Jogi Löw über Vorteile von Tieren beim Fußballspiel

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„Sagnwermal, wir haben unser Revier, unseren sicheren Horst im Dschungel jetzt bezogen, von daher kann die WM jetzt losgehen.“ Jogi Löw steht am Pool des WM-Quartiers, lässig gekleidet in Adiletten und einer Speedo-Badehose, zieht genüsslich an einer Zigarette und beobachtet Lukas Podolski dabei, wie er mit einer großen Lupe versucht, mittels eines gebündelten Sonnenstrahls ein Brandloch in die Stirn von Bastian Schweinsteiger zu brennen. „Ach, der Lukas … soll er doch machen. Erstmal kann der Schweini eh nicht köpfen und außerdem hab ich ihn sowieso nur für die Stimmung mitgenommen, denn die ist högscht wichtig, wenn man Weltmeister werden will, Herr Cornelius.“

„Aber sehen Sie, wie unpräzise und wackelig der Lukas die Lupe hält. Einem Falken, zumal einem Wanderfalken, würde so etwas niemals passieren. Diese Tiere sind in Form und Flügel gegossene Präzisionsmaschinen, ausgerichtet zum schnellen und schmerzlosen Töten – leider nicht zum Fußballspielen. Aber wenn Sie sich das vorstellen, wie solche Falken Fußball spielen könnten, dann müssen Sie zwangsläufig mit der Zunge schnalzen.“

Meine Bemerkung, ich können mir Vieles vorstellen, habe mir auch wirklich auf Grund meines Berufs als Starreporter schon Vieles vorgestellt und vorstellen müssen, aber bei Falken, die Fußball spielen, da versage meine Fantasie nun doch ein wenig – und dass, obwohl ich wirklich gerne diese „Die Welt ohne Menschen“-, „Der Mensch ohne Welt“- oder „Was, wenn die Tiere die Welt der Menschen übernehmen“-Dokus auf NTV angeschaut habe, wo ja so einiges durchgespielt werde. Das bringt den Bundestrainer nicht aus dem Konzept. Vielmehr versucht er, mir plastisch darzustellen, wie die Vorteile von Falken beim Fußballspiel aussehen würden:

„Stellen Sie sich mal folgendes vor: ‚Die Augen wiegen bei der Wanderfalkin jeweils etwa dreißig Gramm; sie sind größer und schwerer als beim Menschen. Stünden unsere Augen im selben Verhältnis zum Körper wie beim Wanderfalken, hätte ein 75 kg schwerer Mann Augen mit einem Durchmesser von 7,5 Zentimetern und einem Gewicht von zwei Kilogramm.‘ Und gerade im modernen Fußball braucht man doch gute Augen, überlegen Sie jetzt mal, wie gut der Falke als Fußballer antizipieren könnte, also jetzt nicht nur wegen seiner riesigen Augen, sondern auch wegen seines Instinkts. Nur müsste man den Instinkt des Wanderfalken weg vom Töten und hin zum Ballbesitz bringen, aber da arbeiten Sie gerade dran in den DFB-Jugendakademien.

Denn gerade der Instinkt, der macht doch heute einen Weltklassespieler aus. Schauen Sie sich den Ibrahimovic an, der sieht ja schon so ein bisschen aus wie ein Falke … und dem möchte man als Pfeifente, Wiener Hochflugtaube oder Lachmöwe doch beim besten Willen nicht im Dunklen begegnen, wenn er auf einen herniederstößt und Dir beim Körperkontakt mit seiner hinteren Zehe den Bauch aufschlitzt, nur um dann, wenn Du benommen oder tot auf dem Boden aufschlägst, mit seinem einen Zahn von ihm das Genick gebrochen zu bekommen.“

Löw scheint etwas enttäuscht, als ich entgeistert frage, ob das denn wirklich stimme, dass Falken Zähne hätten: „Habe ich von Zähnen gesprochen? Nein, ein Zahn! ‚Am Oberschnabel, der in eine entsprechende Kerbe im Unterschnabel greift‘.“ Meine Frage, woher er denn sein Wissen über diesen Zahn, über Falco peregrinus, den Wanderfalken habe, ignoriert Löw und verweist mich auf Fachliteratur, allgemeines Interesse und einen großen Freundeskreis in Ornithologenkreisen, woraufhin ich auf ein Thema zurückkomme, das sich erst in meinem Gehirn verfestigen musste: Die Falkenexperimente in den DFB-Leistungszentren.

