Leonardo di Caprio und die Berliner Schule

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von Florian Cornelius

Hollywood! Palmen, schneeweißer Strand, barbusige Starlets und muskelbepackte Bodybuilder, an jeder Ecke ein Star, Champagner und Grey Goose in limitierten Sonderauflagen zum Stückpreis von 123 Dollar das 0,1-Liter-Glas. Und Berlin Marzahn, Allee der Kosmonauten, Hochhausschluchten, ein eisiger Wind pfeift, braune Blätter im Schneematsch, ein Mann in dickem Parka kämpft gegen den Wind.

Ausgestiegen ist er an der S-Bahn-Station Springpfuhl. Mehrfach versucht er, sich eine Zigarette anzuzünden, endlich gelingt es ihm. Tief inhalieren, dann pustet er aus, Leonardo di Caprio. Es ist erstaunlich, aber niemand dreht sich nach ihm um, niemand fragt um ein Autogramm, niemand interessiert sich für den Mann, der gerade mit „The Wolf of Wallstreet“ kurz vor seinem ersten Oscar steht. Vor dem Aufzug versucht er etwas ungelenk, mit ein paar der Mitpassagiere ins Gespräch zu kommen, doch er wird ignoriert, obwohl er wirklich akzentloses Deutsch spricht.

Wir steigen im 17. Stock aus, suchen auf einem wahren Ganglabyrinth nach der korrekten Raumnummer SR1731, klopfen erfolglos an verschlossene Türen, hören, wie der Wind, der hier oben noch stärker zu wehen scheint, durch die Flure zieht. Huuuuuuuu Huuuuuuuuu Huuuuuuuu … Endlich sind wir angekommen, das einzige Zimmer, in dem Licht brennt, Leonardo fragt die innen Sitzenden, ob hier der Arbeitsqualifizierungskurs Windows Word Basics stattfinde und erntet ein emotionsloses Nicken. „Well,“ Leonardo lässt sich auf einen Stuhl sinken, legt Parka, Schal und Wollmütze ab, während ich mich nach der Tradition des „Fly on the wall“-Dokumentarismus unauffällig hinter einem Ficus auf der Fensterbank platziere.

Es ist schon ein außergewöhnlich, dass sich ein Schauspieler wie Leonardo die Caprio auf so etwas einlässt, aber dennoch tut er es freiwillig und zwar für ein neues Projekt des deutschen Filmemachers Christian Petzold. Das neue Werk des Filmemachers der Berliner Schule („Wolfsburg“, „Yella“ oder „Barbara“) mit dem Arbeitstitel „Marzahn“ soll im Dezember 2014 in den Kinos starten. Und die Dreharbeiten beginnen passenderweise im grauen Februar. Hauptrollen: Nina Hoss, Benno Führmann und Leonardo di Caprio. Wie zum Teufel bringt man Leonardo di Caprio dazu, bei solch einem Film mit vergleichsweise niedrigen Produktionskosten mitzumachen. In einer „Fremdsprache“, in Marzahn und dazu auch noch im Winter.

Leonardo di Caprio schaut auf, als sein Alias-Name, der dem Rollennamen entspricht, vom Kursleiter aufgerufen wird. Anwesenheitskontrolle. „Carl Dorn?“ „Hier.“ Seine Hand schnellt nach oben, wird registriert und abgehakt. „In Ermangelung von Rechnern habe ich Ihnen hier ein paar Folien für den Polylux mitgebracht, mit deren Hilfe ich Ihnen die Grundfunktionen von Windows Word erklären möchte. Während ich hier die passenden vorbereite, würde ich Sie bitten, sich selbst kurz vorzustellen. Wir fangen hier vorne rechts an.“ Vor Leonardo di Caprio stellen sich eine Elfriede aus Pankow vor, die bisher als Fachfloristin gearbeitet hat, ein Manfred, der 30 Jahre Berufserfahrung als Onlineredakteur im Gutscheinportalbereich vorzuweisen hat, seinen Job (seine Frau und seine Familie) aber im Rahmen einer Umstrukturierung sowie angeblich überzogender Gehaltsvorstellungen („Ich wollte doch nur 2.500 brutto!“) verloren hat und Renate, die als Amazon-Pickerin nicht mehr brauchbar war, weil sie mit 56 Jahren die 100 Meter aus fliegendem Start nicht mehr unter 13 Sekunden schaffte.

