Guido Maria Kretschmer und die verzauberte Prinzessin

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Aus dem Nebenzimmer dringt seltsames Gebrabbel in einer hohen Kopfstimme. Zwei verschiedene Stimmen, eine der beiden lispelt stark. Die beiden scheinen sehr aufgeregt, plappern wild durcheinander und scheinen große Angst vor etwas zu haben. Mehrmals ist ein lautes, schrilles „NEIN!“ zu hören, immer wieder unterbrochen von der warmen Stimme Guido Maria Kretschmers, der in sympathischen Ton beruhigend auf die beiden Damen (?) einredet. „Ist doch alles gut, jetzt macht Euch keine Sorgen, heute Nacht kommt Ihr doch wieder raus.“ Aber ganz egal, was Deutschlands bekanntester Modemacher nach Robert Geiss und Michael Michalsky auch an Argumenten vorbringt, die Panik der beiden in seinem Zimmer wird nicht weniger. Eher steigert sie sich immer weiter, bis bald nur noch gedämpfte, geknebelte Stimmfetzen zu mir dringen. „Hilfe! Lass uns hier raus!“, meine ich zu verstehen, aber ich bin nicht sicher, es könnte auch etwas anderes bedeuten.

Die Villa, in der wir uns treffen, ist traumhaft. Mallorca, 23 Grad, eine leichte Brise weht vom Meer, ich habe meine Sonnenbrille ins Haar geschoben ohne darüber nachzudenken, dass Sie nachher dann, wenn ich sie wirklich beim Bummel durch die Rambla von Palma brauche, extrem mit Haarfett verschmiert sein wird, was noch weniger leicht zu entfernen ist, als Augenbrauenfett. Endlich betritt Guido Maria Kretschmer die weitläufige Balkon-Landschaft, strahlt mich an und teilt mir mit, er habe eine Überraschung für mich. Er werde mir jetzt meine Vergangenheit vor Augen halten, was bei mir die Ausschüttung einer großen Menge an Angstschweiß zur Folge hat. Guido nimmt mich am Arm, aber glücklicherweise greift ein Assistent ein und klärt Guido auf, dass er gerade nicht für „Deutschlands schönster Frauentausch“ gefilmt werde und ich doch der schon lange angekündigte Starjournalist sei, Florian Cornelius, ehemaliger Chefreporter der „BUNTE“, der „InStyle“ und der Schülerzeitung „Pustefeder“.
Au, Au im Park des Anwesens
Pustefeder, wie putzisch“, sind seine ersten authentischen Äußerungen in meine Richtung. Der Guido Maria Kretschmer, der da jetzt vor mir steht, ist allerdings ein völlig anderer als der, der gerade auf den Balkon getreten ist. Seine Fernsehstimme ist weg, stattdessen spricht er mit einem dunklen Bass und breitem frankfurterischem Dialekt. Er strahlt mich an: „Sie sind also hier wegen der Homestory?! Na dann mal los, Herr Cornelius!“ Wieder sein Lächeln und gleichzeitig eine der beiden hellen Stimmen, die „Holen Sie mich hier raus“ zu brüllen scheint, während Sie mehrere Socken im Mund zu haben scheint. „Hilfe!“ Meinen irritierten Blick ob dieses Geräuschs, grinst Guido Maria Kretschmer weg. Er habe Handwerker im Haus. Die Kreissäge. Ich verstehe bestimmt.

Er legt seinen Arm um mich und führt mich über eine kristallgläserne Wendeltreppe in den Garten des riesigen Anwesens. Ab und zu werfe ich ein „Beeindruckend“ oder „Unglaublich“ ein, während Guido Maria mir erklärt, weshalb der Pool diese und die umstehenden Buchsbaumbüsche jenen Zuschnitt haben. Wie eine subliminale Botschaft vernehme ich ununterbrochen ein leises, weinerliches „Au!“ „Au!“, das eine klar, das andere gelispelt, während mein Gastgeber in seinen Sneakers voran schreitet und mal hierhin, mal dorthin, mal wieder hierhin deutet. „Herr Kretschmer …“ möchte ich anfangen, aber er unterbricht mich schroff: „Guido Maria für Dich, bitte. Ein Glas Champagner, Florian?“ „Ich, ja danke.“ Guido Maria erzählt mir über seine neue Sendung mit den Frauen, schöne, hässliche, dünne, dicke, fette, aus denen er dann die schönste auszuwählen habe, beschwert sich über die Auswahl, die ihm sein Sender zur Verfügung gestellt habe und lästert über Heidi Klum, denn das Frauenbild dort sei ja wohl unter aller Kanone und außerdem könne „die Klum längst nicht so viel Döner essen wie er“.

