Bushido, Heidegger und die lebende Barbie

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von Florian Cornelius

Das erste Mal begegneten Bushido und ich uns auf seiner 13-Tour. Nachdem ich mir sein Konzert in Frankfurt angeschaut hatte und von seinem Showtalent wahrlich überrascht war – er hatte etwas von Roberto Blanco, nur halt mit Gangstarap – war ich gerade backstage eingetroffen, als kurz darauf der Damals-noch-beste-Freund Kay One hereinspaziert kam und mit seinen 1,60 m Lebendgröße lauthals in die Runde fragte, wer denn von ihm gerne noch eine Nutte ausgesucht haben wolle. Bushido hatte damals nicht mitbestellt, vielleicht schon ein Zeichen der Entfremdung zwischen den beiden.

„Bushido, was sagst Du zum Thema ‚Entfremdung‘?“ „Entfremdung? Was ist denn heutzutage in dieser kommerzialisierten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft noch wahr oder authentisch? Alles ist Konsum. Man produziert Platten ohne Autonomie und Substanz, aber wenn ich die Wahrheit suche, dann geht das nur, wenn ich der entfremdeten Gestalt, also objektiven Mächten individueller Existenz nachforsche …“

„ … genau. Find ich auch ein Stück weit richtig und wichtig, was Du da sagst. Aber um auf unser Thema zurückzukommen: Du hast jetzt drei Kinder, einen Jungen und zwei Mädchen. Dein Image ist das eines Bürgerschrecks mit Disrespect für Schwule, hetzt gegen Frauen und sogar gegen Politiker. Wie kann man sich das vorstellen, Dich als Vater, der mit seiner Tochter Prinzessin spielt …“

„Warum denn nicht? Meine Kinder sind mir das wertvollste überhaupt! Deshalb hab ich Ari auch nur den Besitz übertragen! Geld und Häuser brauch ich nicht. Mo‘ Money, mo‘ problems … Und mit meiner älteren Tochter spiele ich wie jeder andere Vater auch. Ihre Prinzessin Lilifee reitet durch die Feenwelt, muss sich ab und an vor der Polizei rechtfertigen, trifft sich für ein Selfie mit dem Bundeslandwirtschaftsminister und wenn sie sich mal verstecken muss, dann sagt sie mir, dass ich mich mit meinem Kopf ganz runter auf den Boden beugen soll … und Lilifee kann sich hinter meinem dichten, langen Fusselbart verschanzen. Wenn Du mir nicht glaubst, dass ich ein liebevoller Vater sein kann, dann komm gleich mit nach Kleinmachnoff.“

Wir schwingen uns in Bushidos schwarzen Benz und nur eine knappe halbe Stunde später rollt der Wagen leise über die Kiesel der Einfahrt knirschend hin zu Bushdios Gründerzeitvilla. Der stolze Hausherr steigt aus, streckt den Mittelfinger seiner rechten Hand einmal in jede Himmelsrichtung zur Begrüßung der bald neuen Nachbarn und stellt fest: „Hier ziehe ich ein. Sollen die anderen doch ausziehen, wenn die sich an mir stören. Die Entschlossenheit als Schicksal ist die Freiheit für das möglicherweise situationsmäßig geforderte Aufgeben eines bestimmten Entschlusses. Und ich gebe nie auf, ganz bestimmt nicht.“

Die Haustür steht offen, es liegt noch etwas Brandgeruch vom Anschlag in der letzten Woche in der Luft. „Lass uns mal hochgehen in den ersten Stock, da sind dann bald die Kinderzimmer, das von meiner Großen ist schon so weit fertig. Da kannst Du mal sehen, dass die einfach nur ne tolle Kindheit haben sollen – nicht so wie ich damals in Tempelhof. Mein Vater, Du weißt … hier soll‘s nicht gruselig sein. Hier sind gute Vibes.“

„Ist es denn keine große Umstellung für Dich, dass Du Dich jetzt aus Deinem Berlin weg machst? Dem Café, Deiner Hood und allem?“

