Spaghetti-Eis-Essen mit Peter Scholl-Latour

Von · Hier kommentieren…

Wenn Deutschland mal nicht weiter weiß, wenn alle Stricke reißen, wenn die Weltzeituhr kurz vor Fünf vor Zwölf wieder laut anfängt zu ticken, dann ist es immer gut, wenn man einen weisen alten Mann auf Vorrat hat, der einem alles erklären kann, einen Doyen mit Fremdenlegions- und Reinhold-Beckmann-Erfahrung, einen Grandseigneur mit unaufgeregter, messerscharfer, allerdings auch manchmal unverständlicher Aussprache, ein Mann, der Tacheles redet, wo Tacheles geredet werden muss und nicht um den heißen Brei herumnuschelt, sondern präzise formuliert, objektiv wie ein Akkusativ-Objekt ist, was ihm manchmal den Vorwurf einbringt, zynisch zu sein, was er allerdings mit einem Handstreich an Klarheit immer sofort beiseite zu wischen versteht: Peter Scholl-Laroche!

Wir treffen uns in Magdala, einem kleinen idyllischen Städtchen an der A4 mitten in Thüringen, wohin Peter Scholl-Laroche mich eingeladen hat, da er dort zur Zeit sein zweiwöchiges Geburtstagsfest zum 90. Feiert. „Magdala“, sagt er, das sei ihm über die letzten 70 Jahre ans Herz gewachsen. Der Thüringer Wald, die Wohlfühlathmosphere, die gut ausgebauten Wanderwege, über die er mit seinem Segway fege, die Bratwurst, die Sonne, die Loipen im Winter mit wilden, zu allem entschlossenen Biathleten, das erinnere ihn auch immer irgendwie an seine Zeit in der Gefangenschaft bei den Vietkong, dieser eiserne Wille, „auch, wenn die statt unter freiem Himmel unter Tage in ihren Tunnel unterwegs gewesen sind“ und Schnee da eher selten sei in diesen Breitengraden.

Ich gratuliere ihm zu seinem Wiegenfest und überreiche ihm ein ganz besonderes Geschenk, einen Halotrichit aus dem Departemento Potosí in Bolivien, wo Scholl-Laroche selbst einmal einige Tage als Dschungelkämpfer und Außenreporter für „Wetten Dass …?!“ verbracht hat. Als er die Schachtel öffnet, geht ein Strahlen über sein ansonsten meist starres Gesicht, zärtlich streicht er über die feinen Haarkristalle des seltenen Minerals, murmelt etwas von Potosi und Thomas Gottschalk, und zieht einen Vergleich zur Haarstruktur von Tagesthemen-Moderator Thomas Roth, der ja nie so im Krieg gewesen sei wie er und trotzdem als Moderator der wichtigsten deutschen Nachrichtensendung ausgewählt worden sei. In dieser Spitze schwingt etwas wie Neid mit, ein Gefühl, das man Scholl-Laroche eigentlich nicht zutraut, weswegen ich als Menschenkenner direkt nachfrage, ob da eine Bitternis mitschwinge.

Scholl-Laroche verneint, indem er kaum wahrnehmbar seinen Kopf schüttelt, er gönne „jedem Tierchen sein Pläsierchen“, aber es habe vor längerer Zeit auch mal ein Vorsprechen – „Nein! Kein Casting! Ich hasse dieses Denglisch! Franzeutsch würde ich noch akzeptieren, aber nicht dieses Sprachverbrechen!“ – gegeben, aber man habe ihn abgelehnt, da er zu stark nuschle und murmele, was ja offensichtlich auch bei berühmten deutschen Schauspielstars kein Problem darstelle, die Mulitmillioneneurofilme in Reihe produzierten. Apropos Til Schweiger, Scholl-Laroche grinst und bittet um Vertraulichkeit: Dem habe er beim Drehbuch zu „Schmutzengel“ mit Rat und Tat zur Seite gestanden. „Guter Mann! Wir haben uns exzellent unterhalten, auch wenn uns dabei wahrscheinlich niemand Außenstehender verstanden hat …“ Scholl-Laroche lächelt und blickt hin zum 1571 erbauten zweigeschossigen Rathaus von Magdala, gerade als die Uhr 12 Uhr mittags anzeigt. „High Noon“, Scholl-Laroche formt mit den Fingern seiner rechten Hand einen Colt und „feuert“ erstaunlich schnell in alle Himmelsrichtungen, was mich zum Thema kommen lässt: „Herr Scholl-Laroche; ich …“ „Latour!“ „Aber die Tour de France fängt doch …“ „Latour. Scholl-Latour! Das ist mein Name, Herr Cornelius! Fehlt nur noch, dass Sie denken, mein Name sei Mehmet …“ Mein Interviewpartner wirkt nachhaltig aufgebracht, weswegen ich ihm um Verzeihung bitte und ins Eiscafé am Stadtpark auf ein Spaghetti-Eis einlade, um dort endlich auf das Thema zu kommen, bei dem ich hoffe, er könne mir Erklärungen liefern.

