Thomas Müller und die „Boys from Brasil“

Von · Hier kommentieren…

„Ich fotografiere nur in Schwarzweiß. Schließlich sind das ja auch die Farben, in denen wir bei der Nationalmannschaft in der Regel spielen. Sicher, Schwarzrotgold zu fotografieren wäre auch eine Alternative, aber ich denke, dass das zu starke Kontraste sind. Alfred Hitchcock hat ja auch fast ausschließlich in Schwarzweiß gearbeitet.“ Thomas Müller ist in seinem Element, seinem zweiten Element sozusagen neben dem Toreschießen: der Fotografie.

Bereitwillig, weil er weiß, dass er mir als Starreporter vollstens vertrauen kann, legt er mir ein Fotoalbum nach dem anderen vor, schwärmt von den drei Fotografen Henri, Cartier und Bresson, die seine großen Vorbilder seien, erwähnt die perfekte Mise en scnène eines Man Ray und ergeht sich in theoretischen Diskussionen darüber, ob seine Fotografien denn nun inszeniert seien oder das wahre Leben in Samba do Bahia, oder wie halt dieses deutsche Refugium da in Brasilien heiße, wo sie, die Nationalmannschaft, die „Boys from Brasil“, wie sie sich intern nennen, zeigten.

Seine Fähigkeiten hinter der Kamera sind vergleichbar mit seinen Fähigkeiten auf dem Feld. Es reicht von After-game-Partys bis hin zu Schnappschüssen von Spielerfrauen, von Inszenierungen voller herausragender Kadrierung und Personenkonstellation und zeigt, dass auch seine Mannschaftskameraden bereitwillig dabei sind, wenn Thomas Müller seine Minolta CX375, „ein Vorkriegsmodell, aber diese einzigartige Linsenschärfe, die gibt’s kein zweites Mal. Hat mir mein Opa geschenkt“, herausholt.

Um Ihnen als geneigter Leser nun einen kleinen Eindruck der Fotografiekünste Thomas Müllers zu vermitteln, erlaubte mir der Nationalspieler, eine kleine Auswahl der Bilder hier bei Ulmen.tv exklusiv zu zeigen und bat Sie, liebe Leser, diese Bilder auch eifrig zu kommentieren, gerne auch Kritik zu üben, aber lieber doch überschwängliches Lob zu äußern. Zu jedem seiner Werke gibt er zudem einen kleinen Kommentar, der die abgebildeten Personen und Situationen beschreibt.

Bild 1

„Nach unserem Auftaktsieg war das Partymotto „So wie einst in Bern“. Partyfotografie ist ja eine der ganz großen Künste, die nur wenige gut beherrschen. Zum Glück habe ich einmal bei der BUNTE ein Praktikum gemacht und weiß jetzt, worauf es ankommt, das sind die Details. Man achte hier besonders auf den Schritt des Alt-Internationalen, der mit unserer DFB-Sekretärin ein flottes Tanzbein schwingt – im Hintergrund sehen Sie Toni Kroos mit Perücke und in einem zu kroßem Anzug, hahaha.“

Bild 2

„Die Spielerfrauen. Das ist ja auch immer eines der ganz großen Themen in den Boulevardmedien wie Bild.de oder Spiegel Online. Und wie Sie sehen, gibt es da auch große Unterschiede. Auf Bild 1 erkennen Sie Mats Hummels Freundin Cathy, die, ein wenig verkrampft, aber wer mag es nicht verstehen, wenn man die Hintergrundgeschichte kennt, vor der wilden Vegetation des Dschungels posiert. Direkt hinter dem vermeintlich idyllischen Wäldchen lauert der Tod durch Ebola, Leoparden und Buschhyänen. Da braucht man Nerven, wenn man diesem Hauch der Ewigkeit des ständigen Vergehens und Fressens und Gefressenwerdens, den Rücken zuwendet.

