Karl Lagerfeld und seine Hundeherdenzucht

Von · Hier kommentieren…

Choupette, das bedeutet auf Französisch in etwa „Kleine Mopserin“, auf brasilianischem Portugiesisch wahrscheinlich „Arsch“ und für Karl Lagerfeld? Für ihn ist das der Name seines absoluten Lieblings, einer kleinen kuscheligen Weißhaarkatze, deren Haare gerade ein ebenfalls weiß livrierter Bediensteter vom schwarzen Angorateppich aufklaubt, um sie in eine mit Diamanten besetzte Zigarettenschachtel zu legen. Mein Team und ich sitzen im edlen Stadtapartementkomplex des weltberühmten Designers und warten auf das Eintreffen des Meisters, der uns einen Einblick in seine Welt geben möchte – und diese Welt, das weiß, wer weiß, wie Lagerfeld tickt, ist immer gut für eine Sottise, eine Überraschung oder für ein schnell dahingeworfenes Bonmot, das schon innerhalb kurzer Zeit ein geflügeltes Wort mit Sprichwortcharakter werden kann.

Endlich erhebt sich aus dem Marmorboden ein bis dahin unsichtbarer offener Personenaufzug, dem Karl Lagerfeld entsteigt. Ein wenig gehetzt blickt er in seinen Hallen umher, fragt aufgeregt seinen Pagen, wo denn das Team aus Deutschland sei, man habe ihm doch gemeldet, sein alter Bekannter Florian Cornelius, dieser Reporter, Sie wissen schon, als er mich endlich entdeckt und ein „Ach, Cornelius, da sind Sie ja, waren Sie beim Friseur? Haben Sie etwa abgenommen?“ in meine Richtung schnellspricht. „Nein und nein“, antworte ich und gebe zurück, dass man ihn das ja gar nicht fragen brauche, so unverändert glänzend er seit Jahrzehnten aussehe.

Sparen Sie sich ihre Komplimente, Cornelius, kommen Sie auf den Punkt, wie man bei uns in Hamburg, also meine Mutter immer sagte: Kaviar bei die Fisch! Sie sind doch hier für ein Interview, nicht wahr. Nicht wahr?“ Wenn ein Karl Lagerfeld drängt, dann lässt man ihn nicht warten und routiniert feuere ich meine lange überlegte Einstiegsfrage auf den Modeschöpfer ab: „Herr Lagerfeld, wir haben gerade Ihre neue große Liebe Choupette kennenlernen dürfen. Stimmt bei Ihnen die Regel, dass Katzenfreunde automatisch auch Hundehasser sind oder ist es …“

Diese Regel ist Quatsch. Natürlich liebe ich Hunde auch. Sicher, sie stinken, wenn es regnet …“ „Bitte? Ich stinke …“ „Nein, Quatsch, Hunde, aber da kann man ja parfumieren. So haben sie es ja schon am Hof in Versailles gemacht, Louis XIV bis XVII, wissen Sie ja bestimmt auch, nur nicht die Hunde, sondern sich selbst, die Noblesse, wobei vielleicht ja auch die Hunde und Löwen. Hatten da ja genug Viecher im Privatzoo. Ich mag Hunde, aber draußen mag ich sie lieber als drinnen. Ich liebe Hunde sogar. Warum sonst hätte ich in eine Hundeherde in der Romandie investiert?!“

Eine neue Information. Karl Lagerfeld ist Besitzer oder Teilinhaber einer Hundeherde in der Romandie. „Herr Lagerfeld, gestatten Sie eine Rückfrage? Aber leben Hunde nicht im Rudel?“ „Gewöhnlich Hunde schon, aber nicht meine. Wenn Sie möchten … mein alabasterfarbener Helikopter steht bereit, es ist noch ein Platz frei. Und dann geht es ganz schnell, Lagerfelds sieben Assistenten und der Meister nehmen Platz („Choupette bleibt hier, sie leidet an Höhenangst.“), lassen mich als Gast vorne sitzen und über Bordfunk erklärt mir der Boss, was genau es mit seiner Hundeherde auf sich habe, während wir über Pais und die weite Landschaft der Cevennen Richtung Monbretóse ins Departement Romandie fliegen.

