„Wenn Dich die Pupille nicht schlafen lässt, ist es die Hölle“ – mit Matthias Matussek im Schlaflabor

Von · Hier kommentieren…

Quelle: Wikipedia

Matussek, Matthias – jeder kennt ihn, jeder mag ihn, außer Stefan Niggemeier, aber eines kann und darf man einem Matussek nicht absprechen: irgendwie interessant ist er ja schon. Romanautor, erfolgreicher Katholik, phänomenaler Videoblogger, immer einen Witz auf den Lippen wie andere Leute ein Lied und gleichzeitig auch noch Erfinder des Wortes „Kontroverse“. Nun gut, vielleicht hat er da zuletzt etwas übertrieben, aber wer da ohne Schuld ist, der soll den ersten Stein schmeißen, wie Jesus gesagt hat. Was viele allerdings nicht wissen, Matthias Matussek hat auch eine private Seite – und diese Seite überrascht dann doch.

Schlaflabor Adlershof. Aufenthaltsraum. Ich warte schon seit mehreren Stunden darauf, dass Matti (so darf ich ihn als alter Freund nennen) aufwacht, habe mir extra ein bisschen Lesestoff mitgebracht und trinke einen Mokka nach dem anderen, als endlich die Tür aufgeht und ein leicht käsiger und unerholt aussehender Mann im Schlafanzug (Calida, das schwarzweiß gestreifte Modell Paperman mit integrierten roten Hosenträgern, 69,99 € beim Versandhandel) eintritt, sich durch die Haare strubbelt, die Länge des Dreitagebarts überprüft, mir dann in die Augen blickt und mich mit „Na was guckst Du denn so, altes Haus Cornelius“ begrüßt.
Ein echter Matussekeinstieg, wie man ihn nicht in der Journalistenschule, sondern nur im Leben lernt. Chapeau! Er setzt sich auf einen der Thoneau-Stühle nieder, reibt sich den Schlaf aus den Augen mit den Worten „Na, da guckst Du, was?“ und fordert mich zum Fragestellen auf. „Matti, warum dieser Treffpunkt, warum dieser Aufzug? Du siehst nicht allzu gesund aus.“

Matussek gähnt, schaut noch kurz, ob Niggemeier sich wieder bei ihm per Kurznachricht gemeldet hat, faltet kurz die Hände zum Gebet und berichtet anekdotenreich, wie es ihn hier ins Schlaflabor geführt hat: „Ich habe riesige Einschlafprobleme. Ich hab schon alles versucht. Das ist jetzt meine letzte Chance auf Besserung des Problems, wobei ich nicht so richtig weiß, denn auch hier bin ich erst nach der dritten Diazepam weggenickt … wenn da nur nicht immer diese hämmernden Fragen in meinem Kopf wären!“

Verständnisvoll klopfe ich ihm auf die Schulter, sage zugegebenermaßen nicht unbedingt ehrlich gemeint, aber doch freundlich, dass ich das verstehen könne, dass er sich Fragen stelle, ob diese Artikel, Faxe und doch sehr expliziten Ansichten, die er so seit 2 Jahren raushaut, wirklich hätten sein müssen, ob die Angriffe vielleicht doch auch einen Funken Berechtigung hätten, aber Matussek schüttelt nur den Kopf: „Darum geht es doch gar nicht! Es sind alles viel existenziellere Fragen! Du kannst Dir da gar keine Vorstellungen von machen!“