Bild 3

„Hier nur kurz: Oliver Bierhoff beim Badeausflug auf dem Amazonas. Die Frisur sitzt fast noch besser als die Sonnenbrille.“

Bild 4

„Ein kleiner Einblick in mein Privatleben. Das einzige Foto meiner Hochzeit, das je an die Medien lanciert wurde. Es war ein lustiger Abend, wie man erkennen kann, aber die 20 Kilo Übergewicht, die ich damals hatte, wieder runterzukriegen, das war echt ein gutes Stück Arbeit.“

Bild 5

„Ich interessiere mich ja auch für Philosophie. Und so fragte ich unseren Assi bei Bayern, den Hermann Gerland, mal, ob er nicht als Adorno für mich posieren würde. Es gibt ja dieses geniale Foto, ich weiß gar nicht von wem, wo dieser vor einer Ruine auf einem Wasserhäuschen steht und Horckheimer rezitiert. Naja, gesagt, getan: Ich hab dem Hermann einen schwarzen Mantel und einen Hut angezogen und gemeinsam sind wir zum Reichsparteitagsgelände nach Nürnberg gefahren, weil da ja schon schöne Ruinen stehen. Und dort hat er dann immer und immer wieder das eine Zitat, was ich ihm in die Hand geschrieben hatte, vorgelesen, bis ich mit meinem Shooting das richtige Foto geschossen hatte. Ich kanns heute immer noch hören, wie er da steht und brüllt: ‚Die Mutter, die einen Beruf ausübt, ist etwas völlig anderes als die Mutter, deren Lebensaufgabe die Erziehung der Kinder war. Der Beruf verdinglicht ihre Gedanken. Dazu kommt noch etwas anderes. Sie ist gleichberechtigt. Sie strahlt, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr die Liebe aus wie vorher.‘“

Bild 6

„Manchmal muss man auch einfach mal wild rumfotografieren, um die Emotionen einzufangen. Hier zum Beispiel habe ich Per Mertesacker beim Herumalbern am Bahnhof in Südtirol mit seiner Mutter fotografiert. Der DFB war nicht begeistert über diesen Besuch, zumal es unter den angereisten Spielermüttern immer wieder zu Nickeligkeiten und groben Fouls kam.“

Bild 7

„In den Medien heißt es immer, unser Campo de Brasil sei doch noch auf den letzten Drücker fertig geworden. Das stimmt nicht ganz, wie man hier deutlich sieht. Benedikt Höwedes hatte dann aber die grandiose Idee, dass man ja auch auf dem improvisierten Schotterparkplatz spielen könnte, zumal dort Parken verboten war.“

Bild 8

„Eigentlich wollte ich das ja bei Twitter posten, aber dann dachte ich, dass es von der Bildkonstruktion dafür doch zu schade wäre. Selfies gehen da ja, aber Kunst auf Twitter, ich weiß ja nicht… Da oben drin im Hubschrauber sind jedenfalls Mats Hummels und Jerome Boateng, wie sie ins Krankenhaus geflogen werden. Während die vom DFB zum „Wie zu Hause fühlen“-Feeling mitgebrachte 30-Meter-Tanne im Wind der Rotoren wankt.“

Bild 9

„Ja, es schwingt schon ein wenig Wehmut mit, wenn man weiß, dass sich nach diesem Turnier die Wege von Jogi Löw und Hansi Flick trennen werden. Der eine wird Sportdirektor beim DFB, der andere … man weiß es nicht. Damit die beiden in Brasilien auch ungestört mal ihre Taktikbesprechungen abhalten können, verkleiden Sie sich manchmal als altes Ehepaar und streifen durch die Vegetation. Für dieses Foto bin ich den beiden nachgeschlichen und habe dann im perfekten Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Es ging um das Spiel gegen Kamerun, die falsche Neun und die richtige Neun und ob man wirklich ganz ohne Stürmer nach Brasilien reisen solle. Naja, diese Frage hat sich wohl erledigt nach dem 4:0.“