Udo Jürgens – Jugendjahre in Mexiko

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Nachdem sich die mediale Aufregung um Udo Jürgens Tod am Ufer des Genfer Sees ein wenig gelegt hat, möchte ich als alter Freund und Förderer des großen Chansonniers hier gerne noch von einer Zeit im Leben des jungen Barden erzählen, die bisher in keinem Nachruf erwähnt wurde, die aber hilft, ein besseres Bild über ihn zu erstellen, als es gemeinhin der Fall ist. Man kennt Udo Jürgens als Liedermacher, Womanizer, Bademantelträger und Besitzer eines Flügels, der zu 98 Prozent aus Glas geblasen war. Der Rest waren mundgeklöppelte Elfenbeintasten aus den schwarzen und weißen Stoßzähnen des afrikanischen Waldelefantens (irgendwie musste er als Pianist ja die Tasten auseinander halten können) sowie Schweinedarm, der essentiell war, da es sich im Verlauf des Herstellungsprozesses als unmöglich erwies, Saiten aus Kristallglas zu erstellen.

Wir wissen, dass er als junger Spund eine abenteuerliche Reise durch die USA machte, wo er in Brooklyn James Brown zum Song „Sex Machine“ inspirierte und ganz nebenbei in einem Club die Rapmusik erfand, wofür ihm die Fantastischen Vier, deren Väter damals zufällig vor Ort waren, ewiglich dankbar sind, wie es Smudo in seinem ergreifenden https://www.youtube.com/watch?v=KuI1Hs9NagA zum Tode Udo Jürgens ausdrückte. Was aber die wenigsten wissen: Zwischen September und November 1957 lebte Udo Jürgens in der Nähe von Ciudad Lerdo im mexikanischen Bundesstaat Durango, wo er sich im Rahmen einer Lebenskrise mit diversen Aushilfsjobs herumschlug. Meine Wenigkeit, damals frisch mit der mittleren Reife der Klippschule Hannoversch-Gmünden ausgestattet, traf ihn dort damals 1967 in einer kleinen Cervecita kurz hinter der Grenze.

Warum nur, warum?

Die Zikaden zirpten und alle paar Minuten musste man ein paar zudringliche Ratten, die uns um die Füße strichen, um uns die mit Guacamole bestrichenen Taco-Krümel aus dem Beinhaar zu klauben, mit kräftigen Tritten ans andere Ende der Bar befördern. Udo hatte die Musik aufgegeben und das Trinken angefangen. Seine Musikkarriere in Deutschland ließ und ließ sich einfach nicht an. Gleich drei Singles waren nacheinander gefloppt. Niemand hatte „Schreib mir keinen Brief“, „Warum nur, warum?“ und „Frag nie“, seine selbst intern „Die Trilogie der Negativität“, genannte Serie ernsthafterer Musik gekauft und wenn Udo nicht gemocht wurde, floh er. Dass es an dem vorherrschenden e-Moll in diesen Songs lag, an Textzeilen wie „Es geht echt alles schief, Babe, Deine Nase trieft … schreib mir bitte keinen Brief … wegen der Keime, und hör auch auf zu weinen.“ und dem exaltierten Gesang in Kopfstimme.

Udo war am Boden, eben noch ganz oben, jetzt ganz unten, eben noch ein aufstrebendes Talent in der Musikbranche, jetzt nicht mehr, eben noch Österreicher in Deutschland, jetzt Gastarbeiter mit Migrationshintergrund in Mexiko, der Heimat der Azteken. Ein Griff zur Karaffe und die mit Methylalkohol versetzte Sangriamischung schoss in sein aus der Heimat mitgebrachtes und zu jeder Tages und Nachtzeit wie ein Fanal an seinem Hals baumelndes Krügerl, auf dem seine Initialen „UB“ in Goldintarsien gedruckt waren, die aber schon lange Zeit zuvor ihren Glanz verloren hatten. „Warum nur, warum? Muss alles so sein? Warum nur, warum, bin ich nun so allein?“ Ich versuchte, ihn aufzumuntern, indem ich zu einem meiner Lieblingswitze ansetzte: „Kommt ne Frau zum Arzt …“ aber er schnitt mir mit einer Handbewegung die Worte ab.

Und weil ich damals schon verstand, wann es das beste war, einfach mal nur zu schweigen und mir zudem eingefallen war, dass ich ihm diesen Witz vor 10 Minuten schon einmal erzählt hatte, schwieg ich einfach mal. Udo wollte nicht sprechen, Udo wollte nur meine Gesellschaft. Stille partners in crime, die Zikaden spielten Ihr Lied, der trockene Wind des Hochplateaus pfiff durch jede Ritze dieses maroden Etablissements in Strandnähe. Morgen würde ein harter Tag werden, wenn wir auch sonst nichts wussten, das war uns klar wie ein Kirschwasser.

