Das Wintermärchen do Brasil von Werner Herzog

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Während die Nationalmannschaft noch in Europa weilt, der finale Kader feststeht und nur noch ein Testspiel gegen die Armenier ansteht, denkt die mediale Öffentlichkeit, dass im WM-Camp in Campo Bahia noch alles ruhig und relaxed zugeht, Internetanschlüsse noch von den örtlichen Klempnern verlegt werden und ansonsten jeder froh ist, dass der extra gebaute Trainingsplatz seit vorgestern einen elektrischen Jaguar-Abwehrzaun sein Eigen nennt, treibt sich dort, im verbliebenen Dschungel, aber ein Mann umher, den man so dort nicht erwartet hätte: Werner Herzog!

Aber was macht er dort, warum weilt er dort, wo sich bald die besten Spieler Deutschlands (minus Kevin Kuranyi und Mario Gomez) im Schweiße ihres Angesichts die Lunge aus dem Leib rennen werden? Werner Herzog blinzelt gegen die Sonne, Werner Herzog blinzelt gegen den Schatten und Werner Herzog blinzelt gegen die Kamera – generell blinzelt Werner Herzog sehr viel, mal abgesehen von seiner letzten Rolle als Schauspieler, als er in „Jack Reacher“ den Oberschurken spielte und seine naturgegebene Bedrohlichkeit durch ein selbst auferlegtes Blinzelverbot exponentiell steigerte. Werner Herzog wischt sich den Schweiß aus den Augen und den Achselhöhlen, ehe er mir sein Geheimnis verrät: Er wurde vom DFB, namentlich von Oliver Bierhoff, dazu auserkoren, das „Märchen do Brasil“ (so der Arbeitstitel) als Regisseur zu betreuen, die im Geheimen geplante Kino-Dokumentation über das deutsche Team bei der WM 2014.

„Das, was Sönke Wortmann da 2006 gemacht hat, war ja auch ganz nett gemeint, aber Herr Niersberger und sein Team waren der Ansicht, dass so eine Dokumentation durchaus auch etwas ‚edgier‘ sein dürfe, nicht so durchgehend mit positiver Stimmung belegt, aber dennoch auch ein wenig pathetisch. Und so wurde mein erstes Konzept nach eingängiger Prüfung denn auch durchgewunken. Sogar mein Vorschlag, ein WM-Quartier mitten im Dschungel bauen zu lassen, die dortigen Indianer in die Handlung mit einzubeziehen und zu schauen, ob ein oder zwei der Spieler sich mit Dengue infizieren, stieß auf offene Ohren. Naja, und jetzt bin ich hier schon ein paar Tage und suche mir die besten Locations für die einzelnen Szenen aus.“

Meine Rückfrage, ob dies denn mit dem dokumentarischen Stil vereinbar sei, dass er so direkt seine Szenen vorausplane, tut Herzog genüsslich ab. „Sehen Sie, Herr Cornelius, das ‚Sommermärchen‘ war doch auch vom Titel her schon Fiktion. Glauben Sie ernsthaft, die Spieler hätten freiwillig Xavier Naidoo gehört?! Hätten auf die, übrigens von einem professionellen Drehbuchschreiber erstellten, Motivationsreden so reagiert wie im Film zu sehen? Und überhaupt: Wieso endet bitte ein Märchen mit einem dritten Platz? Das ist ja so, als ob der böse Wolf Rotkäppchen am Ende zwar aus dem Bauch geschnitten bekommt, dieses aber schon halb verdaut und tot ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Und ich verstehe, was Werner Herzog meint, schließlich ist ja alles bereits inszeniert, sobald es mit einer Kamera gefilmt wird, wie meine treuen Leser wissen, die auch gerne mal „Big Brother“ oder das „Dschungelcamp“ sehen. Die herzog‘sche Inszenierung also verknüpft mit Jogi Löw und seinen Mannen. Wie passt das zusammen? Kevin Großkreutz als Klaus Kinski? Jogi Löw als Eva Mattes? Und wer macht den Mario Adorf, wenn das Projekt doch nicht so läuft wie besprochen und verschwindet grußlos Richtung Heimat?

