Heino, Jan Delay und der Zeckenlederladen

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Der Treffpunkt hätte noch vor etwas mehr als einem Jahr etwas seltsam geschienen, aber seitdem er diese Coverversionen bekannter deutscher Rap-, Rock und Pop-Songs auf den Markt geworfen hat, ist es nur konsequent, dass sich der vom volkstümelnden, äh –tümlichen Musikidol zur Trash-Ikone gewandelte Heino für das neu eröffnete „White Trash“ entschieden hat.

Und da sitzt er nun mit einem Pitcher Apfelsaftschorle, begrüßt mich jovial mit Handschlag, Abklatschen und Küsschen rechts, Küssen rechts und Küsschen rechts, setzt sich nieder und klopft auf den Stuhl neben sich mit den Worten „Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir den Starreporter Cornelius herbei.“ Und wenn Heino das in seiner dunklen eindrucksvollen Stimme ausspricht, dann sagt man nicht nein. „Schön, dass Sie gekommen sind“, knödelt er, während ich erfolglos versuche, bei den Angestellten des Clubs, die Kellner darstellen eine „Cowa“ (Coca-Cola gemischt mit stillem Wasser, der dernier cri à Berlin) zu bestellen.

„Heino, wie geht es Ihnen?“, meine Einstiegsfrage, mit der ich es bis jetzt noch immer geschafft habe, die von mir so angetroffenen Prominenten und Celebritys aus der Reserve zu locken, zeitigt auch hier Erfolg, denn eh ich mich‘s versehe, spricht der Mann mit den hellblonden Haaren auf mich ein wie ein sonorer Wasserfall im Amazonasbecken. Hauptthema ist natürlich sein derzeitiger Streit mit Jan Delay. Er sei kein Nazi, gut, vielleicht sei er damals nicht so gut beraten gewesen, das Deutschland-Lied in all seinen drei Strophen aufzunehmen, aber schließlich habe er das ja auch nicht im Musikantenstadl zum Besten gegeben. Und immerhin habe er das Horst-Wessel-Lied nicht aufgenommen, auch wenn ihm da der Rhythmus echt erfolgsversprechend vorgekommen sei, um in die Charts einzusteigen. Aber da habe ihm die Rechtsabteilung (Heino hält kurz inne und schmunzelt ob des Wortes) der Ariola (erneutes Schmunzeln) einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und das mit der Apartheidt in Südafrika, das habe er ja gar nicht gewusst seinerzeit. Da seien außerdem gar nicht nur Weiße auf seinen Konzerten gewesen, sondern auch schwarze Kellner, was ja wohl deutlich zeige, dass er durch seine Tournee durch Südafrika doch auch etwas zur Verständigung zwischen den Rassen beigetragen habe. Heino redet sich in Rage, stößt einmal fast den Apfelsaftschorlepitcher um und kündigt an, dass er es diesem Skinhead mit der Melone, den Name habe er vergessen, aber der sei ja auch unerheblich, noch so richtig zeigen werde, wo der Bartel den Most hole und dazu derzeit an gleich zwei Projekten arbeite. Zum einen gebe es ein Coveralbum („von vorne bis hinten“) der Jan-Delay-LP „Searching for the Jan Soul Rebels“ und dazu noch eine Bonus-EP, auf der er u.a. auch „Ton, Steine, Scherbens“ „Rauchhaus-Song“, diverse Franz-Josef Degenhardt-Stücke und auch ein oder zwei Nummern von diesem komischen Gespann, von dem er neulich erst gehört habe, die wohl mal populären Kram gemacht hätten und irgendwas mit einem Messer und Maggy gesungen hätten, drauf wären. Die hätten so einen avantgardistischen Namen: „Brecht, weil … klingt fast schon dadaistisch.“

Erstaunt lausche ich Heinos Ausführungen, während ich zwischendurch immer wieder nach einem Kellner brülle oder erfolglos versuche, den Menschen, die hier eigentlich arbeiten sollten, durch einen Hechtsprung oder Beinchenstellen habhaft zu werden. Dieser Mann aus der Eifel, in dessen pleitegegangenem Café meine Oma väterlicherseits einmal zusammen mit der Seniorengruppe meiner Heimatpfarrei Kuchen gegessen hat („Der war echt sehr lecker …“ O-Ton Oma), der mittlerweile selbst schon das Seniorenalter erreicht hat, der will es wirklich noch einmal wissen. „Da möchte man Jan Delay fast zurufen: ‚Schnell in Deckung, Jüngelchen!‘“ fasse ich meinen Eindruck zusammen, was Heino zufrieden nicken lässt: „Der soll nur achtgeben, sonst schlag ich ihn blau, blau, blau wie den Enzian“, versucht Heino einen Witz und um das zu unterstreichen, lacht er selbst auch als erster (und einziger) und am lautesten.

