Das neue Leben des Sepp Blatter

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Es waren unruhige Tage für Sepp Blatter, Tage voller Zweifel und Wut (der anderen) und Unverständnis über die anderen. Die halt- und grundlosen sowie fragwürdigen Ermittlungen des FBI, der Schweizer Behörden und der FIFA-Ethik-Kommission und dann auch noch die negative Berichterstattung in den Medien. Gut, dass Blatter nicht gerne liest, wie man weiß und in Kreuzworträtseln oder beim Sudoku sind glücklicherweise noch nicht Inhalte wie „Mafia-ähnliche Organisation mit vier Buchstaben“ enthalten. Und wenn doch, dann muss man mit dem Kuli eben ein bisschen kleiner schreiben, damit alle Buchstaben von ‚NDrangheta dann doch noch in die Kästchen reinpassen.

Aber jetzt hat er ja alles „ein Stück weit“ hinter sich. All diese Gedanken schießen mir auf dem Weg zum Privatanwesen des FIFA-Präsidenten und Bundesverdienstkreuzträgers durch den Kopf. Blatter, der seine sehr gut versteckte Villa nur das „Réduit National“ nennt, hat mir genaue Anweisungen gegeben und nun stehe ich um kurz nach sechs Uhr morgens auf der anderen Seite des Luzerner Sees vor einem Naturfelsen, der sich, nachdem ich mit meinem Meißelhammer in einem wechselnden Rhythmus aus Shakiras „Waka-Waka“ und Bob Sinclairs „Love Generation“ auf ihn eingeschlagen habe, langsam hebt. Aus dem Dunkel spricht eine Stimme zu mir und sagt: „Immer den Gang runter und am Ende die Rolltreppe hoch – Sie können mich nicht verfehlen.“

Redebedarf im Reduit
Gesagt, getan. Nach einer halben Stunde strammen Marschs bei schwacher Beleuchtung und leichter Steigung stehe ich schon vor der Rolltreppe, die wiederum nach einer Viertelstunde steiler Fahrt vor einer mit Gold und Diamanten beschlagenen Türe endet. Nach mehrmaligen Klopfen wird geöffnet – von Blatter persönlich. Er sieht verschwitzt aus und ein wenig mitgenommen, wie er da so in seinem Bademantel aus weißem Brokat mit Merino-Wollkragen steht, hebt, als er meinen mitleidigen Blick sieht aber lachend beide Hände: „Nicht, was sie denken, Herr Cornelius! Alles bestens, ich habe nur mein allmorgendliches Tanztraining absolviert. Schauen Sie da hinten. Und in der Tat verlässt gerade der Großteil des deutschen Fernsehballetts die noch schwach illuminierte Bühne und verschwindet in den Katakomben.

„Aber kommen Sie doch erst einmal richtig an“, bittet mich Blatter freundlich herein und führt mich zu einer Sitzgruppe. „Herr Blatter, es gibt Redebedarf.“ Ein überraschender, durchaus fordernder Gesprächseinstieg für einen Reporter, ich weiß, aber wenn man nicht beim Anfang des Gesprächs klarmacht, wie das alles zu laufen hat, hast Du keine Chance, aus Deinem Interviewpartner etwas herauszubekommen. Blatters Augen blitzen angriffslustig, als ich beginne, meine erste Frage auszuformulieren: „Herr Blatter, was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?“ Der Präsident lehnt sich zurück, wartet ab. Er lächelt zunächst in sich hinein, ehe er dann doch wieder aus sich heraus lächelt und sich anschließend wieder dafür entscheidet, in sich hinein zu lächeln. Hier in seinem neuen Haus (das andere liege auf der Gegenseite des Luzerner Sees und sei leider von Rebellen beschlagnahmt worden) gebe es zum Frühstück nur minderwertigen Kopi Luwak – der Rest sei Fertignahrung aus Militärbeständen, in der Schweiz als Notriemen bezeichnet, die er hin und wieder mit etwas Kaviar aus seinem Privatkühlhaus verfeinere.

Die dramatische Flucht des Sepp Blatter
„Möchten Sie auch mal? Ich habe hier zufällig auch etwas Spaghetti-Eis gefunden – haltbar bis 2035?“ Gerne nehme ich dieses Angebot an, lasse mich davon aber nicht in meiner Unabhängigkeit beeinflussen. Und während wir so auf unseren von Orca-Haut überzogenen Frühstückssesseln Platz nehmen, beginnt Sepp Blatter zu erzählen. Es sei hart für ihn gewesen, die Flucht mit dem Riva-Boot von der anderen Seeseite, das Exil … nur das Nötigste sei auf fünf hintereinander hergebrachten Schwerlast-Pontons verstaut gewesen … jetzt wisse er, wie sich die Flüchtlinge im Mittelmeer fühlen müssten. Er fühle mit ihnen, das solle ich der Welt da draußen mitteilen. Er habe zwischenzeitlich schon überlegt, in Deutschland Asyl als politisch Verfolgter zu beantragen, aber dann davon Abstand genommen, da er befürchte, er werde im Fall der Fälle von Wolfgang Niersbach und Michel Platini höchstpersönlich an die USA ausgeliefert, wo er sicher sei, dass ihm die Hinrichtung drohe. Wenn dennoch alle Stricke rissen, könne er es sich vorstellen, das Angebot seine Freundes Vladimir Putin anzunehmen und zusammen mit dem anderen großen Freiheitskämpfer unserer Zeit – neben ihm selbst, also mit Edward Snowden dort in eine WG zu ziehen.

