflikte sorgen allerdings gleichzeitig dafür, dass Probleme für schwieriger lösbar gehalten werden. Weil die Lösung im Fernsehen ja immer nur ein paar Sekunden und nie als Prozess zu sehen ist, sondern immer bloß als Happy End. 

Ob das auch für neue Formate wie „Hilf mir!“ mit ihrer expliziten Ratgeberfunktion gilt, kann die Studie freilich nicht sagen.

Aber genau wie der RTL-2-Chat ist sie ist ein Indiz dafür, dass die Wirkung der erfundenen Dokusoaps auf ihr Publikum längst nicht so simpel ist wie die Geschichten, die darin erzählt werden.

* * *

Quelle: „Familien als Problem, Ehrlichkeit als Chance: Eine Studie zur Kultivierung durch Scripted-Reality-Sendungen“ von Andreas Fahr, Janina Modes und Sebastian Schwarz; Zusammenfassung erschienen in „tv diskurs“ 4/2013, S. 68-73 (pdf).

 

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