Jetzt hat er sich wieder gefasst, fragt, ob ich nicht noch zu seinem neuen Haus- und Hofschneider am Görli begleiten wolle. Er habe da zur neuen Tournee etwas ganz besonderes bestellt und kurz vor meinem Eintreffen habe man ihn angerufen und mitgeteilt, dass alles fertig sei und abholbereit. „Seine Augen blitzen vor Vorfreude“, würde ich jetzt schreiben, wenn er denn nicht immer Sonnenbrille tragen würde, so aber ist das Indiz seiner Vorfreude nur akustisch, wenn er leis‘ vor sich hin Roy Black & Anitas Hit „Schön ist es auf der Welt zu sein“ trällert, als wir das „White Trash“ verlassen und in die wartende Limousine steigen.

Wenig später sind wir bei „Tick, tick, tick“, einem Laden in einem verwinkelten Hinterhof der Glogauer Straße in Kreuzberg, den Heino in bester Laune betritt und wenig später sichtlich verärgert verlassen wird. Doch dazu gleich mehr. Das Innere des Laden ist nur spärlich mit Kleidungsstücken dekoriert, dafür sitzen ziemlich viele Görli-Punks mit wahren Massen an Punkerhunden herum. Es wirkt ein wenig wie das Wartezimmer einer Methadon-Arztpraxis, klassische Plastikstühle, eher unsteril wirkend, starker Hundegeruch, ein Automat, der Wartenummern ausgibt, den Heino aber ignoriert und direkt zum Empfang strebt, seinen Namen nennt, auf Unverständnis stößt („Wie? Nur Heino? Ham se denn keen Nachnam‘, oda wat?“), dann aber doch etwas übergeben bekommt und mit mir im Schlepptau zum Fitting Room eilt.

Zärtlich streicht er über den seltsam feinen, und dennoch stark zernarbten Mantel: „Cornelius, fassen Sie auch mal an! 1-A-Zeckenleder!“ Er streift sich den bis zum Boden reichenden Zeckenledermantel über, räsoniert darüber, dass alles Material nur von freilaufenden deutschen Zecken stamme, erklärt mir, wie schwierig das Gerben der kleinen Zeckenhäute sei und dass es dem Zeckencoutourier vor seinem Umzug aus dem Schwarzwald nach Berlin beinahe unmöglich gewesen sei, in solchem Umfang wie heute an frische Zecken zu kommen. Ein Glück, dass er auf die geniale Idee mit den Punks und den Punkerhunden gekommen sei, denn „… finden Sie heute mal jemand, der noch in Zecken macht! Ich sag es ja immer! Das alte Handwerk, Schuster, Schmied, Zeckenjäger… alles vorbei!“

Auf einmal hält Heino inne, er habe da gerade etwas gehört, jemanden gehört, eine ihm bekannte Stimme. Stille. Per Handzeichen deutet er mir an, dass ich ihm doch bitte bei einer Räuberleiter helfen solle, lugt über die Umkleidekabine hinüber und erkennt, wer da gerade vorne am Tresen ebenfalls einen Zeckenledermantel ausgehändigt bekommt („Jan Delay?! Heut gehm sich aber die Typen mit den Scheißnamen und Sonnenbrille die Klinke in die Hand, wa?!“), sich mit „Danke, Digger!“ bedankt und fröhlich einen alten „Roy Black und Anita“-Hit pfeifend den Zeckenlederladen verlässt.

„Die Schlacht ist verloren, der Krieg aber noch nicht.“ Das sei der Arbeitstitel seiner nächsten CD, knurrt Heino noch zwischen den Zähnen heraus, nimmt die Sonnenbrille von der Nase und zertritt sie auf dem Betonboden.
Nach fünf Jahren Arbeit ist es endlich geschafft. Mein Schneider ist fertig! Fertig mit dem Mantel, den ich schon immer einmal besitzen wollte, einem Mantel, wie es ihn auf der ganzen Welt nicht gibt.Die Anprobe ist gut verlaufen, er sitzt wie angesaugt, mein Mantel aus Zeckenleder. Ja, ich weiß, daß jetzt wieder tausende von Tierschützern anfangen zu maulen. Quälerei! Hast Du Dir schon mal eine Zeckenfarm angeschaut?! Wie das da aussieht!? Wie eng die da zusammengepfercht in Ihren Ställen sitzen!? Und dann werden die unbetäubt bei lebendigem Leib mit diesem Bolzenschussgerät getötet! Kabumm, Ende, aus, vorbei!