Mit Dieter Bohlen in der Realität

Von · Hier kommentieren…

Also mit der Realität, da verhält es sich ja so, dass nicht all das, was real erscheint, auch wirklich wirklich ist. Ich erinnere mich da gerne an den berühmten Wissenschaftler, Name ist mir leider entfallen, der, gefragt nach der Realität nur keckernd ausrief: ‚Realität?!? Wo haben Sie die denn jetzt her?!‘ Und genau auf diese Weise erlebt man tagtäglich Dinge, die auf den ersten Blick rational erklärbar sind, aber dann doch bei genauerer Betrachtung der Realität nicht standhalten.“

Was als geplantes Geplänkel zum Auftakt von „Deutschland sucht den Superstar“ geplant war, ein kurzer Ausflug zu meinem guten Freund und Bekannten Dieter Bohlen, hat eine Wendung genommen, die selbst ein Starjournalist wie ich es einer bin und bleibe, nicht hat können kommen sehen. Kaum bin ich aus dem Exit des Flughafens in Palma gestiegen, habe Dieter schon vom Gepäckband draußen auf mich warten sehen und mit den Worten „Mallorca, Isn’t it really, really great?!“ begrüßt, bin ich von jetzt auf gleich in einer Diskussion über Zeit, Unendlichkeit und Realität gefangen.

Der Mann, von dem Deutschland nur seine bösen und ehrabschneidenden Witzchen kennt, die er so über die Casting-Opfer macht, während ein kleinwüchsiger Sprechsänger neben ihm thront und eine blonde Frau, die sich ernsthaft „Mieze“ nennt, dieser Mann, den viele für den Untergang des musikalischen Abendlandes halten, er hat, was nur wenige wissen, auch eine andere, eine nachdenkliche Seite, gar eine philosophische und naturwissenschaftlich fundierte.

„Ich mein, schau Dir doch nur jetzt mal hier die Benzinstandsanzeige in meinem Ferrari an. Siehste, da steht, dass ich noch 120 Kilometer mit fahren kann, bis er stehen bleibt, weil er leer ist, aber guck jetzt …“ Dieter Bohlen steigt auf das Gaspedal, drückt es voll durch auf der idyllischen 5-spurigen Autobahn durch die mallorquinischen Berge, beschleunigt auf 250 Stundenkilometer. „Und? Hast Du gesehen? Das Auto sagt mir, ich könne 120 Kilometer fahren, aber gleichzeitig fahre ich jetzt 250 Kilometer. Wie weit kann ich also jetzt fahren?! Ist ja schon ein Unterschied zwischen 120 und 250, oder? 120.000 verkaufte Platten sind ganz gut, aber 250.000 sind ne Goldene Schallplatte? Fahr ich jetzt 250 oder 120 Kilometer? Die Realität, das sag ich Dir, Cornelius, die Realität ist eine ganz harte Nuss, hart wie ein Klodeckel aus Mahagoniholz!“

Durch Dieter Bohlens Redeschwall einigermaßen verwirrt und dennoch auch ein wenig überzeugt, dass er dort gerade in seinem Ferrari so ein Paradoxum wie Schrödingers Katze enthüllt hat, nicke ich und klammere mich dabei an den Titanhaltegriffen an der Seite meines Racarositzes fest. Dieter Bohlen bremst, nicht ohne einen Werner-Spruch zum Besten zu geben: „Wer bremst, verliert, hehehe!“, klopft mir auf die Schulter und fährt fort mit seiner Theorie über die Wankelmütigkeit der Realität.

„Ich war deshalb schon in der Werkstatt hier in Hossa d’Amar, aber die haben mich alle nur entgeistert angeguckt. Dabei hatte ich mir extra alles fein säuberlich auf einem Zettel notiert und mit dem Langenscheidt-Wörterbuch Deutsch-Spanisch-Spanisch-Deutsch ins Hochspanische übersetzt. Also wenn nicht mal die Spanier Spanisch sprechen, wer denn dann?!“ echauffiert er sich. „Jedenfalls haben die erstmal das Auto hochgefahren und etwas dran rumgeschraubt … und jetzt fährt das Ding auf einmal 280, wo in der Betriebsanleitung steht, dass er höchstens 250 fährt. Da frag ich mich dann auch gleich wieder, wie das denn gehen soll. Gut, ist jetzt nicht so viel wie der Unterschied zwischen 120 und 250, aber doch auch nicht real, nicht wirklich, da nicht möglich, weil ‚nicht sein kann, was nicht sein kann‘, wie ich zuletzt angelehnt an Bert Brecht auf dem neuen Andrea-Berg-Sommerhit „Te quiero no se“ gereimt habe.“

