Mit Mola Adebisi im Hurrikan Katrina

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Lange nichts mehr von ihm gehört, dem Mola.“ Das dachte ich, als im Rahmen irgendeines Musiksenderjubiläums alle ehemaligen Moderatoren wieder aus irgendwelchen Löchern gekrochen kamen, um über ihre Zeit bei Viva zu sprechen. Und dann stand er da, lächelte sein Molaratorenlächeln und sprach davon, wie toll doch damals alles gewesen sei. Was danach kam, verschwieg er geflissentlich, aber die Idee war geboren: Florian Cornelius Reportagenreihe sollte einen Jahresabschluss finden, der gleichzeitig auch einen Neuaufbruch markieren sollte. Und mit wem bitte sehr ginge das besser als mit Mola, Mola Adebisi.

Mola, Du ziehst die Tage in Australien in den Dschungel. Ich würde mit Dir gerne über Vergangenheit reden.“ „Also die Zeit bei Viva, die war schon fantastisch, jeden Tag kommt da jemand vorbei, wir hatten Spaß, haben die Stars alle hautnah erleb …“ „… danke Mola, aber was mich vielmehr interessiert: Was hast Du in den 10 oder 20 Jahren, die es Viva nicht mehr gibt, was hast Du da so gemacht, was hat Dich heute dahin gebracht, wo Du bist.

Ich merke sehr deutlich, dass Mola Adebisi diese Frage nicht so gerne beantworten möchte. Er weiß, dass ich weiß, was er da so gemacht hat, von Lobbyarbeit für Rapidshare über eine eigene Unterwäschekollektion, vom Anheuern bei einem anderen Musiksender, einer Insolvenz, Autorennen, einem schweren Motorradcrash, einer Jurorentätigkeit bei einem christlichen Musikwettbewerb, einer Sendung bei N24 und einem Engagement bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Aktiv war er ja schon, aber so richtig dolle klingt das alles nicht. Mola schweigt mich an und telefoniert kurz mit seinem Management, ein Disput, Mola wird laut, brüllt: „Mir ganz egal, was Du meinst, ich erzähl jetzt die ganze Wahrheit. Scheiß der Hund drauf!“ und legt auf.

Herr Adebisi, wie sind sie dorthin gekommen, wo Sie …“ „… wo ich heute bin. Na gut: Ich habe Lobbyarbeit für Rapidshare gemacht, eine eigene Unterwäschekollektion designt, bei einem anderen Musiksender angeheuert, bin Autorennen gefahren, hatte einen schweren Motorradcrash, reüssierte als Juror bei einem christlichen Musikwettbewerb, habe eine Sendung bei N24, was mal zu Pro7 gehört hat und spiele regelmäßig bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg …“ „Und was ist mit der Insolvenz?“ Mola nickt, bejaht, reibt sich sein Kinn, schluckt kurz, setzt an zu einem Satz, bricht ab, beginnt von neuem, holt tief Luft, seufzt, zündet sich eine Zigarette an, drückt sie gleich danach mit den Worten „Wo kommt die denn jetzt her. Ich bin doch Nichtraucher, “ wieder aus, bedeutet der freundlichen Kellnerin unseres Treffpunkts, des Solinger „Cafés Hubraum“, er hätte gerne noch ein Glas Wasser, aber ohne Sprudel, schaut mich an und fragt: „Vergangenheit. Wie war noch einmal die Frage?

Ich hatte Sie gar nichts gefragt, aber es schien mir, sie wollten irgendetwas loswerden.“ Adebisi räuspert sich, das erfahrene Reporterauge erkennt förmlich, wie er sich einen Ruck gibt. Und dann sprudelt es aus ihm heraus. Er erzählt ohne Punkt und Komma, aber durchaus stringent, wie es kommen konnte, dass er im neuen Jahr ins RTL-Dschungelcamp einzieht, bittet mich im Vorfeld aber darum, mein Diktiergerät auszuschalten und alles nach bestem Wissen und Gewissen sowie Erinnerungsvermögen aufzuschreiben.

