Mit Paul Ronzheimer im Krieg

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„Es ist Krieg. Keiner will verlieren. Krieg. Pulvergestank. Es ist Krieg. Hörst Du Sie marschieren. Krieg. Ich habe Angst.“ Paul Ronzheimer zitiert frei aus dem Gedächtnis die für ihn beeindruckendste Stelle aus Lew Tolstois Meisterwerk „Krieg und Frieden“ als wir uns auf der Dachterrasse seines Lofts das erste Mal sehen. Trotz allem ist es eine friedliche Stimmung, die hier oben herrscht – wenn man nicht auf die Details achtet, auf die der Hausherr allerdings recht gerne hinweist.

„Da drüben die Gartenbank aus Metall, die ist aus Schrapnellen gefertigt, die ich bei meinem Aufenthalt in der Ostukraine gesammelt habe. Der am Geländer hängende Aschenbecher ist eine entschärfte („… wurde mir jedenfalls so gesagt“) Tellermine und die Beete, wenn Sie mal kurz mit in mein Gewächshaus kommen möchten, die Beete habe ich mit 9,6-Kaliber panzerbrechender Stahlkappenmunition eingezäunt, nachdem ich die Spitzen angespitzt hatte, damit keine Schnecken meine Tomaten fressen. „Aber hier auf dem Dach, da gibt es doch gar kei …“ versuche ich einzuwerfen, aber ein Paul Ronzheimer, der ist nicht aufzuhalten. Ausdruckslos, aber gleichzeitig voller Nachdruck sprudelt es aus ihm hervor.

Das Schnecken-Trauma

„Ich hasse Schnecken. Ich träume jede Nacht von Schnecken. Riesige Schnecken. Schnecken mit Pistolen. Sie kommen, mich zu holen. Ich fliehe. Ich renne. Ich hetze durch eine albtraumhafte Stadt. Vielleicht Donezk. Vielleicht Köln. Vielleicht auch nicht. Vielleicht aber auch doch. Die Schnecken kommen näher. Ich falle in Zeitlupe. Eine Schnecke erhascht meinen rechten Unterschenkel. Sie wirft mich zu Boden und sich auf mich drauf. Sie zückt ihre Raspelzunge und lächelt. Sie sagt: ‚Lustig, wie das klingt. Der Ronzheimer liegt auf der Raspelzunge.‘ Dann beißt sie zu, so wie Schnecken halt beißen können ohne Zähne. Sie lutscht mich auf, raspelt die oberste Hautschicht ab. Dann Filmriss. Halt. Ein Licht.“ Ronzheimers Handy klingelt.

„Ronzheimer hier. Wo ist der Krieg?“ Genauso hatte er sich auch bei meinem ersten Anruf am Telefon gemeldet, als ich wegen eines exklusiven Interviews für den Rheinischen Merkur angerufen hatte. Dann ging alles ganz schnell, ob ich nicht gleich vorbeikommen wolle, ob ich nicht Lust hätte, ihn einfach mal privat und bei der Arbeit zu begleiten, denn da trenne er nicht so bewusst und ja, selbstverständlich seien alle Spesen abgedeckt. Notfalls werde man da schon eine Lösung finden. Und tatsächlich, nur eine knappe Stunde später stehe ich bei meinem Starreporter-Kollegen vom BILD-Politik-Ressort auf dem Dach. 6 Januar, die Sonne geht unter. Irgendwo ist Krieg und Paul Ronzheimer weiß, wo.

Das Geheimnis des Trolleys

Der Abend ist angenehm. Paul Ronzheimer kann hervorragend kochen und lässt Einflüsse aus der ukrainischen, griechischen und hisbollahischen Küche in seine Gerichte einfließen. Granatapfeljus an Feta-Käse. Dazu ein gutes Glas selbstgemachten Borschtschs, hervorragender ukrainischer Wodka zu zart auf der Zungen schmelzendem Schweinespeck und zum Aperitif, einem armenischen Brandy sowie eine zarte Tüte gefüllt mit bestem Hanf, unterirdisch in still gelegten Stollen im Donbass gezüchtet mit energiesparenden LED-Pflanzenlampen. Wir ziehen noch ein wenig um die Häuser, landen in Neukölln (O-Ton Ronzheimer: „Ich höre Schüsse!“ Ich: „Vor 6 Tagen war Silvester.“ Ronzheimer: „Als Reporter ist man niemals sicher!“) und weil sich mein neuer bester Freund nachts nicht mehr durch den Görli nach Hause traut, lass ich ihn auf meiner Gästematratze übernachten.

Um gegen 11 Uhr werden wir beide durch sein laut vor sich hin bimmelndes Smartphone und die Melodie von Edwin Starrs Song „War“ geweckt. „Ronzheimer hier. Wo ist der Krieg?“ Und dann geht alles ganz schnell. Ronzheimer greift sich seinen Trolley, den er gestern Abend („berufsbedingt muss ich den immer dabei haben“) durch ganz Kreuzkölln und in jede Bar und jeden Club neben sich her gerollt hat. Meinen Wunsch, doch bitte schnell noch aus dem Schlafanzug in etwas anderes zu schlüpfen, lehnt er entschieden ab: „Ein Ronzheimer schläft immer angezogen. Da sollten Sie sich mal ein Beispiel nehmen, Cornelius!“ Raus geht es in ein Taxi, Ronzheimer ist konzentriert und gewinnt auf der kurzen Fahrt zurück zu seiner Wohnung spielerisch leicht jedes Duell bei Quizduell.

