Uwe Seeler, der HSV und die Kryptozoologie

Von · Hier kommentieren…

Der Hamburger Sportverein befindet sich in der größten Existenzkrise des Jahrhunderts, 9 oder 10 Niederlagen in Folge, ein Trainer, der das Ruder nicht herumreißen kann, eine völlig verunsicherte Mannschaft, ein Aufsichtsrat, der selbst auf einem Schulhof in der Pause versagen würde und sich mehr hasst als Hitler und Stalin, Felix Magath, der lieber einen englischen Absteiger trainieren möchte … was sagt Uwe Seeler eigentlich zu diesem Tohuwabohu?

Eigentlich wollten wir uns ja bei ihm zu Hause im Hobbykeller treffen, aber Uwe Seeler meint, dass da gerade nicht aufgeräumt und die Terrarien seiner Fleckenkobras nicht sauber gewienert seien – da schlage er stattdessen lieber einen Besuch im Völkerkundemuseum vor, seinem Lieblingsplatz Nummer 1 in „Hamburg, seiner Perle“. Erstaunt über dieses Bekenntnis, aber auch mit einem gewissen Verständnis, denn so angenehm ist es zur Zeit bestimmt nicht im Volksparkstadion, stimme ich zu und schaffe es sogar durch meine exzellenten Beziehungen zum Museumsleiter, dass für die Dauer des Gesprächs die Ausstellungsräume gesperrt werden.

Und irgendwie passend ist es ja auch, das Völkerkundemuseum als Schauplatz für ein Gespräch mit einem wie Uwe Seeler, dem Idol eines musealen Dinosauriers, dessen letzte Erfolge auch irgendwann kurz nach dem Krieg in den 80er Jahren liegen, in dem hochinteressante anthropologische Studien jederzeit vor Ort bei diversen Sitzungen und in den unterschiedlichsten Medien anzustellen sind und in dem jeder einzelne sich wie der Urmensch verhält, der gerade das Feuer oder zumindest das Rad neu erfunden hat, wobei ihm mit Ach und Krach eine krakelige Höhlenzeichnung gelungen ist.

Uwe Seeler ist pünktlich wie die Maler – typisch für einen gelernten Speditionskaufmann – und ich erkenne ihn gleich am verabredeten Kennzeichen, einem aus seiner Jackett-Tasche herausragenden weißen Taschentuch mit der aufgestickten HSV-Raute. Nach etwas Smalltalk zum Aufwärmen („Und? Wie ist das Wetter so in Hamburg … ach Quatsch, wir telefonieren ja gar nicht.“ „Was gab es heute zum Frühstück?“ „Wie fühlen Sie sich jetzt?“) versuche ich, ihn zaghaft, aber humorvoll auf die verfahrene Situation seines Heimatvereins anzusprechen.

„Tut einem wie Ihnen so ein Spiel wie gegen Braunschweig nicht in der Seele weh, Herr Seeler?“ Uwe Seelers Augen verformen sich zu kleinen Schlitzen (noch kleiner und schlitziger als bei Fredi Bobic, wenn der frontal gegen die Sonne grinst), seine Mundwinkel zucken, er schlägt die Hände vors Gesicht, schluchzt leise und zieht den Rotz in seiner Nase hoch … nur um im nächsten Moment laut loszuprusten und sich vor Lachen den Bauch zu halten. Seine Reaktion verschreckt mich, der anwesende Museumswärter ist konsterniert und steckt den Kugelschreiber, den er gerade gezückt hatte, um nach einem Autogramm zu fragen, verbittert zurück in seinen Wams. Uwe Seeler lächelt jetzt, schüttelt ein wenig den Kopf und erklärt sich dann:

„Herr Cornelius, was da bei meinem HSV los ist, das versteh ich schon lange nicht mehr. Seit Jahren rege ich mich in der Morgenpost auf und im U-Bahn-Fernsehen auch, aber ich habe festgestellt: Das alles bringt gar nichts. Und wenn irgendetwas gar nichts mehr bringt und nur für schlechte Laune sorgt, dann ist es doch so, dass man sich etwas Neues suchen muss, in meinem Fall ist es Peru, sind es die Inkas, Mayas und wie sie alle heißen, die Fauna und Flora, ja, ich kann Ihnen sogar sagen, dass ich mich von April bis Juni am „Lago Sandoval“ aufhalten werde, um dort kryptozoologische Forschungen zu begleiten.“

