Mit Martin Schulz beim Weltkrustentiertag

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Die Recherchen gestalten sich erstaunlich einfach. Völlig offen und beinahe schamlos tritt der Spitzenkandidat der SPD für die Europawahl Martin Schulz in allen Faccetten schillernd im Internet auf. Positiv gesehen macht er keine Teufelsgrube aus seinem Herzen und scheint nicht nur multitaskingfähig zu sein, sondern anscheinend auch so etwas wie ein Renaissance-Genie alter Prägung. Nicht nur als Politiker in Brüssel hat er es geschafft, der ach-so-feine Herr Schulz, sondern auch auf unzählbar vielen anderen Feldern.

Grund genug, dem offenen Hochstapler, Tunichtgut und Illusionskünstler, dem Berlusconi-Staatsfeind-Nummer-1 und Vollbart-, sowie Halbglatze- mit Tendenz zur Dreiviertelglatze-Träger einmal auf den Zahn zu fühlen, aber so richtig, weswegen ich über sein Büro versuche, einen Termin beim traditionellen Brüsseler Langustenschwanzknacken klar zu machen. Bei diesem Wettbewerb, der ein internationales Teilnehmerfeld anzieht, wird, zurückgehend auf eine verlorene Wette des belgischen Königspaars Albert I und Elisabeth I, das sich einst auf einem Familienbegräbnis kennen- und lieben gelernt hatte, (vgl. Will Ferrell in „Die Hochzeitscrasher“) so lange auf einen Langustenschwanz gebissen, bis dieser bricht wie der Krug, der so lange zum Brunnen geht, bis er bricht oder der Zecher, der so lange nachbestellt, bis er – ich denke, meine Leser verstehen, was ich meine.

Wie dem auch sei: Nach langen Verhandlungen erhalte ich das OK bzw. „D’accord“ und pünktlich zum 17. Mai, dem offiziellen Weltkrustentiertag, treffen wir uns am Kai von Brüssel im altehrwürdigen Ratssaal von Mijnheer Verbruggen, der dem Anlass entsprechend und mehr als gerecht dekoriert ist mit seinen muschelkalkgeweißten drei Meter hohen Räumen, seinen aus Walbein gefertigten Lüstern und den in Antwerpener Glas gegossenen millionen-, wenn nicht milliardenfachen Chitinpanzern von Nordseekrabben, die man am Herrscherhaus sammelte, klassifizierte und anschließend von besonders reich bezahlten Kunsthandwerkern in Glasquadrate gegossen in den Boden einfügen ließen.

Der Geschmack der belgischen Regenten war exquisit – exquisit wie die sprichwörtlich auf jeder Zunge dahin schmelzende Schokolade Brüsseler Prägung. Ich wandele durch die herrschaftlichen Räume, erblicke zufrieden, dass Martin Schulz mir genau gegenüber an der urig behauenen Tischplatte Platz nehmen wird und genehmige mir einen Schluck gekühlter koffeinfreier Cola aus dem Bergkristallglas, das mir ein livrierter Page auf mein Winken reicht. „Cola macht die Zähne hart!“ hat meine Großmutter väterlicherseits immer gesagt, wenn Sie ihre Dritten des Nachts in ein dreifingerbreit gefülltes Whisky-Glas versenkte. Nicht ich, Starrreporter Florian Cornelius, sondern der Europaspitzenkandidat der SPD wird sich heute die Zähne ausbeißen und dazu nicht umhin kommen, nur wenige Tage vor der Wahl ein Geständnis abzulegen, das man sich so gar nicht vorstellen konnte.

Ein Erdbeben kündigt sich an! Ein Erdbeben in der politischen Landschaft der Bundesrepublik – fern jeder Richterskala. Kohls schwarze Kassen, Schröders Gazpromdeals, Fischers Autonomenzeit oder alles von Franz-Josef Strauß sind gegen meine Entdeckungen und kommenden Enthüllungen ein Pappenstiel. Deutschland wird ein anderes Land sein, die EU innehalten und die Welt mit dem Atem stocken, kurz aufstoßen, sich dann den ekeligen Geruch aus dem Magen wegfächeln und sich weiterdrehen.

