Die neue Sachlichkeit des Harald G.

Von · Hier kommentieren…

Wenn der Mode-, Fernseh- und Lebensweisheitenstar Harald Glööckler ruft, dann sind sie natürlich alle da, die da Rang und Namen haben: Giulia Siegel, Gabi Decker, Barbara Schöne, Lieschen Müller (die Witwe von Heiner Müller) und … natürlich auch ich, Florian Cornelius. Die persönliche Einladung mit handschriftlichem Gruß erreichte mich eher überraschend, denn privat hatten Herr Glööckler und ich bisher nichts miteinander zu tun, aber dann hatte ich meiner Mutter eine lilafarbene und mit Brillanten in Badeentchenform bestickte Legging bei Homeshopping Europe bestellt und nur wenige Tage später lag besagter Büttenpapierumschlag nebst Invitation in meinem Briefkasten.

Der Anlass sei, so schrieb Glööckler, die Eröffnung seiner neuen Boutique an der Friedrichstraße, die so etwas wie ein Neustart für ihn sei, der Schritt in die Zukunft, ein Fenster, das sich für ihn öffne und mit dem er nun zeigen könne, dass man ihn bisher in der Öffentlichkeit völlig falsch eingeschätzt habe. Und auch wenn ich das kaum glauben wollte, so belehrte mich der kurz darauf folgende Abend doch eines besseren.

Für einen Starreporter ist es eigentlich Usus, sich am roten Teppich mit einer edlen Limousine vorfahren zu lassen, aber dennoch bevorzuge ich es, zugleich souverän und gleichzeitig nonkonfomistisch, zu Events in der deutschen Hauptstadt mit der U- oder der S-Bahn anzu“reisen“. Den roten Teppich nehme ich natürlich gerne mit. Dabei treffe ich auf Constanze Rick, die berühmte, eigentlich taubstumme, Moderatorin des Vox-Magazins „Prominent“, die es dank jahrelangen Trainings aber geschafft hat, bauchrednerisch ihre Magazinbeiträge einzusprechen und es beim Thema Geld sogar schafft, wirklich zu reden und dann immer wieder die beiden Fragen wiederholt, was das denn gekostet habe und wie viel man überhaupt verdiene.

Sie freut sich, mich nach langer Zeit einmal wiederzusehen und fragt mich, lächelnd und ohne Bewegung des Sprechapparats sowie jeglicher Mimik, ob ich nicht auch eine kleine Spende für ihre neu gegründete Stiftung mit dem Namen „Bauch statt Mund“, Slogan: „Wenn der Mund nicht will, spricht der Bauch!“, übrig hätte, der Harald habe schon zugesagt, ihr eine Art Internat in seinem neuen Stil zu designen. Ganz aufgeregt sei sie ja. Ich nicke freundlich, drücke ihr das Geld, was ich eigentlich für die Motz in der Bahn auf den Kopf hauen wollte, in die Hand und schaue, dass ich mich unter das weitere Partyvolk mischen kann.

Der neue Shop selbst ist noch völlig verhüllt, lediglich eine Empfangshalle steht offen, wo man Schnittchen mit Bärlauchkaviar oder Akademikernüsse (wie mein Vater scherzhaft Macadamias nennt) kosten darf, was ich auch gerne in Anspruch nehme, als mir plötzlich eine überberingte Hand von hinten an die Schulter greift. Harald Glööckler. „Der wird genau wie die Fernseher irgendwie immer breiter“, denke ich noch gerade so bei mir, als er mir etwas ins Ohr flüstert und mit mir durch einen Geheimgang in die noch gesperrte Verkaufsfläche tritt. „Lassen Sie das mal auf sich wirken“, meint er und lächelt mich an.