Leonardo di Caprio ist an der Reihe, erzählt seine erfundene Vita von einem geisteswissenschaftlichen Studium der Medienkritik, mehreren Praktika („… von der Werbung über eine Internship als Vorkoster in der Bundestagskantine bis hin zu Zeitarbeiter in Diensten des Arbeitsamts …“, seiner Freisetzung bei einem Pizzalieferservice auf Grund von verschiedenen Ansichten bezüglich der Hygiene („Ich hab zum Koch gesagt, dass es zwar Blaukäse gebe, wir ihn aber erstens nicht im Angebot hätten und er außerdem meiner festen Überzeugung nach zwar blau ist, aber dennoch keinen feinen weißen Pelz besitze.“). Jetzt plane er ein Praktikum in einer Startup-Butze, denn da gebe es immerhin dreimal die Woche Gratisobst und einen Schreibtisch samt Stühlen, was ja heutzutage in anderen Bereichen schon als purer Luxus geschmäht werde und abgeschafft sei.

Petzolds Film werde eher ein Drama, hat mir Leonardo vorher verraten, wenngleich er beim Lesen des Drehbuchs auch mehrmals Tränen habe lachen müssen auf Grund der Komik, die ja jedem Drama innewohne und umgekehrt auch geweint habe, da Dramas nun einmal dramatisch sein müssten und nicht komödiantisch. Generell gehe es bei seinem neuen Film, so teilte mir Petzold im Vorfeld mit, um das Leben, das Sterben, das Lachen, das Leiden, das Lieben, das Leben, das Sterben, aber auch um das Leiden und Lachen – und ich denke nach dem Lesen des Drehbuchs, dass er mit dieser Behauptung gar nicht so falsch liegt.

Der Dozent legt im Zweiminutentakt eine neue Folie auf, Zwischenfragen verbittet er sich („Schreiben Sie es auf, ich beschäftige mich später damit.“) und verweist bei wachsendem Lernpegel infolge von Unzufriedenheit darauf, dass es auch seine 6. Stunde sei und er auch noch ein Mensch. Leonardo macht eifrig Notizen und versucht, ruhig zu bleiben, schließt sich aber nach gut 3/4 der Zeit der kleinen Rauchergruppe an, die sich bei geöffnetem Fenster den ausgeblasenen Rauch zurück in die Lungen blasen lässt. Nach Ende der 90 Minuten stößt auch der Dozent zur Gruppe und bittet entschuldigend um eine Zigarette.

Die Sonne versinkt über Marzahn, es dämmert schon, als die Gruppe das Gebäude verlässt. Wortlos gehen alle auseinander und verstreuen sich in den Hochhausschluchten. Es schneit leicht, als Leonardo di Caprio in die S-Bahn steigt. Er zieht die Schultern hoch und die Mütze etwas tiefer, damit er von niemandem erkannt wird, setzt sich und lässt den Blick über die vorbeifliegenden Gleise schweifen. „Leonardo, warum tust Du Dir das an?“ „Für die Kunst, alles für die Kunst. Und auch, damit ich endlich vom Image dieses Typen wegkomme, der vorne auf dem Schiff stand und ‚Ich bin der König der Welt‘ schrie.“ Was für ein Mann! Ich zwinkere ihm voller Verständnis zu und reiche ihm einen der in meiner YSL-Herrenhandtasche verstauten und eisgekühlten Prosecco-Piccolos.

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