Wie ich Alice Schwarzer in einem Pariser Bordell kennenlernte

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Es waren wilde Jahre, damals in Paris – auch für einen Jungreporter, der als freier Korrespondent für die „St. Pauli Nachrichten“ arbeitete. Marie und ich machten genau das, was später stilbildend werden sollte in den Zeiten der Revolution: wir waren die ersten, die schwarze Rollkragenpullover trugen, die als Angehörige der Bourgeoisie Gitanes Mais rauchten und uns dazu mittags im Park auf schwarzen Kamelhaardecken im Bois de Boulogne die Literatur von damals so unbekannten Autoren wie Camus, Sartre oder Simone de Bellevue zu Gute führten. Zu allen dreien hatten wir dank glücklicher Zufälle auch privat Kontakt, was die entsprechenden Auswirkungen nach sich zog.

Camus fing mit dem Rauchen an und nahm auf Grund seines Alkoholkonsums Abstand davon, selber den Führerschein zu machen, Sartre spannte mir immer wieder Marie aus, die ich ihm zurückausspannte und Simone fand, dass schwarze Rollkragenpullover eigentlich voll praktisch waren, da sie einen immer warmhielten und man dazu auch noch Geld beim Waschen spare, da man nicht das teure Color-Waschmittel benutzen müsse. Nach und nach trugen alle diese Pullis. Ohne es zu beabsichtigen, hatten Marie und ich einen Trend gesetzt, der sich bis in heutige Zeiten (Stichwort „Schwarzer Block“) gehalten hat. Nur die schwarzen Kamelhaardecken konnten sich nicht durchsetzen. Unser Lieferant Mohammed aus Agadir hatte, ohne uns zu informieren, einen Onlinehandel gegründet, was zu damaligen Zeiten das Todesurteil in der Geschäftswelt bedeutete. The times, they are a changin‘!

So saßen wir tagein tagaus herum, rauchten, tranken guten und günstigen Rotwein aus der Bretagne und redeten uns in unserer Stammkneipe „Chez Stavros“ die Köpfe heiß. Währenddessen wuselte der Wirt umher, brachte hierhin Souvlaki, dorthin Gyros und schenkte immer wieder vom leckeren Rotwein nach – alles mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, bei dem er seine fehlenden Schneidezähne bleckte und „Kalimera Kalimera!“ herausnuschelte. Später sollte sich Camus von diesem Original zu einer Arbeit inspirieren lassen, die ursprünglich den Titel „Le mythe de Stavros – Ich Wirt glücklich“ tragen sollte, bis ich Al, so nannte ich ihn, kurz vor dem Drucktermin auf einen anderen Gedanken brachte.

Ich hatte Stavros dabei zugesehen, wie er für eine Touristenbusladung 5 Tabletts mit Sambuca zubereitete und dabei aus einem großen Sack jeweils einzeln Kaffeebohnen herausklaubte und anschließend Stück für Stück in den kleinen Glässchen versenkte. „Was für eine Sisyphos-Arbeit“, hatte ich augenzwinkernd zu Al gesagt, während der von uns scherzhaft „Marquis de Sartre“ genannte Jean-Paul daran arbeitete, den perfekten Rauchring zu blasen. Al setzte sich also noch einmal hin, korrigierte Druckfahnen und Titel und baute zusätzlich noch den heute auf vielen T-Shirts zu findenden Satz „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ ein – denn Stavros war, ganz im Gegensatz zum Puppenspieler von Mexiko, nicht „manchmal traurig und manchmal froh“, sondern immer froh und niemals glücklich. Stavros und damit Sisyphos fehlte die Dialektik – ein Kritikpunkt, den ich Al immer wieder auseinandersetzte, bis er es auch in sein Buch so oder ähnlich einfügte.

