Mit Boris Becker in der Reha mit WLAN

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Ein Twitterkrieg mit Oliver Pocher, die zweite Autobiografie, in der er schmutzige Wäsche wusch, ein Fernsehduell, bei dem er eine obskure Kopfbedeckung trug und dann der Paukenschlag: Boris Becker wird Trainer für den Toptennisspieler Goran Ivanisevic. Die letzten Monate haben Spuren hinterlassen bei Deutschlands bekanntestem Boris seit Pasternak und Karloff, nicht nur auf den Hüften, die wie das Gesicht in letzter Zeit etwas in die Breite gegangen waren – und nun zu allem Überfluss auch noch auf Grund einer Notfallsituation operiert werden mussten.

Es hat lange gedauert, bis das Management von Boris Becker meinem Plan zugestimmt hat, dass ich das Tennisidol in einem Moment der Schwäche im wunderschönen Garten der Kurklinik in Bad Bertrich treffen darf, aber nachdem ich alle Zweifel beiseite geräumt hatte („Ein Florian Cornelius wird sich nicht über einen Weltstar lustig machen! Wo käme er da denn hin, bitteschön. Ich mache seriösen Journalismus ohne Häme, Zynismus. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“), findet alles genauso statt wie geplant. Und so treffe ich früh am Morgen um 6 Uhr 30 im Garten der ehemaligen Sommerresidenz des Kurfürsten Wenzeslaus ein, in dem heute das Parkhotel residiert, in dem wiederum laut einem Gutscheinportal „heutzutage moderne Errungenschaften und Top-Komfort wie Schwimmbad, Sauna und, vor 200 Jahren noch unvorstellbar, Dinge wie Internet per Gratis-WLAN“ geboten werden!“ wie mir meine aus dem Internet ausgedruckten Unterlagen erzählen, einen der größten Stars, die Deutschland jemals hatte.

Und genau so, durch die Recherche, findet man als guter Journalist auch meist den korrekten Einstieg ins Gespräch. Der gut gerechte Kiesweg knirscht etwas, als Boris Becker in einem elektrischen Rollstuhl um die Ecke gebogen kommt. Er trägt einen Trainingsanzug in Orange, Weiß und Blau und ist trotz der gestrigen OP bester Laune. Jetzt schnell die Einstiegsfrage zur Auflockerung: „Herr Becker, wussten Sie, dass es hier im Parkhotel vor 200 Jahren noch kein Gratis-WLAN gab und was denken Sie, wie wohl der damalige Fürst Wenzelslaus darauf reagiert hätte, wenn er es gewusst hätte, dass es das 200 Jahre später geben würde?“ Ganz im Gegensatz zu meiner erwarteten Reaktion versteift Boris Becker ein wenig und kneift die Augen zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bittet er mich freundlich, die Frage noch einmal zu wiederholen – die sei doch ein wenig lang gewesen und etwas kompliziert.

Kritik muss man einstecken können, das hat ja zuletzt auch Oliver Kahn in sehr deutlichen Worten dem hochsensiblen BVB-Trainer Uwe Klopp klargemacht, aber bei aller Berechtigung von Kritik an Uwe Klopp, bei einem Profi meines Schlages kommt da dennoch Unbehagen auf, weswegen ich Verständnis vortäusche, lächle und stattdessen wissen möchte, wie denn die OP so gelaufen sei: „Alles wieder fit im Schritt, Herr Becker?“ Jetzt wiederum scheint Boris Becker leicht angefressen. Im Schritt sei alles bester Ordnung, muffelt er, vielmehr sei er ja an der Hüfte operiert worden und Schritt und Hüfte, da seien ja auch noch seine Oberschenkel dazwischen, aber „ja, alles ist bestens gelaufen, auch wenn ich die nächsten Tage wahrscheinlich noch fahren muss mit dem Ding hier.“ Er hat sich wieder gefangen und drückt scherzhaft auf die Spielzeughupe, die am Rahmen des Rollstuhls befestigt ist. „Die ist von Lili. Bevor das jetzt offiziell mit dem Tanzen bei RTL losgegangen ist, hab ich ihr immer wieder noch im Stehen ein paar meiner Lieblingslieder vorgehupt, zu denen sie dann gedanced hat. Ich kann ja leider kein richtiges Instrument spielen. Ich freue mich für sie, dass sie jetzt auch endlich zeigen kann, was für eine starke Frau sie ist.“

