MENSCHENBILDER – Mario Götze

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Götze. Der Mund ein Himbeerbaiser, dahingehaucht, die Augenbrauen einer Clara Delevingne, Herzogin Catherine, akkurat gezupft und gewaxt. Eine Animierdame aus der Sahelzone. Trägt er farbige Kontaktlinsen? Die Augen phosphoreszieren, wie von Schwarzlicht bestrahlt. Ist er elektrisch?

Götze-Bilder. Man muss nicht suchen – immer mehr tauchen auf. Die Mitte der Augenbraue hochgezogen zum Türmchen, der Fußrücken in orangefarbenen Turnschuhen, er trifft. Ins Herz der Gauchos, ins Herz der Welt, ein Kabinettstückchen, ein Puppensprung. Jubelt mit einem Finger nur, kerzengerade. Er flätzt sich, auf einer Yacht, an der Seite haselnussbraun gebrannter, drahtiger Models aus mittelgroßen deutschen Städten (wie Erkelenz, Speyer) – deren Füße mit Nagelweißstift französisch manikürt, deren Augen hinter fliegenförmigen Sonnenschutzgläsern versteckt sind. Ihre Beckenknochen ragen aus dem Körper wie Statussymbole. Eng umschlungen mit Götze zu einer Liaison aus weißer Seide und Mokka, ein Milchkrapfen im Ofen.

Zwischen Götzes Zähnen ziehen sich obszön die Streifen eines Bubble-Gums, ichbewusst – er gnatscht. Stets sein Mobiltelfon in der Hand, stets bereit, sich vor Insignien des Luxus zu fotografieren, Umgebung und Ich zu formulieren im „Selfie“; vor Funktionären mit Hitzeflecken, in beuligen Ermengildo-Zenga-Hemden; vor vielzylindrigen Wägen; neben seiner blassen Mutter aus Memmingen. Seine mit Selbstbräuner nachkolorierte Haut lacht der Sonne entgegen, der Sonne in zivilisatorischen Zwischenräumen: Mannschaftskabinen, Parkplätzen, Sportbussen. Die Umgebung kippt weg, nur er ist unter Spannung, niemals erschlafft. Er trifft seine Entscheidungen berechnend, monetär, verließ sein Dortmund, seinen sozialdemokratischen Authentizitäts-Knast, hielt lange Mummenschanz aufrecht, belog seine Anhänger; fast hört man sein leises Kichern, auch dies eine perfekte, kleine Bewegung – ein weiteres Geniestück, das die Herzen Tausender brach. So gewinnen seine Züge etwas Puppenhaftes, seine Bewegungen gleichsam animiert, wie von der Hand eines genialischen Animateurs gezeichnet. Sein Vater, Jürgen Götze, ist Professor für Datentechnik an der Technischen Universität.

Doch dann überrascht er: Seine Augen wandern in den Himmel über der Yacht. Seine Lippen formen sich zum Kuss. Unter das Foto der Yacht verfasst er gleichsam einen religiösen vers libre:

Faith / Hope / Strength/ Believe.“ # partofgoetze.

Und Gott blickt herab, auf seine kleine, hübsche Schlange; mit dem Gesicht eines 17- jährigen, längst schon so groß wie Cleopatra.

Zwischenruf vom Baikalsee

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schlechte Nachrichten erreichen mich, während ich mit den Ureinwohnern seltene Tiere schieße und schlachte.

Justitia greift mit kalten, papiernen Fingern nach Ulrich Hoeneß, jenem Ulrich, den ich 1987 am Rande einer Benefizveranstaltung für Tuberkulosekranke oder Afrikaner – ich bin mir nicht mehr recht sicher – kennen und schätzen gelernt habe.

Doch aufgemerkt. Wenn er nun tatsächlich, wie von der lokalen Presse berichtet, ins Gefängnis nach Landsberg kommt, dann wird es Zeit für seine Memoiren.
Wo, wenn nicht dort?
Er wäre nicht der erste, der von Landsberg aus einen Weltbestseller landet.

Denken Sie darüber nach. Ich werde derweil in Yakutsk einen Cargolifter einweihen.

Herzlichst, Ihr
Alexander von Eich

vonEich_baikalsee

„Zwischenwesen auf Kufen“: Von Eich bei den Paralympics in Sotchi

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Nach Sotchi also. An die Riviera Russlands, wo die Einbeinigen eistanzen.