Vorm verdeckten Schaufenster steht eine Harley Davidson, die über und über mit in Teer gefassten Splittstücken sowie Kieselsteinen bedeckt ist, eine recht klobige, aber dennoch interessante anzuschauende Badewanne aus Gussbeton steht grau und mächtig auf einem Sockel, weitere Einrichtungsgegenstände wie Schlafzimmermöbel, Kleiderschränke, Küchentische aus Spritzbeton oder handgeformtem glänzenden Teer sind elliptisch im Raum drapiert. Glöckler grinst immer noch und kommentiert mein erstauntes Gesicht mit den Worten „Form follows function! Finden Sie nicht auch?“ Überrumpelt nicke ich und verstehe nicht, was er meint. Die Ellipse, seine Werke, sein Leben?

Im nächsten Zimmer dann graue, weiße und schwarze Kleider in allen Größen, das Besondere sei, dass hier in diesen Räumlichkeiten alles nach seinem neuen Konzept empfunden sei. „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine ‚Kunst von Beruf‘. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels lässt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewusst Kunst aus dem Werk seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werkmäßigen aber ist unerlässlich für jeden Künstler.“ „Aber das ist doch nicht von Ihnen, Herr Glööckler“, werfe ich ein, worauf dieser allerdings gar nicht erst eingeht und weiter in seinem schwäbisch angehauchten Slang rezitiert.

Architektur aus Plastik, Kleidung und Malerei aus Beton. Millionen Hände und Handwerker steigen zum Himmel und Kristalle verderben zum Sinnbild des Glaubens an das Wahre, Schöne, Echte!“ Glööckler ist nicht zu beruhigen, zum Glück teilt ihm sein Lebensgefährte mit, dass er schnell um die Ecke müsse, diese Amanda Lear oder so, warte auf ihren gemeinsamen Auftritt. Und so habe ich noch ein wenig Zeit, mich alleine umzuschauen. Ein Glööckler ohne Svarovskikitsch? Keine Pailletten, keine Goldsilberplatinapplikationen?

Hier muss doch noch irgendwo der alte Glööckler zu finden sein und es ist meine Aufgabe als Journalist, diesen zu entdecken. Mit der Lupe aus meiner Herrenhandtasche sollte es mir gelingen. Wenigstens das Logo sollte doch irgendwo in Gold zu finden sein, aber nein, Essig! Allüberall, auf den Klamotten wie auf den Möbeln ist alles, wenn überhaupt, alleine mit einem angedeuteten Eddingstrich gekennzeichnet, wie er sonst verwendet wird, um Bücher billig als Mängelexemplar zu verramschen. Auf allen Vieren krieche ich um die Badewanne herum, untersuche den Firnis, versuche sogar mit der Metalldetektoren-App meines Smartphones fündig zu werden, aber ohne Erfolg.

Als ich schon aufgeben will, entdecke ich das, was ich gesucht habe, das Haarsieb der Badewanne in Mattmetall. Darin etwas Glitzerndes, das mich anfunkelt, was wohl zu groß für das Sieb war. Mit meiner Pinzette greife ich vorsichtig danach und da habe ich es auch schon in der Hand: eine Zahnkrone, besetzt mit Svarovski-Elements-Kristallen, die, wie man zuletzt im Fernsehen sehen durfte, von kleinen Kindern unter unvorstellbaren Arbeitsbedingungen im kongolesischen Dschungel gefördert werden. Als ich Glööckler wenig später in der Nacht seine Krone in die Hand drücke, freut er sich einerseits, möchte sie andererseits aber nicht zurücknehmen und schlägt vor, sie stattdessen Constanze Rick zwecks einer Charity-Versteigerung für ihr neues Projekt zu übergeben. Glitzer sei vorbei, Beton der letzte Schrei, der dernier cri und dazu sei Beton urdeutsch und werde ehrlich gewonnen, oder hätte ich schon einmal von „Blutbeton“ gehört, der den Betonhandel ins Zwielicht rücke. Ich verneine und gratuliere ihm zu seiner gelungenen Premierenfeier ehe ich mich in die Nacht verabschiede und zu Fuß durch mein geliebtes Berlin bis zu den Hackeschen Höfen flaniere.