Per Mertesacker über Eis, Gauß und 78 Kugeln

Von · Hier kommentieren…

Was gab es für einen #aufschrei, als der Abwehrleuchtturm Per Mertesacker nach dem letztendlich doch sehr überzeugenden Kantersieg über die überraschend genau so starken wie grünen Algerier im Interview den Reporterkollegen Boris Büchner etwas böse anfuhr und vor die Auswahl „frühes Ausscheiden bei schönem Spiel“, „spätes Ausscheiden bei hässlichem Spiel“ oder „Tor 3 und ein blauer Umschlag … na gut, und 10, 20, 30 Euro“ stellte. So kannte man ihn nicht, den ansonsten stoischen deutschen Abwehr-Recken aus Hannover, der normalerweise alles so weghaut, was Richtung 16er unterwegs ist und ankündigte, sich die nächsten Tage in die Eistonne zu legen.

Dennoch ist er auch am Tag danach noch aufgebracht, als ich ihn nach kurzem Whatsapp-Chat dazu überreden kann, mich im Kühlraum des Anwesens in Santa Bahia de Compostela zu treffen. Zwischen Rinderhälften und tiefgekühlten Nudelspezialitäten erscheint ein Mann, der immer noch dampft, ja brennt und zu Beginn des Interviews deutlich klarmacht, dass er nur deshalb gekommen sei, weil er nach meinen bisherigen Reportagen aus Brasilien der Überzeugung sei, dass „Du rein gar keine Ahnung von Fußball hast, Cornelius. Und deshalb spreche ich da jetzt auch nicht drüber mit Dir!“

Aber worüber redet man mit einem Fußballspieler, wenn nicht über Fußball? Über Spielerfrauen? Über Politik? Über das Wetter? Über Autos? Ich suche einen Halt, mir wird ob der unlösbar erscheinenden Aufgabe dieses Interview ein wenig blümerant und ich muss mich abstützen an Mertesacker. Freundlich fragt er, ob er mir helfen könne, bietet mir sogar seinen schweren Wintermantel an, den er, um Erkältungen zu vermeiden, mit nach Brasilien genommen hat. Mit der anderen Hand greife ich nach einer Rinderhälfte und ein Schmerz zuckt durch meine Synapsen. „Diese Eiseskälte …“ murmele ich und Per Mertesacker vollendet „ist aber gut für die Regeneration. Manchmal hält Jogi Löw hier unten auch seine Taktikbesprechungen ab. Ich mag Eis ja.“

Er habe ja schon von früh an eine gute Beziehung zu Eis gehabt, nicht umsonst hätten ihn seine Eltern ja auch auf die „Carl-Friedrich Gauß-Schule“ in Hemmingen geschickt, wo er ein gutes Abi habe bauen können. Meine Frage, was denn das mit Eis zu tun habe, tut er mit einer Handbewegung ab. Dennoch hake ich nach und erfahre, dass dieser Gauß anscheinend den magnetischen Südpol berechnet habe, zudem sei ein Dreimaster nach diesem Menschen benannt gewesen, das mehrere Jahre in der Arktis verbracht habe. Um Herrn Mertesacker zu zeigen, dass er nicht der Einzige hier mit Abitur ist, ergänze ich in einem Nebensatz, dass ich um die Verdienste des Herrn Gauß wüsste, schließlich sei der ja nicht umsonst überparteilich zum Bundespräsidenten gewählt worden, was ja nicht selbstverständlich sei und weiß nicht, ob das, was der Fußballer da zeigt, ein Kopfschütteln ist oder doch dem Aufwärmen dient.

„Nein wirklich“, Mertesacker bleibt beim Thema: „Eis beschäftigt sich in all seinen Fassetten. Ob als Speiseeis oder Blitzeis, ob Gefrierpunkte oder Glaziologie, Freezing oder Trockeneis … Wahrscheinlich liegt es an meinen finnischen Vorfahren, denn, wie man weiß, essen die Finnen weltweit mit 12,9 Litern das meiste Eis. Aber ich weiß nicht, ob da auch Niederschlag eingerechnet wird, wenn man im Schneesturm auf dem Rentierschlitten zur Arbeit fährt in der Mittsommernacht.“ Ein schönes Bild, wenn man es sich vorstellt, wie der Lange dort durch Finnland gleitet.

