Mit Klaus Wowereit in den Neukölln Arcaden

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Neukölln Arcaden, 17:00 Uhr, die Rolltreppe zum Kaufland herunter werden wir neugierig von den im Erdgeschoss stehenden arabisch-stämmigen Migrationsdeutschen betrachtet, die auf ihre shoppenden Freundinnen und Frauen warten oder gerade keinen 24-Stunden-Livestream von Promi Big Brother schauen möchten. Klaus Wowereit kennt das schon, denn er geht hier öfters einkaufen. Die Pfandchampagnerflaschen in seiner überdimensionierten Kauflandtasche aus Plastik klirren fröhlich gegeneinander. Hier kann er ganz so sein, wie er will, behauptet er, als er seinen Pfandzettel an der Informationstheke einlöst. Verständnisvoll brumme ich ein „Hm.“ und nehme mir vor, ihn irgendwann einmal zu fragen, warum er sich mit einer schwarzgetönten Langhaarperücke, einem farbenfrohen Hoodie und einer weit geschnittenen Hiphophose überm Maßanzug getarnt hat. „Das Alexa ist mir zu hässlich irgendwie, das hier ist wirklich und echt gewachsenes Kiezleben. Die Architektur passt sich in die restliche Bebauung ein, sticht nicht heraus, verschwimmt …“ „Vielen Dank, Herr Wowereit, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche“, unterbreche ich ihn „aber wir wollten uns ja heute eigentlich über ein ganz anderes Thema unterhalten.“

„Sie haben Recht, Herr Cornelius, aber wir kommen schon noch auf den Konflikt Israel-Palästina zu sprechen. Schauen Sie hier die Radieschen zum Beispiel! Da könnte ich mich jedes Mal aufregen. Warum muss ich gleich …“ er zählt genau nach, „warum muss ich gleich 29 Radieschen kaufen, wenn ich doch nur zwei brauche? Möhren gibt es doch auch einzeln zu kaufen. Und Zwiebeln und Kartoffeln, wobei ich das bei Kartoffeln ehrlich gesagt nicht verstehe. Oder hier: Salat. Wenn ich mir zu Hause einen Burger braten möchte und ihn schick mit einem Salatblatt mit Lollo Rosso oder so, verzieren möchte, dann kauf ich mir doch keinen ganzen Salatkopf, der dann sinnlos im Salatfach vor sich hin gammelt.“ Wieder muss ich dem Bürgermeister Berlins zustimmen. So habe ich das Problem noch gar nicht gesehen. Eigentlich habe ich dieses Problem noch überhaupt nicht gesehen. Irgendwie zeigt dies aber auch, wie der Mensch Klaus Wowereit so tickt. Er erkennt Probleme, benennt sie und betrachtet sie aus einem völlig neuen Blickwinkel. Du bist Berlin, Klaus Wowereit, denke ich und höre gebannt dem Kurzreferat über Nachhaltigkeit in der Obst- und Gemüseabteilung des Kauflands in den Neukölln Arcaden zu.

Wowereit erklärt, dass er lange über eine Lösungsmöglichkeit nachgedacht habe, wie man diesen gordischen Knoten des Einzelhandels durchschlagen könne. Eine Zeit lang, habe er daran gedacht, eine Gruppe von Containerern zu beauftragen, beim Café Einstein die Tonnen zu durchsuchen. Auf Grund der hygienischen Bedingungen habe er dann davon abgesehen. Letztlich sei die Lösung ganz einfach gewesen, denn schließlich könne man ja auch in der Warenauslage der Supermärkte in gewisser Weise containern. „Wem fällt schon auf, wenn bei seinem Salatkopf ein oder zwei Blätter fehlen?!“ Er reiße einfach das vom Kopf ab, was er brauche und verteile es taktisch klug in seinem Einkaufswagen. „Das muss aussehen wie hingeworfen!“ An der Kasse müsse man nur achtgeben, dass die Blätter die Wagennummer nicht verdeckten, aber ansonsten sehe alles ja so aus, als habe der vorherige Benutzer des Wagens einfach ein paar Blätter liegen lassen. Radieschen seien schon schwieriger. Er habe mehrere Versuche gestartet, die aber alle nicht so angenehm für ihn gewesen seien. Einmal habe er sich im Gedenken an Marlon Brando in der Pate zwei Radieschen in die Backentaschen gesteckt, aber das habe nur dazu geführt, dass die BILD nach Vorlage von Leserreporterfotos geschrieben habe, er habe mal wieder ordentlich zugenommen.

