Rihanna in Rerik

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„Deutschland, Deutschland, überall auf der Welt weiß man, dass die beste Mannschaft überhaupt die Weltmeisterschaft gewonnen hat.“ Rihanna bekommt sich gar nicht mehr ein, als wir am Friedhof vorbei zum Strand von Rerik flanieren. Sie ist direkt von der Fanmeile mit dem ICE nach Rostock, dort am Bahnhof zusammen mit mir in den Interregio 13132 eingestiegen, hat sich gefreut, dass sie niemand, aber auch wirklich niemand zu einem gemeinsamen Selfie eingeladen hat und ist dann von Bad Doberan, chauffiert von meiner Wenigkeit mit einem Sixt-Mietwagen und einem Sixpack Mezzomix im Kofferraum gen Rerik gefahren.

„Rerik, das klingt so deutsch, so deutsch wie Fußball, Tor und Mario Götze, und außerdem ist es ja auch fast eine Insel wie mein Barbados. Schau, Florian, da stehen Kornblumen am Wegesrand! Lass uns welche Pflücken!“ Gesagt, getan. Während sich eine Klette nach der anderen in meiner Kleidung verfing, verbrannte sich Rihanna dezent an den Brennnesseln, war aber dennoch verzückt von der Urtümlichkeit und Unverfälschtheit der Natur. „Just like on Barbados!“

Und dann waren wir endlich in Rerik angekommen, hatten uns in unserer Ferienwohnung von Ferienwohnung Salzhaff häuslich eingerichtet, Rihanna ihren Schrankkoffer, ich meinen Trolley, ausgeräumt und uns für einen Joint auf dem Balkon gegenüber des „Gasthofs Zur Linde“ zurückgezogen und Pläne für die kommenden Tage gemacht. Was wollte Riri hier eigentlich an der Ostsee? Wer hatte ihr diesen Ort ans Herz gelegt und wieso war gerade ich ausgewählt worden, sie bei all dem zu begleiten? Rihanna, die erfolgreichste Künstlerin der vergangenen Dekade mit Welthits in rauen Mengen, Quadrilliarden Fans bei Facebook und Twitter, ständig in den hochwertigsten Magazinen von Bunte bis „Goldenes Blatt“ bis „InStyle“ und Co. mit Titelstories … warum verdammt nochmal Rerik, wenn es das Taj Mahal sein könnte?

Riri kniff die Augen zusammen, blinzelte gegen die Sonne, inhalierte tief und sagte, das alles werde ich schon noch rausfinden. Dann gingen wir schlafen, denn um 6 Uhr in der Früh wollten wir uns auf den Weg zum Strand machen, Rihanna sagte, sie habe da etwas Spezielles vor. Und so sind wir wieder bei der oben beschriebenen Szene, die Sonne ist gerade aufgegangen, Rihanna, sportlich knapp bekleidet, schreitet neben mir Richtung Strand, die Leuchtturmstraße hinunter, raus auf die Strandstraße, an der Erlebnisfischräucherei („Could you translate that for me, Flori?“ – „Well, Event-Smoking-fish or something like that …“) vorbei, durch den kleinen Waldabschnitt, die steile Holztreppe hinunter schnurstracks hin zur Brandung, die sanft und sachte an den Strand schwappt.

Es hat gestern Abend gestürmt, Algen, Tang und Krebsgerippe sind angeschwemmt worden, es riecht nach Fisch, ein bisschen nach Verwesung, Mehlsandmöwen und Dunkelhaubentaucher geben sich ein Stelldichein mit Brachenten und Tüllsenhähern, die die Ufernähe suchen, um die Krebspanzer mit ihren Schnäbeln auszulutschen. Mein ornithologisches Wissen stößt bei Rihanna auf taube Ohren, stattdessen ist sie fixiert auf den Sandstrand, den Boden, die angeschwemmten Steine, bückt sich hier, bückt sich da, es sieht fast aus wie ein Ritual, wie sie einen Brocken nach dem anderen in ihre Chanel-XXL-Bag purzeln lässt. „What are you doing there, Riri?“ aske ich sie und sie lächelt, imitiert einen Dirigenten und sagt „I’m looking for Leonard, Leonard Bernstein!“ Und tatsächlich, nur wenige Minuten später, die Uhr zeigt gerade 6 Uhr 26 an, bückt sich Riri, greift durch Schlick und Schlamm nach einem nassen etwas, spült alles im seichten Wasser sauber und kommt dann mit Gewinnerlächeln auf mich zu und in meine Arme gesprungen: „May I introduce: Bernstein, Leonard Bernstein!“

