Thilo Sarrazin auf Meth

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Der Treffpunkt, den der ehemalige Berliner Finanzsenator, das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und das beinahe ehemalige SPD-Mitglied Thilo Sarrazin mir vorgeschlagen hat, erscheint ziemlich passend: Bayreuth. Heimat des Wagner-Clans, von Siegfried und den Nibelungen, von Wallküren und, einmal jährlich, von Angela Merkel in seltsamen Roben. Hier in Bayreuth, das ist ganz altes Deutschland, das ist ein konservativ den Künsten zugetanes Städtchen, idyllisch reihen sich Wagner-Souvenirstände in der Altstadt aneinander, auf dem Stadtplatz gibt es diverse lebende Denkmäler des größten Wagners namens Richard und als ich zum Kauf eines Kaltgetränks einen Supermarkt aufsuche, bin ich beim Blick ins Kühlregal bass erstaunt, dass es hier sogar eine Wagner-Pizza gibt, die mit Salami und Funghi belegt ist.

Wagner und Sarrazin, das passt also eigentlich ganz gut – zumal es das Management des ehemaligen Politikers und aktuellen Provokateurs tatsächlich geschafft hat, uns das Zigarrenzimmer in der Villa Wahnfried freizuschaufeln. Und hierhin schlendere ich jetzt auch, gespannt auf das, was Thilo Sarrazin, Bestsellerautor und ehemaliger Recklinghauser Stadtmeister im Kinderschach, mir wohl mitzuteilen hat. Eine freundliche Haushälterin im Bedienstetenoutfit öffnet mir das Tor zur Villa und führt mich zum vereinbarten Treffpunkt, in dem Thilo Sarrazin bereits ungeduldig wartet. Nach einer kurzen Begrüßung, „Schön, Sie zu sehen, Herr Cornelius!“, kommt Sarrazin dann auch relativ schnell auf sein Thema.

Haben Sie schon einmal von diesem verrückten Ausländer mit diesem kaum aussprechbaren Namen gehört, Herr Cornelius? Ali Pintschie oder Akim? Wie weit ist es gekommen, dass so einer … naja, wie dem auch sei, ich bin ein wenig enttäuscht, dass solch einem … Menschen, muss man ja doch sagen irgendwie, das wird man ja wohl mal sagen dürfen … dass so einer also die deutschen Bestsellerlisten beherrscht! Sogar das Feuilleton schreibt über den, während mein letztes Werk, „Oh weh, oh weh, Deutschland, Deutschland!“ bestenfalls auf den bunten Seiten oder auf der Politikseite der ‚Medizini‘ besprochen wurde! Wo kommen wir denn dahin, wenn die FAZ dann auch noch schreibt, dieser Alki Prinzi sei ein ‚Sarrazin auf Speed‘!?“

Während dieser minutenlangen, hier auf das Wesentlichste und nur mit Hilfe der Wegnahme der „Ähs“ gekürzten Tirade versuche ich, diesen alten Mann, ehemaliger VWL-Student an der Uni Bonn, zu verstehen. Was will er von mir, warum dieser Treffpunkt, wo ist der Newswert und wieso freut er sich nicht, dass mit Akif Pirincci da noch ein Zweiter aufgetaucht ist, der seine Meinungen teilt und noch ein bisschen zuspitzt? Die beiden könnten doch blendend in einer Arbeitsgruppe der AfD funktionieren, dort die „Ausländerproblematik“ lösen und argumentativ herausfinden, wer denn nun deutscher, rationaler oder provokanter wäre.

