Wolfgang Niersbach außer Rand und Band

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Wenn man so an die vergangenen DFB-Präsidenten zurückdenkt, dann kann man sich schon ein wenig an der Sachlichkeit des aktuellen Präses erfreuen. Hermann Neuberger, der als der zwielichtige Strippenzieher aus dem Saarland bekannt war, Egidius Braun, der gegen Ende seiner Laufzeit immer ein wenig an eine der auftretenden Personen in „Die Nacht der reitenden Leichen“ erinnerte, Gerhard Mayer-Vorfelder, der immer ein wenig aussah, als ob er nicht wisse, als was er gerade fungiere, aber Hauptsache, es gab was Alkoholisches zu trinken und dann auch noch Theo Zwanziger, der beim DFB wusste, was wirklich zählte, nämlich er und er alleine und auch noch Theo Zwanziger.

Niersbach hingegen, jahrelang Pressesprecher, immer etwas linkisch, gelernter Journalist (wir kennen uns von der Abendschule in Rommerskirchen-Nettesheim) und ein absoluter Profi, jahrelang durchs Stahlfeuer der erfolglosen Trainersuchen gegangen, immer absolut gehorsam wie ein deutscher Schäferhund, nie ein Ausreißer wie Peco Bauwens „Deutschland, Deutschland, über alles“, ein Vorbild nicht nur für alle Pressesprecher der Welt, sondern auch menschlich einer von den Guten, messerscharfer Intellekt, gutaussehend, als Hobby Rauchen und Radfahren, wie er einmal der Bravo Sport in einem Fragebogen mitteilte, kurz gesagt: ein Klassemann, der Wolfgang – und das sage ich völlig wertfrei und nicht nur, weil ich ihn kenne, sondern weil es stimmt.

Eben dieser Wolfgang Niersbach ist es doch tatsächlich, der mich zum Halbfinale gegen Brasilien in Belo, Belo é Imposibilé, eingeladen hat, das Spiel Seite an Seite mit ihm und vermeintlichen FIFA-Funktionären anzuschauen, die etwas bedröppelt wirken und sich ausdauernd mit wie zusammengetackerten Tickets aussehenden Fächern Luft zufächeln lassen. Alle sind sie da, die auch immer da sind. Joao Havelange (lebt der noch oder ist der ausgestopft hier), Julio Samaranch und auch Sepp Blatter da. Letzerer begrüßt mich freundschaftlich, tätschelt mir sachte die Seite und verliert dabei anscheinend ein Bündel Dollarscheine, das genau in meine Jackentasche fällt.

Als ich sein Versehen später auf der Straße bemerke, hilft mir ein freundlicher nicht akkreditierter FIFA-Volunteer, der mir ins Kreuz stolpert und „You give me all money!“ fordert, um anschließend um eine Stadionecke zu biegen, alles dem FIFA-Oberhaupt wieder zurückzugeben. Freundlich sind sie ja. Und schnell auch, die Brasilianer, jedenfalls die neben dem Platz, wie ich bemerke.

Wir setzen uns auf unsere Diwane, lassen uns von livrierten Sklaven Köstlichkeiten servieren, erfreuen uns an den vor uns platzierten Pos der Spielerfrauen und genehmigen uns den ein oder anderen Schluck des Budweiser.Champagners, der hier exklusiv auf der WM ausgeschenkt wird. Ganz vertieft in Cathy Fischer verpasse ich tatsächlich die knappe Halbzeitführung, aber dennoch informiert mich Wolfgang über das aktuelle Ergebnis. Ein berittener Bote, dessen Sinn ich in meinen Tagträumen hier im Stadion so gar nicht verstanden habe, den ich aber auch in Anbetracht von Frau Fischers Anwesenheit in 3 Meter Luftlinie auch nur rudimentär wahrgenommen habe, bringt zwischen der elften und der 29. Minute fast minütlich Telegramme auf Pergamentrollen, auf denen neben dem Torschützen auch der Vorlagengeber angegeben ist. „Stil muss man haben“, lobe ich nun endlich und Wolfgang ergänzt „man muss ihn sich aber auch leisten können.“ Beide stoßen wir unsere Kristallkelche zusammen.