Und genau aus diesem Grund bitte ich ihn, mir die Ursachen für seine Schlaflosigkeit zu schildern. Ich treffe einen Nerv in Matti, das merke ich gleich, als er wie ein 100-Meter-Läufer nach dem Startschuss abgeht. Er habe seit Jahren ohne medizinische Unterstützung kein Auge zugemacht, weil er sich, kaum habe sein Hintern das Federbett berührt, kaum ruhe sein Kopf in den weichen Daunen, immer wieder dieselben dringenden Fragen stelle: „Wo zum Teufel sind meine Pupillen, wenn ich die Augen zumache? Oben, unten, rechts, links, mittig, leicht versetzt oder fahren die irgendwo ein wie die Antennen meines Cayenne, wenn ich den Schlüssel ziehe? Und die zweite, noch dringendere Frage: Was macht meine Zunge, wenn ich schlafe, erschlafft sie, leckt sie meine Lippen oder treibt sich mal hier, mal da in meinem Mund herum?“ Die Zunge sei doch ein Muskel und jeder Muskel brauche doch auch einmal eine Erholungspause, abgesehen vom Herz. Aber sei die Zunge wie das Herz und arbeite ununterbrochen und pausenlos? Käme daher vielleicht das fliegende Wort, dass jemand sein Herz auf der Zunge trage?

Matthias Matussek ist nachhaltig verstört. Meinen Einwand, ob er das nicht schon einmal gegoogelt habe oder warum er nicht bei seinen alten Kollegen vom SPIEGEL, vielleicht im Wissenschaftsressort, nachgefragt habe, weist er barsch zurück. „Ich will es wissen und ich will es nicht wissen, verstehst Du? Es ist schrecklich, aber es ist gleichzeitig auch ein liebgewonnenes Stück Philosophie, das ich in meinem Kopf hin- und hermarodieren lassen kann.“ Immerhin habe er schon mit Stefan Aust darüber geredet und der habe ihm die interessante Tatsache erzählt, dass Andreas Baader nur mit offenen Augen geschlafen habe – und am liebsten auf dem Rücken und mit einem Spiegel an der Decke.

„Vielleicht ein Lösungsansatz, habe ich mir gedacht, Spiegel über dem Bett habe ich sowieso, aber leider habe ich es, obwohl ich es wirklich jedes Mal versuche, noch nie geschafft, mit offenen Augen einzuschlafen … naja … und dann hab ich ein bisschen im „Baader-Meinhofer-Reflex“ gelesen und festgestellt, dass es bei Baader medizinisch begründet war. Fasziallähmung. Beidseitig. Sehr selten. Das erklärt vielleicht auch, dass er ständig Unfälle gebaut hat und sich bei Pforzheim 1971 mit 160 Sachen überschlagen hat. Wobei … er hatte ja auch gar keinen Führerschein. Immerhin hat’s ihm die Haftbedingungen in Stadelheim erleichtert irgendwie …“

„Wenn ich nicht mit geschlossenen Augen schlafen könne, würde ich auch Terrorist“, gebe ich zu bedenken, was Matthias Matussek ein zustimmendes Nicken entlockt. Im Hintergrund dudelt ein Radio und mir fällt auf, dass Matthias Matussek in den letzten Momenten immer regelmäßiger gähnt (ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, aber gut, wir sind Freunde) und ich achte darauf, welches Lied gerade gespielt wird – vielleicht liegt darin ja das Wunder des Einschlafens, denke ich und singe schon bald leise mit bei Atomic Kittens „Whole again“:„…Time is layin heavy on my heart, seems I’ve got to much of it, since we’ve been apart, my friends make me smile, if only for a while you can make me whole again. Lookin’ back on when we first met, I cannot escape and I cannot forget. Baby you’re the one you still turn me on, you can make me whole again …”

Matthias Matussek schnarcht in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl. Wo sich seine Pupillen herumtreiben, kann ich nicht genau erkennen, aber seine Zunge, seine Zunge, die lugt ziemlich weit aus seinem rechten Mundwinkel hervor. Ich lasse ihn zurück, sage dem Laborpersonal Bescheid und mache mich auf den Heimweg in mein Loft. Dort angekommen kopiere ich meine Atomic-Kitten-Greatest-Hits, stecke die CD in einen Umschlag, dem ich ein ausgedrucktes Foto des schlafenden Matussek beifüge mit einem schönen Gruß, auch an die Familie: „This will make you whole again, Matti!“