„Guten Abend, Herr Schulz! Schön, Sie zu sehen!“, eröffne ich mit einem echt erscheinenden, aber von tiefsten Herzen kommenden hundertprozentig falschen Grinsen, unser Gespräch. „Wie war der Weg?“ „Ein bisschen länger, aber doch alles in allem bestens. Heute Morgen gab es einen kurzen Termin in Rheda-Wiedenbrück bei einer kleineren Bäckerei, deren Chef sich persönlich bei mir wegen bestimmter Auflagen der EU bzgl. der Zusammensetzung von Roggenmischbrötchen erkundigt hatte, anschließend ging es weiter nach München zu einem Mittagessen mit meinem Wahlkampfteam in der bayerischen Hauptstadt, ehe ich noch einen kleineren Termin an der LMU hatte.“ Wissend erwidere ich, dass dieser letzte Termin doch eher nach „toter Zeit“ klinge. Dabei bemerke ich ein unwillkürliches und nicht beabsichtigtest Augenzwinkern im Sinne von Chefinspektor Dreyfus auszumachen.

Die Spur ist gelegt, der Fuchs spürt die Meute, Schulz unterdrückt seine Nervosität, greift zum Champagner, lässt nachgießen, spült die Flüssigkeit von der linken in die rechte Backentasche. Bewusst lenke ich das Gespräch auf das Thema Unterhaltungsmärkte im Baden-Würtembergischen, insbesondere im Raum Pforzheim (leichte, sich steigernde Schnappatmung bei Herrn Schulz), Probleme eines selbstständigen Heizungs- und Sanitärsmeisters in Neuburg (Martin Schulz Nase und Lippen laufen dunkelbläulich an) sowie ein, nun ja, sehr explizites Profilbild, das er, Martin Schulz, bei Facebook poste und das ihn, Martin Schulz, mit nacktem Oberkörper zeige, auf dem mit Zahnpasta oder auch Sonnencreme das Wort „SOMMER“ stehe.

Martin Schulz bittet mich nach draußen, barmt, ich möge doch mit diesen Enthüllungen wenigstens bis nach der Wahl am Sonntag warten, irgendwie hätte er gerne ein bisschen Vorsprung, wundere sich, dass niemand bei ihm durchgeklingelt habe und außerdem müsse er ja jetzt, nachdem bald alle Welt wisse, welche unüberschaubare Zahl von Nebenjobs und Zweitidentitäten er habe, auch dort in den diversen Berufen „Tabula Rasa“ machen. „Die an der LMU werden schon recht schnell einen neuen wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Pathologie finden können, aber im Falle meiner Firma für Gastronomiebedarfsartikel …“

„… kurze Zwischenfrage, Herr Schulz, wenn ich darf: Was ist das überhaupt, Gastronomiebedarfsartikel? Servietten, Untersetzer, Gläser, Geschirr?“ „… und Handtücher und Seifenspender … aber da muss ich schon sehen, wer denn da meinen Posten übernimmt. Die Apotheke in Rheda-Wiedenbrück hingegen würde ich gerne weiter führen. Es ist schon ein enormer Vorteil, wenn man sich bei akutem Krankheitsgefühl mit einem Griff ins Regal selbst medikamentieren kann – und wenn es nur eine Akutpackung von Meditonsin ist.“ „Aber eine Frage habe ich dann doch noch, Herr Schulz? Warum der Aufwand? Geldmangel kann es doch nun wirklich nicht sein? Und hatten Sie nie das Gefühl, kurz vorm Burnout zu stehen, bei diesem doch recht anspruchsvollen Programm und schon übervollen Terminkalender im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit.“ Wir sitzen mittlerweile wieder beim Langustenschwanzknacken und ehe Martin Schulz mir eine Antwort gibt, lächelt er kurz in sich hinein, streich sich die Halbglatze glatt und fragt dann eher rhetorisch: „Warum leckt der Hund seine Eier?“ eher er es selbst mit den acht Worten „Weil er es kann … oder jedenfalls bisher konnte.“ Beantwortet und anschließend den zentimeterdicken Chitinpanzer des vor ihm liegenden Schalentieres krachend entzwei beißt.