„Herr Löw, wie kann man sich das vorstellen, wie werden die jugendlichen Kicker dort trainiert, geprägt oder besser gesagt, konditioniert, beim Fußballspiel mehr Falke als, sagen wir mal … nehmen wir ein normales Tier, also mehr Falke als Hauskatze. Wie kann man sich das vorstellen, wie sieht das konkret aus?“

Nach einer allgemeineren Einleitung, in der mir Jogi Löw das Versprechen abringt, über das gleich Gesagte am besten gar nicht, wenn es aber wirklich sein müsse, seinetwegen aber doch bitte wenigstens högscht verklausuliert und chiffriert zu berichten, kommt er endlich zum Punkt: „Zunägscht ist es die Ernährung, wir reduzieren nach und nach den Speiseplan von Gemüse, Obst und Ähnlichem und ersetzen sukzessive auch die Fleischsorten. Weg von Rinderfilet und hin zu Fasan. Anfangs hatten wir auf Ringeltauben und ab und an auch Feldmäuse oder Insekten als Snack zwischendurch gesetzt, was aber auf zu starker Ablehnung und Aufständen sowohl unter den Spielern- als auch unter dem Küchenpersonal führte.“

„Zusätzlich gibt es bei uns die Regel des gemeinsamen Essens nicht mehr. Wir sind alle erwachsen, sitzen sinnbildlich also nicht mehr eng an eng in einem Nest. Jeder erjagt sein Essen und isst es an Ort und Stelle auf. Und wenn er zwischendrin lieber mal ein bisschen Playstation zocken will, dann lässt er es liegen und kehrt eben später wieder zurück. Ob dann noch alles da ist, sei dahingestellt, denn wie schon J. A. Baker in seinem wunderbaren Buch ‚Der Wanderfalke‘* schrieb: ‚Liegengelassene Falkenbeute dient Füchsen, Ratten, Hermelinen, Wieseln, Krähen, Turmfalken, Möwen sowie Landstreichern und Zigeunern als Nahrung. Die Federn werden von Schwanzmeisen zum Nestbau verwendet.‘“

„Es ist mir und dem gesamten Trainerteam zudem extrem wichtig, dass die Jungs eigene Jagdtechniken erlernen. Hinterhalte aufstellen, lauern lernen, wissen, wann ein Sturzflug und wann ein Gleitflug zur Beobachtung angebracht ist. In Fußballsprache übersetzt: Abseitsfalle, taktisches Foul oder überraschender Steilpass, Überzahlsituation im Angriffsspiel, das Spiel langsam machen. Vom Falken lernen, heißt siegen lernen! Von Schwanzmeisen lernt man nur Nestbau.“

Jogi Löws Augen leuchten, wenn er so von den neuesten Trainingsmethoden in den Nachwuchsabteilungen erzählt, dem Erfolg, den seine Falkentrainingstechniken auch schon bei seinem eigenen A-Team zeitigen. So erlaube er Lukas Podolski auch die alltäglichen und immergleichen Späßchen, denn auch der Falke beginne seine Jagd routinemäßig mit spielerischem Verhalten, das man allmorgendlich nach einem ersten Bad beobachten könne. Da würden Scheinangriffe geprobt, alle Jagdtechniken, die der Falke in der Kindheit erlernt habe, immer wieder durchgespielt, der Falke trainiere besessen und erlange dadurch das, was auch bei einem Fußballer zähle: atemberaubende Präzision, was Jogi Löw auf Zlatan Ibrahimovics spektakuläres Tor gegen England verweisen lässt.

„Högschde Präzision und högschde Disziplin!“ Man lache da ja gerne mal drüber über seine Aussagen, aber beides sei nun einmal unersetzlich, wenn man Erfolg haben wolle im Fußball. Ich verkneife mir den Hinweis, dass das Lachen sich wahrscheinlich eher auf den Dialekt beziehe, nicke verständnisheischend und verabschiede mich dann von Joachim Löw, der sich majestätisch in die Lüfte über Salvador de Bahia erhebt und sich von der Thermik Richtung Trainingsplatz tragen lässt.

*aus dem auch alle anderen kursiven Zitate entnommen wurden, wie Herr Löw mir bestätigte: Matthes & Seitz Berlin (25. März 2014), 218 Seiten, ISBN: 978-3882213935