Wladimir Putin – Connaisseur der Drechselkunst

Von · Hier kommentieren…

„Die Leute denken immer, dass ich ein Kraftmensch bin, jemand, der mit Bären ringt, mit Tigern tollt und im Urlaub Haifische mit den eigenen Händen erwürgt, um sie anschließend mit einem Schweizer Armeemesser auszuweiden und in ihrem Blut und Gedärm zu baden. Was die Leute nicht erkennen ist, dass ich auch eine zarte Seite habe, künstlerisch und historisch interessiert bin … wobei das natürlich nichts mit Schwulsein zu tun hat.“ Eine verblüffendere Gesprächseröffnung hätte Wladimir Putin beim besten Willen nicht wählen können. Der russische Präsident, momentan eher mittelgut angesehen außerhalb Russlands, schaut mir tief in die Augen, ein Lächeln huscht über sein Gesicht, ehe er hinzufügt: „Ich bin kein Monster. Ganz sicher nicht.“
Als Investigativ- und Starjournalist ist mir ein echter Coup gelungen. Eine Privataudienz bei Wladimir Putin im Rahmen seiner Sibirienreise. Vorgestern waren wir noch bei der Eröffnung einer Gaspipeline nach China, jetzt sitzen wir in einer sibirischen Bauernjurte an einem massiven Ebenholztisch mit filigran gearbeiteten Birkenintarsien. Auf dem Tisch drei blank polierte Gläser mit koffeinfreier Cola Zero, eine Karaffe, gefüllt mit Eiswürfeln und Limonenstückchen. Draußen tobt der sibirische Winter, der dieses Jahr früh ist, wie mir der Präsident erklärt hat, als er mir nach dem plötzlichen Eissturm, der uns auf der Wanderung hierhin erwischt hatte, seinen Zobelmantel um die Schultern legte und selbst mit nacktem Oberkörper den herabfallenden unterarmlangen Eiszapfen trotzte. Dennoch, bei aller typisch russischer Gastfreundschaft, darf man als Journalist niemals darauf verzichten, auch einmal Klartext zu sprechen.

„Herr Putin, Wladimir, ich möchte Sie nicht beleidigen, aber ich muss doch auf Ihre angebliche Drohung gegen Herrn Barroso zu sprech …“ „Ach hören Sie doch damit auf, Herr Cornelius. Florian, das wurde alles verkürzt dargestellt, glaube mir …“ Und dann erläutert mir der Ex-Spion, wie das Gespräch wirklich lief. Er und Barroso hätten herum geplaudert, über die Kinder gequatscht, Nichtigkeiten ausgetauscht, „wie geht’s der Katze und solche Sachen.“ Irgendwann sei man auf das Thema Urlaub gekommen, Barroso habe von Portugal vorgeschwärmt, dem Ende des südwestlichen Europas am Cabo de Sao Vicente geschwärmt, wo man erstklassig beim Imbiss „Letzte Bratwurst vor Amerika“ speisen könne.