Das menschliche Metronom vor der Veranda

„Apropos Döner, es gibt da ein hervorragendes Döner-Restaurant am Pier mit einer exquisiten Auswahl an Döner-Tapas. Sein Page müsse nur noch kurz ein ihm sehr wichtiges Utensil aus der Villa holen. „Lass Dich wenigstens mit dem Auto fahren!“ nuschelt eine der Stimmen fast unverständlich, aber Guido Maria lächelt, schaut zum strahlend blauen Himmel, über den gerade die ersten Störche Richtung Norden ziehen und empfiehlt, zu besagtem Restaurant zu schlendern. Sein Diener folgt uns unauffällig mit einem rindsledernen Aktenköfferchen vom Edelschneider „Valure“. In den engen Gassen wird der Modemacher natürlich von vielen Touristen erkannt, die um ein gemeinsames Foto bitten, was er kalt lächelnd und ziemlich brüsk ablehnt. Stattdessen verteilt sein Adjutant Autogrammkarten. Endlich sind wir beim „Dön Tapa’s Mesón“ angelangt, wo wir direkt an der Hafenmole einen schönen Tisch zugewiesen bekommen.

Guido Maria Kretschmers Helfer Ramon reicht Kretschmer das Köfferchen und postiert sich in der Hüfte wiegend mit einem leisen, aber regelmäßigen Klackgeräusch vor der Veranda. „Das ist eine kleine Macke von mir“, erklärt mir der deutsche Karl Lagerfeld. Ich trage ja keine Uhr und lehne ja auch Handys ab. Und da habe ich glücklicherweise Ramon gefunden.“ Der sei ja schon länger sein persönlicher Assistent gewesen, „aber seitdem er die Schulung zum menschlichen Metronom absolviert hat, weiß ich immer exakt, wie viel Uhr es ist.“ Und an das Ticken Ramons habe er sich mittlerweile richtig gut gewöhnt. „Lass uns raus!“ „Sofort!“. Die Stimmfetzen kommen von unterm Tisch. Oder doch von der Strandpromenade? „Ich empfehle die Döner auf kanadische Art mit Ahornsirup und Bärenfleisch“, lächelt mich Guido Maria an und bestellt zusätzlich zu seinem Lieblingsgericht, einer kandierten Seezunge auf Laugensalat, einen Dönermixteller mit je zwei kleinen Probierdöners in allen Fassetten der Karte.

Guidos Essgenuss mit Zahnstochern

Schon bald werden drei große und gut gefüllte Platten auf unseren Tisch gestellt. Während ich gleich zugreifen möchte, deutet mir … „Wir wollen raus!“ „Lass uns raus, es wird nicht zu Deinem Schaden sein!“ … deutet mir Guido Maria Kretschmer, einzuhalten. Behände öffnet er sein Köfferchen und zieht gleich mehrere Etuis mit Zahnstochern hervor. Einen dieser in Krokodilsleder gebundenen Behältnisse hält er mir hin mit den Worten „Zu Döner passt am besten Zedernholz, aber nehmen Sie doch bitte auch einen hiervon. Redwood … sehr selten.“ Auf meinen fragenden Blick erläutert er mir weit und breit, dass er seit drei Jahren beim Essen aufs Besteck verzichte und nur noch mit Hilfe seiner Zahnstocher esse. Seitdem habe er abgenommen, vermute er, und habe zudem gemerkt, wie sich unterschiedliches Holz auf den Geschmack der Speisen auswirke. Man kenne das ja vom Grillen, aber da Zahnstocher ja nicht verbrannt würden, sei der Geschmack hier anders und zudem direkter, da man ja jede Speise mit dem Zahnstocher in dem Mund schiebe.