Nachdem die Viva-Karriere vorbei war, fiel Mola Adebisi in ein tiefes Loch. Sein Nachbar, der sich immer wieder über zu laute Musik sowie ohrenbetäubenden Sex im Haushalt des „Viva-Heinis“ (O-Ton Nachbar) beschwert hatte, hatte es heimlich in Molas Garten gebuddelt, um Rache zu üben. Adebisi verstauchte sich seinen rechten Fuß und pilgerte jahrelang von Arzt zu Arzt, um die Schmerzen loszuwerden. Seine Wut und sein Ausgeliefertsein an die Mediziner ließ er ungefiltert in die Produktion eines Delta-Blues-Albums fließen. Freunde und Musiker von „Caught in the Act“ sowie „Squeezer“ leisteten ihm Beistand, aber bei den großen Plattenfirmen wollte man vom neuen Mola Adebisi, der unter dem Alias „Mola Adebluesi“ auftrat, auf einmal nichts mehr wissen. „Also nahm ich meine Gitarre, buchte ein One-Way-Ticket nach New Orleans und versuchte dort mein Glück.“ Leider landete er dort zu einem denkbar unpassenden Zeitpunkt: am 28. August 2005.

Humpelnd und ohne Anlaufstation, die Gitarre um den Hals, musste er sich zu Fuß bis ins Zentrum der gebeutelten Stadt durchschlagen, half den Bewohnern durch heranrollende Flutwellen und Sturmböen, entging nur knapp mehreren Alligatorenattacken und wurde um ein Haar von der Nationalgarde füsiliert, weil man ihn für einen Plünderer hielt. Hatte er eigentlich gedacht, dass es schlimmer nicht kommen konnte, verlor er auch noch seine Gitarre bei einem Zusammenstoß mit Marodeuren, die auf der Suche nach Feuerholz waren und riss sich mehrere Fingernägel ein. Ohne Geld, ohne Ausweispapiere und ohne Gitarre war in New Orleans kein Staat mit ihm zu machen. Im Chaos nach Katrina ernährte sich der Mann, der uns allen als Sonnenschein bekannt war, tief frustriert von ertrunkenen Tieren, die er am offenen Feuer geborstener Überlandgasleitungen briet.

Und genau da fasste ich einen Entschluss: Das Humpeln musste aufhören, damit ich ein neuer Mensch werden könnte. Durch Zufall traf ich einen älteren Deutschen, der sich selbst als Meisterarzt bezeichnete, Niederberger oder so hieß der, der mir aus einem seltsam geformten Salzstreuer, der nie versiegte, immer wieder Salz auf mein Fußgelenk streuselte, 24 Stunden lang. Und was soll ich sagen: Ich war geheilt.“ Im Anschluss daran gelang ihm die Rückkehr nach Deutschland – auf einem Fischtrawler und zwar als Hilfsmatrose mit der Spezialaufgabe „Bordunterhaltung“ für die philippinische Besatzung.

Zurück in Deutschland arbeitete er zunächst als Reifenwechsler von Smudo von den „Fantastischen Vier“, bei dem er ab und an auch mitfahren durfte, deckte später zusammen mit Julien Assange die Agententätigkeiten der USA auf, arbeitete hie und da als Hellseherin, Frisurenmodel oder Bäckereifachverkäufer und lernte so Sonja Zietlow kennen und lieben, die jeden Morgen in „seiner“ Bäckerei 7 Brötchen à 23 Cent das Stück einkaufte und ihm jedes Mal „1 Euro und 60 Cent“ mit den Worten „Stimmt so!“ reichte. „Echt nett von der Sonja, dass sie mir da jedes Mal Trinkgeld gegeben hat. Und irgendwann dann sprach sie mich an, ob ich nicht schnell was dazuverdienen wolle …“ „1 Euro 60?“ Meine irritierte Rückfrage verwirrt Mola Adebisi ein wenig. Laut rechnet er nach: „23 x 7. Das macht 7 x 20, also 1 Euro 40 plus 21 Cent … also insgesamt 1,61 €. Das kann doch nicht wahr sein!“ Zerknirscht blickt er zu Boden, weswegen ich ihn aufzumuntern versuche: „Herr Adebisi, jetzt regen Sie sich nicht auf. Wir sprechen hier ja nicht über Zukunft! Da hat die sie eben ein paar Mal beschissen, aber das ist doch Vergangenheit!“ aber Mola greift schon wieder zum Telefon, wählt die Nummer seines Managements und eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Und der Wendler kriegt wirklich für die zwei Wochen genau wie ich auch 5.000 Euro!?“