Lebensretter von Bernd Lucke

Von · Hier kommentieren…

Bernd Lucke also. Ein Porträt über Bernd Lucke. Über den Mann, der schon im Nachrichtenmagazin der SPIEGEL bis auf die Unterbuchse ausgezogen worden war, Pirouetten gedreht hatte und dennoch weiterhin so wirkte wie ein kleiner, um 300 Prozent biedererer und ebenso uncharismatischer Bruder von Günter Jauch. Ein Sympathieträger für 10 % der Wahlberechtigten und damit in etwa auf demselben Niveau wie Sigmar Gabriel in Thüringen, in der SPD und wahrscheinlich auch in seiner eigenen Familie. Im Vergleich aber mit dem cholerischen Medizinball aus den Reihen der Sozialdemokratie, der wenigstens ab und an auch irgendwie lustige Sprüche rauszuhauen in der Lage ist oder Marietta Slomka zum Schlammcatchen auffordert, fällt Bernd Lucke doch sehr ab.

Und jetzt sollte ich, Florian Cornelius, eigentlich abonniert auf die Stars und Sternchen dieser Welt, jetzt sollte ich, der schon herausragende Interviews und Treffen mit Menschen wie dem Dalai Lama, Roland Koch und Nicole Kidman geführt und abgehalten hatte, jetzt sollte ich also diesen Bernd Lucke nicht nur treffen, sondern auch sprechen, Neues erfahren, Interessantes herauskitzeln und dann in Schriftform bei meinem Auftraggeber einreichen. Ich gebe zu: Normalerweise hätte ich diesen Auftrag abgelehnt, nicht bei der jämmerlichen Bezahlung dieser Schülerzeitung namens „Kuckucksei“, aber was tut man nicht alles für den guten Zweck, Stichwort Iron Bucket Challenge.

Zur Vorbereitung auf das Treffen schaue ich mir drei Stunden lang eine Raufasertapete an und versuche, in den einzelnen Hübbeln ein System, oder aber wenigstens das Gesicht einer meiner ehemaligen Liebhaberinnen zu erkennen – leider erfolglos. Immerhin bin ich nach dieser in der Münchener Henry-Nansen-Journalistenschule gelernten und nun, nach 20 Jahren Berufserfahrung, erstmals angewandten Technik dazu in der Lage, zu empfinden wie Bernd Lucke persönlich. Das Hineinversetzen in einen anderen Menschen ist schließlich die Grundvoraussetzung für einen jeden Meisterjournalisten. Und da spielt es keinerlei Rolle, ob diese Person einem sympathisch ist oder nicht, ob man sie – und damit nach dem Hineinversetzen auch sich selber – mag, wertschätzt, hasst oder liebt. Schließlich sind wir Journalisten doch alle auch nur Schauspieler. Method Acting auf Journalismus-Ebene; das beherrschen nur wenige meiner Zunft – für mich ein Vorteil, der mich dorthin gebracht hat, wo ich heute bin. Metaphorisch gesehen. Also an die Spitze und nicht vor die Raufasertapete.

Als Treffpunkt hat Bernd Lucke eine verlassene Bushaltestelle im Brandenburgischen auserkoren. Ein Symbol für den Erfolg, den er und seine Partei in diesem verlassenen Landstrich errungen haben, vermute ich. Sie haben die Nazis aus dem Parlament gehauen, also die von der NPD und sie durch angeblich geläuterte Nazis, Deutschnationale oder Rechtskonservativgehirngeschissene ersetzt, die wohl bald für die AFD im Landtag sitzen. Das ist immerhin ein Fortschritt und würde vielleicht auch anderen Parteien zum Vorbild genügen würde, die solche Stunts ja nur nach diesem Beinahe-Unentschieden von 2. Weltkrieg erfolgreich versucht hatten mit Herrn Globke und anderen Mitläufern.

Die brandenburgischen Grillen zirpen, der Raps steht in seiner gelben Pracht und ich lasse Spuckefäden gen Erdboden gleiten, weil ich bei Moritz von Uslar gelesen habe, dass man das so macht in Brandenburg. Von Zeit zu Zeit fliegen tiefergelegte Pick-ups (die Wagen, nicht die Süßigkeit!) mit Reichsdeutschland-Kennzeichen auf dem Nummernschild an mir vorbei. Freundlich winkt man mir mit erhobenem rechten Arm zu. Einmal hält gar eines dieser Vehikel und der Insasse fragt freundlich, ob er mich zum Kameradschaftsabend der Skinheads Mahlower Land (SML) mitnehmen dürfe. Sie hätten Bier, gutes deutsches Grillfleisch und es gebe sogar eine Hüpfburg für Kinder, die ein Kamerad aus Thüringen namens Wieschke günstig beschafft habe. Dankend lehne ich ab und erzähle ihm, ich sei ehemaliger Soldat und Landschaftsmaler auf der Suche nach neuen Motiven, was ihn gleich selig lächeln lässt.