Herde, französisch „harde“ sei ein Überbegriff, der gemeinhin ja für domestizierte Tiere benutzt werde und da Hunde domestiziert seien, lebten seine Hunde, eine Bonsaiversion der Kreuzung eines Tibetmastiffs mit dem Cane Corso Italiano eben in einer Herde, frei und uneingezäunt auf einer kleinen Hundealm in knapp 1.800 Metern Höhe, was zunächst für einigen Schwund gesorgt habe, denn immer wieder sei es vorgekommen, dass Junghunde vom Steinadler gegriffen worden seien, wohingegen auf dem Landweg die Gefahr bestand, dass die ungewöhnlich großen Wölfe der Region sich am Hundebestand gütlich getan hätten. Kurz, es habe einige ziemlich unappetitliche Gemetzel gegeben, bis man eine Lösung für das Problem gefunden habe.

Zum einen habe man eine sattelitenunterstützte Greifvogelabwehr installiert, die durch elektromagnetische Spannung etwaige angriffslustige Raubvögel wie an einer Wand abprallen ließen, zum anderen habe man lange überlegt, mit welcher Tierart man Landangriffe abwehren könne. Man habe monatelang in die Ausbildung von Berglöwen investiert, allerdings habe bei einem ersten Testeinsatz ein Hirtepuma gleich mehrere der Tiere gerissen, als ein Tierpfleger die Hunde gerade mit einer Biermassage verwöhnt habe. „Immerhin hatten Sie einen schönen und erzählenswerten Tod“, werfe ich ein und bemerke, dass ich mir durchaus vorstellen könne, am Ende eines langen Lebens bei der Biermassage im Kreise der Familie von einer Raubkatze gerissen zu werden. „Eine köstliche Art, von der Welt abzutreten, Herr Cornelius, ich stimme Ihnen zu, allerdings wäre es pour moi ein wenig zu epigonär. Denken Sie nur an die Erfinder dieses Todes, an Siegfried und Roy …“

Wie dem auch sei, am Ende sei man zu einer Defensivstrategie übergegangen, indem man afrikanische Tüpfelgazellen angesiedelt habe, die, so habe man schnell bemerkt, der Wolfspopulation wesentlich besser schmecke als das Hundefleisch, wodurch die Hunde dann doch dem Menschen vorbehalten blieben. Der Helikopter geht langsam herunter bei einer eher etwas räudig aussehenden Berghütte, die Rotoren drehen sich noch, als Lagerfeld bereits aus der Tür springt und dabei an paar Haare seines Pferdeschwanzes abgesäbelt bekommt. Er wischt sich symbolisch ein paar Haarkrumen vom Jackett, strebt Richtung Hütteneingang, gefolgt von seinen Assistenten und mir.

Erstaunlicherweise ist die Bergbehausung innen wesentlich größer als außen, was wohl daran liegt, dass Sie auf dem ehemaligen Eingang einer Bergfeste steht, die zum Schutz der Regierung in den 60er Jahren zur Hochzeit des „Kalten Kriegs“ als Atombunker ins Massiv gehauen wurde. Der Tisch ist schon gedeckt, ein paar süße Hunde tollen zu unseren Füßen, Lagerfelds verlorene weiße Strähnen werden durch Choupettes kuschelweiche Haare aus dem Zigarettenetui ersetzt, die ein Coiffeur gekonnt mit des Meisters Haupthaar vernäht, als ein köstliches Confit de Canard als Vorspeise kredenzt wird, von dem Lagerfeld nur das Confit, aber nicht die Ente zu sich nimmt, da er sich, um in Form zu bleiben, nur noch von tierischer Gelatine ernähre. Das habe für ihn gleich mehrere Vorteile: „Keine Ballaststoffe, keine Kohlenhydrate, kein Kauen! Würde Ihnen auch stehen, Cornelius!“

Die komplette Reportage über Karl Lagerfelds Hundeherdenzucht entnehmen Sie bitte der Maiausgabe des Bookazins für anspruchsvolle Hundefreunde „SitzPlatzFuß