Ich halte mich da immer an Heidegger, meinen Lieblingsphilosoph. Und der hat gesagt: Entfernen besagt ein Verschwindenmachen der Ferne, das heißt der Entferntheit von etwas, Näherung.“

„Entschuldige, das verstehe ich jetzt nicht.“

„Es heißt doch ‚ent‘ und ‚fernen‘. Und ‚ent‘ heißt ‚weg‘ und wenn die ‚Ferne‘ weggemacht wird, dann heißt das doch, dass Du Dich irgendetwas anderem näherst. Aber ist schon klar, dass es n bisschen schwierig zu verstehen ist, denn die ganzen Soziologen, die ganze Frankfurter Schule, das waren schließlich alles Atzen, die sich gegenseitig eins auf ihren Style gewichst haben. Das sind für mich so ein bisschen ganz ganz frühe Gangstarapper. Da haut dann der Adorno einen raus und der Horckheimer feuert zurück, während der Habermas sich selber High-Five gibt – nur halt ohne Driveby-Shootings, Nutten und Koks und dafür mit langhaarigen Studenten, die so tun, als würden sie das verstehen, was sie auswendig lernen.“

Eine gewagte These, aber sie hat etwas, was sich in Bushidos eigenen Lyrics eher selten findet: Sie ist charmant und selbstreflexiv, etwas, was man dem Bambipreisträger nicht zugetraut hätte. Stolz öffnet Bushido die Tür zum Kinderzimmer seiner „Großen“ und führt mich dort herum. Da passieren wir einen Kindernagelsalon von Hama und gelangen zu einem „originalgetreuen Humvee-Model in Größe 2 zu 1“, in dem das Himmelbett der Kleinen steht (gespickt mit der gesammelten Steiffkollektion, allesamt mit kleinen Rolex-Uhren ausgestattet). Auf einmal bewegt sich etwas, etwas das aussieht wie eine Barbie.

„Hallo Sabine! Was machst Du denn schon hier, wir ziehen doch alle erst in ein paar Wochen ein inschallah!“ „Du ich dachte, dass ich schon mal probeliege.“ „Bestens, darf ich vorstellen: Florian Cornelius, so ein Reporterarsch. Und das da ist die Sabine, ein Geschenk meiner Freunde zum ersten Geburtstag der Kleinen. Diese Plastikbarbies, die sind doch bestimmt giftig mit dem ganzen PHP und PVC und da haben die alle zusammengelegt und der Sabine ne schicke Schönheits-OP spendiert. Und die Sabine arbeitet das jetzt hier ab für ein paar Jahre bei freier Kost und Logis, indem sie für meine Große die Barbie spielt.“

Meine Einwände, dass ich das ein bisschen fragwürdig fände, tut er ab: „Das ist eine Win-Win-Win-Situation für alle drei beteiligten Parteien, nicht wahr Sabine?“ Sabine strahlt und nickt, erzählt, wie sie sich auf ihre Aufgabe freue und verabschiedet sich. Der Hausherr führt mich weiter durch die Räumlichkeiten, vorbei am durch eine Falltür versteckten Piranha-Becken vor seinem massiven Kristallschreibtisch im Arbeitszimmer und dem begehbaren Tresor, seinem Privatplanetarium und hinein in die Bibliothek, die mit allem von Adorno sowie einer Gesamtausgabe der „Lustigen Taschenbücher“ und der Suhrkamp-Bibliothek ausgestattet ist.

Als wir uns, zurück in Berlin, wieder voneinander verabschieden und ich ihm die Frage stelle, wie sich denn bitte all das, was ich gesehen und gehört habe mit seinem Image als Gangsta, als Enfant Terrible und als Bürgerschreck vertrage, lächelt Bushido kurz in seinen Fusselbart, schmunzelt und sagt: „Ich mach doch nur Kunst. Und Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein … und so nenn ich mein nächstes Album auch.“