Weihnachtsmann und Christkind – das Doppelinterview

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Doppelinterviews sind immer so eine Sache. Kann die eine Person jederzeit und überall, so gibt es bei der anderen kein Zeitfenster. Und wenn sich dann doch eines öffnet, dann kann ausgerechnet die erste Person, die immer kann, „heute leider gar nicht, tut mir echt waaahnsinnig leid.“ Und wenn es jetzt noch um zwei viel beschäftigte Persönlichkeiten geht, wird es noch einmal besonders kompliziert.

Nichtsdestotrotz gelingt es mir, an Heiligvorabend beide Hauptprotagonisten der Weihnachtszeit auf einmal zu treffen und zu befragen – auch, wenn das Christkind nur per Skype zugeschaltet ist. Gespielt defätistisch sagt es dazu mit einem traurigen Lächeln im Gesicht: „Wir Kinder dürfen immer arbeiten, das ganze Jahr über. Und ich habs ja noch relativ gut getroffen, seh ich doch aus dem Fenster meines BMWs immerhin die Landschaft vorbeifliegen und nicht nur eine verrottete Fabrik von innen.“

„Herr Weihnachtsmann, Herr … Christkind … oder doch Frau … das wäre meine erste Frage: Sind Sie Mädchen oder Junge, Christkind?“ „Sag ich nicht, aber wenn Sie die Weihnachtsgeschichte kennen würden, Herr Cornelius, dann hätten Sie sich die Frage sparen können …“ „Aha, ich verstehe. Aber um zum Thema zu kommen: Ich möchte heute gerne mit Ihnen über das Thema ‚Konsum‘ sprechen.“

Das Christkind rollt mit den Augen, der Weihnachtsmann rührt konsterniert mit einer Zuckerstange in seinem sich nie leerenden Halbliterglas Coca-Cola herum – aber niemand antwortet. Einfach nachfragen, das ist doch denen ihr Job, Cornelius: „Was fällt Ihnen zum Thema ‚Konsum‘ ein?“ Wieder Schweigen, bis der Weihnachtsmann sagt, „Konsum“ sei der Name der Supermärkte in der DDR gewesen und das Christkind bemerkt, da habe es doch auch einen Hit von „Tokio Hotel“ gegeben, der so oder ziemlich ähnlich geklungen habe.

„So kommen wir nicht weiter, meine Herren! Möchten Sie nicht über ‚Konsum‘ mit mir sprechen!? Und wenn nicht, worüber würden sie denn gerne reden?“ Noch ehe das Christkind Luft holen kann, beginnt der Weihnachtsmann mit seinem Sermon, dass er langsam zu alt für den Scheiß sei, dass er es körperlich leider nicht mehr so schaffe und ihm erst letztes Jahr der Unterschenkel wegen Zuckers hätte amputiert werden müssen: „Die Kälte ist Gift für die Durchblutung!“ Meinen Hinweis, dass Cola mit Zuckerstangen vielleicht auch nicht die ideale Ernährungsmethode sei, gerade für ihn als Diabetiker, weist er barsch zurück, dadurch bleibe er wach, und außerdem schmecke Red Bull einfach nur scheiße.

Gerade in den heutigen schnelllebigen Zeiten wolle er auch ein wenig Dankbarkeit gegenüber seinem Erfinder zeigen, etwas zurückgeben … „und wenn es mein Bein im blutroten Stiefel ist.“ Auch seiner Lunge gehe es nicht mehr so toll, da „können die noch so viele Filter in die Automotoren einbauen, durch den Kamin komm ich nur filterlos.“

„Apropos Automotoren, Christkind!“ falle ich dem laberigen Weißbart in die Parade. „Sie erwähnten gerade eben, dass Sie passionierter BMW-Fahrer sind. Ist das so ein alter Siebener aus den 80er Jahren in Grau?“ „Nein, früher vielleicht, aber sonst lease ich mir jedes Jahr ein neues Modell.“ „Und der Nikolaus? Fährt der so vielleicht so einen Wagen?“ „Kann sein, aber wieso …“ „… weil ich den Nikolaus samt Knecht Rupprecht Anfang der 80er in so einem BMW bei mir habe vorfahren sehen und bisher davon überzeugt war, dass es das Auto meines Patenonkels war.“

„Ach, Herr Cornelius. Was, wenn es doch der Nikolaus war? Wo liegt der Unterschied?!“ „Dürfen Sie überhaupt fahren, Christkind? Und wenn ja, ist es nicht auch ein bisschen frustrierend, seit 2.000 Jahren Kind sein zu müssen? Das ist ja fast ein bisschen so wie in diesem Vampirfilm mit Tom Cruise und Brad Pitt, wo Kirsten Dunst schon uralt ist, aber dennoch erst 12.“ „Sie sagen es ja, wer mit 2.000 Jahren noch keinen Führerschein hat, der könnte so einen Job gar nicht machen. Und was mein Image als Kinderstar angeht nur so viel: Justin Bieber wird älter und unbeliebt, ich bleibe jung und beliebt.“

„Anderes Thema, meine Herren. Der französische Enthüllungsjournalist Jean-Baptiste Malet berichtet von Ausbeutung im Elfenland, von Mitarbeitergängelung, von Bespitzelung und Einschüchterung des Betriebsrats bis hin zu …“ Unisono kommt es zurück, dass diesem „Schmutzfink“ nicht zu glauben sei, der habe als Kind schon einmal den Nikolaus angelogen und, wie das Christkind hinzufügt, „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, denn niemals er die Wahrheit spricht.“

Meine Einwände, dass mein Kollege Malet doch recht glaubwürdige Beweise gesammelt habe, werden als Humbug abgetan, man habe beim Weihnachtswichtelcasting schon beim ersten Assessment Center gemerkt, was „Monsieur Malet“ vorhabe und anschließend einen Plan erstellt, ihn durch absurdeste Erlebnisse (Stichwort: „Truman Show“) bloßzustellen (O-Ton Christkind), sicher, man bitte seine Mitarbeiter recht freundlich, sich nach Arbeitsende nackt auszuziehen, aber nicht, um nach Diebesgut zu suchen, sondern lediglich, um seinen Angestellten, Saisonarbeitern und Praktikanten eine kostenlose Hautkrebsvorsorge angedeihen zu lassen.

Insofern zahle man auch mehr als Mindestlohn, denn Gesundheit sei ja wohl unbezahlbar, doziert das Christkind, während der Weihnachtsmann wissend nickt, sein rechtes Hosenbein anhebt und auf eine Hightech-Prothese aus Titan deutet. Und wirklich, je länger ich Christkind und Weihnachtsmann zuhöre, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass sie die Wahrheit sagen.

Wer so beliebt ist bei Jung und Alt, warum sollte der lügen? Wie kann man so lange im Geschäft sein, wenn man seine Wichtel auf solche Weise ausbeutet? Das müsste doch schon lange bekannt gewesen sein! Nein, obwohl ich zugeben muss, anfangs skeptisch gewesen zu sein, muss ich doch letztendlich feststellen, dass ich mich geirrt habe … müsste heute Abend nur noch der neue 7er in Vollausstattung, mit einer roten Schleife umwickelt, auf der Terrasse meines Lofts stehen, das ich mit einem Autoaufzug erreichen kann. Das Christkind hat gesagt, da ließe sich was machen.