Ich vibriere vor Vorfreude, bin ein Glühdraht. Nichts befeuert meinen Entdeckergeist so sehr wie die Abgründe und Auswüchse der Anatomie, die Gewitternächte der menschlichen Evolution, grobe Unformen, Wasserbäuche, Schrumpfköpfe und Siechtum. Stets haben mich derlei Geschöpfe in ihren Bann gezogen: Dreibeinige Lemuren, adipöse Weichschildkröten, Leutheusser-Schnarrenberger.

Im olympischen Dorf angekommen, lege ich einen neuen Film in meinen Photographen und begebe mich in die Eishalle. Über die glatte, glitzernde Eisfläche bewegen sich zehn Flitzkugeln mit krummsäbelförmigen Stöcken, die einer schwarzen Scheibe nachjagen. Diese Zwischenwesen auf Kufen entwickeln großes Geschick in ihrem Betätigungsfeld. Besonders amüsant ist es, wenn sie mit den Beinstümpfen von ihren Kufen abrutschen und übers Eis schliddern wie eine gefrorene Kröte: So habe ich in meiner Jugend schon auf dem Weiher des Hofguts Kröten-Curling gespielt.

Weiter ins Kongresszentrum, auf dem Weg begegnen mir blinde Funktioniäre, denen ich zum bloßen Spaß verwirre, indem ich mit meinem Gehstock Klappergeräusche an einem Treppengeländer mache. Die Gruppe, ihres wichtigsten Orientierungsmerkmals beraubt, irrt um- und übereinander.
Ich lache in mich hinein, ziehe das Haar glatt, richte die Krawattennadel, denn gleich begegne ich einem Menschen mit magnetischer Ausstrahlung, einen Vertikalcharatker, Strategen und langjährigen Freund.

1997 begegneten wir uns am Rande einer Stahlmesse, an einem kupferfarbenen Nachmittag in Odessa an einer Saftbar, wir tauschten uns aus, unsere Pläne, Visionen, Strategien – ich erzählte ihm, dass ich am „neuen Menschen“ arbeite, mit Hilfe von Genforschung, plastischer Chirugie, Nahrungsergänzungsmitteln, NLP und schamanischen Ideen eine neue Menschenrasse kreiren möchte. Er berichtete mir von seinen Scheidungsplänen und der Idee einer eurasischen Union. Man belächelte uns. Man belächelte mich, man belächelte Wladimir Putin.

Heute dampft aus den Schornsteinen der Kriegsschiffe im schwarzen Meer gierig der Ruß – und ich stehe kurz vor der Veröffentlichung meiner Studienergebnisse.

Doch zunächst hier und jetzt, der Empfang der Behinderten. Ich schiebe mich neben eine siebenfingrige russische Skifliegerin, die von einer Habichtfamilie großgezogen wurde. Wir sehen gespannt, wie Wladimir ins Kongresszentrum eilt, gespannt bis zur Ferse, der schweinchenrosa Teint eines Mannes, der früh aufsteht, im Einklang mit seinem Adrenalinspiegel schwingt, parataktisch lebt und Schwellenländer angreift, im Ärmel ein Tempotaschentuch, dass er rasch herauszieht, sich die Nase kräftig putzt – welch ohrenbetäubender Klang, als sich der Präsident die Nasenflügel anspannt – wie die einer Tuba. Totale Stille unter den Mongoloiden. Dann schreitet er die Reihen ab, grüßt hie und da einen russischen Krüppel, zollt seinen Respekt. Schon immer habe ich an ihm bewundert, mit wie wenigen Worten er Menschen zu sich zieht, mit feinem Garn an sich knüpft:

„Glückwunsch, Gelähmter!“
„Ganz prima, Zwergwüchsiger!“
„Weiter so, Einauge!“

Ich dränge mich weiter nach vorne, aber Wladimir wird von seinen Sicherheitsleuten in einen schwarzen Limousine geschoben. Ich spurte noch zwei, drei Schritte hinterher, rufe nach ihm, da ist er auch schon weggebraust.

vonEich_Paralympics

Etwas ernüchtert kehre ich in ein Café ein, in dem es, ganz nach neosowjetischer Wollust, Mokka aus tiefgefrorenen Straußeneiern zu trinken gibt, und gebe mich ganz meiner Erinnerung hin. Noch ganz hingerissen von den bizarren Erfahrungen, den entrückenden Bildern des Tages.

