Mit Jude Law in der Sauna

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Florian Cornelius, freier Autor bei den unterschiedlichsten Medienhäusern, schreibt für Ulmen.tv von Erlebnissen mit den Stars. Hierbei ist es ihm im Sinne des New Journalism wichtig, hinter die Fassade der Celebritys aus Film, Funk, Politik und Fernsehen zu blicken und kein Negativ, sondern ein gespiegeltes Positiv abzubilden. „Der Star als Mensch ist der Star“, fasst er seine Arbeit zusammen.

Obwohl der Ort unseres Interviews vielleicht etwas anders ist, als die 7-Sterne-Hotels, in denen Hollywoodstars sonst so interviewt werden, sagt Jude Law direkt zu, als ich ihn mit meinem Gesprächswunsch über sein Management kontaktiere. Per Mail (Jude.Law@gmx.uk) wird mir von ihm persönlich folgendes mitgeteilt: „Alright, Florian, we definitely will see each other next Wednesday at your grandmother’s place.“

Müsste ich bei mir zu Hause, wenn ich denn einen Prominenten wie Jude Law zum Interview einladen würde, noch groß aufräumen, so zuckt meine Oma nur mit den Schultern, als ich ihr von dem hohen Besuch erzähle, der die Tage vorbeikommt und fragt, was „Jude“ denn für ein seltsamer Name sei? Ich zieh die Schultern hoch, antworte, dass ich schnell mal im Internet nachschauen würde und finde dort neben der Erklärung „Jude = Großzügigkeit auf Arabisch“ und dem Verweis auf Langformen wie Judah oder Judito auch interessante Foreneinträge wie den von Frank vom 27. Februar 2008, der schreibt „Ganz egal ob man Jude oder Nichtjude ist. Jude ist als Vorname nicht zumutbar. Käme denn jemand auf die Idee sein Kind Christ, Moslem, Buddhist oder Hindu zu taufen?“ Oma lacht und schüttelt den Kopf: „Das muss jemand aus der Sächsischen Schweiz“ geschrieben haben …“

5 Tage später, nachdem Jude Law noch ein paar Szenen für Wes Andersons neuen Film „The Grand Budapest Hotel“ in meinem Heimatstädtchen abgedreht hat, ist es auch so weit. Ich habe schon eine Weile in Omas Küche gesessen, aus Nervosität zu viel geraucht und aus Gewohnheit auch ein wenig am Görlitzer Böckelbart Kräuterlikör genippt, aber pünktlich klingelt es und Jude Law steht vor der Tür. 1,82, blaue Augen, relativ drahtig, ok, die Geheimratsecken fände ich jetzt nicht so sexy, wenn ich eine Frau wäre, aber okay, Geschmacksache.

Hi, I am Jude, Jude Law. Where is the magnificent sauna?” stellt er sich vor und lächelt, als meine Oma aus dem Gästeklo tritt und ihm seine frischen Saunatücher überreicht. „Den Keller runter, dann zweimal rechts und hinter der Mangelei dann gleich links die blaue Tür.“ Ich gehe vor, schaue mich aber immer wieder nach Jude Law um, der neugierig und aufmerksam den Weg zur Sauna verfolgt. „Is this old fashioned or is it new? It looks like from the GDR …”. Jude Law ist etwas verwirrt. Dass es da so was gegeben hat? Die Zweifel stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Und genau darauf habe ich, zugegebenermaßen, gewartet, denn ja, diese Saunenanlage ist original DDR und ein Werk meiner Großeltern väterlicherseits. Opa war der Ideengeber, Oma die treibende Kraft hinter der Verwirklichung ihres „feucht-heißen Traums“. Nachdem Opa als Steiger bei der Wismut jahrelang untertage Uran und was es da sonst noch so gab abgebaut hatte und nun pensioniert war Mitte der 60er, vermisste er zwar die körperliche Arbeit nicht, aber doch das schweißtreibende Klima im Berg. Und so besorgten sich die beiden über Jahre unter der Hand und über Beziehungen Baumaterial, Opa hackte jeden Tag ein paar Stunden im Gestein unterm Keller, Stützmaterial wurde ihm heimlich von Exkollegen bereitgestellt und gerüchtehalber soll es einmal sogar zu einer „kleineren Sprengung“ gekommen sein, um etwas schneller voranzukommen – die nahegelegene Erdbebenwarte ließ am nächsten Tag in der Lokalzeitung vermelden, dass es sich wahrscheinlich um bergbaubedingte Erdbewegungen gehandelt habe. Wie recht man dort hatte.