„Sie können das sicher nicht 1:1 übernehmen, das wäre unentschieden. Einen Klaus Kinski wird es nur einmal geben, aber dennoch hoffe ich darauf, dass es auch zu Konflikten kommt, wenn zum Beispiel Lukas Podolski einem Yanomami-Indianer ein Furzkissen unterschiebt oder Manuel Neuer beim Torwarttraining von Andy Köpke mit Giftfroschgiftpfeilen beschossen wird, um seine Reaktionszeit zu verbessern. Alleine die Tierwelt hier ist ja schon etwas Besonderes. Schon drei Jaguare sind mir in Fotofallen getappt, was ich eigentlich verheimlichen wollte, um auch Platz für Improvisation zu schaffen, aber aus Gründen des Versicherungsschutzes habe ich mich dann doch durchgerungen, dem DFB Meldung zu erstatten – ich bin ja auch keine 40 mehr.“ Jetzt lächelt er, der große deutsche Regisseur, der „Aguirre – der Zorn Gottes“-Macher, der „Nosferatu“-Dirigent und „Fitzcarraldo“-Meister.

Zum Teambuilding und auch zur Vorbereitung auf das, was er, Werner Herzog, plane, habe er dem DFB-Tross vorgeschlagen, doch im Trainingslager in Tirol einen Ausflugsdampfer über die Straße hoch zum Timmelsjoch (2.474 m) zu ziehen, doch habe man das abgelehnt und stattdessen ein Autorennen ins Programm genommen. Werner Herzog blinzelt und zuckt mit den Schultern: „Was will man da machen, immerhin wurde kein Kameramann verletzt.“ Aber dann will er auch nicht weiter über Vergangenes berichten, sondern berichtet darüber, wie er das erste Mal mit Oliver Bierhoff im damals noch unberührten „Campo Bahia“ angekommen sei, wie Bierhoff geschwärmt habe vom Dschungel, wie der Urwald all das repräsentiere, für das er stehe, das Wilde, das Ungezwungene, das Gefährliche, Fressen und Gefressen werden … sogar das Duschgel, das er nutze, hieße „Irgendwas mit Dschungel, ich glaube, Jungle Man“.

„Der Oliver Bierhoff …“ Herzog blinzelt und lächelt in sich hinein, wobei nur Herzog es schafft, beides gleichzeitig zu tun: „Und dann hat er sich an einem Dorn gestochen und wollte sofort mit dem Helikopter in die Uniklinik geflogen werden. Ging natürlich nicht, denn der war auf meinen Befehl schon weggeflogen. Haben wir uns dann eben 5 Tage durchs Gebüsch geschlagen bis wir zurück in der Zivilisation waren, ich und der Oliver, der so eine Art Mantra immer und immer wieder vor sich hingesprochen hat: ‚Ich darf nicht sterben, ich darf nicht sterben, ich darf nicht sterben …‘ So was halt.“

Zum Abschluss unseres Treffens dann aber muss ich Werner Herzog doch noch eine Frage stellen, die nichts mit Fußball zu tun hat, aber mich beschäftigt, seit ich letztens an einem Sonntagnachmittag einen kleinen Serienmarathon eingelegt hatte. „Herr Herzog, verzeihen Sie die Frage, aber stimmt es, dass Sie mit ihrem Aussehen das Vorbild von Herrn Ritschwumm in der „Augsburger Puppenkiste“, also bei „Schlupp vom Grünen Stern“ waren? Und wenn ja, wie kommt es?“ Wieder blinzelt Herzog und verrät dann, dass er damals, „86 war es, glaub ich“, kurze Zeit in Augsburg gewohnt habe und unter dem Pseudonym Sepp Strubel auch undercover bei der Puppenkiste Regie geführt habe – gerade arbeite er da auch an einem Remake … Da die Puppenbauer nicht so schnell gearbeitet hätten, habe er dann halt selbst Hand angelegt und alle Figuren von Balda 7 Strich 13 in Heimarbeit und über Nacht geschnitzt. Lächelnd fügt er hinzu, dieses Selbermachen sei etwas, „das ich ab dem 12. Juni dann aber wahrscheinlich nicht mehr in der Hand habe, denn Tore, Tore, die kann ich bestenfalls noch bei der Ü-60-WM schießen.“

Als ich zurückkomme zum Hubschrauberlandeplatz herrscht dort gähnende Leere. Werner Herzog blinzelt und reicht mir eine Machete.