Nackt mit Dieter Hildebrandt

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Von Florian Lamp


Dieter Hildebrandt ist tot. Das ist äußerst schade, denn so wird er nie mehr erfahren, dass ich einmal nackt mit ihm telefoniert habe. Es muss so 2004 gewesen sein, nach einem Texter-Praktikum bei einer Agentur, das nicht so gut ausgegangen war. Ich hatte es gewagt, mich zu beschweren, dass die fest zugesagte Festanstellung im Anschluss ans Praktikum auf einmal aus finanziellen Gründen nicht mehr als fest angesehen wurde und das dem Deutschlandchef der betreffenden Agentur persönlich mit folgenden Worten mitgeteilt: „Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen in der Kinderstube zugegangen ist, aber bei mir zu Hause war es so, dass ein Versprechen gehalten werden muss …“. Daraufhin war ich von diesem mit Hausverbot belegt, mit Frisurtipps zum Abschied versorgt („Und waschen Sie sich mal die Haare!“) zum Aufzug eskortiert worden.

Ich saß also zu Hause mit viel Tagesfreizeit, hatte mich gerade als Statist bei der US-Army beworben, um einen Kosovokrieger darzustellen und dachte mir, dass es doch ganz schön sein könne, vom Schreiben zu leben – am besten ohne Verbindung zum Thema Werbung. Nachdem ich vorher Texte bei jetzt.de veröffentlicht hatte und dort nach einem Praktikum auch hin und wieder frei gearbeitet hatte, fasste ich also meinen Mut zusammen, stellte eine Art „Best of“ meiner bisherigen Texte zusammen und schickte sie mit einem Anschreiben an diverse Menschen, deren Texte mir sympathisch vorkamen, um sie um ihre Meinung zu bitten.

Einer dieser Menschen war Dieter Hildebrandt. Wochen vergingen mit Jobsuche, Schreiben und der Darstellung eines irakischen Bürgermeisterassistenten in der verschneiten Oberpfalz sowie Rumtrödelei. Als ich eines schönen Morgens um Halbeins aufwachte und mich fürs Duschen fertig machte, klingelte plötzlich das Telefon. Dieter Hildebrandt war am Apparat, sagte, dass er Dieter Hildebrandt sei und bedankte sich für die Texte, die ich ihm zugeschickt hatte. Die gefielen ihm ziemlich gut, besonders schön finde er, dass sie nicht irgendwie platte „Comedy“ wären. Er fände meine Geschichten sehr komisch, ich solle doch mal Stand-up-Bühnen austesten, nur mutig sein und es versuchen. 

Ich wirkte für ihn wahrscheinlich etwas abgelenkt, denn während der Mann, den ich aus dem Fernsehen kannte, da auf freundlichste Art und Weise mit mir redete und mir Mut machte, dachte ich ununterbrochen darüber nach, ob ich mich jetzt, nackt wie ich war, auf meinen Schreibtischstuhl setzen könne oder doch lieber irgendwo an der Wand lehnen sollte. 

Aber an welcher Wand? Wohnzimmer oder Küche? Küche geht nicht, da sieht mich jeder vom Nachbarhaus aus. Bad geht nicht, da hallt es immer so … oder doch auf den Stuhl setzen? Auf den Boden? Da ist nicht gesaugt! Und währenddessen telefonierte ich mit Dieter Hildebrandt. Der stellte Fragen, war neugierig, gab Tipps (bessere als der Agenturchef, obwohl ich nicht nur mit ungewaschenen Haaren am Telefon stand) und war der freundlichste Mensch auf der Welt – während ich nackt an einer Wohnzimmerwand lehnte, weil ich es irgendwie noch perverser gefunden hätte, nackt im Bett mit Dieter Hildebrandt zu telefonieren. 

Hätte ich es Dieter Hildebrandt sagen sollen, dass ich gerade auf dem Weg zur Dusche und nackt war? War Dieter Hildebrandt angezogen, während wir telefonierten mit Sakko und Hemd – so wie ich ihn aus dem Fernsehen kannte und dazu diese riesige Brille? Oder war er auch nackt, weil er heute mal ausgeschlafen hatte und am Vormittag irgendetwas Schweißtreibendes erledigt hatte (den Rasen gemäht, joggen gegangen, Gewichte gestemmt, was auch immer getan hatte) und ihm jetzt, auf dem Weg zur Dusche, eingefallen war, dass er diesen Typen, der ihm da ein paar Texte geschrieben hatte, noch nicht zurückgerufen hatte. 

Jetzt ist es auf jeden Fall zu spät, ihn danach zu fragen – vielleicht auch besser so, denn selbst wenn sich irgendwann in meinem Leben noch einmal die Chance ergeben hätte, von Auge zu Auge (und angezogen) mit Dieter Hildebrandt zu reden, dann hätte ich dieses Geheimnis wahrscheinlich für mich behalten – auch, wenn er es wahrscheinlich in seiner Absurdität witzig gefunden hätte.