Uwe Seeler hört gar nicht mehr auf mit dem Erzählen, während wir durch die Dauerausstellung „Schätze der Anden“ schlendern, Tonschalen begutachten, Speerspitzen beurteilen und eine Mumie streicheln. An besagtem Lago gebe es Riesenotter, die sogenannten Wölfe des Sees, die bis zu 2,50 m lang würden, Mohrenkaimane mit einer Spannweite von 80 cm sowie unzählige andere Spezies, von seltenen Schildkröten bis hin zum geheimnisvollen Hoatzin, der auch „Stinkvogel“ genannt werde, was ihm, Uwe Seeler, pointensicher wie er ist, vor einer ausgestellten Latrine der Machu-Picchu-Kultur einfällt.

Eigentliches Ziel aber sei es, dort ein bisher noch nicht auf Bildmaterial dokumentiertes Wesen aufzuspüren, von dem die indigenen Stämme Zeichnungen an den Baumrinden hinterlassen hätten und das immer mal wieder als schuldig für das Verschwinden der Fänge zahlreicher Fischerboote sowie etlicher Freizeitkapitäne verantwortlich gemacht werde. Der Wassertiger (panthera tigris con agua) sei ein Räuber, besitze säbelzahntigerähnliche Reißzähne, ein teils geschupptes Fell, das ornamental dem des klassischen Tigers ähnele, aber mehr rot als orange sei und lebe wahrscheinlich in ufernah in den Lehm gefressenen Höhlensystemen. Von dort aus breche es in der Dunkelheit zu seinen Raubzügen auf, nasche von den ansässigen Kaimanen und dezimiere die Population des südamerikanischen Flussschweins, das Flusspferdgröße erreichen könne, wenn genug Fressen vorhanden sei.

Gemeinsam mit der Heinz-Sielmann-Stiftung für bedrohte und unbekannte Tierarten habe man eine Expedition auf die Beine gestellt, die die Chancen erhöhe, den „Predator“ (O-Ton Uwe Seeler: „Das klingt wie diese quietschgelben Fußballschuhe.“) ausfindig zu machen, zu filmen und zu erlegen. Meine erstaunte Rückfrage, ob er sich da sicher sei, dass der Wassertiger erlegt werden solle, bejaht Uwe Seeler irritiert: „Immerhin essen wir ihn nicht!“ Aber dann kommen auch ihm Zweifel und er telefoniert kurz mit seinem Expeditionsleiter. Anschließend erklärt er in sich hineinlachend, dass das doch ein Missverständnis gewesen sei. In der letzten Besprechung, da sei es schon später gewesen, er habe nicht mehr so genau zugehört und den Satz „Wir müssen den Job erledigen, eh der Tiger von wem anders gefangen und gefressen wird.“ wohl nur halb verstanden.

„Naja, so ist das halt mit der Kommunikation.“ Uwe Seeler zuckt mit den Schultern. „Aber ich bin ja zum Glück auch nicht der Chef bei der ganzen Sache. Das sollen die Experten machen, die da richtig Ahnung von haben und nicht so Hobbyforscher wie ich es einer bin. Moment.“ Uwe Seelers Handy klingelt, „Auf der Reeperbahn, nachts ums Halbzwei …“ Nach kurzem Hallo nickt er, alle Farbe verschwindet aus seinem Gesicht, ich muss ihn stützen und setze ihn behutsam auf einem Häuptlingssarkophag ab. Der Mann mit dem Hinterkopf (WM 66) seufzt, schaut mich an und presst erschüttert die Worte „Marietta Slomka! Die haben diese Tagesthementante als Trainerin verpflichtet! Das war bestimmt der Jarchoff.“

Ich klopfe ihm auf die Schulter, fühle mit, wie ein Starjournalist nur mitfühlen kann, wünsche ihm für Peru und seine Expedition am „Lago Sandoval“ alles Gute – und dem HSV auch irgendwie.