Meinen Hinweis, dass es vielleicht auch an der Insel liegen könne, denn schließlich gebe es ja in der wissenschaftlichen Literatur genug Beweise dafür, dass Insellagen zu absurderen Entwicklungen wie Zwergwuchs führen könne, wie u. a. Sabine Hille vom Wiener Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur in der Gregor Mendel-Straße 33 in 1180 Wien nachweise. Außerdem sei Mallorca ja zudem laut meiner Chiropraktikerin vulkanisch entstanden, was ja bezüglich der Erdstrahlung durchaus messbare Resultate nach sich ziehe, ignoriert er. „Immerhin“, freut er sich, dass „dieser Ätna damals von Sizilien aus diesen riesigen Lavabrocken Richtung Spanien gespuckt“ hat, denn sonst könne er dieses Eiland in seiner knapp bemessenen Freizeit nicht so genießen.

Wir brausen weiter Richtung Andratx, wo seine Yacht gerade ankert und halten auf der Hafenmole, von wo aus ein Frachtkran den Ferrari in das Yachthafenhochhaus wuchtet und wir zusammen in unsere Segelschuhe steigen. Dieter Bohlen erklärt mir, er habe seiner Daniela, oder wie sie gerade heiße, heute Abend frei gegeben, wir seien ganz allein zu zweit („‚Allein zu zweit♪♫, zu zweit allein, wer will, der kann gern zweisam sein♪♫‘ … hatte ich der Catterfeld angeboten, aber die wollte es nicht haben, naja, dann soll halt die Andrea damit die Helene vom Thron singen, mir doch egal.“); aber er habe da noch etwas ganz besonderes in petto, einen fantastischen Gitarrenspieler, Spanier, eigentlich Rechtsanwalt, zwischenzeitliches Studium in Nordlondon, aber dann doch Rückkehr nach bella Espana.

Der sei einfach unglaublich, denn der spiele Coversongs von irgendwelchen internationalen Bands, deren Name er zwar nicht kenne, dessen Lieder er aber, seit er besagten Spanier in der Fuzo von Mallorca kennengelernt habe, hoch zu schätzen gelernt habe. Der Kerl sei ganz unscheinbar, abgesehen von seinem überdimensionalen Kropf und Wursthaaren habe er eigentlich außer seiner Stimme und seinem Talent nichts Besonderes, sei aber dennoch „umwerfend wie Hulk Hogan, nur stimmlich viel weiter vorne.“

Als wir uns mit einem Glas Lambrusco auf dem Sonnendeck hinsetzen und gemeinsam jeweils zwei Grillschnitzel Wiener Art zu uns genommen haben, höre ich, wie sich zwei Flipflops der Yacht nähern, übers Deck in unsere Richtung schlappen und der Künstler sich mit einem „Holà!“ auf einem mitgebrachten Barhocker niederlässt, das linke Bein auf die Reeling schwingt, den Kropf zurechtrückt und dann mit gurgelnder Stimme sein erstes Lied ankündigt: „Sis is ‚Crèpe‘ von Radiohead.“ Nach langen fünf Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, ist der Spuk gottseidank vorbei. Dieter Bohlen ist begeistert, möchte Jaime in den Recall bitten und weil der Abend bisher so entspannt war, heuchele ich Sprachlosigkeit ob des Dargebotenen. „Schon krass, in einen Song über französisches Gebäck so viel Herz zu legen, was Cornelius?!“

Ich nicke stumm und fühle, wie eines meiner Schnitzel im Meer schwimmen will, als mein Magen vom Ohr gemeldet bekommt, dass das nächste Lied „Sombie“ von den Crèmeberries sei. Überstürzt, aber freundlich, verlasse ich das singende Schiff, rufe mir ein Taxi und freue mich, als der Fahrer den Sender wechselt und dort die vertraute Stimme von Andrea Berg verkündet, sie sei tausendmal belogen und betrogen worden.