„Es ist schon verrückt. Da arbeitet man sein ganzes Leben, macht die FIFA zur größten Verbrecherorgani … Versorgungs-Organisation der auf der Welt Benachteiligten, und dann kommt so was!“ Auf meine freche Nachfrage, in wie fern er denn benachteiligt gewesen sei, erwähnt er, dass er zum einen eine Frühgeburt gewesen sei, deren Fingernägel noch nicht ganz ausgebildet gewesen seien und dass ihm zudem bereits mit Ende 30 die Haare ausgefallen seien. Das sei zwar nicht vergleichbar mit Krebs oder einem Krankenhauskeim, komme aber doch nah dran, wenn man bedenke, dass andere Spätgeburten wären und mit 80 noch volles Haar hätten. Und da muss man ihm irgendwie zustimmen, dem Mann aus dem Wallis, der von bösen Menschen gerne als Strippenzieher bezeichnet wird, der seine Karriere bei der Schweizer Armee als Kommandant eines Versorgungsregiments nahtlos bei der FIFA fortgesetzt habe. Bei all dem ist Sepp Blatter Mensch geblieben. Ein Mensch, der noch genau weiß, wo er herkommt. Eine Landschaft prägt den Charakter.

Mensch und Landschaft
Das Wallis, seine Heimat, ist bergig, besitzt trockene Täler, in denen Kakteen wachsen, aber auch 95 % der Schweizer Aprikosen. Der Wolf streift hier wieder durch die Berge und reißt Schwarznasenschafe, aber auf der anderen findet man 78 Postautolinien! Dichotomien all überall – und so hat auch Sepp Blatter zwei Seiten. Zum einen die des liebevollen, stets charmanten Patriarchen, zum anderen die des freundlichen und unterhaltsamen Interviewpartners und Privatmanns. Im Plauderton erzählt er Anekdoten um Franz Beckenbauer und Günter Netzer, lässt durch einen herbeigeeilten Pagen mit einer Fernbedienung eine riesige Felswand hochfahren, um auch mich seinen Blick auf den See und das Bergpanorama genießen zu lassen und bittet mich inständig, in meinem Bericht doch bitte sachlich zu bleiben und ihn nur nicht zu positiv darzustellen, denn sonst werde ihm wieder vorgeworfen, er versuche sein positives Bild in der Öffentlichkeit ins Gottgleiche zu erhöhen.

„Was im FIFA-Magazin zu lesen ist, ist nichts als die Wahrheit“, da gebe er der Presse sein Ehrenwort, „ich wiederhole: mein Ehrenwort! Redaktionelle Unabhängigkeit ist für ein Verbandsmagazin essentiell!“ Das habe er als Ehrenmitglied des Sportjournalisten-Weltverbands AIPS gelernt, wofür er im Gegenzug den Verband für den Friedensnobelpreis „und auch den für Physik!“ vorgeschlagen habe. „Eine Hand reicht der anderen die andere Hand“, wie er es ausdrückt, während er sich die Hände reibt, damit die Krümel seines Dreikorntoasts zurück auf den Teller aus Meißner Porzellan fallen, auf dem in fein ziselierter Malkunst sein Antlitz prangt.

Mit dem Hyperloop zum Raumschiff
Er müsse jetzt langsam los, sein Sicherheitsdienst habe die baldige Ankunft einer Spezialeinheit gemeldet. Wenn ich wollte, könne ich ihn gerne bis zu seiner Rakete begleiten. Die stehe in einem erloschenen Vulkan nur ein paar Minuten mit dem Hyperloop entfernt. Gerne nehme ich das Angebot an und wir besteigen eine luxuriös ausgestattete Kapsel, die uns in wahnsinniger Geschwindigkeit Richtung Krater befördert. Als die „FIFAriane“ (so bezeichnet Sepp Blatter sein Privat-Raumschiff scherzhaft) sich mit einem Fauchen und einem Feuerstrahl hin zu einem unbekannten Ziel verabschiedet, stehen selbst mir als hartgesottenem Journalisten die Tränen in den Augen. Auch die anwesenden Raketentechniker wischen sich verstohlen durchs Gesicht, ehe sie mit mir und mit Champagner anstoßen auf Josef Sepp Blatter, einen großen Freund der Menschheit, an dessen Tag der Geburt (was nur wenige wissen, was er mir aber exklusiv noch verraten hat, bevor er in seine Rakete stieg) der Legende nach ein Stern und ein doppelter Regenbogen am Himmel erschienen sind.

Dies ist nur ein Auszug aus einer mehrseitigen Reportage inklusive beeindruckender Bildaufnahmen aus der Weihnachtsausgabe des FIFA-Magazins. VÖ-Datum: 23.12.2015.

Florian Cornelius, gefeierter Star-Reporter u. a. Für BILD, SPIEGEL, Das Anzeigenblatt Niedertieftal (DAN) oder das DB-Magazin, ist nach langer Krankheit wieder für ulmen.tv aktiv und wird in Zukunft wieder öfter von seinen Promispaziergängen berichten.