Bin ich ansonsten der Meinung, dass Menschen, die älter als 60 sind vom Staat verboten werden sollte, in der Öffentlichkeit Eis zu essen, muss ich mir bei Scholl-Latour eingestehen, dass es hier auch Ausnahmeregelungen geben müsse. Mit Muße, aber dennoch erstaunlich alert, löffelt er einen Kanal zur gefrorenen Sahne, lässt die Erdbeersoße hineinfließen und gräbt alsdann darum herum einen Kubus aus Vanilleeis, in den er schließlich ein kleines Loch bohrt, aus dem er immer wieder Soße auf seinen Löffel fließen lässt und ihn hernach mit einem weißen Schokoplättchen wieder fachmännisch verschließt. Kein Tropfen der Flüssigkeit, kein Eisklecks verziert seinen Maßanzug nach diesen doch recht diffizilen Maßnahmen. Er mag 90 Jahre alt sein, aber immer noch fit wie ein 26-jähriger Architekturstudent kurz vorm Universitätsabschluss.

Hm, lecker! Das war lecker. Hmjam, Hmjam!“ murmelt er, als er sich mit der Papierserviette den Mund abtupft, was mir die Gelegenheit gibt, ihn endlich zu fragen, wie genau er denn jetzt die Krise in der Ukraine einschätze. Scholl-Latour schaut mich an mit großen Augen, räuspert sich kurz und setzt dann an: „Es gibt Krieg, Herr Cornelius! So einfach ist das. Erst Krieg, dann werden Leute sterben. Dann ist der Krieg vorbei. Das habe ich schon 1939 vorausgesagt, dass er Krieg geben wird. Am 1. September um 10:15 Uhr!“ Mein Einwand, dass Hitler um 10:10 Uhr im Radio gesagt habe, dass seit 5:45 Uhr Krieg sei, lässt er nicht gelten. „Unabhängig von Hitler habe ich das gesagt. Ich wusste gar nichts von dessen Radiorede. Mein Volksempfänger war damals in Reparatur. Ernst Jünger hatte ihn im Ketaminrausch aus dem dritten Stock geworfen, aber ich habe mich gerächt und beim nächsten Besuch einen seiner Schmetterlingssammelkästen heimlich Stück für Stück in der Toilette versenkt …“ „Aber zurück zur Ukraine, Herr Scholl-Latour. Wieso sind sie so sicher? Und sagen Sie das nicht immer mit dem Krieg? Irak: Krieg. Afghanistan: Krieg. Syrien: Bürgerkrieg. Neuwagen: Preiskrieg.“

Herr Cornelius, Sie haben doch schon die Antwort gegeben! Es gab immer Krieg, aber nicht, weil ich es gesagt habe, sondern weil ich es gewusst habe. So ist die Natur.“ Es kracht auf einmal gewaltig. Ohne, dass wir es bemerkt hätten, ist ein Gewitter aufgezogen, Blitze zucken, es donnert und grollt, die Bäume im Stadtpark biegen sich, einige brechen in der Mitte entzwei, während ich ins Innere des Cafés haste, schlendert Scholl-Latour gemütlich, durch das dröhnende Armageddon der entfesselten Natur unter eine Markise, wo er sich eine Zigarre ansteckt und genüsslich raucht. Auf unserem Tisch der Halotrichit, vergessen. Die Haarkristalle zerfließen. Dank meiner Ausbildung zum Lippenleser kann ich erkennen, wie sich auf den Lippen des journalistischen Urgesteins die lateinischen Worte „Memento homo, quia es ex pulvere et in pulverem reverteris.“ und „Sic transit gloria mundi!“ formen. Ich drehe mich noch einmal um nach ihm, gehe nach drinnen und bezahle die Rechnung. Als ich zurückkomme, ist er im Regen verschwunden wie die feinen Haare des Halotrichits.