Christoph Waltz und seine Puppen

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von Florian Cornelius

 

Mit Christoph Waltz verhält es sich umgekehrt wie mit Adolf Hitler. Streiten sich bei dem einen Deutschland und Österreich darum, ob er jetzt einer von ihnen ist, so sind sich Deutsche und Österreicher darüber einig, woher der „Führer“ kam. Deutsche sagen „Österreich“, Österreicher wissen: „Der war Deutscher“. Bei Christoph Waltz hingegen reklamiert man auf beiden Seiten, dass er der jeweils eigenen Nationalität angehört. Den einen will keiner, den anderen alle. Es ist ein bisschen so wie beim Schulsport. Christoph Waltz wird sofort und als Allererster gewählt, Adolf Hitler bleibt bis zum Ende auf der Holzbank sitzen – mit ihm will niemand spielen.

Dabei ist Waltz biologisch – wenn es das in Verbindung mit Nationalitäten denn überhaupt gäbe – beides: ein deutsch-österreichischer Zwitter, Vater deutsch, Mutter österreichisch, geboren in Wien, wohnhaft in Berlin. Und seit dem 24. August 2010 ist er außerdem auch Staatsbürger Österreichs, nachdem er vorher nur wegen seines Vaters Deutscher Staatsbürger gewesen war. Ein Grund, um bei unserem Gespräch in der Theaterkantine der Burgtheater-Dependance in Los Angeles, über ein Thema zu sprechen, das gerade für Herrn Waltz immer aktuell sein sollte: Deutschland.

Lieber Herr Waltz, lassen Sie uns über Deutschland reden …“

No, I actually would prefer to talk about something else.“

Ähm, meinetwegen, aber es wäre schön, wenn Sie vielleicht auf Deutsch antworten könnten.“

No, I will only answer in English for everyone.”

Schwierig soll er ja sein, das war mir im Vorfeld schon von diversen Kollegen berichtet worden, aber wenn ein Interview so losgeht … dann ist der Ehrgeiz eines Florian Cornelius natürlich geweckt. Nach 5-minütiger Verhandlung habe ich ein Remis erreicht. Christoph Waltz wird nicht auf Englisch antworten, allerdings auch nicht auf Deutsch, sondern auf Österreichisch – als Journalist, der sich mit den Schönen, den Reichen und den schönreichen Komplizierten alltäglich trifft, braucht man Durchsetzungsvermögen!

Aber vielleicht bin ich beim Einstieg ins Interview ein bisschen zu forsch aufgetreten. Der festen Überzeugung, dass ein paar eher belanglose, aber dennoch fokussierte Fragen den zweifachen Oscarpreisträger und Kumpel Quentin Tarantinos bestimmt aus der Reserve locken werden, beginne ich erneut und frage nach seiner Lieblingsfarbe („Paradeiserrot“), seinem Lieblingsessen („Spaghetti mit Paradeisersoße“) und seiner Augenfarbe („wachsgrau“). Alles läuft bestens, ehe ich ihn zum Thema „Lieblingshobbys“ anspreche. Da habe er keines, er verstehe den Begriff „Hobby“ an und für sich nicht, ebenfalls liege für ihn der Sinn von „Urlaub“ im Dunkeln, denn „Freizeit“ sei vergeudete Zeit, da widme er sich lieber seiner Arbeit oder den Puppen.

Den Puppen?!“ Christoph Waltz zögert, beißt sich auf die Unterlippe. Das ist ihm jetzt sichtlich unangenehm, das mit den Puppen. Alleine schon die Wortwahl: Als Puppe bezeichnete man vielleicht in den 50er Jahren noch eine junge gutaussehende Mieze, aber heutzutage solch einen angestaubten Begriff zu verwenden?! „Herr Waltz, finden Sie nicht, dass der Begriff Puppe …“

„… vielleicht sollte ich konkretisieren. Als ambitionierter Amateur ist mir bewusst, dass es da eine große Anzahl an Puppen gibt. Geht es um Gliederfiguren oder Kostümplastiken? Showfiguren oder Animationsfiguren? Mit Klimaanlage oder ohne? Ich kann es Ihnen jetzt exklusiv für ulmen.tv verraten: Mein Steckenpferd sind Klappmaulpuppen, aber ich möchte Ihnen ebenfalls sagen, dass ich meiner Frau jedes Jahr zum Geburtstag eine Porträtfigur von mir, exakt nach Fotovorlage modelliert und ausgestattet, verehre.“

Puppen … wie kann man sich das vorstellen? Ein Hollywoodstar sitzt nach einem harten Drehtag zu Hause und …“

„… genau, und rührt aus Schaumstoff, Leder oder Gummimilch einen Brei an, sorgt mit Feinarbeit dafür, dass die beweglichen Augen lebensecht rollen und das Klappmaul schöne Zähne aus Keramik oder Pappmaché beinhaltet.“

Aber warum? Wie sind Sie nur auf dieses ausgefallene Hobby gekommen und wann?“

Seit 1996. Ich drehte damals mit Tobias Moretti für „Kommissar Rex“ die Episode „Der Puppenmörder“, wo ich den titelgebenden Puppenmörder spielte (http://christophwaltzfan.tumblr.com/page/7). Und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurden mir die Parallelen zu meinem eigenen Leben! Sind Puppenbau und Puppenspiel nicht sinnbildlich als Spiegelung meiner Arbeit als Schauspieler zu verstehen. Heute bin ich der Kasper und morgen das Krokodil. Heute werfen sie Rosen, morgen faule Paradeiser. Hat das Krokodil seine Gründe, warum es so böse ist? Wie erklärt sich die Gewalt des Polizisten mit dem Knüppel und ist der Kasper wirklich so blöd, wie er tut? Das alles, was den Puppen im Kleinen passiert, das stößt Dir auch als Schauspieler zu. Nicht Du bist das, sondern Du bist das, gesteuert von einem Puppenspieler. Kennen Sie Doktor Mabuse, Herr Cornelius?“

Nein, ich beschäftige mich nicht mit alternativer Medizin.“

Zunächst etwas perplex und seinen Kopf leicht schüttelnd, bedeutet mir Christoph Waltz nun, dass er jetzt noch einen anderen wichtigen Termin habe („Muss dringend bei Dr. Mabuse vorbei, Sie verstehen!“). Eine Frage, ob er denn für die Leser vielleicht noch ein paar Bilder von seinen Puppen habe, verneint er, lässt mir später aber noch per E-Mail zwei Links zukommen, die ihn zum professionellen Puppenbau inspiriert hätten. Es handelt sich dabei um eine Fanseite, auf der man zum einen selbstgehäkelte Christoph-Waltz-„Kuscheltiere“ (http://christophwaltzfan.tumblr.com/image/26620842636) und zum anderen eine wunderschöne „Oberst-Landa-Grußkarte“ (http://christophwaltzfan.tumblr.com/post/32794567893/oberst-landa-this-was-done-by-request) findet.

Beim Doktor sei alles bestens gelaufen.