Über die Jahre habe er festgestellt, welches Holz mit welchem Fleisch oder Gemüse am besten harmoniere. „Für Fisch nehme ich Fichte, beim Steak bevorzuge ich Silbertanne, aber auch Sonnenblume ist möglich.“ Blumenkohl hingegen, aufgespießt auf Birke, sei zwar für den Allergiker ein Alptraum, komme bei ihm aber kurz hinter dem Gefühl beim Orgasmus. Sicher, er mache auch kleine Ausnahmen bei seiner Zahnstocherdiät, aber auch dort lege er Wert auf einen gewissen Stil. „Ich habe versucht, Apfelkompott mit Apfelbaum-Zahnstochern aufzuspießen, aber bin nach langem Hin und Her dann doch auf einen Apfelbaumholzlöffel umgestiegen, weil er besser in der Hand liegt.“ „Hilfe!“, schallt es unterm Tisch hervor. Guido Maria Kretschmer lächelt etwas gequält, gibt sich einen Ruck und schaut mir in die Augen: „Na gut, ich kann es nicht länger verheimlichen.“

Zwei Füße, eine Prinzessin!

Er greift zu seinen Sneakers, schnürt sie auf „Endlich! Nur noch die Socken!“ zieht die Strümpfe aus und bittet mich, unter den Tisch zu schauen. Mit offenem Mund sehe ich sie mit eigenen Augen: Guido Maria Kretschmers Füße. Sie schauen mich an, atmen erleichtert aus und sprechen dann im Chor: „Küss uns, Florian Cornelius! Wir sind eine verzauberte Prinzessin!“ Meine Rückfrage, wie denn ZWEI Füße EINE verzauberte Prinzessin ergeben können, lässt sie ratlos zurück und der eine Fuß zischt dem anderen zu, dass er es ja gleich gewusst habe. Wieder zurück über der Tischplatte hören Guido Maria Kretschmer und ich die beiden Füße noch ein wenig miteinander streiten. Konsterniert stecke ich mir ein Döner-Tapas nach dem anderen in die Backentaschen.

„Angefangen hat das vor drei Wochen. Bisher konnte ich es unter der Decke halten, aber gut, dass Sie es mit den eigenen Augen gesehen und nicht nur gehört haben, Cornelius.“ Ich nicke. Man habe ihn für einen begabten Bauchredner gehalten, und ja, er habe mehrere Jahre in seiner Jugend neben der Mode den Traum gehabt, mit einer Bauchrednerpuppe aufzutreten. Er sei auch Teil des Teams gewesen, das 1991 nach Ulan-Bator zur Bauchredner-Olympiade gereist sei, aber das mit den Füßen sei etwas anderes. „Friedreich Ataxie“ Eines der Symptome sei, dass die Füße eine eigene Persönlichkeit annähmen und behaupteten, sie seien historische Figuren oder Märchenwesen. Bereits mehrfach seien seine Besucher darauf reingefallen und hätten seine Füße küssen wollen, aber jedes Mal sei rein gar nichts passiert. Konrad Adenauer habe in seinen letzten Jahren wegen der Krankheit nur noch speziell isolierte Wanderschuhe mit Stahlkappen getragen und sich immer wieder absichtlich Boccia-Kugeln auf die Füße fallen lassen, damit diese nur kurzzeitig Ruhe gaben. Nicht umsonst gebe es bei der Google-Bildersuche kein einziges Bild von Konrad Adenauers Füßen aus den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft. Er sei in Therapie, aber es sei aussichtslos. Umso mehr genieße er sein Leben. Er sei dankbar, meint er und schiebt sich einen Zahnstocher mit Schollenfilet in den Mund. Genüsslich zieht er am Fichtenholz, während die kleinen Fischerboote reich beladen in den Hafen einlaufen und Ramon, das menschliche Metronom, leise vor sich hinklackt.