Wolfgang gerät ins Erzählen, wie er einmal eine Bettlerin in Frankfurt vor dem Hauptbahnhof ausgelacht habe, weil die ihm doch tatsächlich nicht helfen konnte, als er sie nach einem Handy fragte, da seines keinen Strom mehr hatte, wie er letztes Jahr in Berlin vom Kanzleramt spontan auf eine Schülergruppe herunteruriniert habe, weil das Kanzlerklo besetzt gewesen sei und wie er die brasilianische Politik und Wirtschaft bewundere, die es, ohne besonders hohe Kosten geschafft hätte, Slums zu beseitigen. „Da könnten sich die Grünen, also jetzt die Politiker in Kreuzberg mal echt ein Beispiel dran nehmen, finden Sie nicht, Herr Cornelius?“ Und ich nicke und finde nicht nicht, sondern ja. Dennoch wage ich einen leichten Einspruch bzgl. Polizeigewalt, auf den er allerdings nicht eingeht, weil gerade wieder ein Andreas Schürrle ins Tor der Brasilianer trifft.

Als ich mich wieder auf das Spiel konzentriere, bemerke ich diverse selbst entleibte Tribünengäste, denen zwar die Verpflegung, aber nicht die Niederlage geschmeckt hat und bekomme gerade noch mit, wie Wolfgang Niersbach einen Moonwalk vorführt, den er mit mehreren Purzelbäumen (vorwärts und rückwärts!) abschließt. „7:0! Wenn die Frau Hohenfels das nicht schon gesagt hätte vor Jahren, dann würde ich jetzt von einem inneren DFB-Parteitag sprechen!“ Feixend zieht er sich mit den Zeigefingern den Mund auseinander und winkt mit den übriggebliebenen Fingern, während er „Näää, näää, nä, näääääääh näh!“ kräht und einem entgeisterten Brasilianer die Zunge rausstreckt.

„Siege wollen gefeiert werden. Ich hoff nur, dass das vor ein paar Jahren der Füh … dieser rechte Politiker aus der Vergangenheit, meine ich, nicht gesagt hat nach der Verlängerung in Stalingrad.“ Dann klatscht er mit Schwung ein Einlaufkind, das sich irgendwie hier hoch verirrt hat, an den Backen ab „Und links, und rechts und wieder links!“ schmeißt ein gefülltes Champagnerglas hinter sich an die Moderatorenwand, während er „Moskau, Moskau, Moskau ist ein schönes Land“ skandiert und anschließend Dilma Rousseff einen Zungenkuss aufdrückt. „Und der van Gaal behauptet, er sei ein Feierbiest“, werfe ich irgendwie dazwischen, aber Niersbach ist nicht mehr zu halten, sagt in mehrere Fernsehkameras, dass es in Brasilien laut Jürgen von der Lippes Lied „Wie wir Männer so sind“ ja angeblich nur Nutten oder Fußballer gebe, wobei „Fußballer“ sich mit heute ja erledigt habe, dass er jetzt sicher an den Endsieg glaube und dass sich die Brasilianer nicht so haben sollten mit ihren Tränen, er habe schließlich auch nicht geheult, als seine Mutter gestorben sei.

„Außerdem“, fügt er an, „lügen Tränen nicht und das Wetter und den Strand und die Slums und Favelas, die bleiben ja so oder so in Brasilien und können dem Land von niemandem genommen werden. Und der Samba auch nicht … wobei …“ und er beginnt, lauthals Bellinis „Samba de Janeiro“ zu grölen.

Als er im Anschluss an sein letztes Statement verwunderte Blicke erntet und auch daran scheitert, die Wörter „Empathie“ und „Mitleid“ fehlerfrei zu buchstabieren („Für so einen Quatsch haben wir die Pressestelle!“) verlasse ich schnell die Ehrentribüne, stolpere über ein abfallendes und mumifiziertes Bein Joao Havelanges und kann so nur noch aus den Augenwinkeln heraus verfolgen, wie Wolfgang Niersbach, geschmückt mit einer Deutschlandgirlande eine Polonäse zu dem Lied „Auf geht’s, Deutschland schießt ein Tor“ anführt und gen Rasen verschwindet.