Bei Trauben sei das einfacher. Zum Glück gebe es beim Gemüsetürken ja immer umsonst Weintrauben zum Mitnehmen, wenn man da vorbeigehe und schnell sei. Wobei der Begriff Gemüsetürke ja an und für sich in die Irre führe hier in Neukölln. Das seien ja eher Gemüsearaber, präziser formuliert Gemüselibanesen oder Gemüsepalästinenser. Und um zum Thema zu kommen: Ganz in der Nähe sei auch ein Kuchenisraeli. Er könne beim besten Willen nicht verstehen, wieso das im Nahen Osten alles so schieflaufe, wenn es hier doch problemlos funktioniere. „Der Kuchenisraeli kauft doch seine Mohrrüben für den Karottenkuchen bestimmt beim nahen Gemüsepalästinenser. Die verstehen sich doch. Na gut, in die Hamas-Spendenbox wird er nix reinwerfen, aber Sie verstehen, was ich meine.“

Religion spiele da doch keine Rolle und genau die das Problem. Der Gemüsepalästinenser sehe sich selbst doch nicht zuerst als Gemüsemoslem und der Kuchenisraeli nicht als Kuchenjude. Irgendwie sehe er für den Nahen Osten da einen Lösungsansatz, wisse aber noch nicht, ob seine Sicht da wirklich zu vermitteln sei. „Gemüse, Obst und Kuchen gehören doch auch alle zusammen und verstehen sich gut miteinander. Was man da alles Leckeres draus zaubern könne mit ein bisschen Eier und Schmalz, Zucker und Salz …“ jetzt singt er aus vollem Hals, „Milch und Mehl, Safran … den gibt’s ja auch da beim Araber … macht den Kuchen gehl.“

Wir schieben den Einkaufswagen mittlerweile durch die Tiefkühlabteilung, aber Wowereit ist immer noch im Thema: „Ein guter Freund von mir hat gerade angefangen, in einem Dotcom-Unternehmen zu arbeiten. Und letztens hat er mir erzählt, dass da zweimal die Woche ein Obstkorb geliefert werde und er sich höllisch darüber aufrege, dass in diesem Obstkorb auch Mohrrüben und Gurken lägen.“ Das sei doch Gemüse und kein Obst. Ob er, Wowereit, denn bitte schon einmal einen Möhren- oder Gurkenbaum gesehen habe? Solche Sachen halt. Und wenn er da mal so überlege, verstehe er zwar die Irritation seines Freundes, könne andererseits da aber auch eine Parallele zum Nahostkonflikt feststellen. Israelis und Palästinenser leben nun einmal an diesem einen Ort.

Und im Garten wüchsen doch schließlich auch Obst und Gemüse. Beides wachse dort friedlich nebeneinander, bekämpfe sich nicht gegenseitig, sondern suche bestenfalls Schutz vor einfallenden Schnecken. Ab und an greife der Gärtner oder die Gärtnerin ein und verteile Bierfallen, um dem Obst und dem Gemüse zu helfen. Bier wiederum sei ja etwas typisch Deutsches. Vielleicht sei die Idee, deutsche Soldaten oder Polizisten im Rahmen eines UN-Einsatzes an die Grenzübergänge zum Gazastreifen zu stellen, wirklich nicht verkehrt. Andererseits sei es aber auch ein wenig überheblich, sich selbst als Gärtner und die anderen als Gemüse und Obst anzusehen. Im Senat habe er damit zwar keine Probleme, aber der Senat sei der Senat und die Welt die Welt. Generell liege da natürlich wieder Konfliktpotential. Wer ist Gemüse und wer ist Obst? Ist das jetzt wirklich ein Gärtner oder eher eine Art Rasenmähermann? Wer verhindere, dass der Gärtner sich auf einmal für einen Garten- oder gar Landschaftsarchitekten halte? Er habe da bestimmt die richtigen Denkansätze. Und gerne würde er sich da noch ein bisschen vertiefen, vielleicht eine Vermittlerrolle übernehmen, aber er habe dazu leider keine Zeit. „Die Landespolitik, ich verstehe“, werfe ich ein und ernte einen verständnislosen Blick aus seinen Augen. Er blafft nur: „Nein, ich muss gleich was kochen fürs perfekte Promidinner.“

Die Kassiererin hat die Wagennummer erfasst und wartet darauf, dass Wowereit zahlt. Lässig reicht ihr Berlins Oberbürgermeister einen 500-Euro-Schein und fragt, wozu denn diese Nummer bitte überhaupt erfasst werde. Aufmerksam zählt die Frau an der Kasse das Wechselgeld. Dabei erklärt sie Klaus Wowereit und mir, dass dieses Wagennummernerfassen ein internes Spiel sei. Am Ende des Jahres würden alle von einer Kassiererin erfassten Wagennummern zusammengezählt und durch die Anzahl der Stunden an der Kasse dividiert. Der sich daraus ergebende Index werde anschließend mit dem der anderen Kassierer und Kassiererinnen verglichen und die Top-3 erhielten einen 100-Euro-Einkaufsgutschein sowie kostenloses Parken im angeschlossenen Parkhaus.

Erfreut über diesen firmeninternen Wettbewerb für das Kassenpersonal, bringen wir den Einkaufswagen zu seinen Einkaufswagenfreunden. Wowereit verpackt währenddessen seine beiden Salatblätter fachmännisch in einem Seidentaschentuch und verstaut sie in seiner Jackettasche. Wir schlendern zum Ausgang Richtung Flughafenstraße, Ecke Karl-Marx-Straße. Beim Eisladen stoppt Wowereit kurz, lädt mich auf ein Eis ein und bittet mich, unauffällig die beiden im Kaufland „besorgten“ Radieschen in seinen Hoodie zu spucken. Später wird er per SMS zu viele Bissspuren meiner Backenzähne beklagen. Dennoch: Wenn einer der deutschen Politiker pragmatisch ist und in jeder Lebenslage zu einfachen Problemlösungen fähig, dann dieser Mann.