Wir unterhalten uns eine Weile über das Wetter, Boris Becker und ich, ich und Boris Becker, und dann erläutert er mir, wie wichtig für ihn die Aufgabe sei, als Coach bei seinem neuen Schützling Slobodan Milosevic gerade in dessen Psyche einzugreifen und dort die letzten Promille raus zu kitzeln. „Technisch brauche ich ihm nichts mehr zeigen, aber im Kopf, da gewinnt man Spiele!“ Ob das jetzt „Mensch ärgere Dich nicht“ ist, „Blinde Kuh“ oder Tennis, das sei letztlich zweitrangig. „Mentalität“ so Becker, „hat schließlich noch niemandem geschadet … oder kennen Sie jemanden, Herr Cornelius?“ Ich stimme zu und schüttle den Kopf. So habe ich die Sache noch nie gesehen – und Bronislav Malkovic bestimmt ebenfalls.

Da mich Tennis aber eigentlich gar nicht so interessiert – sicher, ich kenne die Namen der Top-10 sowie ihrer Trainer, aber im Fernsehen oder am Court schaue ich immer ohne Ton, weil mich das Ploppplopp immer so nervt, trage ich meistens Wachsoropax – versuche ich, die Person Boris Becker ein wenig besser zu ergründen. Der „rote Baron“, der „Hausbesetzer“-Bobbele, der Lebemann … „Was macht eigentlich …“ Boris Becker unterbricht mich recht rüde, indem er mir (absichtlich?) über den rechten Fuß rollt. Während ich noch dem Schmerz nachhänge, ist Becker schon auf 180.

Was macht eigentlich …!? Lieber Herr Cornelius, entschuldigen Sie das mit dem Fuß, aber hier muss ich einschreiten. Bei dieser Frage werde ich allergisch. Was macht eigentlich, das ist das ultimative Todesurteil für jede Person von Rang und Namen, denn sie zeigt, dass jedweder Respekt verloren gegangen ist vor dem, was man geleistet hat. Wird Helmut Kohl gefragt, was er eigentlich mache? Wird Boris Jelzin danach gefragt, was er eigentli … gut Boris Jelzin ist tot, aber dennoch! Alleine dieses eigentlich! Was soll das eigentlich eigentlich heißen? Das klingt so, als ob man gar nicht mehr existiere, impliziert, dass man überhaupt nichts mache, sich seit Jahren schockgefrostet in einem kryogenischen Kühlschrank befinde, ab und an Drinks mit Strohhalm gereicht bekomme und damit zufrieden sei …“

Mein Schmerz ist vorbei. Zum Glück finde ich in einer Atempause die Zeit, Boris Becker in seinem Furor zu unterbrechen und merke entschuldigend an, dass ich ja eigentli … also quasi nur nach seiner Familie habe fragen wollen, wie es denn den Jungs so gehe und seiner Tochter Anna, dem kleinen Amadeus. Becker entspannt sich wieder und bemerkt, dass er vielleicht etwas überreagiert hat. Vielleicht in einer Übersprungshandlung bittet er mich, mal seine beiden neuen Titanhüften anzufassen, die sich unter einem dicken Verband fühlen lassen und gemeinsam bewegen wir uns noch ein bisschen ohne Worte durch den Park hinab zu einem nebligen Weiher, aus dem der Gesang eines Graureihers zu hören ist, der auf Fischjagd ist. Beckers Rollstuhl piept, wie einst die Batterien in den Beinprothesen von Lindsay Lohan in „Ich weiß, wer mich getötet hat“, als der Akku leer war.

Nassgeschwitzt erreiche ich das Eingangsportal des Parkhotels. Boris Becker schenkt mir zum Dank einen alten Tennisschläger, den er mir noch schnell signiert, lächelt mich an und verrät, dass er an einem neuen Buch arbeite, das dieses Mal statt privater Schnurren sein Wissen im Bereich des Coachings wiedergeben werde, Arbeitstitel „Mehr Mentalität“. „Mit der richtigen Einstellung kann man nicht nur Berge versetzen, sondern auch über sich hinauswachsen. Oder hätten sie gedacht, dass sie mich hier hoch kriegen und dazu das schwere Teil?“