Mario Barth deckt auf: Fernsehen muss kein Geld kosten!

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Von Peer Schader

Die gruseligste Nachricht im Koalitionstheater, das derzeit von den politischen Parteien als leider nicht vorzeitig abbrechbare Endlosvorstellung aufgeführt wird, ist, dass sich Mario Barth in dieser Woche als Finanzminister beworben hat. Und dass es möglicherweise keine schlechte Idee wäre, ihm das Amt tatsächlich zu überlassen. Alleine schon, um dabei zuzusehen, wie Barth das Kunststück fertigbringt, das er am Mittwochabend den 4,1 Millionen Zuschauern seiner neuen Anti-Steuerverschwendungsshow gegeben hat.

Es ging um „Gelder, die Ihnen gehören, und wo wir versuchen, dass Sie sie wieder zurückbekommen“. „Gelder“ nämlich, die vom Staat in den unterschiedlichsten Varianten „verballert“, „verdonnert“ und „verknallt“ (Barth) worden sind und die bei „Mario Barth deckt auf!“ deshalb den ganzen Abend über in symbolischer Spielgeldform von einem riesigen Häcklser pulversiert wurden (ganze Sendung bei rtlnow.de ansehen).

Wenn so ein Geld mal ausgegeben ist, vielleicht sagt das Barth zwischendurch jemand, dann ist es nicht so leicht wiederzukriegen.

Besser ist’s, man behält es gleich für sich. Oder wie es der lustige Präsidentenonkel vom hochseriösen Bund der Steuerzahler formulierte, den Barth ins Fernsehen eingeladen hatte, um ihn „Terminator der Gerechtigkeit“ zu nennen und die Beispiele aus seinem jährlichen Verschwendungskatalog nachbebildern zu dürfen:

„Also, einer muss mal anfangen zu sparen.“

Seit diesem Mittwoch um 20.15 Uhr geht RTL (nach der Versenkung üppiger Fördergelder in der Vorwoche) mit gutem Beispiel voran, indem der Sender ein Fernsehprogramm produziert, das billig zu nennen augenblicklich als verleumderische Hochstapelei bestraft werden müsste.

Screenshot: RTL

Dabei ist es keine schlechte Idee, sich dem Thema Steuerverschwendung einmal in komödiantischer Weise zu nähern. Es hätte halt bloß geholfen, das nicht so lieblos zu tun wie bei „Mario Barth deckt auf!“, für das sich der Gastgeber gerade so durchringen konnte, einen halben Tag auf dem Berliner Flughafen zu verbringen, über den inzwischen zwar schon so gut wie alle Witze gemacht sind – was Barth aber nicht daran hinderte, sie dem leicht erheiterbaren Publikum noch einmal aufzuwärmen.

Die Rolltreppen sind zu kurz, hihi,  und das Licht brennt den ganzen Tag, weil die den Aus-Schalter nicht finden, haha. Sprach Barth in der Anmoderation und zeigte dann drei Filmchen, in denen er demonstrierte, dass die Rolltreppen zu kurz sind und das Licht den ganzen Tag brennt, weil die den Aus-Schalter nicht finden.

Immerhin hatte sich die Redaktion Mühe gegeben, den maximal gedehnten Baustellenausflug mit anderen Verschwendungsfällen zu unterbrechen: einer Polizistin, die auf einem Segway einen Bus durch die Schweriner Fußgängerzone zu geleiten hat, einen Bremer Staatsrat, der eine Studie über Keksesser angefertigt hat, einen völlig nutzlosen Bahnübergang bei Göttingen.

„Ich war in Schwerin“, kündigte Barth die Kurzfilmchen an, „Ich war in Bremen“, und „Ich war unterwegs“. Und wie gerne würde man ihm das glauben, wären die gezeigten Ausschnitte nicht bis zu fünf Jahren alt und kämen aus dem Archiv der NDR-Satiresendung „extra 3“ (hier, hier und hier), das der immer noch erfolgreichste Privatsender Deutschlands nun also geplündert hat, um daraus eine „neue“ Zweistundenshow zur Hauptsendezeit zu machen. 

(Okay, okay: Die Bilder eines Erfurter Kreisverkehrs, der aus Spargründen bloß auf die Fahrbahn gemalt war und seitdem zu kreativen Fahrleistungen animiert, kamen aus der „Quelle: Youtube“.) 

Fernsehkoch Steffen Henssler und Spaßdarsteller Ingo Appelt unterstützten Barth bei seiner Premiere als Steuerverschwendungsmahner mit der Erkenntnis, dass in Hamburg eine viel zu teure Philharmonie gebaut wird und deren unterirdische Kölner Entsprechung vom nahegelegenen Bahnhof erschüttert wird, was ungefähr so witzabgegriffen ist wie der Berliner Flughafen. Der angebliche Kabarettist Florian Schröder („Das Ernste“) inspizierte eine unsinnige Wildwechselbundesstraßenbrücke, „Bambule“-Sidekick Eva Johanna Maria Knothe bewies sich als Expertin für überteuerte Citytoiletten, und dem RTL-Anwaltsprotagonisten Christopher Posch haben wir immerhin den schönen Werbepausen-Teaser zu verdanken:

„Christopher Posch löst das Rästel der stillgelegten Biogasanlage! Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen!“

Dafür aber das von affenhafter Pantomime begleitete Halbsatzstakkato Barths ertragen zu müssen, kommt einer ausgeprägten Herausleidgung gleich – einer Mischung aus Herausforderung und Beleidigung, bei der es schwer ist, aus dem Gegrunze, dem Gelalle, dem Äh-äh-äh, Na-hain, nääääää!, dem ganzen Schnellsprechgestammel und Dreifachgagerkläre überhaupt einen Sinn zu entnehmen, um danach festzustellen, dass dieser, wenn man ihn endlich entschlüsselt hat, bereits verstorben ist.

„Ich bin ja nur Realschüler“, verteidigte sich Barth zwischendurch, als es kurzzeitig kompliziert zu werden drohte und er erfuhr, dass der neue Bahn-Chef gar nicht mehr Mehdorn heißt, sondern – Grube, wie: Grube?, Grube!, ha: witzig! 

Aber das ist nun wirklich nicht der kritische Punkt.

Der kritische Punkt ist: Als Moderator einer Show, in der es nicht um die vorher auswendiglernbaren Unterschiede zwischen Männern und Frauen geht, ist Mario Barth hoffnungslos überfordert. Oder wie er’s selbst gesagt hat nach einem der Verschwendungsfilmchen:

„In diesem Sinne: Bitte nicht weitermachen.“

Korrektur: „Eva-Maria Knothe“ hat kurzfristig ihren Vornamen geändert und heißt vorne jetzt Johanna ohne Bindestrich. (Oder, andere Möglichkeit: Der Name, der zuerst oben stand, war völlig falsch.) Jedenfalls gilt der aktuell im Text erwähnte Name. Pardon.


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