Während ich so grübele, hat sich Sarrazin in Rage gestottert. Ich erwache erst wieder aus meinen Gedanken, als er das Wort „Meth“ äußert im Zusammenhang mit „Wollen wir doch mal sehen!“ Verwirrt bitte ich Thilo Sarrazin, mir bitte doch noch einmal den letzten Satz zu wiederholen, was ihm nach drei Anläufen sogar gelingt: „Wenn der Prinzi wie ich auf Speed sein soll, dann sollen Sie jetzt Zeuge werden, wie ich, wie ich, Thilo Sarrazin, auf Meth bin!“

Und eh ich‘s mich versehe, holt er aus seiner Jackettasche mehrere Brocken unbestimmter Farbe heraus, bietet mir auch einen an (von wegen, Sarrazin sei ein Mann der sozialen Kälte! Wenn das nicht der Gegenbeweis ist, Ihr Bratwurst verschmähenden Hartz-IVler!) und schiebt ihn sich genüsslich in die Backentaschen. Schmatzend erklärt er mir, dass das für ihn jedes Mal so sei, als lutsche er eine Packung „Werthers Echte“ weg, erläutert, dass er auch versucht habe, das Meth rektal einzunehmen, dies aber zu starkem Durchfall geführt habe und ich mir keine Sorgen machen brauche wegen seiner Zähne, die bei Meth ja immer in schnellster Zeit ziemlich unfein aussähen. Er habe zu Hause von den Einnahmen seines ersten Bestsellers ein ganzes Zimmer voll handgeblasener Platingebisse aus einer Manufaktur in Dresden eingerichtet. Die überdauerten wahrscheinlich nicht nur ihn persönlich, sondern auch die in spätestens 50 Jahren erfolgende Totalislamisierung der Welt inklusive des Polarkreises und der Osterinseln.

Plötzlich hakt er sich bei mir ein und führt mich nach draußen in den Park, wo er mir ein Referat über die beiden japanischen Erfinder der Droge, Nagayoshi Nagai und Akira Ogata sowie die Berliner Temmlerwerke hält, eine Sonnenblume zunächst umarmt und anschließend mit Stumpf und Stiel aufisst und mir im Vertrauen andeutet, er habe bei Ebay glücklicherweise noch ein paar Originalpillendosen Pervitin gefunden, was ihn, er versucht zu scherzen, für meine Frau zu einem wahren Kampfflieger werden lasse. Wir verlassen die Villa Wahnfried, Sarrazin, ehemaliger Deutsche-Bahn-Vorstand, steigert sich in seiner Aggressivität und bepöbelt wahllos Menschen mit Migrationshintergrund, die uns auf den Straßen begegnen (genau zwei Stück) als „Verfickte Katzenkrimiautoren“, weil er glaubt, in ihnen Akif Pirincci zu erkennen und lässt sich dabei auch von mir als seinem Begleiter nicht beruhigen.

Es ist sinnlos, den ehemaligen Vollbart- und jetzt nur noch Schnauzbartträger Sarrazin zu mäßigen, als er sein Bein an einer Laterne hebt und sich einnässt, wobei er sich nur wenige Minuten später darüber aufregt, das ganz Bayreuth irgendwie nach Urin rieche, dass sich die Müllabfuhr hier wohl schon genauso abgeschafft habe wie Deutschland sich selbst und darüber bestimmt wieder niemand in den Medien schreibe, und das alles nur, weil er, weil er, also Thilo Sarrazin, das festgestellt habe und nicht diese Gutmenschen, die sich vermutlich nur deshalb über den Uringeruch beschwerten, weil dort wertvoller Eigenurin vergeudet würde, der ansonsten gegen Halsschmerzen medizinisch eingesetzt werden könne.

Sarrazin schlägt einen Wirtshausbesuch vor, jetzt habe er wirklich Lust auf einen Döner und gemeinsam betreten wir die Örtlichkeiten des „Anas Filali-Omari“ in der Gabelsberger Straße 11. Erst als Thilo Sarrazin, ehemaliger Stehpinkler, seine Bestellung aufgibt („Ein Döner bitte mit Extra-Käse. Haben Sie auch Schweinefleisch?“), bemerken wir unseren Irrtum und verlassen die Taqwa-Moschee zunächst im Beisein eines freundlichen Menschen, der den bedauernswerten Zustand meines Begleiters sofort erkennt und als Therapie das klassische Hijamah empfiehlt. Sarrazin stimmt überraschend einer Behandlung zu und so ist das letzte, was ich von ihm bei unserem gemeinsamen Termin sehe, sein mit Schröpfgläsern und Altersflecken übersäter Rücken.