Brad Pitt lässt sich die Haare im Internet schneiden

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Haare, wir investieren in Haare, Keratin, eine Hornart, die uns aus dem Kopf schießt oder auch nicht, an den unmöglichsten Körperstellen wuchert, die wir hegen und pflegen, damit sie glänzt, lockt oder glatt wird – alles Dinge, in die wir schon in naher Zukunft keinerlei Zeit und Aufwand stecken müssen. Drück den Knopf! Push the button, my dear old Florian Cornelius!“ Brad Pitt ist außer sich, ließ er sich doch einst für diesen Fliegenfischerbrüderfilm mit Robert Redford extra zwei Jahre lang die Haare wachsen und konnte deshalb keine andere Rolle annehmen in der Zwischenzeit. Ich lange also schwungvoll auf den Button. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und während die Maschine arbeitet, ziehen wir uns auf die Gartenterrasse von Pitts Anwesen in den Hollywood Hills zurück.

Der freundliche Butler fragt uns nach unseren Wünschen und liefert alsbald Brad Pitts Espresso Doppio und meine Eisschokolade. Wir nehmen Platz in einer schulbusgroßen Hollywoodschaukel, die nach den Plänen des Schauspielers ökologisch korrekt („Hier wurde kein einziger Nagel ins Holz geschlagen!“, O-Ton Pitt) zwischen zwei aus dem Yosemite-Nationalpark nach Hollywood verbrachten Redwood-Mammutbäumen gespannt wurde. „Und das hält dann alles nur mit Knoten“, wage ich vorsichtig, nach der Sicherheit zu fragen und erhalte von Brad Pitt die Antwort, dass auch ein weichmacherfreier Superkleber verwendet worden sei und ein Sicherheitsstecksystem, wie man es u. a. aus der Moschee in Hebron kenne, wo der Gebetsstuhl nagellos verbaut, allerdings aber auch aus einem einzigen riesigen Holzpflock geschnitzt sei..

Aber apropos Knoten“, Brad Pitt lächelt, „mit Knoten wirst Du nie wieder Probleme haben, wenn Du auch erst mal so ein Ding bei Dir zu Hause stehen hast!“ Er haut mir auf die Schulter, betätigt die Schaukelvorrichtung und stellt sie auf Stufe 4 ein („Das ist noch ganz smooth und die Haare fliegen uns so nicht in die Getränke.“) und wir schwingen los. „Brad, Wir wissen ja alle, dass Du Dich neben der Schauspielerei für Architektur interessierst und Möbel designst, aber wie bist Du jetzt auf diese Idee mit den Haaren gekommen, wie kommt es, dass Du eine gesamte Jahresgage in dieses Dotcom investiert hast, das lange Zeit nichts anderes auf seiner Homepage stehen hatte als ‚Dein Onlinefriseur – wir holen Deine Haare ins Internet‘? Ich finde, dass das nicht gerade seriös klingt …“

Brad Pitt unterbricht mich freundlich, aber bestimmt: „Du sagst es doch selber. Ich interessiere mich für Architektur. Und Haare und Frisuren sind doch nichts anderes als Architektur, nur auf dem Kopf. Jeder gute Architekt schaut sich die Gegebenheiten des Standorts an, ermittelt das preislich angemessene Baumaterial, das dazu noch ästhetisch aussehen soll, bespricht alles mit seinem Kunden und lässt dann ans Werk gehen. Jetzt brauchst Du das Wort ‚Architekt‘ nur durch ‚Friseur‘ ersetzen und der eben genannte Satz behält seine Richtigkeit. You see.“

Der Architekt als Friseur und der Friseur als Architekt – ein Ansatz, der gar nicht so weit hergeholt erscheint, wenn man es sich so überlegt. Brad Pitt verweist auf seine Freunde vom GRAFT (Gesellschaft von Architekten), die von seiner Idee der Austauschbarkeit von Frisur und Architektur ebenfalls überzeugt seien („Beides endet ja auch auf ‚ur‘, nicht wahr!?“), von Herzog de Meuron, die diverse Kabel am BBI so verlegt hätten wie im Friseursalon über einen Tag herabgefallene Haarbüschel und auf das schlecht sitzende Toupet von Hartmut Mehdorn und schließt mit einem heiteren Wortspiel aus Deutsch „Von der Wiege bis zur Bahre: Haare, Haare, Haare, Haare.“