Faszinierend. Vor Jahrtausenden vom Baum getropft und jetzt in der Hand eines jungen hübschen Mädels, die über Regenschirme singt. Ein gelblich-weißes Etwas, wer weiß, ob darin eine paläozäne Stechmücke schlummert oder eine 8-beinige Kleinstspinne, die dereinst dort im süßen Harz ihren Tod fand. Warm und weich fühlt er sich an, Rihanna macht schon Pläne, was für ein Schmuckstück sie sich aus dem zugegebenermaßen beeindruckenden Brocken fabrizieren ließe, ein Engel vielleicht oder Miroslav Klose, der ihr auch Rerik als Reiseziel empfohlen hatte oder vielleicht einen Fußball, ein Mikrophon eventuell oder ein Lautsprecher? Während Rihanna noch sinniert, reibe ich den Bernstein trocken und erinnere mich daran, wie man herausfinden kann, ob es wirklich Bernstein ist oder nicht. Ich reiche Rihanna den Klotz und ziehe mein Feuerzeug aus der Tasche und verkünde mein Universalwissen über Bernstein: Bernstein brennt.

Das Feuerzeug, die Flamme, sie züngelt am Stein, Rihanna bittet, den Stein doch bitte rechtzeitig wieder zu löschen und dann wundern wir uns doch ein bisschen, wie grell so ein Bernstein doch brennen kann. Rihanna kann den Stein wegen der Hite nicht mehr halten, mit einem gezielten Kick trete ich ihn ihr aus der Hand, die schon große Blasen zeigt, der Bernstein fliegt ins Wasser und brennt weiter, entzündet anscheinend eine weitere Bernsteinansammlung, die wiederum das umliegende Wasser zum Kochen bringt und eine kleine Explosion nach sich zieht. Rihanna und ich suchen Schutz unter dem DLRG-Häuschen, das den Nackt-Badestrand vom Badestrand trennt, hasten anschließend aber schnell weiter, als wir merken, dass der dicht bewachsene Hang über uns ins Rutschen gerät und sich langsam in unsere Richtung bewegt.

Nach guten einhundert Metern Sprint Richtung Seebrücke sinken wir erschöpft in den Sand. Rihanna greift in ihre Tasche und zieht Frank Rudolphs Standardwerk „Strandsteine. Sammeln und Bestimmen“ hervor. Sie blättert bis zur Seite 129, wo sie versucht, eine Erklärung für das eben Erlebte zu finden, findet dort aber nichts über explodierenden Bernstein. Plötzlich lacht sie auf, sagt „I guess this is why I won’t find any Bernstein, Florian“ und liest anschließend vor: „Jungfrauen haben der Sage nach die größten Chancen auf gute Funde. Der friesische Seetroll Ekke Nekkepen wirft ihnen den Bernstein aus dem Schlick in Bewunderung ihrer Schönheit vor die Füße …“

Nach kurzem Durchatmen dann bestimmen wir ihre weiteren Funde, freuen uns über eine grüngerinderten Feuerstein (Seite 119), frohlocken über den Fund eines seltenen Paradoxissimus-Sandsteins (Seite 99), verspeisen einen Puddingstein (Seite 126) und vergleichen das weniger schöne Weltmeisterschaftsspiel gegen Algerien mit einem verdrifteten Geschiebe, wie es auf Seite 142 zu finden ist.

Rihanna erweist sich als Expertin auf dem Gebiet der Steinesammlerei, erzählt von einer Anfrage der „Gesellschaft für Geschiebekunde“, ob sie nicht ein Grußwort zur 200. Ausgabe der Zeitschrift „Geschiebesammler“ schreiben könne und verrät mir dann, dass die Außen- und Innenwände des Taj Mahal zwar äußerlich aus weißem Carrara-Marmor seien, zur Wärmedämmung aber zwischenwändig Bernstein verwendet worden sei – und genau das hätte sie eigentlich auch für ihre eigene neue Villa in Malibu geplant, aber jetzt würde sie wegen der Brandgefahr wohl doch eher auf herkömmliches Dämmmaterial setzen. Am Nachmittag geht es dann zum Von-Richthofen-Airport zu Rostock, wo der Learjet startbereit steht. Rihanna möchte die deutschen Teams bei der Rhönrad-Weltmeisterschaft in Kaliningrad sowie die deutsche Frauennationalmannschaft im Großfeldhandball beim Testspiel gegen Georgien unterstützen.

Küsschen links, Küsschen rechts, aber nicht für Twitter bestimmt, denn für jeden Reporter gilt das alte Sprichwort von Hajo Friedrich-Schumacher: „Als Journalist soll man sich nie mit einem Thema oder einer Person gemein machen.“