Ich, Marie und die anderen verbrachten eine tolle Zeit miteinander, stimmten immer wieder verschiedene Trink-, Pop- und Arbeiterlieder an, winkten Stavros an unseren Tisch, bepöbelten hineinschauende Schnösel in buntfarbigen Klamotten und freuten uns, dass das hier bestimmt noch ein langer Tag werden könnte. Für den Abend hatte ich ein Vorstellungsgespräch als Praktikant bei der Redaktion der „Konkret“ terminiert, aber das sollte auch im volltrunkenen Zustand kein größeres Problem sein, dachte ich. Die soffen und rauchten doch mindestens genauso viel wie wir – die würden das schon verstehen. Und wenn nicht, dann hatte ich zur Sicherheit meinen speziellen Trick parat, der mir bisher noch jeden Job verschafft hatte: mein gutes Aussehen und on top: einen Strauß schwarzer Rosen.

Es waren noch gut zwei Stunden bis zum Treffen in der Rue du Carambole nahe des Place D’Italie, wo sich die Räumlichkeiten der Redaktion befanden. Hausnummer 27, vorderer Hintereingang, dritte Stiege rechts – vom Platzangebot eher ein Mezzanin, aber wozu brauchst Du Raum, wenn Deine Ideen die bestehende Welt zum Bersten bringen sollen. Büro oder nicht Büro – Ideen sind immer zu groß für eine räumliche Beschränkung! Ich kannte die Gegend ganz gut, denn wenn es mit Marie und mir mal wieder aus war, nutzte ich gerne das im selbigen Haus ansässige „Bordelle du Luxembourg“, wo mich die Mädchen immer gerne aufnahmen und auch nichts dagegen hatten, dass ich schon während des Sex beim Akt rauchte und nicht erst danach.

Aus einer Laune heraus nun beschloss ich, die Zeit vor dem Vorstellungsgespräch sinnvoll zu nutzen, verabschiedete mich von den Jungs mit einem landestypischen „Arrivederci“ und stand kurze Zeit später auf der Schwelle des „Luxembourg“. Auf mein Klingeln öffnete mir ein vermeintlicher Neuzugang: blond, Ritter Eisenherz-Frisur, ein geblümtes Sommerkleidchen, kecker Blick, kurz gesagt, wie es in der NZZ steht, eine Frau, „die es sichtlich auch genießt, hübsch und sexy zu sein.“ Mein Jagdinstinkt war geweckt. Als Charmeur der alten Schule (mein Vater war im selben Wehrmachtsbataillon wie Helmut Schmidt gewesen) und auf mein Glück beim späteren Termin vertrauend, überreichte ich ihr mit galantem Lächeln den Strauß schwarzer Rosen und schob ein gewinnendes „Wie viel?“ hinterher.

Das Mädchen lächelte freundlich, hauchte ein „Merci“ hervor und versuchte dann, mir auf Französisch mitzuteilen, dass das nicht möglich sei. Außer „Non“ verstand ich auf der Sprachebene nicht viel, wobei dieses Non rational wenigstens genauso unverständlich war. Nach kurzem Tohuwabohu – ich hatte mich ihr gegenüber als Deutscher geoutet – teilte mir ein dazukommendes Mädel mit, dass das die Alice sei, die hier aber nicht arbeite, sondern recherchiere. „Genau dasselbe sage ich doch auch immer, wenn ich meinem Chef die Quittungen nach Hamburg schicke“, versuchte ich noch einen Scherz, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Spannung, die zwischen dem blonden Mädel und mir eindeutig bestand, eher negativ als positiv zu bewerten war. Kurz gesagt: im Anschluss an meinen Besuch im „Luxembourg“ war mein Vorstellungsgespräch ziemlich knapp gehalten. Das hübsche Ding von der Tür stellte sich als meine Interviewpartnerin heraus. Jahre später trafen wir uns wieder, Alice Schwarzer und ich, und wurden, wenn auch nicht beste, dann doch zumindest mittelgute Freunde.