Als sein Auto hinter einem Feldweg langsam ins Nichts verschwindet, ist es endlich so weit. Irgendwie hat sich Bernd Lucke an mich herangeschlichen. Im Tropendrillich, mit einer Hartplastiktasche sowie einem Schmetterlingsnetz in der Hand tritt er mir entgegen und hat sich förmlich aus dem Äther hier hin transformiert. Mir fällt sofort die Parallele zum Auftauchen seiner Partei im politischen Tagesgeschehen auf, worauf ich den Parteivorsitzenden auch gleich anspreche, nachdem ich ihn mit einem „Guten Tag, Herr Lucke!“ begrüßt habe. Bernd Lucke lächelt irgendwie freundlich und gleichzeitig gelernt, schüttelt den Kopf leicht von links nach rechts, woraufhin ihm eine größere weißpunktige Wanze aus dem Haupthaar fällt, setzt gerade zur Antwort an, unterbricht dann aber und sagt: „Moment, das war ein Attagenus punctatus! Warten Sie kurz!“

Er lässt sich auf der Landstraße nieder, legt den Plastikkoffer beiseite, kniet und schaut in die Richtung, die das Insekt genommen hat, als es von seinem, Luckes Kopf, gefallen ist. Dabei murmelt er in meine Richtung, er sei gleich wieder da, aber genau dieses Exemplar von Speckkäfer fehle noch in seiner bei Ebay erworbenen Käferkollektion aus dem Nachlass Ernst Jüngers. Normalerweise fände man ihn, den Käfer, nicht Bernd Lucke, nur im Frühjahr auf blühenden Büschen wie dem Weißdorn. Die Larve hingegen liebe es, in hohlen Bäumen zu wohnen und ernähre sich dort von Insektenresten. Nach kurzem Überlegen versuche ich, aus diesen Bemerkungen erneut einen Parallele zur AFD zu finden, versage dabei aber auf ganzer Linie, weswegen ich erneut einen Anlauf unternehme, zu Bernd Lucke durchzudringen, der mittlerweile auf allen Vieren vorsichtig Richtung Mittelstreifen krabbelt, während seine Augen chamäleongleich den Asphalt checken.

„Herr Lucke, noch einmal, gibt es da eine Parallele zwischen Ihnen und Ihrer Partei?“ Bernd Lucke hält inne, blickt zurück in meine Richtung, schüttelt mit leicht angefressenem Gesichtsausdruck den Kopf, scheint zu überlegen, wie die Frage noch einmal war und presst dann zwischen seinen Zähnen die Aussage „Das ist doch alles Propaganda der Medien, Herr Cornelius!“ heraus, ehe er sich wieder der Suche nach seinem gepunkteten Speckkäfer widmet und dabei gar nicht das sich nähernde Motorengeräusch wahrnimmt. Auch ich halte das Dröhnen in meinen Ohren zunächst für eine dräuende Migräneattacke, erkenne aber im letztmöglichen Moment die Gefahr und werfe mich wie ein seine Ehefrau tacklender amerikanischer Football-Profi Richtung Bernd Lucke, erwische ihn hart und zusammen rollen wir Millisekunden bevor uns ein mit Bier beladener Lieferwagen, aus dem Stöhrkraft dröhnt, zu Knochenmatsche zermalmt, in den nahen Graben.

„Das war knapp“, entfährt es mir, woraufhin ich Widerspruch von Bernd Lucke ernte, der mir nachhaltig verdeutlicht, dass das Unsinn sei, schließlich sei man sogar zweistellig. Alles andere sei Propaganda der Altparteien und ihrer ferngesteuerten Medien. Überhaupt – er entfernt zwei Ohropax aus seinen Gehörgängen – warum ich ihn denn bei seiner Käferpirsch so rüde beiseite gestoßen hätte? Gemeinsam rappeln wir uns auf. Als ich wieder ins Gespräch einsteigen möchte, bricht Bernd Lucke allerdings abrupt ab. Einen Grund möchte er nicht nennen, aber vielleicht liegt es am zerquetschten weißpunktigen Speckkäfer in Höhe meiner Kniescheibe, den ich zu Hause mit dem Schorf von meinen Knien kratze.