So erinner ich mich, dass ich als Kind selbst eine blinde Taube großzog, ihr ein Kostüm schneidern ließ, sie an einem Halsband führte, ihr aus weichem Draht ein Gewehr bog, es ihr um den Kopf hängte. Sie war Wachs in meinen Händen.

Nie erschoss ich ein behinderte Pferde, nein, ich voltigierte sie, genoss ihren närrischen Gang.

Auf einem Jahrmarkt im Sauerland sah ich eine alte Rumänin mit drei dicken Brüsten, die sie gegen eine Mark enthüllte – ich rettete sie aus dem Käfig und ließ sie fortan im Garten barbusig für mich arbeiten – wenn die Sonne auf ihre drei Brustdrüsten schien und sie Radieschen erntete, hüpfte mein Herz.

Diese „Paralympics“ sind für mich also die größte Form von Jahrmarkt, die ich nur phantasieren kann, und die Vielfalt der Gebrechen hier sind für mich Inspiration und Genuss.

Ich bezahle mit American Express und ziehe mich mit einer tadschikischen Dirne ins Private zurück, um Kraft zu tanken für die nächsten Etappen meiner Reise ins Jetzt.

Eine Weltreise in Selfies (2) – Jalta

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Zwischenstopp auf dem Weg zu den Paralympics in Sotchi, meinem nächsten Ziel. Auf Jalta, Krim, treffe ich eine Tierärztin aus Tscheljabinsk, eine exilrussische Schönheit, die sich auf Lebertransplantationen am lebenden Pferd spezialisiert hat und dank eifriger Fitness-Kurse den Rumpf einer 19-jährigen besitzt. Hier, am Ort der Jalta-Konferenz, kaufe ich ihr Frappuccino und Toffees und neue Unterwäsche, erinnere mich an frühe Zungenküsse und beschütze sie vor den Krimtataren, bis Putins Truppen eintreffen.

liwadija

Eine Weltreise in Selfies (1) – Das Berghain

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Wir brechen bei Dämmerung auf. Meine Assistentin hat mir die wichtigsten Informationen auf einem Karteikärtchen zusammengefasst. Ich bin wach und klar und habe mein Gesicht, meine Brust, mein Gesäß und mein Geschlecht mit Rosenwasser eingerieben.

Ich ziehe die Luft ein, als wir an dem Gebäude ankommen. Die letzten Meter gehe ich allein. Umfasse meinen Stock, um ihn als Antenne des Selbst gegen alle Einflüsse an mir zu halten. Ich bin mir der Gefahren bewusst: Hier tummeln sich Rauschgiftsüchtige, Homosexuelle, Hermaphroditen. Wie einen hölzernen Penis, wie ein Bajonett halte ich
​den ​ Gehstock vo​r​ der Hüfte waagerecht voraus, schreite langsam, aus dem Bau grollt ein dunkles Geräusch. Walhalla. Schattenreich. Berghain.

berghain_schlange

Musik ist es nicht. Eher klingt es wie der Todesschrei eines alten Hirschs. Ein Hämmern dazu. Ein Lärmen, ein Sog. Ich komme näher, erblicke eine Menschenschlange. Sie zieht sich vom Portal des neokla​ss​i​z​tischen Heizkraftwerks von sowjetischer Bauart mehrere Hundert Meter über einen sanften Hügel. Begierig sind die Blicke nach vorne gerichtet. Wie zu einer Mahlzeit hin,​ zu​ einem Gral. Wie im Tschad, am Ufer des letzten dreckigen, durstlöschenden Rinnsals. Nur fehlen die Fliegen auf ihren Gesichtern. Doch sind sie dürr, besonders die Mädchen, aufreizend dürr, lang ihr Deckhaar, kurz an den Seiten geschoren, wie die eines SA-Kämpfers.

Am Eingang werden sie abgewiesen. Iberer, Italiker, lärmend, weißäugige Polacken, nächtliche Kretins, spaßdurstiges Volk. Ein bärtiger Zausel, die Lippen und Nasenflügel beringt und bepflockt wie ein aztekischer Salbeisammler, übt Wache am Tor. Ein wuchtiger Animal, der keine Mie​ne verzieht, nur bedächtig den Kopf schüttelt, ihnen den Einlass verwehrt, worauf sie in sich zusammensinken, an der Tür vorbei zurücklaufen, bis ich selbst vor ihm stehe, den Griff des Gehstocks umfasse, erbebend, begafft vom Minotaurus, all meine Chuzpe zusammennehme und sage: „Mein Name ist Alexander von Eich, und ich bitte um Einlass.“