„Wissen Sie … 2012 habe ich sogar einmal bei so einem Wettbewerb mitgemacht im Eiscafe Venezia in Lette, habe aber gegen einen Immobilienmakler namens Dirk Megges den kürzeren gezogen. Er hatte 82 Kugel in einer Stunde gepackt, ich nur 78. Und spätestens da habe ich gemerkt, dass Ästhetik keine Rolle spielt, sondern ganz alleine der Gewinn und der Erfolg. Es ging da zwar nur um einen Eisgutschein, aber dennoch habe ich mich geärgert, maßlos nicht, aber eben schon doch auch ein Stück weit.“ Ich reibe meine unbehandschuhten Hände schnell aneinander, um Reibung und damit Wärme zu erzeugen, was der aufmerksame Interviewpartner natürlich direkt bemerkt. „Das ist ein ein GEA Bock HG34 Verdichter, der bläst ordentlich und gewährleistet, dass die Eiscreme hier, aber auch die anderen Tiefkühlprodukte die optimale Temperatur haben und wir alle hier leckeres Eis verspeisen können.“

„Den haben die auch im Iran eingesetzt, als das iranische Molkereiunternehmen CHOOPAN ICE CREAM im April 2013 die Öffentlichkeit überraschte … und zwar mit einem insgesamt 5 Tonnen schweren Eisbecher voller Schokoladeneis. Mitten auf einem zentralen Platz in Teheran! Da waren mehr als 20.000 Zuschauer – mehr als bei den Hinrichtungen. Ich habs per Livestream gesehen. Ein Freund von mir war vor Ort, der auch im Web schreibt bei eis.de, wobei das eine mit dem anderen nicht viel zu tun hat irgendwie.“

„Aber wie sieht denn das jetzt aus mit Ihrer Eistonne, Herr Mertesacker? Ist da was drin außer Ihnen? Eiswürfel vielleicht oder Trockeneis?“ Zögerlich, „ich dürfte das eigentlich nicht so richtig verraten, aber weil Sie es sind“ rückt der größte deutsche Nationalspieler das Geheimnis der Tonne heraus. Alles sei eine Spezialkonstruktion von Herrn Dr. Müller-Wohlfahrt, speziell zur WM erfunden und alle seien begeistert von ihren individuellen Eistonnen. Jede Tonne sei exakt auf den Körper „geschneidert“, wie ein Maßschuh von Adidas, eine Klimatronic sorge dafür, dass genug Kaltluft zur Kühlung vorhanden sei, die Befüllung sei frei auswählbar, das würden die vielen guten Heinzelmännchen aus dem Betreuerstab von Fall zu Fall erledigen, er bevorzuge aber Erdbeervanille mit Zuckerstreuseln, die, wie der „Doc herausgefunden hat“, auch eine Massagefunktion erfüllten. Noch ganz wichtig, unten in der Tonne ist standardmäßig ein Schokoladenkern eingef …“

„Sie stehen wirklich in Speiseeis, Herr Mertesacker?“ „Wie hat diese alte Hausmeisterin in der Lindenstraße immer gesagt? Wenn’s fit macht?!“ „Aber wie sieht es mit der Ethik aus? Im Slum hungern die Kinder und 22 Nationalspieler plus dreiköpfiges Trainerteam stellen sich in randvolle Speiseeisbehältnisse.“ Mertesacker verzieht das Gesicht, wie man es bisher nur von Uwe Klopp, dem berühmten Coach der Dortmunder Borussia kannte: „Kommen Sie mir nicht mit Ethik, Herr Cornelius! Sollen wir mit Ethik verlieren oder ohne Ethik gewinnen?“ Dann platzt es aus ihm heraus: Ein lautes Lachen, Wölkchen entweichen seinem weit aufgerissenen Mund! Der kühle Riese von Arsenal ein Scherzbold! „Nein im Ernst, Cornelius: Das war am Anfang sicher ein Problem, aber die Lösung liegt doch nahe, finden Sie nicht?“ „Finde ich nicht, verzeihen Sie.“ „Nun, der DFB unterstützt doch diverse soziale Projekte hier in Brasilien. Und dank der Müller-Wohlfahrtschen Eistonnen schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche. Wir regenerieren schneller und die Schüler der umliegenden Lehranstalten können sich über erstklassiges Eis in der Schulspeisung freuen, selbstverständlich erst, nachdem es nach der Tonnennutzung durch diverse Filter von Hornhautpartikeln, Haaren und anderem gereinigt wurde … Das schmeckt wie neu, wir haben es selbst ausprobiert.“

Sagt es, begleitet mich zum Ausgang und bietet mir beim Herausgehen aus dem Quartier ein Leckeis in Nationalfarben an.