Recherche in Paris

Es knattert, ein Lächeln huscht über Ronzheimers Gesicht. Der Hubschrauber ist im Anflug. Tegel. Keine Sicherheitskontrolle. Chauffeur hin zum Rollfeld. Privatjet. Seite-1-Mädchen servieren Drinks für Ronzheimer, mich und sein Team. Endlich spricht Ronzheimer mit mir. „Anschlag in Paris.“ Auf Charles de Gaulle alles retour. Flugzeug, Hubschrauber, Dachterrasse auf der der Redaktion gegenüberliegenden Straßenseite der Rue Nicolas-Appert. Die Polizei beschwert sich. „Wie Louis De Funes“, erläutert mir Ronzheimer und lächelt gelassen. Kurzer Anruf „zu Hause“, wie er sagt, „bei Kai Diekmann in der Redaktion“. Auf laut gestellt. So kann er dem Chef zuhören und gleichzeitig bei Quizduell korrekt beantworten, wie lange der chinesische Riesensalamander werden kann (1,80 Meter). 12 Tote, Täter entkommen, ein Fall für Ronzheimer, weiß der Chef. „Bleib dran und gib auf Dich acht, Junge! Und zieh Dir was Warmes an. In Paris sah es kalt aus.“ Ronzheimer nickt und leiht sich vom Tontechniker dessen Bommelmütze.

Und dann jagen wir den Killern hinterher, Polizeifunk abhören, kurzzeitig taucht Ronzheimer sogar – dank seines Fusselbarts bestens getarnt – in die Islamistenszene von Paris ein und isst einen Döner, während er sich kurzzeitig darüber wundert, dass es hier in Frankreich auf dem O auch zwei Punkte gibt. „Umlaut und Frankreich – man lernt nie aus. Allahu Akbar!“ „Na gut, Citroën …“ werfe ich ein. Er nickt zustimmend und schiebt ein „mit ohne scharf, Inschallah“ hinterher und ein „… stimmt. Da ist ein ‚ö‘ drin.“ „… aber auf dem e.“ „Auch egal, Cornelius. Lass uns gehen.“ Mittlerweile weiß man, wer die Anschläge verübt hat, mittlerweile sterben Menschen nur wegen ihres Glaubens in einem jüdischen Supermarkts. Mittlerweile sind alle Charlie. Mittlerweile sitzen wir in einem klapperigen Renault Kangoo und kurven durch Gegenden in Frankreich, die noch kaputter aussehen als Franz-Josef Wagner.

„Ich kann Schüsse hören!“

Die Stimmung ist am Boden. Nirgendwo fallen Schüsse, der Rauch der Zigaretten in der Fahrgastzelle beißt in den Augen, in meinem Schlafanzug sehe ich aus wie Michelle Houellebecq beim Journalistengespräch unter vier Augen. Ronzheimer brütet vor sich hin. Ab und zu klingelt sein Handy noch, aber er nimmt nicht ab. Mit leeren Augen schaut er durch die beschlagene Beifahrer-Fensterscheibe, die er wie mechanisch alle 5 Minuten mit der flachen Hand „putzt“. „Immer an die Leser denken. Also an die Zuschauer“, entfährt es ihm schließlich und er reißt die Handbremse hoch, was ihm empörte Worte auf Franzöisch von Seiten des von Springer engagierten Fahrers einbringt. „Ohlàlà, Baguette, merci“ murmelt er, macht eine abwertende Handbewegung und bittet mich, ihm kurz nach draußen zu folgen.

Und schon stehe wir in einem Vorgarten, der an irgendwelche Fabrikhallen grenzt. Ronzheimer hyperventiliert ein wenig, damit er im Video gehetzter aussieht und boxt gegen einen Mirabellenbaum („Das macht der Charlie Hübner immer so ähnlich beim Polizeiruf 112, um in seine Rolle reinzufinden!“). Bild und Ton stimmen, Ronzheimer drückt mir die geleerten Bäckereitüten des gesamten Teams in die Hand, weist mir einen gut verdeckten Platz hinter einem Gartenhäuschen zu und es kann losgehen. Auf sein Signal hin lasse ich eine aufgepustete Papiertüte nach der anderen zerplatzen, während Paul Ronzheimer mit seinem Team außer Atem über die Wiese im Industriegebiet hetzt und auf ein besonders fettes Exemplar einer Nacktschnecke tritt. Voller Panik presst er noch ein „Ich kann Schüsse hören!“ hervor und zieht meisterhaft erschrocken die Schultern hoch, während er den Kopf wie eine Schildkröte im Hals verschwinden lässt. Nach sechs Takes und mehreren Fahrten zur Dorfbäckerei ist er zufrieden: „Das stellen wir dann online auf BILD, wenn die die Typen in echt haben.“