tuersteher

Kichern hinter mir. Ich wende mich nicht um. Der Koloss betrachtet mich, schnuppert. Die Rosenblätter tun ihren Dienst, ich dufte. Mir scheint, seine Augen ertasteten meinen Anzug, die Seide, meinen Po. Der große, grobe Mund breitet sich zu einem Lächeln. Mokiert er sich? Hält er mich für einen Narren? „Eine Person?“, fragt er. Ich nicke: Er lässt mich ein. Triumphal wende ich mich in Richtung der Schlange zurück, deute ein Winken an, betrete den Stalinbau.

Der Lärm einer Fabrik umfängt mich, ein Trommelwirbel von Pressen, Fräsen, Bohrern. Treppen führen hoch in Richtung des Gerumpels, schemenhaft erkenne ich Körper, Gesichter, Hände, bestempelt auf dem Rücken. Als seien sie nummeriert, bienenfleißige Untermenschen, Schrauben und Teilchen der tanzenden Urmaschine. Rhythmus ergreift mich. Ich schwinge die Treppenstufen herauf, eine Welle der Sympathie bricht sich in meinem Magen bahn, voraus schlackert mein Stock, ich wippe, kipple auf dem Fuß.

Seitlich eingefasst entdecke ich einen dunklen Raum, aus dem Wärme dringt, Körpergeruch. Den Stock voraus taste ich mich hinein, bereit, an meine Grenzen zu gehen, im Schädel ein Summen von Neugier und Furcht. Ich sehe zwei Männer, dann drei, die sich zärtlich zu einem Knäuel geflochten haben. Einladend blicken sie zu mir auf. Ich drehe mich rasch ab.

Fluchtreflexe erfassen mich. Etwas gehetzt, begleitet von Blicken, durchstreife ich die alte Lagerhalle. Sind es die Träume einer unzüchtigen Generation, unerreicht von ideologischem Esprit, die hier eine kurze Nachtblüte blühen? Bürgerliches Gezücht, angereist mit billigen Airlines, das in Ermangelung eines Ideals nur noch sich selbst tänzeln und tapsen lässt, sich und seinen Körper, anorexisch, sonnenfern, unterernährt? Ich bin eregiert.

Eine winzige Japanerin spricht mich an. Kaum größer als ein großer Käfer. Findet meinen Gehstock apart. Dreht sich um, streckt ihre bestrumpften Beine und den kleinen Po in meine Richtung aus. Feixend versetze ich ihr einen Schlag. Sie strahlt, hüpft auf. Wieder schlage ich, diesmal fester, sie jault auf, ist es der Schmerz, der eiserne Schmerz, der die Jugend beim Bewusstsein kitzelt? Ist es der Tanz, in dem sich befreites Lächeln abwechseln mit martialischem, eckigem Manöver von Armen, Beinen und Rumpf? Ich denke an ernst Jünger: Manche sind mit weidmännischem Eifer bei der Sache. Ihnen macht der Krieg eben Spaß.

Ich denke an Statik, Robotik. Urin, Schweiß. Meine Neugier ist gestillt. Ich habe etwas Altes im Neuen entdeckt. Die Mobilmachung der Poren, der Hirnrinde, der Geschlechtsteile, des Triebs. Dies ist kein Ort des Schreckens. So muss es sich angefühlt haben
​ an den Ausläufern des ersten Weltkriegs​ ,​ als die jungen Männer zu Körpern wurden und die Pflugscharen zu Schwertern.​

Ich verlasse das Berghain. Als ich die Treppenstufen herabgehe, rieche ich an meiner Hand. Ich rieche nach Rosen und Schweiß. Aus dem dunklen Seitenraum winken mir die Homosexuellen. Halb Mensch, halb Tier, ganz Bewegung.
​ Ich hebe die Hand. ​

Am nächsten Tag wird Wladimir Putin Truppen auf die Krim entsenden. Meine Reise ins Jetzt beginnt mit einem euphorischen Gefühl von Dynamik und Sexualität. Ich beziehe mein Zimmer im Hotel, bade mich, reinige mich, putze mir die Zähne, desinfiziere mich von Kopf bis Fuß, nasche das Schokoladentäfelchen unter dem Kopfkissen, putze mir erneut die Zähne und falle in einen tiefen, fast mechanischen Schlaf.