Beinahe pruste ich etwas Sahne aus meinen Nasenlöchern, kann mich aber gerade noch zusammenreißen, ehe ich Brad Pitt weiter auf den Zahn fühle: „Brad, wie bitte kann ich meine Haare im Internet schneiden lassen? Und warum sollte ich das tun? Was sind die technischen Voraussetzungen? Wie wird bezahlt, wie wird geschnitten; und noch eines: Wie wird gewaschen?“ All diese Fragen habe er sich auch recht schnell gestellt, nachdem Ashton Kutcher ihm von diesem Dotcom erzählt habe, aber alles sei ihm mittlerweile hinreichend erklärt worden, sodass er nur von einer genialen Idee sprechen könne.

Es gebe zwei Arten des Haareschneidens im Internet. Nummer 1 funktioniere so, dass man sich auf Seiten von diversen Friseuren umschauen könne, die gewisse Standardschnitte, aber auch individuelle Angebote erstellten. Anschließend müsse man nur noch vier Fotos als JPG einreichen (frontal, seitlich von links und von rechts, Hinterkopf). Aus diesen Fotos werde am Computer des Dotcoms (zur Zeit noch von Hand, aber zum Relaunch in einem halben Jahr dann automatisiert) ein 3-D-Modell des Ist-Zustands gefertigt, was anschließend über ultraschnelle Datenleitungen zurück zum Backendrechner gestreamt werde, wo der Kunde zu Hause seinen 3-D-Drucker anschließe, in den er dann seinen Kopf halten müsse – drei Minuten lang.

Haarewaschen sei also überflüssig, nein, sogar schädlich kurz vor Nutzung des Druckers, da das Wasser die empfindliche Elektronik stören könne und zudem nasses Haar nun einmal zwangsläufig anders aussehe als trockenes. Es werde beim Online-Haarschnitt nicht im eigentlichen Sinne geschnitten, sondern eher geschmort, also abgeschmort – wobei auch an einer Scherenvorrichtung gearbeitet wäre, die den Vorteil hätte, dass die Geruchsentwicklung als weniger störend empfunden werden könne. Farbveränderungen seien natürlich möglich, allerdings nur mittels CMYK, also mit den 4 Grundfarben, die ein jeder Drucker so enthalte.

So sehe die Zukunft des Haareschneidens aus. Brad Pitt ballt die Faust. Und dann, dann gebe es ja auch noch das zweite Modell. Den Prototypen hätte ich ja schon gesehen und selber eingeschaltet, er sei sich sicher, ich würde kein Haar in der Suppe finden; Brad grinst, schaltet die Hollywoodschaukel ab, wir nehmen unser Geschirr mit in die Küche – eine ganz normale Sitte im Hause Pitt-Jolie, wie man munkelt.

Im Arbeitszimmer dann bewundere ich das, was in der guten Stunde, während der wir draußen im Garten waren, entstanden ist. „Methode Nummer 2!“ Ein 3-D-Drucker hat ganze Arbeit geleistet und mir Brad Pitts „Fight-Club“-Frisur ausgedruckt, jedes Haar sitzt an der richtigen Stelle, sogar die Original-Leberflecke von Brads Kopfhaut sind zu erkennen. „Jeder kann jeden Skalp haben! War mein Vorschlag für den Claim, aber das hätte die Natives vielleicht beleidigt. Naja. Der alte Slogan geht ja auch irgendwie mit den Haaren ins Internet.“ Aber enttäuscht ist er dennoch, der Brad Pitt, als er mich zur Tür begleitet und als Gastgeschenk neben den Hausschuhen, die ich beim Eintreten bekommen habe, auch noch seine alte Frisur als Andenken mitgibt. Seine Augen wirken sonderbar leer, sein Gang schlurft und erst jetzt, bei der Abschiedsumarmung, da fällt es mir auf, dass seine Haare genauso riechen wie damals die Ameisen, die ich als Jugendlicher mit der Lupe in Flammen gesetzt habe.