Probleme beim Bestäuben

Ein Plantagenbesitzer hatte uns angeheuert, als Saisonarbeiter auf seiner Avocado-Farm zu arbeiten. Drei Wochen jeweils 15 Stunden pro Tag inklusive Bereitschaftsdienst. Die Avocadobäume bewässern, sie von Blattläusen reinigen und nebenbei die Blüten zu bestäuben, weil die örtliche Hummel (Bombus Dahlbomii), ein wahres Ungetüm von Hummel, dessen Königinnen gerne auch als fliegende Mäuse bezeichnet wurden, in diesem Jahr nur sehr selten auftraten. Harte Arbeit, Männerarbeit, die auch schon Hemingway in seinem Buch „Der alte Mann und die Hummel“, einer unveröffentlichten Fortsetzung seines Weltbestsellers mit dem Meer, beschrieben hatte. Vor allem das Bestäuben war schwierig, weil sich die weiblichen Avocadoblüten nur morgens öffnen und die männlichen nachmittags aufgehen. So sehen die beiden Geschlechter sich praktisch nie, was bei Menschen zugegebenermaßen auch oft nicht die schlechtesten Beziehungen ergibt.

Während mir die Botanik weitestgehend egal war, hatte Udo schon am ersten Tag, als wir auf der Ladefläche eines verrosteten Pick-ups durch einen staubigen von toten Kojoten gesäumten Feldweg rasten erkannt, dass wir es mit einer „Monokultur des Hasses“ (O-Ton) zu tun hatten. Zuerst hatte ich diese Bemerkung auf seine momentane Laune geschoben, doch dann hatte er erklärt, dass hier ausschließlich Hass wüchse, das gefalle ihm, denn „diese Sorte ist meine Lieblingsavocado-Art.“ So verbrachten wir unsere Tage in vollgeschwitzten weißen Unterhemden, lutschten uns ab und an das Gift von uns attackierenden Klapperschlangen aus den Bisswunden und ließen den Tag vergehen.

Die große Chance

Das Heimweh nahm Überhand und so kam uns das Angebot von Pedro, unserem Supervisor und Vorarbeiter sehr entgegen, der uns Extraschichten anbot. Die Früchte wurden und wurden einfach nicht reif, fielen nicht vom Baum, wie es sonst üblich war, weswegen wir nun angehalten wurden, sie direkt vom Baum zu pflücken und einer Spezialbehandlung zu unterziehen, damit sie auch unreif weiterverkauft werden konnten. In Mexiko nennt man diese Methode „Quebratar los aguaccates“. Und so waren wir nun offiziell als „Avocado-Zerklopper“ angestellt und kamen unser Heimreise per Avocado-Frachter Richtung Europa immer näher. Von Früh bis spät zermalmten wir steinharte Früchte, um den Endverbrauchern Reife vorzutäuschen. Unsere Fäuste waren übersät mit blauen Flecken und so manche Frucht, die der kleine Mann im Supermarkt in Deutschland in seinen Einkaufswagen gelegt hat, wird auch Blut von Udo Jürgens Händen auf Ihrer schuppigen Schale des Hasses getragen haben.

Nach drei Wochen war der Tag gekommen, wir bestiegen eine mehr recht als schlecht zusammengeflickte Dschunke, die bis unter die Reling mit Avocados beladen war. Wir betteten uns auf Avocados, wir ernährten uns von Avocados und wir spielten auf dem Vorderdeck Boccia mit Avocados (ein Kern diente als Schweinchen). Udo freundete sich mit dem Schiffshund, einem klapprigen Golden Retriever namens Poquito an und begann damit, neue Songtexte zu entwickeln und auf einem aus verschieden reifen Avocados selbst zusammengebastelten Xylofon Melodien zu komponieren. Dass aus einer Ode an Poquito dann einer von Udos größten Hits werden sollte, damit hätte er damals wohl selbst nicht gerechnet. Aber wie sagte er später einmal zu mir, als ich ihn nach einem seiner Konzerte in der Künstlergarderobe antraf, wo er noch im Bademantel eine Avocado auslöffelte: „Life is life.“

Udo Jürgens, mein Freund, ist von uns gegangen. Möge er ruhen in Frieden auf seinem himmlischen Bett aus Avocados.