Kevin Großkreutzes neues Hobby

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Im Vorfeld der WM – und auch dann, wenn die WM bereits gestartet ist – wird Starreporter Florian Lamp ein wenig im Hintergrund berühmter und bekannter Akteure der diversen Nationalmannschaften, die am Turnier teilnehmen, berichten und spannende Geschichten entdecken, die so garantiert kein anderes Medium präsentieren wird. In der ersten Folge dieser „Promispaziergänge mit Fußballern“ geht es um das Dortmunder Original Kevin Großkreutz, das zuletzt für große Schlagzeilen sorgte, als es in einem Berliner Hotel mit dem einfallsreichen Namen „Berlin, Berlin“ an eine Säule urinierte.

Zerknirscht sei er gewesen, der Kevin, erzählen mir die Kollegen, die beim Speed-Dating mit allen Nationalspielern die Chance hatten, mit dem defensiven Allrounder zu reden, entschuldigt habe er sich, kleinlaut Abbitte geleistet und dabei immer wieder schuldbewusst unter sich geguckt. Kurz: Kevin Großkreutz habe verstanden, dass man nicht in Hotellobbys uriniere, selbst, wenn man zuvor das Pokalfinale verloren, zu viel Bier getrunken und dann keine Zeit mehr gehabt habe, ein echtes Urinal aufzusuchen.

Jogi Löw hat ihm ins Gewissen geredet, gesagt, dass es bestenfalls ok sei, einfach so rumzustrullen, wenn man verletzt in der Fan-Wand des BVB stehe und dringend müsse, denn schließlich sei da nie ein Durchkommen zu den Stadiontoiletten und die Umstehenden stünden so eng beieinander, dass sie eh schwitzen würden wie nur was. Sein Verein hat ihn gerüchteweise mit einer Strafe von 60.000 Euro belegt. Damit könnte alles geregelt sein, denkt die Öffentlichkeit. Aber da denkt sie falsch, denn wer gleich zweimal innerhalb von zwei Wochen als verantwortlicher Profi so aus der Rolle fällt (wir wollen den Dönerwurf von Köln nicht vergessen), der muss vielleicht grundsätzlich etwas an seinem Verhalten ändern.

Das Treffen mit Kevin Großkreutz gestaltet sich schwierig, denn von den DFB-Offiziellen darf niemand etwas davon wissen, dass der Spieler hinter dem Rücken der Trainingslagerorganisatoren heimlich, still und leise ein Interview gibt. Endlich gelingt es mir nach Kontakt mit dem Großkreutz-Management, eine Situation zu arrangieren, die es erlaubt, mich mit Kevin, wie ihn seine Freunde, aber auch seine Eltern und Großeltern nennen, zu unterhalten. Eine knappe Viertelstunde habe er Zeit, meint er zu Beginn des Gesprächs in einem kleinen Wäldchen abseits des Trainingsplatzes – er wird dann aber doch eine gute halbe Stunde.

Nach ein wenig Smalltalk („Und, alles fit im Schritt, Kevin?“, „Wie siehst Du die Chancen in Brasilien?“, „Dreckswetter hier, oder?“) kommen wir zum eigentlichen Thema, der Urin-Affäre. Zunächst erklärt mir Kevin, dass das alles irgendwie ein großes Missverständnis gewesen sei. Nach dem ganzen Alkohol habe er einfach nicht mitbekommen, dass er gerade in der Lobby des Hotels an einer Säule stand. Schließlich sehe das Hotel an der Lobby auch wirklich ein bisschen wie ein riesiges Klo, nur halt mit viel Glas außen und Ledersesseln sowie einer Empfangstheke aus. Er habe sich stark an die Örtlichkeiten innerhalb des Bernabeu-Stadions in Madrid erinnert gefühlt, aber auch der Gästeklobereich in seinem Heimatstadion habe eine ähnlich luxuriöse Ausstattung mit griechischen Säulen, die bei Bedarf und sprachgesteuert aus dem Boden führen, um es Spielern und Funktionären zu ermöglichen, sich zu erleichtern.