Und auch das Wetter, das Klima dort, sei einfach wundervoll. Er, Putin, habe diese portugiesische Tourismuswerbung schon aus diversen weiteren Gesprächen in- und auswendig gekannt, zunächst überlegt von der Krim und ihren Sandstränden zu schwärmen, dann aber ohne groß zu überlegen, geäußert, wenn er Urlaub machen wolle, dann könnte er in zwei Wochen in Kiew sein. Die Altstadt dort sei wunderschön, klimatisch sei es dort ebenfalls angenehm, es sei denn, es sei Winter. Stattdessen hätte er jetzt nach Sibirien gemusst. Landschaftlich zwar durchaus attraktiv, vielleicht treffe er bei seinen Wanderungen den von ihm handzahm und stubenrein aufgezogenen Tiger wieder, aber kulturell … kulturell könne das mit Kiew echt nicht mithalten.
Das sei wohl missverständlich gewesen, aber was könne er dafür, wenn man ihn immer missverstehen würde. Die Sache mit der Ukraine sei unangenehm, aber entweder mit Gewalt oder ohne Gewalt zu lösen, aber „Schluss mit der langweiligen Tagespolitik! Florian, lass uns über andere Dinge sprechen, Themen, die mich eigentlich interessieren. Für welche Publikation war noch einmal das Interview?“ „Holz und Sport. Ein frisches Kulturmagazin für den Mann von Welt. Soll zur Weihnachtszeit auf den Markt kommen. Nebenbei arbeite ich noch an einem Beitrag zum Thema: Schnitzverzierungen und Doppelspalttechnik – Arbeiten mit dem Weihnachtsbaum.“ „Sehen Sie, Holz! Und genau deswegen genießen Sie auch,“ Putin zeigt mit beiden Händen um sich herum in den Raum „diese exklusive Gastlichkeit. Holz, wie es atmet, wie es lebt, ein organischer Werkstoff. Zu Sowjetzeiten habe ich privat mit Plastik geschnitzt. Kein Vergleich zu Holz!“
Putin schnaubt verächtlich, erzählt, wie er sich besonders für die Anfänge der Kunsttischlerei im ungarischen Hajdúböszörmény, ehemals Betschermen, interessiere. Dort seien völlig neuartige Hobeltechniken mit dem Drechsel erstmals eingesetzt worden. Zu Hause in Petersburg habe er mehrere Vitrinen gefüllt mit Kunst-, Schnabel-, First- und Schnilzhobeln – diese Werkzeuge kenne heute wahrscheinlich kein Tischlermeister mehr. Besondere Freude mache ihm persönlich die Drechslerei von Schildpatt oder Grünholz, aber er habe auch schon mit Mammutelfenbein experimentiert. Er sehe sich in seiner Leidenschaft für die Drechslerskust in der Tradition großer Männer. Alexander der Große, Peter, der ebenfalls Große und sogar Martin Luther seien begeisterte Hobbydrechsler gewesen, wenn Sie nicht gerade Reiche errichten, Kriege führen oder Thesen an Kirchtore nagelten. Wobei es ja interessant sei, dass Luther seinerzeit besondere Rücksicht auf die Kirscholztür der Schlosskirche genommen habe.
Lange vor dem Anschlag habe er mit verschiedenen Leimsorten experimentiert, aber irgendwann davon abgelassen, da eine rückstandsfreie Entfernung der Thesenblätter so nicht möglich gewesen sei. So habe er sich schlussendlich fürs Hämmern entschieden und sich erst in letzter Sekunde gegen einen Ziselierhammer und für einen silbernen Grundsteinhammer in Berliner Form entschieden, da hier feinste Handarbeit von Nöten gewesen sei. Später habe er selbst ein neues Portal aus Spendengeldern gedrechselt, damit er nicht als Vandale da stand.
Man merkt Wladimir Putin an, dass die Drechslerei und die Arbeit mit Holz ihm eine willkommene Abwechslung zur Weltpolitik sind. „Aber jetzt ist erst einmal genug geredet zum Holz – oder wie man in Russland sagt: Das Holz bricht, wenn es schwach ist. Lassen Sie uns ein Spaghettieis essen und über das zweite Thema sprechen, das Sie vorgeschlagen haben.“ Gemeinsam schlendern wir zur indianischen Indoor-Schwitzhütte und trinken das Eis. Auch dort überrascht mich der russische Präsident mit seinem Nischenwissen.
Begeistert berichtet er von seinem Faible für Sportstars des 18. Jahrhunderts. Sein Idol aus dieser Zeit ist der von vielen seinerzeit als verrückt angesehene Pope von Tscheljabinsk, Yevgeni Skruputich der beim Ikonen-Wettlauf von Semipalatowsk gleich 17 Mal in Folge den Titel errang – und das, obwohl er blind und sein rechtes Bein 10 cm länger als das linke war. Ein wahrer Sportsmann. Beim Hinausgehen, wo bereits eine Armeemaschine wartet, legt er mir brüderlich die Hand auf die Schulter und trägt mir auf, zurück in Deutschland diesem „senil-naiven“ (O-Ton Putin) Bundespräsidenten namens Joachim Gauck eine Herausforderung zum Wettdrechseln auf Zeit zu überbringen – „weil er beim Ikonen-Wettlauf in seinem Alter eh keine Chance mehr gegen mich hätte.“
Einen ausführlichen Reisebericht zum Treffen mit Wladimir Putin inklusive eines Exkurses zum „Rasenden Popen“ Skruputich sowie vielen Aufnahmen von Artefakten der Drechslerskunst des russischen Präsidenten finden Sie in der ersten, der Weihnachtsausgabe von „Holz und Sport“ – avisierter Erscheinungstermin 19.12.2014.