Währenddessen interessierte sich auch die Stasi für meine Großeltern. Die Tauschereien und Geschäftchen waren nicht unbemerkt geblieben, man fragte sich, ob die beiden vielleicht einen Fluchtversuch unternehmen wollten und klopfte an die Tür, um sich mal „ein wenig im Haus umzusehen“. Oma, geschickt im Umgang mit Menschen, überzeugte die beiden Herren dann schnell von dem Irrtum und sicherte sich ihr Schweigen über die geplante und eigentlich doch im Privathaus sehr kapitalistisch-feudalistische Freizeitbeschäftigung mit der Zusage, dort nach Vollendung jederzeit vorbeikommen zu dürfen. Dem Führungsoffizier wurde laut Stasiakte mitgeteilt, dass mein Opa „zu einem begeisterten Modellbauer mutiert“ sei, aber keinerlei Fluchtgefahr bestehe.

Am 3. Mai 1971 schließlich war es so weit. Mit einer Feier bei Rotkäppchensekt und Landskron-Bier, diversen Freunden und Freundinnen und dem beiden IMs wurde die Sauna eingeweiht und war bis zur Wende ein Geheimtipp innerhalb der verschwiegenen Gemeinde von Görlitz. Ich selbst erinnere mich daran, dass ich den Großteil meiner Kindheit in den 80ern in der Sauna verbrachte, was wundervoll war, weil ich dort einen Luxus genoss, den man bestenfalls im Interhotel hatte. Nur einen Wismutstropfen gab es, als ich Opa dort fand, der in der Sauna friedlich entschlafen war. Der Pfarrer wählte auf der Beerdigung mit Bedacht seine Worte, als er davon sprach, dass er genau so gestorben sei, wie er es sich gewünscht hatte: unter Tage.

Jude Law hört sich das, mittlerweile nackt auf seinem Handtuch sitzend, äußerst interessiert an, macht sich Notizen und stellt Fragen, wie sie eigentlich nur ein Saunafachmann stellen kann. Er persönlich denke, Sandelholz sei am besten geeignet zum Saunabau und zusammen fachsimpeln wir über die optimale Verwindungsfestigkeit unter extremen thermischen Belastungen, philosophieren über die perfekte Wärmedämmung, als er mir schließlich auf meine erstaunte Zwischenfrage, woher er denn das alles wisse, antwortet, dass er sich gerade auf seinen nächsten Film vorbereite.

Er spiele dort einen saunasüchtigen Apotheker, der nach einer schweren Krise versuche, wieder auf die Beine zu kommen, wobei ihm eine Schwimmbadbekanntschaft, die auf Lehramt studiere, zur Seite stehe. Zwar lehne er Method Acting ab, habe aber seit 6 Wochen nichts anderes als Fachliteratur zum Saunieren gelesen und spiele mit dem Gedanken, sich mit eigenen Händen ein heißes Refugium ,„a hot hide-away“, wie er es ausdrückt, in sein Londoner Loft zu zimmern – selbstverständlich seien ich und meine Oma zur Eröffnungsparty eingeladen, es werde auch nur ein kleiner Kreis kommen, niemand aus Hollywood, nur seine sechs Kinder und die paar Exfrauen.

Und dann verabschiedet er sich schon, bedankt sich für das fantastische Erlebnis, den zwischendurch von mir nach unten geholten Böckelbartschnaps und die vielen Tipps und Ideen für sein geplantes Handwerksprojekt. Am nächsten Tag klingelt es erneut an der Tür, ein gut gekleideter Mann vom Set drückt meiner Oma einen großen Strauß roter Rosen in die Hand sowie ein Päckchen mit einem hochwertigen Saunaaufguss-Set bestehend aus 10 Fläschchen. Der Name von einer der Flaschenetiketten ist mit rotem Edding umkringelt und lautet „Westpaket“ – in den Rosen steckt eine weiße Karte „Best wishes! Jude“.

 

(Das ausführliche Interview mit exklusiven Fotos von Jude Law erscheint zeitnah im Fachmagazin „Der Aufguss“, Erscheinungstermin entnehmen Sie bitte den Medien)