Als er dann fertig gewesen sei, sei ihm aber auf Grund der entsetzten Gesichter des Personals aufgegangen, dass er mit seiner Anfangsvermutung danebengelegen, bzw. geschossen habe. Er habe sich daraufhin bei den Umstehenden entschuldigt, erklärt, dass sich keiner vor der Pipi ekeln müsse, denn schließlich sei Urin steril, ein paar BVB-Fans herbei gewunken, die alles mit einem Lappen aufgewischt und denselben dann in ein Gefäß ausgewrungen und das Flüssige in eine Flasche abgefüllt hätten. Mittlerweile sei von diesen Anhängern die Bitte an den Verein herangetragen worden, diese „Art von Reliquie“ (O-Ton Großkreutz) im BVB-Museum auszustellen, da ja für das Fußballjahr 2013/2014 jetzt außer dem Supercup kein wirklicher Pokal gewonnen worden sei, doch sei dies abgelehnt worden. Momentan initiierten die Besitzer der gefüllten Flasche eine Charity-Aktion über Ebay, das eingenommene Geld komme der „Carmen Thomas Stiftung für Eigen- und Fremdurin“ zu Gute.

Mittlerweile denke er natürlich anders über den Vorfall. Besonders ärgere es ihn als naturwissenschaftlich interessierten Menschen, dass er die Studie von Linda Brubaker und ihrem Team von der Loyola University in Chicago, Illinois, die bereits 2012 veröffentlicht worden sei, nicht auf dem Radar gehabt habe. Schließlich habe diese Wissenschaftlerin im Urin von Frauen Bakterien entdeckt, die anders als bekannte Keime zum Beispiel bei Blasenentzündungen unter Laborbedingungen nicht mitwachsen würden, was wiederum erkläre, warum man sie bisher bei Urinanalysen übersehen habe.

Zum Glück aber habe Jogi Löw auch Verständnis gehabt für seine Situation. Wie oft habe er es schon erlebt, dass er mitten auf der Autobahn gemerkt habe ganz dringend pinkeln müssen, habe der Bundestrainer erzählt – und das, wo die Raststättentoiletten („Cool, ein Binnenstabreim, was für ein schönes Wort“ O-Ton Großkreutz) immer so verdreckt seien und er zusätzlich nie verstehe, „wofür man die 50 Cent des Toilettenpfands denn ausgeben kann“. Löw verstehe „jedes System, ob mit oder ohne Viererkette, hängender Neun oder totaler Offensive“, scheitere aber eben auch genau wie er, Kevin Großkreutz, manchmal an den einfachen Dingen des Alltags, was ja letztlich auch nur allzu menschlich sei.

Großkreutz schaut auf seine Uhr, drückt einen Knopf und gerät etwas in Hektik, als eine Kinderstimme ihm mitteilt, dass es gerade 14 Uhr 30 sei, er also nun schon gut 35 Minuten mit mir im Wald spricht. Er will sich verabschieden, aber gleichzeitig noch kurz bleiben, mir von seinem neuen Hobby erzählen, das er nun immer anwende, wenn er in eine Stresssituation komme: „Ich zähle jetzt Zahlen, bin seit gestern schon bei Dreihundertsiebenundzwanzig! Aber ich plane, bis zum Ende meiner Profikarriere bei hundert Millionen angekommen zu sein. Das entspannt mich irgendwie und ich denke nicht allzu viel nach, was sonst ein ziemliches Problem für mich ist. Aber jetzt muss ich los.

Mit einem Sprint über eine kleine Lichtung, spielerisch leichten Sprüngen über wie uruguaianische Manndeckergrätschen aussehende und aus dem Boden ragende Wurzeln ist Kevin Großkreutz verschwunden und ich meine, ihn dabei folgende Worte auskeuchen zu hören: „Dreihundertachtundzwanzig, dreihundertneunundzwanzig, dreihunderteinunddreißig …“

(Einen vollständigen Artikel zum Thema „Aggressionsubpression mittels Zahlenzählen“ unter Mitwirkung von Dr. Clemens Niederberger findet der interessierte Leser in der WM-Ausgabe der Zeitschrift „Psycholgie heute, Psychologie morgen“, erhältlich im Bahnhofszeitschriftenhandel)